Leas große Überraschung – Fallschirmspringen

Als wir aus allen Wolken fielen

Der Ort und der Sternenhimmel waren grandios, die Nacht jedoch kurz und unerholsam. Als um kurz nach 4.00 Uhr der Wecker zum Tagesaufbruch klingelte, hatten wir ein paar durchfrorene Stunden hinter uns, da wir nicht damit gerechnet hatten, dass es hier so kühl und außerdem so windig werden würde.

Müde und zitternd packten wir unsere Sachen zusammen, ob wir vor Kälte oder vor Aufregung zitterten, konnte ich nicht mit letzter Gewissheit unterscheiden, schließlich hatten wir Aufregendes vor!

Von unserem Nachtlager an der ägyptischen Grenze, machten wir uns zu Fuß auf in Richtung Flughafen, wo ich für Lea eine Überraschung organisiert hatte, zu der wir pünktlich erscheinen mussten.

Wir hatten die Wegstrecke leider etwas unterschätzt und zu so früher Stunde war auch kein Autoverkehr unterwegs, der uns ein nennenswertes Stück hätte mitnehmen können. Eine bessere Alternative wäre wohl eine Aufstehzeit von 3.15 gewesen, um nicht in Hektik verfallen zu müssen. Doch dann hatten wir doch noch Glück, ein Taxifahrer hielt neben uns und bot an, uns „for free“ ins Stadtzentrum zu fahren, da er gerade seine Schicht beendet hatte und sowieso dort hin musste. Die kostenlose Fahrt in einem offiziellen Taxi kam uns wirklich vor wie ein Segen, als wir kurz darauf nun überpünktlich am noch geschlossenen Flughafen standen.

In einem nahe gelegenen Kaufhaus hatten wir noch genug Zeit um Geld abzuheben und noch einmal die Toilette aufzusuchen, denn jetzt machte sich doch die Aufregung und Neugierde in uns breit: Fallschirmspringen lautete das Projekt des heutigen Tages!

Am Flughafen wurden wir von einem freundlich lächelnden Amerikaner namens Ray empfangen, der uns beim Hereintreten in den Flughafen gleich sicher als seine Kunden identifizierte und uns unsere schweren Rucksäcke abnahm. Nur mit unseren Reisepässen ausgestattet, mussten wir uns auch hier der israelischen Sicherheitskontrolle unterziehen, bevor wir uns in den Abflugbereich des Flughafens begeben durften.

Zunächst wollten mir die Beamten erklären, dass die Kontrolle etwas länger dauern werde und ich noch gesondert aufgrund meines Ägyptenvisums im Pass befragt werden müsse, doch als wir den Securitymännern erklärten, dass wir nur Fallschirmspringen gehen wollten, war die Befragung damit quasi schon beendet.

Wir wurden auf das Rollfeld geführt, wo ein weiterer Amerikaner namens Dan kam und uns unsere schweren Gurte anlegte, mit denen wir später an unseren Tandempartnern und am Fallschirm befestigt werden würden.

Danach standen wir eine Weile nervös auf dem Rollfeld herum und spekulierten darüber, aus welcher Maschine wir denn wohl springen würden. Nicht weit von uns entfernt stand ein kleines Flugzeug, welches gerade von etlichen Leuten umringt wurde, die alle lauthals miteinander diskutierten und so aussahen, als versuchten sie irgendeine Art von Reparatur vorzunehmen.

Dann gab uns einer der Guides zu verstehen, dass unser Flugzeug eine Maschine gleichen Typus sei und nur wenige Meter weiter geparkt wäre. Die Maschine, in die wir nun mit den beiden Guides einstiegen, wirkte genauso klapprig und marode wie die andere Maschine, an der gerade die Reparatur durchgeführt wurde.

Vorne saß der Pilot in einem winzigen Cockpit. Wir zwängten uns mit den Tandempartnern in den kleinen Hinterraum des Fliegers, der mich von der Größe und vom Aussehen an die Ladefläche eines alten VW Golfs erinnerte.

Nach einigen abschließenden Kontrollen wurde der unglaublich laute Motor der Maschine gestartet. Das Geräusch klang für mich wie ein Betonmischer, den man mit Kieselsteinen gefüllt hat. Lea saß am Fenster, ich an der Tür, welche noch offenstand, als wir schwungvoll über das Rollfeld brausten. Ich fragte mich kurz, ob man die Tür überhaupt auf dem Flug schließen werde, doch kurz vor dem Abheben, wurde die schwergängige Tür doch noch zugezogen, der Lärmpegel blieb dennoch derselbe. Eng aneinander gepfercht saßen wir in dem kleinen Flugzeugraum und bewunderten die Landschaft von oben, während der Pilot in großen Kreisen immer höher flog.

Unter uns war das tiefblaue Meer, kleine Bote waren auf dem Wasser gut erkennbar. Wir sahen die Hotels in Elat und ließen unsere Blicke über alle Grenzen hinweg nach Jordanien, den Sinai und bis nach Saudi Arabien schweifen. Das Land war die ganze Zeit klar und deutlich erkennbar, aber ein Gefühl für die Höhe hatte man hier oben nicht mehr. Ab und zu warfen unsere Tandempartner einen Blick auf die Höhenmesser an ihren Handgelenken. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir dann endlich die 3000er Marke erreicht.

 

Mein Tandempartner zurrte meinen Gurt noch einmal ganz fest, sodass ich mich kaum noch bewegen konnte. Dann wurde die kleine lukenartige Tür wieder aufgeschoben und es ging sofort los.

Gemeinsam krabbelten wir zum Ausgang, ich erhaschte einen kurzen Blick nach unten in die Tiefe und im nächsten Moment befanden wir uns auch schon im freien Fall. Die kühle Luft, die mir entgegenschlug ließ mich erahnen, dass wir hier schon ganz schön hoch oben sein mussten. Ich war überrascht, denn ich hatte mir den Absprung aus dem Flugzeug wie eine Achterbahnfahrt vorgestellt, wobei man wild hin und her geschleudert wird, ohne jegliche Kontrolle. Aber nein, ganz im Gegenteil, es fühlte sich an wie ein Luftkissen, auf dem man lag und das war für mich ein sicheres und faszinierendes Gefühl.

 

Es war unvorstellbar, dass wir mit 200 km/h einfach so dahin segelten. Die 30 Sekunden im freien Fall waren so schnell vorbei! Plötzlich ruckte es und ich wurde von einer kopfabwärts gerichteten Position in die Senkrechte gerissen. Der Fallschirm hatte sich geöffnet. Mit einer immer noch schnellen Geschwindigkeit segelten wir in Kreisen über das Meer hinweg. Es war ein atemberaubend, spektakuläres Gefühl und ein wahnsinnig toller Ausblick und ich konnte gar nicht richtig realisieren, was gerade geschah. Aber noch während wir dem Boden entgegensegelten, fasste ich den Entschluss, dass dies nicht mein letzter Sprung aus einem Flugzeug bleiben sollte. Sachte landeten wir kurz darauf im Sitzen auf dem sandigen Boden und wurden von einem schon bereit stehenden Jeep abgeholt und zurück zum Flughafen gebracht, wo wir unser Gepäck abholten und uns noch einmal herzlich für dieses unvergessliche Erlebnis bedankten.

Wodka statt Frühstück dank Omer Adam

Noch ganz erfüllt von dem gewagten Sprung, liefen wir zum Stadtrand, um uns kurz zu erfrischen, das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen und über den weiteren Tagesverlauf zu entscheiden. Als wir am Strand ankamen, war es noch nicht einmal 8.00 Uhr, dennoch waren schon erstaunlich viele Menschen am Strand. Ich sprang mit meiner Kleidung geradeaus ins Wasser, während Lea noch nach ihrem Bikini kramte. Wir blieben lange im erfrischenden, aber keineswegs kalten Wasser und tauschten uns über unsere Eindrücke und Emotionen aus. Lea berichtete dann, sie wäre vor der Landung noch kurzzeitig mit dem geöffneten Schirm in den Jordanischen Luftraum getrudelt. Es überraschte mich sehr, dass dies einfach so möglich war, ohne abgeschossen zu werden.

Als wir uns wieder aus dem Wasser begaben, stand ich in meiner nassen Kleidung am Strand, was für mich, angesichts der drastisch hohen Temperaturen, nicht weiter ein Problem darstellte. Der Mann auf der Liege neben uns schien das jedoch anders zu sehen und bot mir ein weißes Handtuch an, das neben ihm auf der Liege lag und ganz eindeutig aus einem Hotel stammte.

Wir kamen ins Gespräch und der Mann machte kein Geheimnis daraus, wer er war. Er hatte heute Abend hier in Elat in der Nähe des Strandes einen Auftritt, denn er spielte Trompete in der Band von Omer Adam! Dies ist wohl mit Abstand der bekannteste israelische Sänger, welcher in seinen Liedern die traditionellen Klänge mit moderner Popmusik verbindet.

Der freundliche Herr fragte uns, ob wir etwas trinken wollten, woraufhin wir beide ganz dankbar nickten, denn schließlich hatten wir noch nichts gefrühstückt! Ich erinnerte mich auf einmal auch wieder an die Abschiedsworte unseres Tandemguides, denn er riet uns dazu, etwas Zuckeriges zu uns zu nehmen nach all der Aufregung.

Doch statt eines Kaffees, Tees oder Saftes, der uns vorschwebte, zog der Trompeter zu unserem großen Schreck eine volle Wodkaflasche aus seiner Handtasche und befüllte uns jeweils einen Einwegplastikbecher damit. Das war ja ein schönes Missverständnis. Der nette Herr schien Anderes zum Frühstück zu bevorzugen als wir.

Vorsichtig nippte ich an dem Getränk und es brannte sogleich auf meinen Lippen. Wahrscheinlich konnte ich meinen Widerwillen nicht so richtig verbergen, woraufhin er uns nun fröhlich auch noch einen Energydrink reichte, um ihn dem Wodka beizumischen.

Um die Sache nun möglichst schnell zu beenden, ohne dabei das Gesicht zu verlieren, kippte ich das Gemisch zügig herunter. Lea drückte mir daraufhin mit sehr eindringlichem Blick ihr Getränk in die Hand. Ich nahm noch einen Schluck von ihrem, doch bereute ich dies im nächsten Augenblick sofort, denn dies sah der Trompetenspieler als Signal dafür, uns beiden noch mehr einzuschenken. Für Lea und mich unbegreiflich, für den Musiker ganz normaler Alltag: um diese Uhrzeit Wodka zu trinken!

Wir erzählten ihm sogleich, dass wir heute schon einen Fallschirmsprung hinter uns gebracht hatten, aber noch kein Frühstück und dass wir unmöglich weiter mit ihm seinen Wodka trinken konnten. Angesichts der Tatsache, dass wir heute noch nichts zu essen hatten, bestellte er uns sofort eine große „Israelische Humusplatte“ an den Strand und zahlte für uns noch einen Aufpreis, damit wir eine der am Strand stehenden Liegen benutzen durften. Mit Freude aßen wir das frische Brot, die Falafel, Soßen und Salate. Das war besser als Wodka!

Wir plauderten und er befragte uns nach unseren Reiseerlebnissen. Nachdem wir die Mahlzeit beendet hatten, bot er uns an, er könne uns auch noch mehr Essen bestellen – offenbar wirkten wir sehr ausgehungert – und kommentierte meine vielleicht etwas eilige Essweise als „sehr israelisch“. Ich nahm das als Kompliment. Aus Höflichkeit trank ich zum Schluss auch noch den nachgeschenkten Wodka aus und wir tauschten wie immer die Handynummern. Ich zählte schon gar nicht mehr mit.

Anschließend trampten wir zu einem Schnorchelstrand, denn das war der Plan für den weiteren Tag.

Delfine am Schnorchelstrand

Die Unterwasserwelt am Roten Meer ist großartig! So viele und so unterschiedliche Tiere habe ich noch nirgends vorher beim Schnorcheln beobachten können. Man taucht in diese ganz besondere Welt hinab und vergisst dabei vollkommen die Zeit.

Nachher lagen wir nur noch schläfrig am Strand, ob es das frühe Aufstehen oder der Alkoholkonsum vor dem Frühstück waren, ließ sich nicht sagen. Aus unserem Schlaf gerissen wurden wir aber schlagartig, als eine kleine Gruppe freilebender Delphine in unserer Bucht auftauchten. Das war ein ganz besonderer Anblick, mit dem wir beide nicht gerechnet hatten.

Wir konnten sie immer wieder springen sehen. Einige der Badegäste schwammen zu den Tieren hin, wodurch sie nur leider schnell vertrieben wurden. ch hätte sich gerne noch länger beobachtet.

Die Rückfahrt

Die zweite Nacht in Elat verbrachten wir wieder am Strand, nur dass wir diesmal unser Zelt aufschlugen. Wir wollten nicht noch einmal so frieren! Wir entschieden uns für ein abermals frühes Aufstehen, um den Sonnenaufgang von unserem Zelt aus genießen zu können und um dann im ersten Licht schnorcheln zu können.

Einer kurzen Mitfahrbekanntschaft zufolge sei dies die beste Uhrzeit, um die vielen Meerestierchen zu beobachten. Dieser Tipp bewahrheitete sich für uns.

Wir sahen Fischschwärme von tausenden winzig kleiner Fischchen und einzelne Meeresbewohner, die über einen Meter lang und zum Teil auch recht breit gebaut waren. In der Frühe hatten wir ebenfalls das Glück zu sehen, wie die Fische auf Nahrungssuche gingen und konnten sogar voller Faszination hören, wie es klingt, wenn Fische etwas von den Korallen abbeißen.

Auch musste ich mit ansehen, wie ein kleiner türkis-grüner Fisch in einem Bissen von einem nur geringfügig größer erscheinenden Fisch vertilgt wurde. Leider konnten wir auch sehen, dass auch hier die meisten Korallen am Absterben und mehr grau-braun als farbenfroh und bunt waren, obwohl der Zustand der gesichteten Korallen in Ägypten noch weitaus schlimmer zu sein schien.

Nach unserem morgendlichen Tauchausflug wollten wir wieder zurück trampen. Es war jedoch Shabbat, daher rechneten wir wie in allen Feiertagen mit weniger Verkehrsaufkommen. Doch zu unserer Freude wurden wir recht schnell und weit mitgenommen.

Ich unterhielt mich durchweg auf der Autofahrt mit dem netten und lustigen israelischen Fahrer, während im Hintergrund laut die Musik von Bob Marley lief. Der Fahrer war jüdisch, bezeichnete sich selbst weder als sehr religiös, noch spielte die Einhaltung religiöser Vorschriften und Gebote eine wichtige Rolle für ihn. Er hatte noch zwei Söhne in unserem Alter, die momentan ihren dreijährigen Dienst in der Armee absolvierten, so wie es hier für die Jugendlichen üblich ist. Noam, wie er sich bei uns vorstellte, befürwortete die lange Zeit in der Armee. Einerseits sei es gut für die persönliche Entwicklung der jungen Menschen und ihr Wertebewusstsein, andererseits sei es essenziell für die weitere Existenz des jüdischen Staates. Es wirkte auf mich etwas paradox, wie er auf der einen Seite immer wieder sehr abwertend über die arabische Bevölkerung sprach und auf der anderen Seite gerade aus einem ägyptischen Casino zurück fuhr, wo er seine freien Tage verbracht hatte.

Während ich mich unterhielt und noch dazu nicht gerade leise Musik lief schlief Lea tief und fest auf der Rückbank, was etwas zur Erheiterung des Fahrers beitrug. Er kommentierte, dass er beeindruckt sei, wie viel Vertrauen Lea in die Situation und den Fahrer habe, so dass sie sofort in einem fremden Auto eingeschlafen war. Ich erklärte ihm dann, dass dies beides nicht der Fall war. Erstens war ich die Reiseleitung und passte ja auf sie auf und zweitens war sie einfach fürchterlich müde, so dass die Frage, ob Einschlafen oder Wachbleiben sich weitgehend ihrer Kontrolle entzog. Das amüsierte ihn noch mehr und er bot uns zwei Dosen Energydrink an, die bei ihm überall im Fußraum herumflogen.

Ich konnte wirklich nicht nachvollziehen, weshalb so viele Leute hier, dieses ekelhafte Gesöff aus Aromen, Koffein, Zucker und Farbstoffen scheinbar literweise in sich hineinkippten. Wir jedenfalls haben diese Vorliebe nicht entwickelt und lehnten dankend ab.

Nach zwei Stunden Fahrt, musste ich Lea unweigerlich aus ihrem Tiefschlaf wachrütteln und wir mussten in der Wärme weiter trampen. Während ich mich noch quietschfidel fühlte, war Lea nur noch ein Häuflein Elend. Ich hoffte innigst, dass möglichst schnell ein Auto für uns anhalten würde, um einen Hitzekollaps bei Lea zu vermeiden. Wir hatten Glück und waren gegen Mittag wieder auf der Höhe von Jerusalem, wo wir den Tag noch ausnutzten und einen Abstecher nach Jericho einschoben.