{"id":240,"date":"2017-09-02T10:37:27","date_gmt":"2017-09-02T10:37:27","guid":{"rendered":"http:\/\/sveavenus.de\/?p=240"},"modified":"2019-05-19T15:40:34","modified_gmt":"2019-05-19T13:40:34","slug":"haifa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sveavenus.de\/en\/haifa\/","title":{"rendered":"Ankunftsseminar in Haifa"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich \u00fcber mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum f\u00fcr das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas m\u00fcde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. Dieser erkl\u00e4rte mir seelenruhig w\u00e4hrend ich gespannt darauf war, die weiteren Freiwilligen wieder zu sehen, dass es in Israel hei\u00dfe, in Jerusalem werde gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet. Haifa sei nicht nur die sch\u00f6nste und sauberste Stadt, sondern auch die modernste Stadt des Landes. Was es mit diesen Aussage auf sich hat, werde ich sicher im kommenden Jahr herausfinden. Voller Vorfreude und Erwartungen traf ich nach einer anstrengenden Anreise auf die weiteren Freiwilligen, die z.T. so wie ich ich mit dem Deutschen Roten Kreuz vor Ort waren, teils mit anderen Entsendeorganisationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Seminar vor Ort war ausgesprochen informativ und vielf\u00e4ltig. Als Vorbereitung auf unsere k\u00fcnftigen T\u00e4tigkeiten standen die Arbeits- und Verhaltensweisen mit Menschen mit besonderen Anspr\u00fcchen und Bed\u00fcrfnissen im Vordergrund sowie der Umgang mit ihren Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders ber\u00fchrte mich der Bericht einer f\u00fcrsorglichen Mutter, die einen schwerbehinderten Sohn hat, der nach einer komplikationsreichen Geburt unter starken Entwicklungsverz\u00f6gerungen leidet. Er ist beispielsweise nicht in der Lage vollst\u00e4ndige S\u00e4tze zu sprechen, Sachzusammenh\u00e4nge zu erfassen und wird auch bei kleinen Aufgaben in Alltag immer auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Mit ersch\u00fctternder Offenheit sprach die Mutter mit uns \u00fcber ihr Leid und strahlte neben ihrem unverkennbarem Schmerz auch eine tiefe St\u00e4rke und Willenskraft aus. Auf der einen Seite bekr\u00e4ftigte sie immer wieder, wie sehr sie ihren Sohn liebe und wie viel er ihr bedeute. Auf der anderen Seite kamen aber auch ihre negativen Gef\u00fchle zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihrem eigenen Kind \u201ebetrogen\u201c f\u00fchlte, da es nicht so normal war wie die anderen und \u00fcber die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung die Mutter eines behinderten Kindes zu sein. In ihrem Umfeld wurde ihr nach eigener Schilderung oftmals mit Hilfslosigkeit, Gleichg\u00fcltigkeit und Ablehnung begegnet, denn wer, so fragt sie bitter, wolle denn etwas mit einem Kind zu tun haben, das sich nicht so verhalte wie die anderen? Alle Referenten zusammen haben durch Vortr\u00e4ge und Workshops den Teilnehmern einen Eindruck davon vermitteln k\u00f6nnen, was f\u00fcr eine Herausforderung es im Alltag darstellt, sich gegen\u00fcber k\u00f6rperlich oder psychisch beeintr\u00e4chtigen Menschen offen und unverstellt zu verhalten, ihre W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse wahrzunehmen und als gleichwertig mit unseren zu behandeln, auch wenn diese Menschen sie wom\u00f6glich nicht auf dem Wege \u00e4u\u00dfern, wie wir es tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessant empfand ich ebenfalls den Vortrag eines israelischen Diplomaten \u00fcber die Sicherheitslage in Israel und seinen Nachbarstaaten. Spannend war f\u00fcr mich vor allem in welchem Ma\u00dfe der fein zurecht gemachte, \u00e4ltere Herr, in seinem etwas zu eng sitzendem Anzug die vom Iran ausgehende Gefahr f\u00fcr Israel betonte und \u00fcber seine Verbindungen und Unterst\u00fctzungen zur Hamas, Hisbollah und weiteren radikalislamischen Terrororganisationen im bewaffneten Kampf gegen Israel spekulierte. Er erkl\u00e4rte uns sehr sachlich, dass er die Existenzrechte Israels durch die Entwicklung iranischer Atombomben und Langstreckenraketen als stark bedroht ansah und verwies dabei auf zahlreiche Graphiken, die das stetig wachsende Einflussgebiet des Irans illustrieren sollten. W\u00e4hrend seines gesamten Auftrittes stellte ich mir heimlich die Frage, was er wohl dazu sagen w\u00fcrde, dass ich vor nicht einmal einem Jahr in Teheran war und mein iranischer Austauschsch\u00fcler in K\u00fcrze meine Familie in G\u00f6ttingen besuchen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben einem freien Nachmittag am wei\u00dfen Sandstrand und rauschenden Wellen, bot sich uns ebenfalls die M\u00f6glichkeit einer Erkundung Haifas bei Nacht, abseits der touristischen Orte. Hannah eine weitere Mitfreiwillige, die ebenfalls sehr gerne Fahrrad f\u00e4hrt und ich zogen gemeinsam los. Auf dem etwas l\u00e4ngeren und recht steilen R\u00fcckweg zur Unterkunft, legten wir beide eine kurze Verschnaufpause ein, denn an das hei\u00dfe und tropisch &#8211; feuchte Klima vor Ort musste sich Hannah erst noch etwas gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch in gerade diesem Moment sprachen uns 2 \u00e4ltere israelische Herren in Strandkleidung an, welche scheinbar gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten und nun ihren Feierabend genossen. Sie erkundigten sich neugierig, was wir hier taten und woher wir kamen. Sie reagierten beide mit offenkundigem Interesse an uns, als wir erw\u00e4hnten, dass wir aus Deutschland kommen. Ehe wir uns versahen blickten wir auch schon von der Dachterrasse, eines kleinen, verwinkelten Hauses mit altem Teppichboden, auf das endlose, bunte Lichtermeer der unter und liegenden Stadt, jede von uns mit einer kalten Limo in der Hand. Die Terrasse erschien uns im Vergleich zur Wohnung ungeahnt gro\u00df und nobel zurecht gemacht, mit St\u00fchlen, H\u00e4ngematte und exotisch wirkenden Pflanzen. Der Besitzer des Hauses war Sportlehrer und Bademeister von Beruf, der andere Herr hatte sein eigenes Restaurant in Haifa er\u00f6ffnet, in dem die verschiedensten Landesspezialit\u00e4ten probiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr freundlich und gro\u00dfz\u00fcgig wurde sich um uns gek\u00fcmmert. Neben dem landestypischen Hummus (eine \u00fcppig gew\u00fcrzte Kichererbsenpaste, die hierzulande h\u00e4ufig zu Falafeln oder Fladenbrot gegessen wird) wurden wir mit zuckers\u00fc\u00dfen Feigen aus dem Garten und unglaublich frischen Mangos und Datteln versorgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir unterhielten uns eine ganze Weile, doch schon nach Kurzem begann ich ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu bekommen, was f\u00fcr eine Aktualit\u00e4t das Thema 2. Weltkrieg in Israel weiterhin hat, w\u00e4hrend es in Deutschland gr\u00f6\u00dftenteils unter den jungen Leuten manchmal schon fast vergessen scheint. Jede j\u00fcdische Familie hier hat ihre ganz eigene Geschichte, verbunden mit viel Leid, Unterdr\u00fcckung, Misshandlung und Tod. Als Erinnerungsst\u00fccke und Dokumente zeigte uns einer der beiden Herrn noch einige B\u00fccher seiner Mutter, darunter die gesammelten Werke von Wilhelm Busch, welche zahlreiche antisemitische \u00c4u\u00dferungen enthalten und das Buch \u201eMein Kampf\u201c. W\u00e4hrend meiner Zeit in Israel m\u00f6chte ich so viele Geschichten von Menschen wie m\u00f6glich h\u00f6ren, ganz gleich ob fr\u00f6hlich oder traurig. Der Restaurantbesitzer ist \u00fcberaus begeistert von Deutschland und war bisher auch schon mehrere Male in Berlin. Sein Traum ist es, eines Tages ein Lokal dort zu besitzen, da er das Land und die Leute sehr sch\u00e4tzt und auch das deutsche Klima dem israelischen gegen\u00fcber bevorzuge. Angesichts dieser Gastfreundschaft und der Begeisterung f\u00fcr Deutschland sch\u00e4me ich mich bei der Vorstellung, er k\u00f6nnte erfahren, wie viel Fremdenfeindlichkeit, Populismus und geschichtsverf\u00e4lschende \u00c4u\u00dferungen mittlerweile leider Alltag in Deutschland sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war schon tief in der Nacht, als wir von unserem Gastgeber verabschiedeten und uns f\u00fcr den interessanten Abend bedankten und sogar noch per Auto zu unserer Unterkunft gefahren wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am letzten Tag des Seminars wurden wir abgeholt und zu unserer WG. und zuk\u00fcnftigen Einsatzstelle in Westjerusalem gebracht, nahe des Mont Herzls und des Yad Vashems, des bedeutsamsten Holocaustdenkmals und Gedenkst\u00e4tte Israels. In dem Haus leben insgesamt 8 Freiwillige aus Deutschland, immer zu zweit in einem Zimmer. Ich teile mein Zimmer mit Judith, die schon eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hat und dank ihres Judaistikstudiums schon erstaunlich gut hebr\u00e4isch spricht. Seit unserer ersten Begegnung verstehen wir uns ausgesprochen gut, k\u00f6nnen uns \u00fcber diverse Themen austauschen und kommen auch in unserem Arbeitsalltag gut miteinander zurecht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich \u00fcber mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum f\u00fcr das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas m\u00fcde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. 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