{"id":528,"date":"2018-08-25T18:14:21","date_gmt":"2018-08-25T18:14:21","guid":{"rendered":"http:\/\/sveavenus.de\/?p=528"},"modified":"2019-05-19T13:12:10","modified_gmt":"2019-05-19T13:12:10","slug":"hitzkollaps-in-jericho","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sveavenus.de\/en\/hitzkollaps-in-jericho\/","title":{"rendered":"Hitzkollaps in Jericho"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ramadan erleben dank Hitzekollaps in Jericho<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war erstaunlich einfach ins Zentrum von Jericho zu trampen und so steuerten wir vor Ort erst mal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns \u00fcber die \u00e4lteste Stadt der Welt zu informieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00e4tte vorher nicht gedacht, dass es in einer pal\u00e4stinensischen Stadt ein Touristenb\u00fcro geben k\u00f6nnte, da es ja kaum Individualreisende hier gab, aber ich wurde eines Besseren belehrt. In einem kleinen B\u00fcro mit gro\u00dfen Fenstern sa\u00df ein einsamer Angestellter des pal\u00e4stinensischen Tourismusministeriums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten fast schon ein wenig Mitleid mit ihm, wie er so einsam in diesem dunklen Raum mit vergilbten und staubigen W\u00e4nden auf seinem gro\u00dfen Drehstuhl sa\u00df. Die Luft war zum Schneiden stickig als wir eintraten. Doch so erfreut \u00fcber unser Kommen, fuhr er gleich die Klimaanlage hoch und forderte uns auf uns zu setzen. Der Mann sprach sehr gutes Englisch und versuchte mit aller M\u00fche m\u00f6glichst kompetent und professionell zu wirken. Doch das kam absolut unauthentisch r\u00fcber und wirkte auf uns einfach nur aalglatt, sodass Lea und ich mindestens genauso viel M\u00fche brauchten, um dies mit Fassung zu tragen. Er beriet wohl nicht so oft vorbeikommende Touristen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach wiederholter Nachfrage bekamen wir jedoch tats\u00e4chlich einen etwas in die Jahre gekommenen Stadtplan, mit beispielsweise nicht mehr aktuellen Preisen und \u00d6ffnungszeiten, sowie eine Liste mit den Highlights vor Ort und eine nicht ganz \u00fcberzeugende Empfehlung f\u00fcr eine m\u00f6gliche Busverbindung zur\u00fcck nach Jerusalem. Der Herr erz\u00e4hlte uns, dass er im Schnitt hier t\u00e4glich f\u00fcnf \u201eReisedelegationen\u201c beraten musste. Wir konnten es kaum glauben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir wieder ins Freie traten, traf uns die Mittagshitze wie ein Schlag. Auf den Stra\u00dfen waren wegen der Mittagszeit und weil Ramadan war, kaum Menschen unterwegs und die meisten L\u00e4den hatten geschlossen. Auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit und etwas Schatten zog eine gro\u00dfe Moschee unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir liefen z\u00fcgig in Richtung des Geb\u00e4udes. Als ich mich umblickte, war Lea nicht mehr hinter mir, sondern stand pl\u00f6tzlich weit hinten an eine Mauer gelehnt. Ihr machte die Hitze wirklich sehr zu schaffen. Ich lief schnell zu ihr zur\u00fcck. Mit schwacher, zittriger Stimme \u00e4u\u00dferte sie den Wunsch nach einem k\u00fchlen Ort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wohin nur? Ich entdeckte einen kleinen Laden und zog sie in diese Richtung. Mit letzter Kraft schafften wir es bis zum Eingang. Als wir in den Laden stolperten, schlug der Ladenbesitzer die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen, so besorgt war er gleich um Lea, denn er hatte gleich gesehen, wie schlecht es ihr ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne viele Worte brachte er sofort einen Stuhl, auf den Lea sich setzten konnte und holte darauf noch einen eisgek\u00fchlten Orangensaft f\u00fcr sie aus dem hinteren Teil des Gesch\u00e4ftes, obwohl ja Ramadan war. W\u00e4hrend Lea unansprechbar auf dem Stuhl hing und sich langsam erholte, versuchte ich dem besorgten Ladenbesitzer die Situation zu erkl\u00e4ren und erz\u00e4hlte ihm von unserem schon langen Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann stellte sich als Sam vor. Er hatte Familie in den USA, weshalb die Verst\u00e4ndigung einwandfrei auf Englisch funktionierte. Ich versuchte mit Lea zu sprechen, aber sagte blo\u00df ihr werde von dem flackernden Licht im Laden ganz schwarz vor Augen. Ich war ebenfalls sehr besorgt um sie. Daraufhin schlug Sam vor, wir k\u00f6nnten zu ihm nach Hause gehen, wo seine Frau mit seinen beiden Kindern war. Wir k\u00f6nnten dort duschen und schlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war total froh und dankbar \u00fcber das Angebot, schien es mir doch bei Leas Zustand unm\u00f6glich mit ihr heute noch zur\u00fcck nach Jerusalem zu fahren. Sam brachte uns zu seiner nicht weit entfernt gelegenen Wohnung, wo seine Frau, die er telefonisch benachrichtigt hatte, schon damit begonnen hatte, Matratzen auf dem Fu\u00dfboden des Schlafzimmers auszubreiten. Nachdem Lea sich etwas in der Waagrechten regeneriert hatte, machte sie von dem Angebot der Dusche dankbar Gebrauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wohnung war klein, sauber und f\u00fcr arabische Verh\u00e4ltnisse fast puristisch eingerichtet. Sams Frau hie\u00df Mayari, wirkte sehr jung und hatte sch\u00f6ne, lange schwarze Haare. Die Beiden sprachen untereinander ebenfalls Englisch, da Mayari, wie sie uns erz\u00e4hlte, von den Philippinen kam und kaum Arabisch sprach. Vor unser Ankunft hatte sie sich mit den Kindern im Alter von 1 und 3 Jahren im abgedunkelten Zimmer ausgeruht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-924 size-large aligncenter\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_021156-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_021156-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_021156-300x169.jpg 300w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_021156-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Lea duschte, unterhielt ich mich mit ihr. Mit 12 Jahren hatte sie die Philippinen verlassen, da sie aus sehr \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen stammte und dort keine Perspektive f\u00fcr sich sah und war nach Jordanien gegangen, um dort in einer Kosmetikfabrik zu arbeiten. Ihre Mutter war Christin, ihr Vater Muslim, was keine Seltenheit in ihrem Land sei. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie wieder einige Jahre bei ihrer Familie in ihrem Heimatland verbracht und sich um ihre Mutter gek\u00fcmmert, doch all das war f\u00fcr sie ohne Zukunft. Daher entschied sie nach Israel zu gehen, wo sie nun in Pal\u00e4stina verheiratet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie klang nun zufrieden mit ihrer Situation, doch es sprachen gleichzeitig noch viele unerf\u00fcllte W\u00fcnsche aus ihren Worten. Gerne w\u00e4re sie n\u00e4her bei ihrer Familie, h\u00e4tte sie finanziell besser mit unterst\u00fctzt und allgemein schien die hiesige Kultur f\u00fcr sie fremd und sie beschrieb es als quasi unm\u00f6glich f\u00fcr sie, ein richtiger Teil dieser engen Gemeinschaft zu werden und engere Freundschaften zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem auch ich geduscht hatte, ruhten wir uns noch etwas auf den Matratzen aus und mittlerweile war auch Lea davon \u00fcberzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, hierzubleiben, nicht zuletzt deshalb, weil wir auch noch in den Genuss eines Ramadanfestes mit der Gro\u00dffamilie kommen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die zum Leben erwachte Stadt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Abend kam die ganze Familie zusammen und es wurde gemeinsam f\u00fcr das Ramadanessen nach Sonnenuntergang gekocht. Als G\u00e4sten wurde uns nicht gestattet mitzuhelfen, stattdessen sollten wir uns auf den Balkon setzen und dort auf das Essen warten. Wir taten, wie uns befohlen und nutzten die Zeit, um etwas Tagebuch zu schreiben, auch wenn der heutige Tag offenbar noch nicht zu Ende war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz nachdem man den Gesang des Imams laut aus den Lautsprechern aller umstehenden Moscheen geh\u00f6rt hatte, wurde das Essen serviert und das Fastenbrechen eingeleitet. Gemeinsam versammelten sich alle am Tisch und in gro\u00dfen Portionen wurden die K\u00f6stlichkeiten gereicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab Nudelsuppe, Reis, Salat, Bohnen, scharfe So\u00dfen und Joghurt. Es war wirklich ein sehr besonderes und sch\u00f6nes Erlebnis f\u00fcr uns einfach mit dabei sein zu d\u00fcrfen und das Fastenbrechen mit der Familie zu erleben. Nach dem Essen bekamen wir noch sehr s\u00fc\u00dfen Tee mit Salbei serviert, den wir im Dunkeln auf dem Balkon schl\u00fcrften, auf die Lichter der Stadt blickend. Etwas m\u00fcde dachten wir, dass nun das Ende des Tages gekommen sei, doch stattdessen wurden wir dazu aufgefordert, noch etwas durch die wieder zum Leben erwachte Stadt zu laufen. Ich entschied mich diesmal dazu lange Kleidung und Kopftuch zu tragen und vergewisserte mich vor Aufbruch noch einmal, dass es richtig gewickelt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gingen aus dem Haus und standen wenige Schritte danach an einem kleinen Kreisel, den ich abfotografierte, um sicher zu stellen, dass wir das Haus unserer lieben Gastgeber wieder finden w\u00fcrden. Noch w\u00e4hrend ich das Foto machte, kam ein Ladenbesitzer auf uns zu, bat uns hinein und begann uns zu so sp\u00e4ter Stunde starken arabischen Kaffee zu kochen. Seine Schwester war ebenfalls im Laden, sie sprach aber leider kein Englisch. Also waren wir keine 50 Meter weit gekommen und befanden uns nun schon wieder Kaffee trinkend bei netten Leuten. Das passiert auch nur an einem Ort, dachte ich mir, an dem Gastfreundschaft, Emotionalit\u00e4t und Offenheit auf eine lustige Art und Weise miteinander verbunden werden. Einfach wunderbar!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laden unterhielten wir uns freundlich miteinander und mussten sehr lachen, als wir nach unserem Alter gefragt wurden und die Verwunderung der Schwester des Ladenbesitzers merkbar ins Unendliche stieg. Ich in Kopftuch, Lea in T-Shirt und knielanger Hose hatte die Dame ohne Zweifel glauben lassen, ich sei Leas Mutter! Im besten Falle hatte sie mich auf 30 gesch\u00e4tzt, Lea auf 12. Zum Gl\u00fcck konnten wir alle dar\u00fcber lachen und ich entschied darauf den weiteren Abend besser ohne Kopftuch zu verbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der misslungene Haarschnitt von Jericho <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abdel, der Mann aus dem Laden, bot an, uns noch etwas in Jericho herum zu f\u00fchren und wir nahmen das Angebot an. Aber so wie der Zufall es wollte, kamen wir auch diesmal nicht weit, denn noch in der selben Stra\u00dfe fand sich ein leerer Friseursalon und da ich schon seit langer Zeit meine Haare ein wenig k\u00fcrzen wollte, war das eine hervorragende Gelegenheit! Die Preise in Israel sind daf\u00fcr recht hoch und mein Budget sehr klein. Ich war begeistert und ergriff die Chance mir hier die Haare schneiden zu lassen. Die Tatsache, dass es schon weit nach Mitternacht war spielte weder f\u00fcr unsere Begleitung noch f\u00fcr mich, noch f\u00fcr den Friseur eine Rolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-572 size-large\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/TNDR5401-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/TNDR5401-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/TNDR5401-300x169.jpg 300w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/TNDR5401-768x432.jpg 768w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/TNDR5401.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich setzte mich auf einen quietschenden und wackeligen Drehstuhl vor einem etwas rostigen Spiegel. \u00dcberall standen Sprayflaschen, Geldosen, Rasierer und allerlei Fl\u00e4schchen herum. Lea und Abdel setzten sich hinter mich. Ich \u00f6ffnete meine Haare, strohig standen sie in alle Richtungen ab. Das Tote Meer, die Sonne und der Strand hatten ihnen sichtlich zu schaffen gemacht, also war es nur gut, dass sie jetzt wieder in Form gebracht wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wie erkl\u00e4rt man einem arabischen Friseur, der kein Englisch spricht, dass man die Spitzen geschnitten haben m\u00f6chte, eine leichtfallende Stufe und vorne etwas k\u00fcrzer als hinten. Dar\u00fcber hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Ich zeigte mit vielen Gesten, wie das Ganze sein sollte, Abdel versuchte sich an einer \u00dcbersetzung, doch das half alles nicht. Mir wurde das Wlan-Passwort genannt und ich suchte nach Bildern auf meinem Telefon. Als ich ein ann\u00e4hernd geeignetes Bild gefunden hatte schaute der Friseur etwas ratlos drein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann griff er beherzt zu einer Schere, die aussah wie eine uralte, rostige Kinderbastelschere. Und genauso f\u00fchlte ich sein erster Schnitt auch an! Es ziepte f\u00fcrchterlich, als er sehr ruckartig ein paar Spitzen abschnitt, w\u00e4hrend er immer wieder beteuerte, wie sch\u00f6n doch meine Haare seien und es \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig sei, etwas daran zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte ich mal besser auf ihn geh\u00f6rt! Angestrengt versuchte der Arme mit einem viel zu eng gezinkten Kamm durch meine filzigen Haare zu k\u00e4mmen. Ich schrie daraufhin ganz laut \u201eAUA\u201c, sodass ihm vor Schreck der Kamm aus der Hand fiel. Wenigstens hatte er nun verstanden, dass es mit dem Kamm so nicht weiter gehen konnte, scheinbar mangelte es jedoch an Alternativen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also schnippelte er ohne zu K\u00e4mmen noch etwas weiter, er vers\u00e4umte es auch einen Scheitel zu ziehen, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, aber da war dann auch schon eigentlich alles verloren! W\u00e4hrend ich die \u201eKatastrophe\u201c n\u00e4her r\u00fccken sah, knipste Lea munter Bilder von dem Spektakel. Der Friseur gab zu bedenken, dass er sonst eigentlich nur M\u00e4nnern die Haare schnitt. Ich entschied bei einem verzweifelten Blick in den Spiegel, es dabei bewenden zu lassen und das Drama zu beenden. Der freundliche Friseur gab mir zu verstehen, dass ich den vereinbarten Preis nicht zahlen musste. W\u00e4hrend ich mir vor dem Spiegel jetzt doch lieber wieder das Kopftuch \u00fcberzog, kramte er irgendwo unter dem Tresen noch ein paar alte Haarklammern hervor, die er mir zum Abschied schenkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gingen noch eine kurze Runde mit Abdel durch einen kleinen belebten Park, ich war immer noch begeistert davon, wie belebt die arabischen St\u00e4dte nachts an Ramadan waren. Als kleine Kinder mit Steinen zu werfen begannen, machten wir uns auf den R\u00fcckweg und verabschiedeten Abdel an seinem Laden. Als wir wieder bei unseren lieben Gastgebern ankamen, wollte ich meinen katastrophalen Haarschnitt erst einmal in Ruhe vor dem Spiegel betrachten, aber die Sache war klar: Das war gar kein Haarschnitt mehr! Ich bat um eine Schere und versuchte nun auf eigene Faust den Schaden zu begrenzen. Schlie\u00dflich wollte ich wenigstens die Seiten wieder halbwegs gleich lang haben! Als Mayari das sah, rief sie auf der Stelle eine nahe Verwandte an, die professionelle Friseurin f\u00fcr Frauen war und die Arme wurde gleich bestellt, um mir nun unverz\u00fcglich die Haare zu schneiden. Es war nun bereits zwei Uhr nachts!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gingen zu ihr. Als wir ankamen, legte sie energisch die Shisha beiseite, lief zackig ins Bad und holte Kamm und Schere. Auf dem Balkon zur\u00fcck, begann sie nun mit schnellen, entschlossenen Bewegungen und ohne viel Nachgefrage an meinen immer k\u00fcrzer werdenden Haaren zu schneiden. Im Anschluss daran f\u00f6hnte sie das Ganze noch \u00fcber eine Rundb\u00fcrste und schlug vor, auch noch meine Augenbrauen zu zupfen. Ich nahm das Angebot an und zu meinem Erstaunen, war das Ergebnis eine deutliche Verbesserung und \u00fcbertraf meine Erwartungen. Ob mir die Frisur zu Hause auch noch gefallen w\u00fcrde? Aber nun waren wir ja in Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-570 size-large\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1668-e1539029648622-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"700\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1668-e1539029648622-768x1024.jpg 768w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1668-e1539029648622-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-569 size-large\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1663-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1663-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1663-300x225.jpg 300w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_1663-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das 2. Ramadanessen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach deutlicher Korrektur des ersten Haarschnittes wurde bei unserer Gastfamilie das 2. Ramadanessen vorbereitet, um sich auf die t\u00e4gliche Fastenzeit vorzubereiten. Obwohl es Kindern grunds\u00e4tzlich auch w\u00e4hrend Ramadan gestattet ist tags\u00fcber zu essen und zu trinken, nehmen auch die ganz kleinen Kinder an der n\u00e4chtlichen Mahlzeit teil. Es war f\u00fcr uns wirklich eigenartig zu erleben, wie sich hier der gesamte Tag-Nacht-Rhythmus verschoben hatte und das ganze Leben sich scheinbar nun in der Nacht abspielte. Da wir beide uns jedoch noch nicht an diesen Rhythmus gew\u00f6hnt hatten, mussten wir nach einem kleinen Snack zu so sp\u00e4ter Stunde dringend schlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war f\u00fcr uns kaum vorstellbar, wie man um diese Zeit noch frittierte Pommes, Gem\u00fcse, Brot und Kartoffeln essen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen halb vier nachts machten wir uns v\u00f6llig ersch\u00f6pft auf den Weg ins Bett, das aus einem gro\u00dfen Matratzenlager auf dem Fu\u00dfboden im Schlafzimmer der Familie bestand. Noch vor den kleinen Kindern schliefen wir super m\u00fcde ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zu ihnen planten wir jedoch auch wieder fr\u00fch aufzustehen, um noch die weiteren St\u00e4dte der Westbank zu besuchen. In bunte Decken geh\u00fcllt fragte ich mich beim Einschlafen noch, wie wir der Familie f\u00fcr ihre riesige Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft danken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Arabische Soaps und schlaflose N\u00e4chte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fches Aufstehen und dann eine z\u00fcgige Weiterfahrt nach Nablus waren geplant, jedoch scheiterte dieser Plan hoffnungslos aufgrund einer H\u00e4ufung ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde. W\u00e4hrend ich tief und fest schlief, lag Lea die ganze Zeit wach und drehte sich von einer Seite auf die andere. Das fr\u00fche Aufstehen scheiterte leider an Leas missgl\u00fcckten Versuchen mich aus meinem komat\u00f6sen Schlaf wach zu r\u00fctteln, aber nach dieser Erfahrung wusste sie wenigstens, wie es mir die ganze Reise \u00fcber mit ihr ergangen war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-931 size-large aligncenter\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_151336-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_151336-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_151336-300x169.jpg 300w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_151336-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich dann deutlich sp\u00e4ter als geplant wach wurde, berichtete Lea mir sogleich, was sie davon abgehalten hatte \u00fcberhaupt zur Ruhe zu kommen. Die ganze Nacht \u00fcber war der Fernseher im Schlafzimmer an und es liefen lauter arabische Soaps: Frauen ohne Kopftuch und arabische Klischees und auf uns \u00e4u\u00dferst belustigend wirkende, \u00fcbertrieben spielende Schauspieler. Auch berichtete Lea, ein Kind habe die ganze Nacht \u00fcber gehustet. Irgendwann in der Nacht klingelte wohl auch noch ein schriller Wecker und niemand au\u00dfer Lea schien das Klingeln geh\u00f6rt zu haben. Da lobte ich mir doch meinen festen Schlaf! Als wir dann endlich aufstanden schlief die Familie noch. Wir packten mucksm\u00e4uschenstill unsere Sachen und ohne die Kinder zu wecken, verabschiedeten und bedankten wir uns herzlich und brachen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Stadt hatten wir nach einigem Durchfragen endlich die Haltestelle f\u00fcr den Shuttlebus nach Nablus gefunden. Es scheint jedoch so zu sein, dass arabische Busse normalerweise erst dann fahren, wenn sie voll sind. Als wir an der Haltestelle ankamen, waren wir die einzigen potenziellen Passagiere. Wir wurden aufgefordert, uns auf einen kleinen, staubigen Bordstein zu setzten und zu warten, bis der Bus k\u00e4me. Wir warteten eine gef\u00fchlte Ewigkeit in der W\u00e4rme, w\u00e4hrend wir nur so dahin schmolzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann kam dann noch ein Mann, der ebenfalls nach Nablus wollte. Es brauchte keinen Matheleistungskurs, um sich auszurechnen, dass, wenn die Passagiere weiter in dieser Frequenz eintreffen w\u00fcrden und man der Information glauben schenken durfte, dass der Bus nur voll losfahren w\u00fcrde, wir mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit heute nicht mehr in Nablus ankommen w\u00fcrden. Geduldig warteten Lea und ich weiter, ohne uns aus der Ruhe bringen zu lassen, mit der Gewissheit, dass bisher immer alles geklappt hatte und es irgendwann weiter ging, ob man es glaubte oder nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-930 size-large aligncenter\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_144715-e1551952807389-576x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"933\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_144715-e1551952807389-576x1024.jpg 576w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_144715-e1551952807389-169x300.jpg 169w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_144715-e1551952807389-768x1365.jpg 768w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_144715-e1551952807389.jpg 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch diese Weisheit hat sich diesmal wieder best\u00e4tigt, denn nach endlosem Warten kam endlich ein gelber und ausnahmsweise sogar gek\u00fchlter Bus, der uns ans Ziel bringen sollte. Ein paar wenige G\u00e4ste stiegen ein, vermutlich schlief der Rest der Stadt noch ebenso wie unsere Gastfamilie. Vermutlich war dem Fahrer nach weiterem Warten auch klar, dass der Wunsch nach einem vollen Bus heute nicht mehr in Erf\u00fcllung gehen w\u00fcrde und beschloss daher ziemlich leer loszufahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die skurrile Seifenfabrik von Nablus <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach unser Ankunft in Nablus liefen wir eine kleine Runde durch die pal\u00e4stinensische Stadt und waren verwundert dar\u00fcber, dass trotz Ramadan so viel Leben in der Stadt herrschte, verglichen mit Jericho. Wir verschafften uns zun\u00e4chst nur einen kurzen \u00dcberblick. Dabei bekamen wir eine Handynummer von einem jungen, arabischen Kosmetikverk\u00e4ufer zugesteckt. In einem kleinen Hotel in der Innenstadt durften wir netter Weise unser schweres Gep\u00e4ck f\u00fcr die Zeit des Stadtbesuches stehen lassen, so mussten wir nicht mit all den Sachen durch die sengende Hitze laufen. Das war toll! Unsere Wertsachen nahmen wir gemeinsam in einem kleinen Rucksack mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schatten auf den Stufen vor dem Hotel entnahmen wir dem Reisef\u00fchrer, unserem treuen Freund, dass Nablus ber\u00fchmt f\u00fcr seine S\u00fc\u00dfigkeiten, traditionelle Oliven\u00f6lseife und seine gesch\u00e4ftigen M\u00e4rkte sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit mehr 1000 als Jahren wird in Nablus Seife aus Oliven\u00f6l hergestellt und bis heute sei sie das wichtigste Exportgut der Stadt im Norden von Pal\u00e4stina. Dem Reisef\u00fchrer zufolge sei eine Besichtigung der Nabluser Seifenfabrik absolut lohnenswert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Voller Neugierde machten wir uns auf den Weg, schl\u00e4ngelten uns durch duftende Lebensmittell\u00e4den und \u00fcber stinkende Tierm\u00e4rkte, bis wir uns irgendwann in einer kleinen Gasse mit hohen Steinmauern wiederfanden und vor einer winzigen, dunkel gestrichenen T\u00fcr standen, an der ein kleines dran genageltes Schild uns best\u00e4tigte, dass wir uns vor der ber\u00fchmten, traditionellen Seifenfabrik der Stadt befanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas z\u00f6gerlich traten wir durch die T\u00fcr in einen dunklen, stark riechenden Raum ein. Ein paar Arbeiter sa\u00dfen in v\u00f6lliger Lethargie auf ein paar abgewetzten Sesseln um ein kleines Fenster herum und schienen bei unserer Ankunft keinerlei Notiz von uns zu nehmen, was in der arabischen Welt scheinbar an das nahezu Unm\u00f6gliche grenzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem etwas abgebl\u00e4tterten Schild entnahmen wir die Information, dass die Nabluser Seifen \u2013 aus allerbester Qualit\u00e4t &#8211; aus Oliven\u00f6l erster Pressung, Wasser und einer Natriumverbindung hergestellt seien. Die Seifen werden scheinbar in kleinen, w\u00fcrfelf\u00f6rmigen St\u00fccken produziert, die alle den Pr\u00e4gestempel der Fabrik tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir schauten uns etwas in dem seltsam anmutenden Geb\u00e4ude um. \u00dcberall standen T\u00f6pfe und Formen mit diversen Ingredienzien herum. Die Unordnung und Dunkelheit im Raum erinnerten mich eher an einen alten Keller, als an ein ge\u00f6ffnetes Museum. Nach kurzweiliger Besichtigung entdeckten wir eine kleine, lauschige Sitzecke am Ende des Raumes. Rote Wollbez\u00fcge verpackten die muffigen Sofakissen und der Staub hatte sich in einer dicken Schicht wie frischer Schnee \u00fcber die heimelig eingerichtete Ecke gelegt. Hier sa\u00dfen wir nun, nicht einmal wissend, ob irgendwer von uns Kenntnis genommen hatte und pl\u00f6tzlich schien uns in diesem Moment nichts naheliegender, als hier eine kleine Mittagspause einzulegen. Doch nachdem wir uns kurz gesetzt hatten, schafften wir es nur mit maximaler Willenskraft wieder aufzustehen. Die Luft hier war bet\u00e4ubend, fast schwindelerregend, sodass wir bef\u00fcrchten mussten, in einen Narkose \u00e4hnlichen Schlaf zu verfallen, unf\u00e4hig rechtzeitig wieder zu erwachen und aufzustehen. Also zwangen wir uns zum Aufbruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-927 size-large aligncenter\" src=\"http:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_141915-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_141915-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_141915-300x169.jpg 300w, https:\/\/sveavenus.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/20180527_141915-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Freien atmeten wir erst einmal tief durch, doch unsere Freude w\u00e4hrte nicht so lange. Wir setzten unsere Stadterkundungstour fort und liefen durch ein recht verlassen wirkendes Viertel mit leerstehenden Geb\u00e4uden und hohen Mauern. An der Mauer befanden sich zahlreiche Schilder und Infotafeln, die die pal\u00e4stinensische Geschichte an diesem Ort erl\u00e4uterten. Eine Geschichte, den gegebenen Informationen zufolge, gepr\u00e4gt von Unterdr\u00fcckung und Folter. Die Tafeln berichteten ebenfalls \u00fcber die lange Tradition von politischem Aktivismus und den K\u00e4mpfen der ersten und zweiten Intifada an erster Front. Dies f\u00fchrte laut Infotafeln dazu, dass die Stadt zu einem Brennpunkt bei den Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und den Pal\u00e4stinensern wurde. In Folge dessen mussten die Menschen in der Stadt laut hiesiger Information mehrere Tage mit 24-st\u00fcndigen Ausgangssperren und massive Zerst\u00f6rung von H\u00e4usern und Geb\u00e4uden durchmachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei all meinen Besuchen in pal\u00e4stinensischen St\u00e4dten bekam ich immer wieder das Gef\u00fchl, dass die Menschen hier mit aller Kraft darum k\u00e4mpfen, geh\u00f6rt zu werden und die Welt sehen zu lassen, dass die Pal\u00e4stinenser immer noch in Unterdr\u00fcckung und Ungerechtigkeit leben m\u00fcssen. Das Ganze l\u00e4sst mich mit einem Gef\u00fchl von Traurigkeit und Ratlosigkeit zur\u00fcck, denn Geschichten von Verlust und Schmerz sind wohl auf beiden Seiten im \u00dcberfluss vorhanden und eine f\u00fcr alle gute L\u00f6sung scheint nicht in Sicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ausreise durch Hochsicherheitscheckpoint in Ramallah<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Ramallah, dem Zentrum Pal\u00e4stinas. Doch nachdem wir eine Weile die Stadt erkundet hatten, verlie\u00df uns langsam unsere Energie. Es war hei\u00df und wir waren doch noch sehr m\u00fcde. Die Atmosph\u00e4re aus schreienden H\u00e4ndlern, hektischer Betriebsamkeit, Trubel durch viele Menschen und der ungeordnete, l\u00e4rmende Verkehr waren uns gerade anstrengend. Pl\u00f6tzlich sah ich voller Begeisterung den stolzen H\u00e4ndler, bei dem ich einst unsere Goldfische gekauft hatte. Ich f\u00fchrte Lea zu ihm, damit sie die Tiere aus der N\u00e4he betrachten konnte. Er hatte zu meiner Freude immer noch kleine und gro\u00dfe goldene Fische im Angebot, doch diesmal lie\u00df ich mich nicht verf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir sp\u00e4ter wieder am Busbahnhof ankamen, war zu unserer gro\u00dfen Verwunderung alles wie leergefegt, keine Busse waren mehr da, nur noch ein paar Taxifahrer standen l\u00e4ssig an ihre gelben Autos gelehnt. Doch eigentlich wollten wir jetzt den Bus nach Jerusalem zur\u00fcck nehmen, aber die arabischen Busfahrzeiten lassen sich nunmal f\u00fcr unsereins keinesfalls planen. Ein Fahrer, der unsere Verwunderung bemerkt hatte, kam auf uns zu und lieferte uns eine Erkl\u00e4rung. Er behauptete, dass wegen Ramadan keine Busse mehr fahren w\u00fcrden und bot uns sehr zuvorkommend eine Fahrt zum Checkpoint an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Taxifahrer nannte einen horrend hohen Preis f\u00fcr eine Fahrt zum Checkpoint, doch ich h\u00f6rte in diesem Moment gar nicht richtig hin, denn ich sah aktuell sowieso keinen Sinn darin hier zu verhandeln. Angesichts Leas offensichtlicher Anspannung war ein Handlungserfolg sowieso aussichtslos. Ich hatte dennoch das sichere Gef\u00fchl, dass wir heute schon irgendwie wieder zur\u00fcck nach Jerusalem kommen w\u00fcrden. Ich sah meine Aufgabe zun\u00e4chst vorrangig darin Lea zu beruhigen, als eine L\u00f6sung f\u00fcr das eigentliche Problem zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Lea sich beruhigt hatte, bat ich einige Passanten um Rat, wie wir heute noch nach Jerusalem reisen konnten. Zu unserer Freude hatten sie sogleich eine einfache L\u00f6sung f\u00fcr unser Problem parat.Sie lotsten uns schnell und eindeutig in die Richtung, wo wir nach ihren Ausk\u00fcnften noch in einen Minibus zum Checkpoint springen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir folgten ihren Anweisungen und keine 5 Minuten sp\u00e4ter, platzierten wir uns auf dem Boden eines klapprigen, \u00fcbervollen Busses, der uns f\u00fcr weniger als einen Euro zum Checkpoint fuhr. Der Fahrer wollte mit Sicherheit p\u00fcnktlich zum n\u00e4chtlichen Essen wieder zu Hause sein und nicht irgendwo im Verkehrschaos stecken, weshalb er ungef\u00e4hr so schnell wie auf einer deutschen Autobahn durch die engen, kurvigen Stra\u00dfen raste und in etwa so vorsichtig wie beim Autoskooter fuhr!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Checkpoint herrschte reger Betrieb, wir mussten \u00fcber eine Stunde in dem einsch\u00fcchternden Geb\u00e4udekomplex warten. F\u00fcr uns war dies schon eine anstrengende und aufregende Prozedur, aber wir taten das freiwillig. Dabei musste ich die ganze Zeit an die Menschen denken, die hier jeden Tag Stunden ihrer Lebenszeit verwarteten, um zu ihrer Arbeit zu gelangen oder ihre Familie zu besuchen, ohne die Gewissheit, ob es jedes Mal wirklich klappen w\u00fcrde und ob sie wirklich ausreisen durften. Als ob er meine Gedanken gelesen h\u00e4tte, begann ein fein gekleideter Mann mit Aktentasche auf uns einzureden. Er sei Arzt und m\u00fcsse den Checkpoint t\u00e4glich passieren, um zu seiner Arbeit zu gelangen. Aus seinen Worten sprachen Frust, Zorn, Verzweiflung und das Gef\u00fchl menschenunw\u00fcrdig behandelt zu werden. Es machte mich wie jedes Mal wieder traurig, zu sehen wie viel Hass und Wut sich in diesem kleinen Land angestaut hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach langem Anstehen passierten wir zwei schwere Drehkreuze, worin wir fast mit unseren gro\u00dfen Rucks\u00e4cken stecken blieben. Als n\u00e4chstes wurden wir dann dazu aufgefordert unser gesamtes Gep\u00e4ck durch das riesige Scannger\u00e4t fahren zu lassen, w\u00e4hrend wir unsere Ausweise zwei jungen Soldaten hinter einer Glasscheibe zuschoben. Lea erhielt ihren Pass unverz\u00fcglich zur\u00fcck und durfte ungehindert und ohne jegliche Befragung ihren Weg Fortsetzten. Ich wartete und sah nur wie sich die beiden Soldaten auf hebr\u00e4isch austauschten, mit ernstem Blick in meinen Pass. \u201eDas \u00c4gyptenvisum!\u201c, schoss es mir kurz durch den Kopf. Aber eigentlich sollte dies doch kein Hinderungsgrund sein. Ich stellte mich emotional schon auf eine extra Sicherheitsbefragung ein. Doch kaum hatte ich dies zu Ende gedacht, wurde ich in kaltem Tonfall zur Seite zitiert und die Frau in Uniform erkl\u00e4rte mir sehr n\u00fcchtern und ohne jegliche Emotionen, dass ich nicht Ausreisen d\u00fcrfte, da mein Visum abgelaufen sei. Daraufhin erkl\u00e4rte ich ihr in ebenso ernstem Tonfall, dass mein Reentry-Visum zwar abgelaufen sei, mein Volont\u00e4rsvisum jedoch keineswegs und deutete auf die entsprechende Stelle in meinem vom vielen Vorzeigen schon leicht zerfledderten Ausweis. Unvermittelt sagte die Dame ohne eine Miene zu verziehen: \u201eSo you can exit!\u201c Und dr\u00fcckte mir meinen Pass in die Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irritiert nahm ich mein Gep\u00e4ck vom Band und folgte dem Tunnel nach drau\u00dfen. Ich fragte mich, was einem an diesen Checkpoint noch so alles widerfahren konnte. Auf der anderen Seite des Checkpoints wartete Lea. Sp\u00e4ter zw\u00e4ngten wir uns dann in einen total \u00fcberf\u00fcllten Bus, der uns wieder zur\u00fcck nach Jerusalem brachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuhause duschten wir \u00fcberm\u00fcdet und gl\u00fccklich \u00fcber diese ganz und gar herrliche Tour. Fast benommen waren wir noch von den Erlebnissen unserer kleinen Rundreise und etwas wehm\u00fctig und gleichzeitig berauscht sprachen wir noch einmal \u00fcber all die kleinen und gro\u00dfen Begegnungen, die wild in unseren Gedanken herum schwirrten und dass die Reise wie im Flug vergangen war, prall gef\u00fcllt mit Erinnerungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ramadan erleben dank Hitzekollaps in Jericho Es war erstaunlich einfach ins Zentrum von Jericho zu trampen und so steuerten wir vor Ort erst mal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns \u00fcber die \u00e4lteste Stadt der Welt zu informieren. 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