Georgkloster und Yad Vashem

Das heilige St. Georgskloster

Doch ganz vorbei waren die Abenteuer dann doch noch nicht, und die Besichtigung des heiligen Sankt Georgskloster stand noch auf dem Programm. Nach einer erholsamen Nacht bei uns zu Hause auf der Terrasse unter schönstem Sternenhimmel, machten Lea und ich uns am frühen Morgen auf in Richtung Kloster. Wir mussten dazu zum kleinen jüdischen Ort Mitzpe Jericho trampen.

Als erstes wurden wir von einem jüdischen Mülllasterfahrer mitgenommen. Zu dritt saßen wir auf der breiten Vorderbank und genossen den Blick durch die große Scheibe der LKWs nach draußen. Das erste was uns der Fahrer mit auf unseren weiteren Weg gab, war eine deutliche Warnung davor, bei arabischen Fahrern einzusteigen. In offensichtlich ernsthafter Besorgnis um uns, gab uns der Mann dann auch noch seine Handynummer mit, damit wir ihn im Notfall kontaktieren könnten. Diese Art der Fürsorge und Unterstützung habe ich in Israel wirklich schätzen gelernt und die große Bereitschaft der Menschen bei Schwierigkeiten eng zusammen zu halten, auch ohne sich zu kennen.

An einer größeren Kreuzung nahe einer Tankstelle wurden wir herausgelassen und warteten in der Sonne auf eine weitere Mitfahrgelegenheit. So wie es der Zufall wollte, hielt ein schon am Kennzeichen erkennbar arabisches Auto. Der Herr am Steuer sprach zwar nur wenig Englisch, schien aber nett und so stiegen wir ein. Was hätte wohl der Müllwagenfahrer gedacht, wenn er gesehen hätte, dass wir keine 5 Minuten später bei einem Palästinenser ins Auto stiegen!

Das Georgskloster ist inmitten der Wüste in den Fels gebaut und nur eine kleine, holprige und kaum befahrene Wüstenstraße schlängelt sich in Richtung des Klosters. Wir überschlugen schon im Kopf, wie lange wir wohl brauchen würden, um dort hin zu laufen, da kam ein Wasserwerk-Auto auf einer Dienstfahrt vorbei gefahren und hielt netterweise für uns an.

Der Fahrer musste erst noch seine Sitzbänke umbauen und Platz für uns im Auto schaffen. Als wir ihm unser Ziel nannten, war er ganz erschrocken. Er erklärte uns für verrückt bis dahin laufen zu wollen. Ohne Zögern entschied der nette Mann noch einen extra Umweg für uns zu fahren und uns direkt vor den Eingangstoren des Klosters abzusetzen. Auf dem Weg wurde uns klar, dass er wohl Recht gehabt hatte, da es zu Fuß wirklich ein weiter beschwerlicher Weg gewesen wäre. Vom Eingang mussten wir noch ein ganzes Stückchen über einen schmalen, steinigen Steilpfad bis zum Kloster laufen. Wir hatten wieder einmal mehr Glück als Verstand, dass wir nun hier stehen konnten, ohne Hitzschlag erlitten zu haben. Zu unserem Glück waren außer uns auch keine weiteren Besucher da, was angesichts der abenteuerlichen Anfahrt auch nicht verwunderlich war!

In schwarzen Kutten beteten einige griechisch-orthodoxe Mönche an diesem besonderen Ort. Mit langer Kleidung durften auch wir in das direkt in den senkrecht abfallenden Fels gebaute Kloster eintreten und die Friedlichkeit und Stille dieses Ortes erleben. Das Kloster wirkte wirklich wie eine Oase in totaler Abgelegenheit und irgendwie auch lebensfeindlicher Umgebung. Die besondere Stimmung nahm uns ganz gefangen.

Wanderung nach Jericho

Im Schatten eines einsamen Olivenbaumes vor dem Kloster machten ein kleines Picknick und begaben uns dann wie geplant auf eine gut 6 km lange Wanderung auf einem gut gekennzeichneten Pfad nach Jericho. Der erste Teil der Wanderung führte durch spektakuläre Wüstenlandschaft entlang des äußersten Randes einer tief abfallenden Schlucht. Der Blick in die Schlucht und in die Weite war gigantisch! Der zweite Teil führte vorbei an heruntergekommenen Siedlungen, Gehöften mit Tieren und bemerkenswert übelriechenden Müllkippen mit dem eindeutigen Gestank nach in der Sonne verwesendem Fleisch. Wir hielten uns Mund und Nase zu, bis wir schnellen Schrittes auf einer größeren Straße landeten.

 

Auf dem Weg durch die pralle Mittagshitze kam uns plötzlich ein Auto entgegen und stoppte auf unserer Höhe. Der Mann in dem Auto erkannte uns wieder, er war einer der Händler, die vor den Eingangstoren des Klosters ihre Ware verkauften. Er bot uns eine Mitfahrgelegenheit zur Altstadt Jerichos an. Dieses Angebot nahmen wir dankbar an. Der Mann wendete sein Auto und brachte uns bis auf den Parkplatz des Touristenzentrums der Altstadt. Im Schatten vor dem Zentrum machten wir kurze Rast und beobachten dabei fett gefütterte Pfauen durch die Sonne torkeln und Touristen, die sich für astronomische Preise wenige Meter auf einem Kamel über den Parkplatz führen ließen.

Komatöser Tiefschlaf

Im Besucherzentrum gab es einige Lädchen und oben war eine Dachterrasse ausgewiesen. Wir stiegen bis in die Etage vor der eigentlichen Terrasse auf, da wir uns dort eine ähnliche Sicht und etwas Schatten erhofften. Unsere Erwartungen bestätigten sich und so entschieden wir unmittelbar, hier ein kleines Nickerchen zu machen. Aus dem geplanten Mittagsschlaf wurde leider ein unkontrollierter, komatöser Tiefschlaf.

Plötzlich trat eine muslimische Frau aus ihrer Wohnung und riss uns aus unserer Ruhe. Doch anstatt uns zu vertreiben, so wie man es womöglich in Deutschland getan hätte, wenn wildfremde Leute auf seiner Terrasse schliefen, bat uns die junge Frau zu sich herein, zeigte uns das nagelneue Badezimmer, schaltete Klimaanlage und Fernseher ein und deutete auf ein frisch gemachtes Bett inmitten des Raumes. Noch während wir uns überrumpelt und noch gar nicht richtig begreifend, was hier gerade geschah,bedanken wollten, verschwand die Frau spurlos hinter einer massiven Tür im hinteren Teil der Wohnung. Wir erholten uns einen Moment im Bett und schafften es dann doch noch uns aufzuraffen, um wie geplant den Berg der Versuchung zu besuchen. Eigentlich hätten wir uns gerne noch verabschiedet, aber wir konnten trotz Suchen und Rufen niemanden mehr ausfindig machen.

Nettigkeit statt Geschäft

Unten im Touristenzentrum fragten wir einen Saftverkäufer nach Möglichkeiten zum Berg der Versuchung und dem dazu gehörigem Kloster zu gelangen. Er bot uns an, eine Taxifahrt zu vermitteln. Nachdem wir dankend abgelehnt hatten und wir noch ein wenig weiter mit ihm geplaudert hatten, zog der Mann seinen Autoschlüssel aus der Tasche und erklärte sich bereit, uns selbst auf den Berg zu fahren. Perplex und hocherfreut über dieses Angebot stiegen wir ein und besichtigten etwas in Eile das Kloster, da es schon Abend und bald geschlossen wurde.

Zurück in die Innenstadt fuhren wir im Jeep bei einigen Händlern mit, die mit Klosterschließung auch ihr Geschäft beendeten und uns mitnahmen. Die Fahrer entschieden sich – womöglich um uns zu beeindrucken – mit dem allradbetriebenen Fahrzeug eine Abkürzung durch einen ausgetrockneten Flusslauf zu nehmen. Das war wirklich holprig, sodass die Geländetauglichkeit der Maschine bei der Rückfahrt auf harte Bewährungsprobe gestellt wurde. Wir fanden es lustig!

Alleine in der Touristeninformation

Auf dem zentralen Platz in Jericho sahen wir den einsamen Mann in der Touristeninformation wieder, der uns ebenfalls schon von weitem wiedererkannte und etwas verdutzt darüber schien,aus was für einem Fahrzeug wir ausstiegen. Umso mehr schien er sich zu freuen, dass wir heil wieder hier waren und winkte uns zu sich ins Büro. Ich fragte mich ernsthaft, ob nach unserem letzten Besuch noch andere Touristen hier gewesen waren. Im Büro fragte er ganz interessiert nach, was wir denn gesehen hätten und wie uns die Stadt, die Menschen, die Infrastruktur und die Sehenswürdigkeiten gefallen hätten. Amüsiert berichteten wir ihm von Leas Schwächeanfall kurz nachdem wir sein Büro verlassen hatten, dem Ramadanessen und dem neuen Haarschnitt, unserer Wanderung zum Georgskloster und wie wir wieder hergekommen waren. Mit großem Erstaunen im Gesicht meinte er auf unsere Berichte hin, dass er noch nie so seltsamen Touristen wie uns begegnet sei. Das Gespräch war noch nicht zu Ende, da machte der Mann deutlich, dass er eben für ca. eine Viertelstunde zum Gebet gehen müsse und wir hier alleine warten sollten. Er schien fest davon überzeugt, dass keine Touristen mehr vorbei kommen würden und für den unerwarteten Fall trug er uns auf, einfach zu sagen, dass die Auskunft schon geschlossen hätte.

Als die Tür hinter dem freundlichen Mann zufiel begann ich mich ausgiebig im Büro umzusehen. In einem Regal ich ein paar alt wirkende Plakate, auf denen die Highlights Jerichos und Palästinas mit schönen Fotos illustriert waren. Als der Mann wiederkam, brauchte es etwas Überzeugungsarbeit unsererseits, denn wir wollten gerne ein Autogramm von ihm auf dem Plakat haben. Er signierte es für uns auf Arabisch und in recht kleiner Schrift und wir schossen ein gemeinsames Erinnerungsfoto. Wir verabschiedeten uns und fuhren mit einem kleinen Bus wieder zurück nach Jerusalem und kochten unser Abendessen.

 

Wie es ist, wenn man alt und blind wird

Am kommenden Tag waren alle Freiwilligen aus dem Alyn-Krankenhaus auf einem Gruppenausflug im Erlebniscenter in Tel Aviv. Gemeinsam sollten wir erfahren, wie es ist, wenn man alt und blind wird. Dazu gab es zwei verschiedene Workshops. Bei dem ersten wurden wir von einer älteren Frau begleitet. Wir sprachen gemeinsam über unsere Wünsche und Befürchtungen im Alter und hatten die Möglichkeit selbst auszuprobieren, wie es ist, wenn die eigenen Fähigkeiten nachlassen. Beispielsweise konnten wir mit schweren, plumpen Schuhe ein paar Treppenstufen hinauf gehen, um nachzuempfinden wie sich diese Alltagstätigkeit für ältere Menschen anfühlte. Bei einer weiteren Station musste man den Anweisungen einer schnellen, leisen Stimme am Telefon Folge leisten, um einen Eindruck zu bekommen, wie es ist, wenn man schlechter hört und langsamer denkt. Die Frau, die uns durchweg begleitete, war jedoch sehr zuversichtlich und vermittelte uns immer wieder die Nachricht, es sei nichts Schlimmes alt zu werden, sondern ein ganz natürlicher Prozess.

Der nächste Teil der Führung bestand aus einer Führung mit Blindenstöcken durch eine Reihe komplett dunkler Räume, wobei es unsere Aufgabe war, uns zu orientieren und zu erkennen, wo wir uns aktuell befanden. Währenddessen sprachen wir über die Schwierigkeiten blinder Menschen im Alltag und die Möglichkeiten neuester Technik.

Insgesamt war der Besuch ein wirklich beeindruckendes Erlebnis und wir nahmen durchaus Anregungen zum Nachdenken mit nach Hause.

Bedrückender Besuch des Yad Vashems

Während ich in Tel Aviv war, besuchte Lea das Holocaustmuseum Yad Vashem nicht weit von unserem Haus entfernt. Am Abend tauschten wir uns intensiv über unsere Erfahrungen und Eindrücke aus.

Besonders nah ging Lea die Ausstellung mit den vielen persönlichen Bildern und Dingen, die den getöteten Juden gehört hatten. Diese Dinge vermittelten einen nur schwer aushaltbaren Eindruck davon, wie viele einzelne, leidvolle Geschichten sich im Holocaust zugetragen hatten. Natürlich stellte sich auch für Lea durchgehend die Frage, wie es zu so etwas Entsetzlichem kommen konnte.

Am unfassbarsten wirkten auf mich wie auch auf sie die Berichte über die systematischen Tötungen kleiner Kinder. Wir erinnerten uns beide an eine groß im Museum dargestellte Geschichte eines jungen Mädchen, dass mit gleichaltrigen Kindern vor einer Grube stand, um erschossen zu werden. Der ihr zugedachte Schuss traf sie nicht richtig und somit fiel sie quasi unverletzt in die Grube aus Leichen und schreienden Verwundeten. Als das grausame Massaker beendet war, schaffte sie es irgendwie aus der Grube heraus zu klettern und letztlich zu überleben.

Schon diese eine Lebensgeschichte ist wirklich unbegreifbar und es ist nicht vorstellbar, dass dies eine von Millionen ist.

Ebenfalls nahe gingen uns aber in diesem dunklen, langgezogenen, unterirdischen Museum die Bilder und Berichte über die menschenverachtenden Lebensbedingungen in den Ghettos, den Arbeitslager und die fürchterlichen Todesmärsche. Die Demütigung, die die Menschen erfahren haben mussten, wenn sie auf eine Nummer reduziert wurden und arbeitsunfähige Menschen einfach aussortiert und ermordet wurden, ist unvorstellbar.

Neben dem Museum ist auf dem Gelände auch ebenfalls ein Zugwagon ausgestellt, der zu Kriegszeiten zum Transport von Juden in die Lager genutzt wurde. Auch findet man eine Ausstellung über die Gerechten der Nationen, also Menschen die Juden trotz hohem Eigenrisikos geholfen und gerettet haben.

Die Bilder und Geschichten schaffen es jedes Mal wieder einen schockierenden Eindruck zu hinterlassender und tief berührt zu sein von den Schicksalen der vielen Menschen, für die es keinen Ausweg gab. Die Auseinandersetzung mit der Shoa verdeutlicht dem Besucher außerdem die Besonderheit der Existenz eines jüdischen Staates.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Deutschland, aber auch in vielen weiteren Ländern scheint es mir ausgesprochen wichtig, dass sich (junge) Menschen mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um zu verhindern, dass sich derart schreckliche Entwicklungen wiederholen und Hass, Rassismus und Gewalt wieder Einzug halten und einen Platz finden in unseren Gesellschaften.

Mit Blick auf die deutsch-jüdische Vergangenheit, ist es etwas sehr Besonderes, dass Reisen und Dienste für uns als Deutsche in Israel möglich sind. So können wir uns neu begegnen und kennen lernen, aber auch miteinander und voneinander lernen.

Professionelle Weinverköstigung

Leas Zeit hier in Israel war wie im Flug vergangen und nun stand schon unser letzter gemeinsamer Tag an, wobei ich am Vormittag noch arbeiten musste. Lea nutzte den Vormittag mit einem letzten Stadtspaziergang durch Jerusalem und genoss ein letztes Mal den Blick über die Altstadt, das Dächerdurcheinander und das enorme Aufgebot an Sicherheitskräften. Sie lief über den Ölberg und zwischen den historischen Gräbern entlang.

Am Nachmittag trafen wir uns in der Stadt und liefen noch etwas gemeinsam zu einem ruhigen Park mit einer Windmühle, um noch einmal die Erlebnisse Revue passieren zu lassen.

Auf dem Weg zur Mühle war Lea plötzlich verschwunden, während ich meinen Weg unbeirrt zur Windmühle fortsetzte und plötzlich in einem kleinen, edel anmutenden Weingeschäft stand. Lea war auf die Toilette verschwunden, wie sich später herausstellte, und als sie mich wieder fand, war ich schon dabei diverse Weinsorten zu verköstigen.

Ich hatte dem Verkäufer zwar vorher klar gesagt, dass ich hier nichts kaufen könne, aber scheinbar kümmerte ihn dies wenig und er schenkte mir weitere Kostproben ein, mehr als mir lieb war. Lea begann schon an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, als sie mich wieder traf.

Da der Weinverkäufer jedoch nicht nur uns beiden immer wieder nachschenkte, sondern auch sich selbst, lag die Frage für mich sehr nahe, ob man als Weinverkäufer oft betrunken sei. Daraufhin holte er einen großen Metalleimer hinter dem Tresen hervor und zeigte uns, wie man Wein richtig verköstigte. Erst sollten wir den Wein im Glas hin und her schwenken, dann schlucken, im Mund damit gurgeln und zu guter Letzt ausspucken. Das übten wir einige Male gemeinsam, wobei Lea und ich uns mit aller Kraft zusammen reißen mussten, um unsere Lachanfälle zu unterdrücken.

Als wir gehen wollten, lud uns der Weinverkäufer, der Somalier war, wie er uns erzählte, noch auf ein Festival heute Nacht ein und kritzelte unleserlich seine Handynummer auf einen Papierfetzen. Wir hatten jedoch schon einen anderen Plan für diesen Abend. In Ruhe saßen wir noch ein Weilchen auf der Aussichtsterrasse und waren wieder einmal fröhlich über die Freundlichkeit der Menschen, denen wir unterwegs begegnet waren. Für mich kann ich behaupten, dass all diese Menschen für mich ein Vorbild sind, so wie sie uns mit Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegneten.

Zettelchen für die Klagemauer

Nach einem schönen Sonnenuntergang liefen wir noch ein letztes Mal gemeinsam zur Klagemauer, wo wir vorher geschriebene, kleine Zettelchen mit Wünschen, Hoffnungen, Dank und weiteren persönlichen Gedanken in die Ritzen zwischen die massiven Steine der historischen Mauer steckten und markierten damit den Abschied und das Ende von Leas Reise.

Auf dem Rückweg folgten wir der jüdischen Tradition, dass wir uns rückwärts laufend von der Mauer entfernen, da wir der Mauer und unseren dort hinterlassenen Zielen, Hoffnungen und Gedanken niemals den Rücken zuwenden werden.

Am späten Abend wurden wir noch vor die große Herausforderung gestellt, all unsere Sachen wieder voneinander zu trennen und Leas aus allen Nähten platzenden Rucksack zu befüllen.

 

Abschied am Ben Gurion Airport

Nach einer vergleichsweise läppischen Gepäckkontrolle verabschiedeten Lea und ich uns voneinander. Ich war erleichtert, dass die Sicherheitsleute nicht genauer nachgefragt hatten, ob und wo wir in der Westbank waren und ob wir dort Kontakte zu Menschen gehabt hatten. Das sind nämlich Berichten anderer Freiwillige zufolge klassische Fragen der Sicherheitsbefragung. Das hätte wohl ganz bestimmt eine längere Inspektion zur Folge gehabt!

 

Hitzkollaps in Jericho

Ramadan erleben dank Hitzekollaps in Jericho

Es war erstaunlich einfach ins Zentrum von Jericho zu trampen und so steuerten wir vor Ort erst mal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns über die älteste Stadt der Welt zu informieren.

Ich hätte vorher nicht gedacht, dass es in einer palästinensischen Stadt ein Touristenbüro geben könnte, da es ja kaum Individualreisende hier gab, aber ich wurde eines Besseren belehrt. In einem kleinen Büro mit großen Fenstern saß ein einsamer Angestellter des palästinensischen Tourismusministeriums.

Wir hatten fast schon ein wenig Mitleid mit ihm, wie er so einsam in diesem dunklen Raum mit vergilbten und staubigen Wänden auf seinem großen Drehstuhl saß. Die Luft war zum Schneiden stickig als wir eintraten. Doch so erfreut über unser Kommen, fuhr er gleich die Klimaanlage hoch und forderte uns auf uns zu setzen. Der Mann sprach sehr gutes Englisch und versuchte mit aller Mühe möglichst kompetent und professionell zu wirken. Doch das kam absolut unauthentisch rüber und wirkte auf uns einfach nur aalglatt, sodass Lea und ich mindestens genauso viel Mühe brauchten, um dies mit Fassung zu tragen. Er beriet wohl nicht so oft vorbeikommende Touristen.

Nach wiederholter Nachfrage bekamen wir jedoch tatsächlich einen etwas in die Jahre gekommenen Stadtplan, mit beispielsweise nicht mehr aktuellen Preisen und Öffnungszeiten, sowie eine Liste mit den Highlights vor Ort und eine nicht ganz überzeugende Empfehlung für eine mögliche Busverbindung zurück nach Jerusalem. Der Herr erzählte uns, dass er im Schnitt hier täglich fünf „Reisedelegationen“ beraten musste. Wir konnten es kaum glauben!

Als wir wieder ins Freie traten, traf uns die Mittagshitze wie ein Schlag. Auf den Straßen waren wegen der Mittagszeit und weil Ramadan war, kaum Menschen unterwegs und die meisten Läden hatten geschlossen. Auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit und etwas Schatten zog eine große Moschee unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir liefen zügig in Richtung des Gebäudes. Als ich mich umblickte, war Lea nicht mehr hinter mir, sondern stand plötzlich weit hinten an eine Mauer gelehnt. Ihr machte die Hitze wirklich sehr zu schaffen. Ich lief schnell zu ihr zurück. Mit schwacher, zittriger Stimme äußerte sie den Wunsch nach einem kühlen Ort.

Aber wohin nur? Ich entdeckte einen kleinen Laden und zog sie in diese Richtung. Mit letzter Kraft schafften wir es bis zum Eingang. Als wir in den Laden stolperten, schlug der Ladenbesitzer die Hände über dem Kopf zusammen, so besorgt war er gleich um Lea, denn er hatte gleich gesehen, wie schlecht es ihr ging.

Ohne viele Worte brachte er sofort einen Stuhl, auf den Lea sich setzten konnte und holte darauf noch einen eisgekühlten Orangensaft für sie aus dem hinteren Teil des Geschäftes, obwohl ja Ramadan war. Während Lea unansprechbar auf dem Stuhl hing und sich langsam erholte, versuchte ich dem besorgten Ladenbesitzer die Situation zu erklären und erzählte ihm von unserem schon langen Tag.

Der Mann stellte sich als Sam vor. Er hatte Familie in den USA, weshalb die Verständigung einwandfrei auf Englisch funktionierte. Ich versuchte mit Lea zu sprechen, aber sagte bloß ihr werde von dem flackernden Licht im Laden ganz schwarz vor Augen. Ich war ebenfalls sehr besorgt um sie. Daraufhin schlug Sam vor, wir könnten zu ihm nach Hause gehen, wo seine Frau mit seinen beiden Kindern war. Wir könnten dort duschen und schlafen.

Ich war total froh und dankbar über das Angebot, schien es mir doch bei Leas Zustand unmöglich mit ihr heute noch zurück nach Jerusalem zu fahren. Sam brachte uns zu seiner nicht weit entfernt gelegenen Wohnung, wo seine Frau, die er telefonisch benachrichtigt hatte, schon damit begonnen hatte, Matratzen auf dem Fußboden des Schlafzimmers auszubreiten. Nachdem Lea sich etwas in der Waagrechten regeneriert hatte, machte sie von dem Angebot der Dusche dankbar Gebrauch.

Die Wohnung war klein, sauber und für arabische Verhältnisse fast puristisch eingerichtet. Sams Frau hieß Mayari, wirkte sehr jung und hatte schöne, lange schwarze Haare. Die Beiden sprachen untereinander ebenfalls Englisch, da Mayari, wie sie uns erzählte, von den Philippinen kam und kaum Arabisch sprach. Vor unser Ankunft hatte sie sich mit den Kindern im Alter von 1 und 3 Jahren im abgedunkelten Zimmer ausgeruht.

 

Während Lea duschte, unterhielt ich mich mit ihr. Mit 12 Jahren hatte sie die Philippinen verlassen, da sie aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammte und dort keine Perspektive für sich sah und war nach Jordanien gegangen, um dort in einer Kosmetikfabrik zu arbeiten. Ihre Mutter war Christin, ihr Vater Muslim, was keine Seltenheit in ihrem Land sei. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie wieder einige Jahre bei ihrer Familie in ihrem Heimatland verbracht und sich um ihre Mutter gekümmert, doch all das war für sie ohne Zukunft. Daher entschied sie nach Israel zu gehen, wo sie nun in Palästina verheiratet ist.

Sie klang nun zufrieden mit ihrer Situation, doch es sprachen gleichzeitig noch viele unerfüllte Wünsche aus ihren Worten. Gerne wäre sie näher bei ihrer Familie, hätte sie finanziell besser mit unterstützt und allgemein schien die hiesige Kultur für sie fremd und sie beschrieb es als quasi unmöglich für sie, ein richtiger Teil dieser engen Gemeinschaft zu werden und engere Freundschaften zu schließen.

Nachdem auch ich geduscht hatte, ruhten wir uns noch etwas auf den Matratzen aus und mittlerweile war auch Lea davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, hierzubleiben, nicht zuletzt deshalb, weil wir auch noch in den Genuss eines Ramadanfestes mit der Großfamilie kommen sollten.

Die zum Leben erwachte Stadt

Gegen Abend kam die ganze Familie zusammen und es wurde gemeinsam für das Ramadanessen nach Sonnenuntergang gekocht. Als Gästen wurde uns nicht gestattet mitzuhelfen, stattdessen sollten wir uns auf den Balkon setzen und dort auf das Essen warten. Wir taten, wie uns befohlen und nutzten die Zeit, um etwas Tagebuch zu schreiben, auch wenn der heutige Tag offenbar noch nicht zu Ende war.

Kurz nachdem man den Gesang des Imams laut aus den Lautsprechern aller umstehenden Moscheen gehört hatte, wurde das Essen serviert und das Fastenbrechen eingeleitet. Gemeinsam versammelten sich alle am Tisch und in großen Portionen wurden die Köstlichkeiten gereicht.

Es gab Nudelsuppe, Reis, Salat, Bohnen, scharfe Soßen und Joghurt. Es war wirklich ein sehr besonderes und schönes Erlebnis für uns einfach mit dabei sein zu dürfen und das Fastenbrechen mit der Familie zu erleben. Nach dem Essen bekamen wir noch sehr süßen Tee mit Salbei serviert, den wir im Dunkeln auf dem Balkon schlürften, auf die Lichter der Stadt blickend. Etwas müde dachten wir, dass nun das Ende des Tages gekommen sei, doch stattdessen wurden wir dazu aufgefordert, noch etwas durch die wieder zum Leben erwachte Stadt zu laufen. Ich entschied mich diesmal dazu lange Kleidung und Kopftuch zu tragen und vergewisserte mich vor Aufbruch noch einmal, dass es richtig gewickelt war.

Wir gingen aus dem Haus und standen wenige Schritte danach an einem kleinen Kreisel, den ich abfotografierte, um sicher zu stellen, dass wir das Haus unserer lieben Gastgeber wieder finden würden. Noch während ich das Foto machte, kam ein Ladenbesitzer auf uns zu, bat uns hinein und begann uns zu so später Stunde starken arabischen Kaffee zu kochen. Seine Schwester war ebenfalls im Laden, sie sprach aber leider kein Englisch. Also waren wir keine 50 Meter weit gekommen und befanden uns nun schon wieder Kaffee trinkend bei netten Leuten. Das passiert auch nur an einem Ort, dachte ich mir, an dem Gastfreundschaft, Emotionalität und Offenheit auf eine lustige Art und Weise miteinander verbunden werden. Einfach wunderbar!

Im Laden unterhielten wir uns freundlich miteinander und mussten sehr lachen, als wir nach unserem Alter gefragt wurden und die Verwunderung der Schwester des Ladenbesitzers merkbar ins Unendliche stieg. Ich in Kopftuch, Lea in T-Shirt und knielanger Hose hatte die Dame ohne Zweifel glauben lassen, ich sei Leas Mutter! Im besten Falle hatte sie mich auf 30 geschätzt, Lea auf 12. Zum Glück konnten wir alle darüber lachen und ich entschied darauf den weiteren Abend besser ohne Kopftuch zu verbringen.

Der misslungene Haarschnitt von Jericho

Abdel, der Mann aus dem Laden, bot an, uns noch etwas in Jericho herum zu führen und wir nahmen das Angebot an. Aber so wie der Zufall es wollte, kamen wir auch diesmal nicht weit, denn noch in der selben Straße fand sich ein leerer Friseursalon und da ich schon seit langer Zeit meine Haare ein wenig kürzen wollte, war das eine hervorragende Gelegenheit! Die Preise in Israel sind dafür recht hoch und mein Budget sehr klein. Ich war begeistert und ergriff die Chance mir hier die Haare schneiden zu lassen. Die Tatsache, dass es schon weit nach Mitternacht war spielte weder für unsere Begleitung noch für mich, noch für den Friseur eine Rolle.

 

Ich setzte mich auf einen quietschenden und wackeligen Drehstuhl vor einem etwas rostigen Spiegel. Überall standen Sprayflaschen, Geldosen, Rasierer und allerlei Fläschchen herum. Lea und Abdel setzten sich hinter mich. Ich öffnete meine Haare, strohig standen sie in alle Richtungen ab. Das Tote Meer, die Sonne und der Strand hatten ihnen sichtlich zu schaffen gemacht, also war es nur gut, dass sie jetzt wieder in Form gebracht wurden.

Doch wie erklärt man einem arabischen Friseur, der kein Englisch spricht, dass man die Spitzen geschnitten haben möchte, eine leichtfallende Stufe und vorne etwas kürzer als hinten. Darüber hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Ich zeigte mit vielen Gesten, wie das Ganze sein sollte, Abdel versuchte sich an einer Übersetzung, doch das half alles nicht. Mir wurde das Wlan-Passwort genannt und ich suchte nach Bildern auf meinem Telefon. Als ich ein annähernd geeignetes Bild gefunden hatte schaute der Friseur etwas ratlos drein.

Dann griff er beherzt zu einer Schere, die aussah wie eine uralte, rostige Kinderbastelschere. Und genauso fühlte ich sein erster Schnitt auch an! Es ziepte fürchterlich, als er sehr ruckartig ein paar Spitzen abschnitt, während er immer wieder beteuerte, wie schön doch meine Haare seien und es überhaupt nicht nötig sei, etwas daran zu verändern.

Hätte ich mal besser auf ihn gehört! Angestrengt versuchte der Arme mit einem viel zu eng gezinkten Kamm durch meine filzigen Haare zu kämmen. Ich schrie daraufhin ganz laut „AUA“, sodass ihm vor Schreck der Kamm aus der Hand fiel. Wenigstens hatte er nun verstanden, dass es mit dem Kamm so nicht weiter gehen konnte, scheinbar mangelte es jedoch an Alternativen.

Also schnippelte er ohne zu Kämmen noch etwas weiter, er versäumte es auch einen Scheitel zu ziehen, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, aber da war dann auch schon eigentlich alles verloren! Während ich die „Katastrophe“ näher rücken sah, knipste Lea munter Bilder von dem Spektakel. Der Friseur gab zu bedenken, dass er sonst eigentlich nur Männern die Haare schnitt. Ich entschied bei einem verzweifelten Blick in den Spiegel, es dabei bewenden zu lassen und das Drama zu beenden. Der freundliche Friseur gab mir zu verstehen, dass ich den vereinbarten Preis nicht zahlen musste. Während ich mir vor dem Spiegel jetzt doch lieber wieder das Kopftuch überzog, kramte er irgendwo unter dem Tresen noch ein paar alte Haarklammern hervor, die er mir zum Abschied schenkte.

Wir gingen noch eine kurze Runde mit Abdel durch einen kleinen belebten Park, ich war immer noch begeistert davon, wie belebt die arabischen Städte nachts an Ramadan waren. Als kleine Kinder mit Steinen zu werfen begannen, machten wir uns auf den Rückweg und verabschiedeten Abdel an seinem Laden. Als wir wieder bei unseren lieben Gastgebern ankamen, wollte ich meinen katastrophalen Haarschnitt erst einmal in Ruhe vor dem Spiegel betrachten, aber die Sache war klar: Das war gar kein Haarschnitt mehr! Ich bat um eine Schere und versuchte nun auf eigene Faust den Schaden zu begrenzen. Schließlich wollte ich wenigstens die Seiten wieder halbwegs gleich lang haben! Als Mayari das sah, rief sie auf der Stelle eine nahe Verwandte an, die professionelle Friseurin für Frauen war und die Arme wurde gleich bestellt, um mir nun unverzüglich die Haare zu schneiden. Es war nun bereits zwei Uhr nachts!

Wir gingen zu ihr. Als wir ankamen, legte sie energisch die Shisha beiseite, lief zackig ins Bad und holte Kamm und Schere. Auf dem Balkon zurück, begann sie nun mit schnellen, entschlossenen Bewegungen und ohne viel Nachgefrage an meinen immer kürzer werdenden Haaren zu schneiden. Im Anschluss daran föhnte sie das Ganze noch über eine Rundbürste und schlug vor, auch noch meine Augenbrauen zu zupfen. Ich nahm das Angebot an und zu meinem Erstaunen, war das Ergebnis eine deutliche Verbesserung und übertraf meine Erwartungen. Ob mir die Frisur zu Hause auch noch gefallen würde? Aber nun waren wir ja in Palästina.

 

Das 2. Ramadanessen

Nach deutlicher Korrektur des ersten Haarschnittes wurde bei unserer Gastfamilie das 2. Ramadanessen vorbereitet, um sich auf die tägliche Fastenzeit vorzubereiten. Obwohl es Kindern grundsätzlich auch während Ramadan gestattet ist tagsüber zu essen und zu trinken, nehmen auch die ganz kleinen Kinder an der nächtlichen Mahlzeit teil. Es war für uns wirklich eigenartig zu erleben, wie sich hier der gesamte Tag-Nacht-Rhythmus verschoben hatte und das ganze Leben sich scheinbar nun in der Nacht abspielte. Da wir beide uns jedoch noch nicht an diesen Rhythmus gewöhnt hatten, mussten wir nach einem kleinen Snack zu so später Stunde dringend schlafen.

Es war für uns kaum vorstellbar, wie man um diese Zeit noch frittierte Pommes, Gemüse, Brot und Kartoffeln essen konnte.

Gegen halb vier nachts machten wir uns völlig erschöpft auf den Weg ins Bett, das aus einem großen Matratzenlager auf dem Fußboden im Schlafzimmer der Familie bestand. Noch vor den kleinen Kindern schliefen wir super müde ein.

Im Gegensatz zu ihnen planten wir jedoch auch wieder früh aufzustehen, um noch die weiteren Städte der Westbank zu besuchen. In bunte Decken gehüllt fragte ich mich beim Einschlafen noch, wie wir der Familie für ihre riesige Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft danken könnten.

Arabische Soaps und schlaflose Nächte

Frühes Aufstehen und dann eine zügige Weiterfahrt nach Nablus waren geplant, jedoch scheiterte dieser Plan hoffnungslos aufgrund einer Häufung unglücklicher Umstände. Während ich tief und fest schlief, lag Lea die ganze Zeit wach und drehte sich von einer Seite auf die andere. Das frühe Aufstehen scheiterte leider an Leas missglückten Versuchen mich aus meinem komatösen Schlaf wach zu rütteln, aber nach dieser Erfahrung wusste sie wenigstens, wie es mir die ganze Reise über mit ihr ergangen war.

 

Als ich dann deutlich später als geplant wach wurde, berichtete Lea mir sogleich, was sie davon abgehalten hatte überhaupt zur Ruhe zu kommen. Die ganze Nacht über war der Fernseher im Schlafzimmer an und es liefen lauter arabische Soaps: Frauen ohne Kopftuch und arabische Klischees und auf uns äußerst belustigend wirkende, übertrieben spielende Schauspieler. Auch berichtete Lea, ein Kind habe die ganze Nacht über gehustet. Irgendwann in der Nacht klingelte wohl auch noch ein schriller Wecker und niemand außer Lea schien das Klingeln gehört zu haben. Da lobte ich mir doch meinen festen Schlaf! Als wir dann endlich aufstanden schlief die Familie noch. Wir packten mucksmäuschenstill unsere Sachen und ohne die Kinder zu wecken, verabschiedeten und bedankten wir uns herzlich und brachen auf.

In der Stadt hatten wir nach einigem Durchfragen endlich die Haltestelle für den Shuttlebus nach Nablus gefunden. Es scheint jedoch so zu sein, dass arabische Busse normalerweise erst dann fahren, wenn sie voll sind. Als wir an der Haltestelle ankamen, waren wir die einzigen potenziellen Passagiere. Wir wurden aufgefordert, uns auf einen kleinen, staubigen Bordstein zu setzten und zu warten, bis der Bus käme. Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit in der Wärme, während wir nur so dahin schmolzen.

Irgendwann kam dann noch ein Mann, der ebenfalls nach Nablus wollte. Es brauchte keinen Matheleistungskurs, um sich auszurechnen, dass, wenn die Passagiere weiter in dieser Frequenz eintreffen würden und man der Information glauben schenken durfte, dass der Bus nur voll losfahren würde, wir mit größter Wahrscheinlichkeit heute nicht mehr in Nablus ankommen würden. Geduldig warteten Lea und ich weiter, ohne uns aus der Ruhe bringen zu lassen, mit der Gewissheit, dass bisher immer alles geklappt hatte und es irgendwann weiter ging, ob man es glaubte oder nicht.

 

Auch diese Weisheit hat sich diesmal wieder bestätigt, denn nach endlosem Warten kam endlich ein gelber und ausnahmsweise sogar gekühlter Bus, der uns ans Ziel bringen sollte. Ein paar wenige Gäste stiegen ein, vermutlich schlief der Rest der Stadt noch ebenso wie unsere Gastfamilie. Vermutlich war dem Fahrer nach weiterem Warten auch klar, dass der Wunsch nach einem vollen Bus heute nicht mehr in Erfüllung gehen würde und beschloss daher ziemlich leer loszufahren.

Die skurrile Seifenfabrik von Nablus

Nach unser Ankunft in Nablus liefen wir eine kleine Runde durch die palästinensische Stadt und waren verwundert darüber, dass trotz Ramadan so viel Leben in der Stadt herrschte, verglichen mit Jericho. Wir verschafften uns zunächst nur einen kurzen Überblick. Dabei bekamen wir eine Handynummer von einem jungen, arabischen Kosmetikverkäufer zugesteckt. In einem kleinen Hotel in der Innenstadt durften wir netter Weise unser schweres Gepäck für die Zeit des Stadtbesuches stehen lassen, so mussten wir nicht mit all den Sachen durch die sengende Hitze laufen. Das war toll! Unsere Wertsachen nahmen wir gemeinsam in einem kleinen Rucksack mit.

Im Schatten auf den Stufen vor dem Hotel entnahmen wir dem Reiseführer, unserem treuen Freund, dass Nablus berühmt für seine Süßigkeiten, traditionelle Olivenölseife und seine geschäftigen Märkte sei.

Seit mehr 1000 als Jahren wird in Nablus Seife aus Olivenöl hergestellt und bis heute sei sie das wichtigste Exportgut der Stadt im Norden von Palästina. Dem Reiseführer zufolge sei eine Besichtigung der Nabluser Seifenfabrik absolut lohnenswert.

Voller Neugierde machten wir uns auf den Weg, schlängelten uns durch duftende Lebensmittelläden und über stinkende Tiermärkte, bis wir uns irgendwann in einer kleinen Gasse mit hohen Steinmauern wiederfanden und vor einer winzigen, dunkel gestrichenen Tür standen, an der ein kleines dran genageltes Schild uns bestätigte, dass wir uns vor der berühmten, traditionellen Seifenfabrik der Stadt befanden.

Etwas zögerlich traten wir durch die Tür in einen dunklen, stark riechenden Raum ein. Ein paar Arbeiter saßen in völliger Lethargie auf ein paar abgewetzten Sesseln um ein kleines Fenster herum und schienen bei unserer Ankunft keinerlei Notiz von uns zu nehmen, was in der arabischen Welt scheinbar an das nahezu Unmögliche grenzte.

Auf einem etwas abgeblätterten Schild entnahmen wir die Information, dass die Nabluser Seifen – aus allerbester Qualität – aus Olivenöl erster Pressung, Wasser und einer Natriumverbindung hergestellt seien. Die Seifen werden scheinbar in kleinen, würfelförmigen Stücken produziert, die alle den Prägestempel der Fabrik tragen.

Wir schauten uns etwas in dem seltsam anmutenden Gebäude um. Überall standen Töpfe und Formen mit diversen Ingredienzien herum. Die Unordnung und Dunkelheit im Raum erinnerten mich eher an einen alten Keller, als an ein geöffnetes Museum. Nach kurzweiliger Besichtigung entdeckten wir eine kleine, lauschige Sitzecke am Ende des Raumes. Rote Wollbezüge verpackten die muffigen Sofakissen und der Staub hatte sich in einer dicken Schicht wie frischer Schnee über die heimelig eingerichtete Ecke gelegt. Hier saßen wir nun, nicht einmal wissend, ob irgendwer von uns Kenntnis genommen hatte und plötzlich schien uns in diesem Moment nichts naheliegender, als hier eine kleine Mittagspause einzulegen. Doch nachdem wir uns kurz gesetzt hatten, schafften wir es nur mit maximaler Willenskraft wieder aufzustehen. Die Luft hier war betäubend, fast schwindelerregend, sodass wir befürchten mussten, in einen Narkose ähnlichen Schlaf zu verfallen, unfähig rechtzeitig wieder zu erwachen und aufzustehen. Also zwangen wir uns zum Aufbruch.

 

Im Freien atmeten wir erst einmal tief durch, doch unsere Freude währte nicht so lange. Wir setzten unsere Stadterkundungstour fort und liefen durch ein recht verlassen wirkendes Viertel mit leerstehenden Gebäuden und hohen Mauern. An der Mauer befanden sich zahlreiche Schilder und Infotafeln, die die palästinensische Geschichte an diesem Ort erläuterten. Eine Geschichte, den gegebenen Informationen zufolge, geprägt von Unterdrückung und Folter. Die Tafeln berichteten ebenfalls über die lange Tradition von politischem Aktivismus und den Kämpfen der ersten und zweiten Intifada an erster Front. Dies führte laut Infotafeln dazu, dass die Stadt zu einem Brennpunkt bei den Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und den Palästinensern wurde. In Folge dessen mussten die Menschen in der Stadt laut hiesiger Information mehrere Tage mit 24-stündigen Ausgangssperren und massive Zerstörung von Häusern und Gebäuden durchmachen.

Bei all meinen Besuchen in palästinensischen Städten bekam ich immer wieder das Gefühl, dass die Menschen hier mit aller Kraft darum kämpfen, gehört zu werden und die Welt sehen zu lassen, dass die Palästinenser immer noch in Unterdrückung und Ungerechtigkeit leben müssen. Das Ganze lässt mich mit einem Gefühl von Traurigkeit und Ratlosigkeit zurück, denn Geschichten von Verlust und Schmerz sind wohl auf beiden Seiten im Überfluss vorhanden und eine für alle gute Lösung scheint nicht in Sicht.

Ausreise durch Hochsicherheitscheckpoint in Ramallah

Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Ramallah, dem Zentrum Palästinas. Doch nachdem wir eine Weile die Stadt erkundet hatten, verließ uns langsam unsere Energie. Es war heiß und wir waren doch noch sehr müde. Die Atmosphäre aus schreienden Händlern, hektischer Betriebsamkeit, Trubel durch viele Menschen und der ungeordnete, lärmende Verkehr waren uns gerade anstrengend. Plötzlich sah ich voller Begeisterung den stolzen Händler, bei dem ich einst unsere Goldfische gekauft hatte. Ich führte Lea zu ihm, damit sie die Tiere aus der Nähe betrachten konnte. Er hatte zu meiner Freude immer noch kleine und große goldene Fische im Angebot, doch diesmal ließ ich mich nicht verführen.

Als wir später wieder am Busbahnhof ankamen, war zu unserer großen Verwunderung alles wie leergefegt, keine Busse waren mehr da, nur noch ein paar Taxifahrer standen lässig an ihre gelben Autos gelehnt. Doch eigentlich wollten wir jetzt den Bus nach Jerusalem zurück nehmen, aber die arabischen Busfahrzeiten lassen sich nunmal für unsereins keinesfalls planen. Ein Fahrer, der unsere Verwunderung bemerkt hatte, kam auf uns zu und lieferte uns eine Erklärung. Er behauptete, dass wegen Ramadan keine Busse mehr fahren würden und bot uns sehr zuvorkommend eine Fahrt zum Checkpoint an.

Der Taxifahrer nannte einen horrend hohen Preis für eine Fahrt zum Checkpoint, doch ich hörte in diesem Moment gar nicht richtig hin, denn ich sah aktuell sowieso keinen Sinn darin hier zu verhandeln. Angesichts Leas offensichtlicher Anspannung war ein Handlungserfolg sowieso aussichtslos. Ich hatte dennoch das sichere Gefühl, dass wir heute schon irgendwie wieder zurück nach Jerusalem kommen würden. Ich sah meine Aufgabe zunächst vorrangig darin Lea zu beruhigen, als eine Lösung für das eigentliche Problem zu finden.

Als Lea sich beruhigt hatte, bat ich einige Passanten um Rat, wie wir heute noch nach Jerusalem reisen konnten. Zu unserer Freude hatten sie sogleich eine einfache Lösung für unser Problem parat.Sie lotsten uns schnell und eindeutig in die Richtung, wo wir nach ihren Auskünften noch in einen Minibus zum Checkpoint springen konnten.

Wir folgten ihren Anweisungen und keine 5 Minuten später, platzierten wir uns auf dem Boden eines klapprigen, übervollen Busses, der uns für weniger als einen Euro zum Checkpoint fuhr. Der Fahrer wollte mit Sicherheit pünktlich zum nächtlichen Essen wieder zu Hause sein und nicht irgendwo im Verkehrschaos stecken, weshalb er ungefähr so schnell wie auf einer deutschen Autobahn durch die engen, kurvigen Straßen raste und in etwa so vorsichtig wie beim Autoskooter fuhr!

Am Checkpoint herrschte reger Betrieb, wir mussten über eine Stunde in dem einschüchternden Gebäudekomplex warten. Für uns war dies schon eine anstrengende und aufregende Prozedur, aber wir taten das freiwillig. Dabei musste ich die ganze Zeit an die Menschen denken, die hier jeden Tag Stunden ihrer Lebenszeit verwarteten, um zu ihrer Arbeit zu gelangen oder ihre Familie zu besuchen, ohne die Gewissheit, ob es jedes Mal wirklich klappen würde und ob sie wirklich ausreisen durften. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, begann ein fein gekleideter Mann mit Aktentasche auf uns einzureden. Er sei Arzt und müsse den Checkpoint täglich passieren, um zu seiner Arbeit zu gelangen. Aus seinen Worten sprachen Frust, Zorn, Verzweiflung und das Gefühl menschenunwürdig behandelt zu werden. Es machte mich wie jedes Mal wieder traurig, zu sehen wie viel Hass und Wut sich in diesem kleinen Land angestaut hat.

Nach langem Anstehen passierten wir zwei schwere Drehkreuze, worin wir fast mit unseren großen Rucksäcken stecken blieben. Als nächstes wurden wir dann dazu aufgefordert unser gesamtes Gepäck durch das riesige Scanngerät fahren zu lassen, während wir unsere Ausweise zwei jungen Soldaten hinter einer Glasscheibe zuschoben. Lea erhielt ihren Pass unverzüglich zurück und durfte ungehindert und ohne jegliche Befragung ihren Weg Fortsetzten. Ich wartete und sah nur wie sich die beiden Soldaten auf hebräisch austauschten, mit ernstem Blick in meinen Pass. „Das Ägyptenvisum!“, schoss es mir kurz durch den Kopf. Aber eigentlich sollte dies doch kein Hinderungsgrund sein. Ich stellte mich emotional schon auf eine extra Sicherheitsbefragung ein. Doch kaum hatte ich dies zu Ende gedacht, wurde ich in kaltem Tonfall zur Seite zitiert und die Frau in Uniform erklärte mir sehr nüchtern und ohne jegliche Emotionen, dass ich nicht Ausreisen dürfte, da mein Visum abgelaufen sei. Daraufhin erklärte ich ihr in ebenso ernstem Tonfall, dass mein Reentry-Visum zwar abgelaufen sei, mein Volontärsvisum jedoch keineswegs und deutete auf die entsprechende Stelle in meinem vom vielen Vorzeigen schon leicht zerfledderten Ausweis. Unvermittelt sagte die Dame ohne eine Miene zu verziehen: „So you can exit!“ Und drückte mir meinen Pass in die Hand.

Irritiert nahm ich mein Gepäck vom Band und folgte dem Tunnel nach draußen. Ich fragte mich, was einem an diesen Checkpoint noch so alles widerfahren konnte. Auf der anderen Seite des Checkpoints wartete Lea. Später zwängten wir uns dann in einen total überfüllten Bus, der uns wieder zurück nach Jerusalem brachte.

Zuhause duschten wir übermüdet und glücklich über diese ganz und gar herrliche Tour. Fast benommen waren wir noch von den Erlebnissen unserer kleinen Rundreise und etwas wehmütig und gleichzeitig berauscht sprachen wir noch einmal über all die kleinen und großen Begegnungen, die wild in unseren Gedanken herum schwirrten und dass die Reise wie im Flug vergangen war, prall gefüllt mit Erinnerungen.

 

Leas große Überraschung – Fallschirmspringen

Als wir aus allen Wolken fielen

Der Ort und der Sternenhimmel waren grandios, die Nacht jedoch kurz und unerholsam. Als um kurz nach 4.00 Uhr der Wecker zum Tagesaufbruch klingelte, hatten wir ein paar durchfrorene Stunden hinter uns, da wir nicht damit gerechnet hatten, dass es hier so kühl und außerdem so windig werden würde.

Müde und zitternd packten wir unsere Sachen zusammen, ob wir vor Kälte oder vor Aufregung zitterten, konnte ich nicht mit letzter Gewissheit unterscheiden, schließlich hatten wir Aufregendes vor!

Von unserem Nachtlager an der ägyptischen Grenze, machten wir uns zu Fuß auf in Richtung Flughafen, wo ich für Lea eine Überraschung organisiert hatte, zu der wir pünktlich erscheinen mussten.

Wir hatten die Wegstrecke leider etwas unterschätzt und zu so früher Stunde war auch kein Autoverkehr unterwegs, der uns ein nennenswertes Stück hätte mitnehmen können. Eine bessere Alternative wäre wohl eine Aufstehzeit von 3.15 gewesen, um nicht in Hektik verfallen zu müssen. Doch dann hatten wir doch noch Glück, ein Taxifahrer hielt neben uns und bot an, uns „for free“ ins Stadtzentrum zu fahren, da er gerade seine Schicht beendet hatte und sowieso dort hin musste. Die kostenlose Fahrt in einem offiziellen Taxi kam uns wirklich vor wie ein Segen, als wir kurz darauf nun überpünktlich am noch geschlossenen Flughafen standen.

In einem nahe gelegenen Kaufhaus hatten wir noch genug Zeit um Geld abzuheben und noch einmal die Toilette aufzusuchen, denn jetzt machte sich doch die Aufregung und Neugierde in uns breit: Fallschirmspringen lautete das Projekt des heutigen Tages!

Am Flughafen wurden wir von einem freundlich lächelnden Amerikaner namens Ray empfangen, der uns beim Hereintreten in den Flughafen gleich sicher als seine Kunden identifizierte und uns unsere schweren Rucksäcke abnahm. Nur mit unseren Reisepässen ausgestattet, mussten wir uns auch hier der israelischen Sicherheitskontrolle unterziehen, bevor wir uns in den Abflugbereich des Flughafens begeben durften.

Zunächst wollten mir die Beamten erklären, dass die Kontrolle etwas länger dauern werde und ich noch gesondert aufgrund meines Ägyptenvisums im Pass befragt werden müsse, doch als wir den Securitymännern erklärten, dass wir nur Fallschirmspringen gehen wollten, war die Befragung damit quasi schon beendet.

Wir wurden auf das Rollfeld geführt, wo ein weiterer Amerikaner namens Dan kam und uns unsere schweren Gurte anlegte, mit denen wir später an unseren Tandempartnern und am Fallschirm befestigt werden würden.

Danach standen wir eine Weile nervös auf dem Rollfeld herum und spekulierten darüber, aus welcher Maschine wir denn wohl springen würden. Nicht weit von uns entfernt stand ein kleines Flugzeug, welches gerade von etlichen Leuten umringt wurde, die alle lauthals miteinander diskutierten und so aussahen, als versuchten sie irgendeine Art von Reparatur vorzunehmen.

Dann gab uns einer der Guides zu verstehen, dass unser Flugzeug eine Maschine gleichen Typus sei und nur wenige Meter weiter geparkt wäre. Die Maschine, in die wir nun mit den beiden Guides einstiegen, wirkte genauso klapprig und marode wie die andere Maschine, an der gerade die Reparatur durchgeführt wurde.

Vorne saß der Pilot in einem winzigen Cockpit. Wir zwängten uns mit den Tandempartnern in den kleinen Hinterraum des Fliegers, der mich von der Größe und vom Aussehen an die Ladefläche eines alten VW Golfs erinnerte.

Nach einigen abschließenden Kontrollen wurde der unglaublich laute Motor der Maschine gestartet. Das Geräusch klang für mich wie ein Betonmischer, den man mit Kieselsteinen gefüllt hat. Lea saß am Fenster, ich an der Tür, welche noch offenstand, als wir schwungvoll über das Rollfeld brausten. Ich fragte mich kurz, ob man die Tür überhaupt auf dem Flug schließen werde, doch kurz vor dem Abheben, wurde die schwergängige Tür doch noch zugezogen, der Lärmpegel blieb dennoch derselbe. Eng aneinander gepfercht saßen wir in dem kleinen Flugzeugraum und bewunderten die Landschaft von oben, während der Pilot in großen Kreisen immer höher flog.

Unter uns war das tiefblaue Meer, kleine Bote waren auf dem Wasser gut erkennbar. Wir sahen die Hotels in Elat und ließen unsere Blicke über alle Grenzen hinweg nach Jordanien, den Sinai und bis nach Saudi Arabien schweifen. Das Land war die ganze Zeit klar und deutlich erkennbar, aber ein Gefühl für die Höhe hatte man hier oben nicht mehr. Ab und zu warfen unsere Tandempartner einen Blick auf die Höhenmesser an ihren Handgelenken. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir dann endlich die 3000er Marke erreicht.

 

Mein Tandempartner zurrte meinen Gurt noch einmal ganz fest, sodass ich mich kaum noch bewegen konnte. Dann wurde die kleine lukenartige Tür wieder aufgeschoben und es ging sofort los.

Gemeinsam krabbelten wir zum Ausgang, ich erhaschte einen kurzen Blick nach unten in die Tiefe und im nächsten Moment befanden wir uns auch schon im freien Fall. Die kühle Luft, die mir entgegenschlug ließ mich erahnen, dass wir hier schon ganz schön hoch oben sein mussten. Ich war überrascht, denn ich hatte mir den Absprung aus dem Flugzeug wie eine Achterbahnfahrt vorgestellt, wobei man wild hin und her geschleudert wird, ohne jegliche Kontrolle. Aber nein, ganz im Gegenteil, es fühlte sich an wie ein Luftkissen, auf dem man lag und das war für mich ein sicheres und faszinierendes Gefühl.

 

Es war unvorstellbar, dass wir mit 200 km/h einfach so dahin segelten. Die 30 Sekunden im freien Fall waren so schnell vorbei! Plötzlich ruckte es und ich wurde von einer kopfabwärts gerichteten Position in die Senkrechte gerissen. Der Fallschirm hatte sich geöffnet. Mit einer immer noch schnellen Geschwindigkeit segelten wir in Kreisen über das Meer hinweg. Es war ein atemberaubend, spektakuläres Gefühl und ein wahnsinnig toller Ausblick und ich konnte gar nicht richtig realisieren, was gerade geschah. Aber noch während wir dem Boden entgegensegelten, fasste ich den Entschluss, dass dies nicht mein letzter Sprung aus einem Flugzeug bleiben sollte. Sachte landeten wir kurz darauf im Sitzen auf dem sandigen Boden und wurden von einem schon bereit stehenden Jeep abgeholt und zurück zum Flughafen gebracht, wo wir unser Gepäck abholten und uns noch einmal herzlich für dieses unvergessliche Erlebnis bedankten.

Wodka statt Frühstück dank Omer Adam

Noch ganz erfüllt von dem gewagten Sprung, liefen wir zum Stadtrand, um uns kurz zu erfrischen, das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen und über den weiteren Tagesverlauf zu entscheiden. Als wir am Strand ankamen, war es noch nicht einmal 8.00 Uhr, dennoch waren schon erstaunlich viele Menschen am Strand. Ich sprang mit meiner Kleidung geradeaus ins Wasser, während Lea noch nach ihrem Bikini kramte. Wir blieben lange im erfrischenden, aber keineswegs kalten Wasser und tauschten uns über unsere Eindrücke und Emotionen aus. Lea berichtete dann, sie wäre vor der Landung noch kurzzeitig mit dem geöffneten Schirm in den Jordanischen Luftraum getrudelt. Es überraschte mich sehr, dass dies einfach so möglich war, ohne abgeschossen zu werden.

Als wir uns wieder aus dem Wasser begaben, stand ich in meiner nassen Kleidung am Strand, was für mich, angesichts der drastisch hohen Temperaturen, nicht weiter ein Problem darstellte. Der Mann auf der Liege neben uns schien das jedoch anders zu sehen und bot mir ein weißes Handtuch an, das neben ihm auf der Liege lag und ganz eindeutig aus einem Hotel stammte.

Wir kamen ins Gespräch und der Mann machte kein Geheimnis daraus, wer er war. Er hatte heute Abend hier in Elat in der Nähe des Strandes einen Auftritt, denn er spielte Trompete in der Band von Omer Adam! Dies ist wohl mit Abstand der bekannteste israelische Sänger, welcher in seinen Liedern die traditionellen Klänge mit moderner Popmusik verbindet.

Der freundliche Herr fragte uns, ob wir etwas trinken wollten, woraufhin wir beide ganz dankbar nickten, denn schließlich hatten wir noch nichts gefrühstückt! Ich erinnerte mich auf einmal auch wieder an die Abschiedsworte unseres Tandemguides, denn er riet uns dazu, etwas Zuckeriges zu uns zu nehmen nach all der Aufregung.

Doch statt eines Kaffees, Tees oder Saftes, der uns vorschwebte, zog der Trompeter zu unserem großen Schreck eine volle Wodkaflasche aus seiner Handtasche und befüllte uns jeweils einen Einwegplastikbecher damit. Das war ja ein schönes Missverständnis. Der nette Herr schien Anderes zum Frühstück zu bevorzugen als wir.

Vorsichtig nippte ich an dem Getränk und es brannte sogleich auf meinen Lippen. Wahrscheinlich konnte ich meinen Widerwillen nicht so richtig verbergen, woraufhin er uns nun fröhlich auch noch einen Energydrink reichte, um ihn dem Wodka beizumischen.

Um die Sache nun möglichst schnell zu beenden, ohne dabei das Gesicht zu verlieren, kippte ich das Gemisch zügig herunter. Lea drückte mir daraufhin mit sehr eindringlichem Blick ihr Getränk in die Hand. Ich nahm noch einen Schluck von ihrem, doch bereute ich dies im nächsten Augenblick sofort, denn dies sah der Trompetenspieler als Signal dafür, uns beiden noch mehr einzuschenken. Für Lea und mich unbegreiflich, für den Musiker ganz normaler Alltag: um diese Uhrzeit Wodka zu trinken!

Wir erzählten ihm sogleich, dass wir heute schon einen Fallschirmsprung hinter uns gebracht hatten, aber noch kein Frühstück und dass wir unmöglich weiter mit ihm seinen Wodka trinken konnten. Angesichts der Tatsache, dass wir heute noch nichts zu essen hatten, bestellte er uns sofort eine große „Israelische Humusplatte“ an den Strand und zahlte für uns noch einen Aufpreis, damit wir eine der am Strand stehenden Liegen benutzen durften. Mit Freude aßen wir das frische Brot, die Falafel, Soßen und Salate. Das war besser als Wodka!

Wir plauderten und er befragte uns nach unseren Reiseerlebnissen. Nachdem wir die Mahlzeit beendet hatten, bot er uns an, er könne uns auch noch mehr Essen bestellen – offenbar wirkten wir sehr ausgehungert – und kommentierte meine vielleicht etwas eilige Essweise als „sehr israelisch“. Ich nahm das als Kompliment. Aus Höflichkeit trank ich zum Schluss auch noch den nachgeschenkten Wodka aus und wir tauschten wie immer die Handynummern. Ich zählte schon gar nicht mehr mit.

Anschließend trampten wir zu einem Schnorchelstrand, denn das war der Plan für den weiteren Tag.

Delfine am Schnorchelstrand

Die Unterwasserwelt am Roten Meer ist großartig! So viele und so unterschiedliche Tiere habe ich noch nirgends vorher beim Schnorcheln beobachten können. Man taucht in diese ganz besondere Welt hinab und vergisst dabei vollkommen die Zeit.

Nachher lagen wir nur noch schläfrig am Strand, ob es das frühe Aufstehen oder der Alkoholkonsum vor dem Frühstück waren, ließ sich nicht sagen. Aus unserem Schlaf gerissen wurden wir aber schlagartig, als eine kleine Gruppe freilebender Delphine in unserer Bucht auftauchten. Das war ein ganz besonderer Anblick, mit dem wir beide nicht gerechnet hatten.

Wir konnten sie immer wieder springen sehen. Einige der Badegäste schwammen zu den Tieren hin, wodurch sie nur leider schnell vertrieben wurden. ch hätte sich gerne noch länger beobachtet.

Die Rückfahrt

Die zweite Nacht in Elat verbrachten wir wieder am Strand, nur dass wir diesmal unser Zelt aufschlugen. Wir wollten nicht noch einmal so frieren! Wir entschieden uns für ein abermals frühes Aufstehen, um den Sonnenaufgang von unserem Zelt aus genießen zu können und um dann im ersten Licht schnorcheln zu können.

Einer kurzen Mitfahrbekanntschaft zufolge sei dies die beste Uhrzeit, um die vielen Meerestierchen zu beobachten. Dieser Tipp bewahrheitete sich für uns.

Wir sahen Fischschwärme von tausenden winzig kleiner Fischchen und einzelne Meeresbewohner, die über einen Meter lang und zum Teil auch recht breit gebaut waren. In der Frühe hatten wir ebenfalls das Glück zu sehen, wie die Fische auf Nahrungssuche gingen und konnten sogar voller Faszination hören, wie es klingt, wenn Fische etwas von den Korallen abbeißen.

Auch musste ich mit ansehen, wie ein kleiner türkis-grüner Fisch in einem Bissen von einem nur geringfügig größer erscheinenden Fisch vertilgt wurde. Leider konnten wir auch sehen, dass auch hier die meisten Korallen am Absterben und mehr grau-braun als farbenfroh und bunt waren, obwohl der Zustand der gesichteten Korallen in Ägypten noch weitaus schlimmer zu sein schien.

Nach unserem morgendlichen Tauchausflug wollten wir wieder zurück trampen. Es war jedoch Shabbat, daher rechneten wir wie in allen Feiertagen mit weniger Verkehrsaufkommen. Doch zu unserer Freude wurden wir recht schnell und weit mitgenommen.

Ich unterhielt mich durchweg auf der Autofahrt mit dem netten und lustigen israelischen Fahrer, während im Hintergrund laut die Musik von Bob Marley lief. Der Fahrer war jüdisch, bezeichnete sich selbst weder als sehr religiös, noch spielte die Einhaltung religiöser Vorschriften und Gebote eine wichtige Rolle für ihn. Er hatte noch zwei Söhne in unserem Alter, die momentan ihren dreijährigen Dienst in der Armee absolvierten, so wie es hier für die Jugendlichen üblich ist. Noam, wie er sich bei uns vorstellte, befürwortete die lange Zeit in der Armee. Einerseits sei es gut für die persönliche Entwicklung der jungen Menschen und ihr Wertebewusstsein, andererseits sei es essenziell für die weitere Existenz des jüdischen Staates. Es wirkte auf mich etwas paradox, wie er auf der einen Seite immer wieder sehr abwertend über die arabische Bevölkerung sprach und auf der anderen Seite gerade aus einem ägyptischen Casino zurück fuhr, wo er seine freien Tage verbracht hatte.

Während ich mich unterhielt und noch dazu nicht gerade leise Musik lief schlief Lea tief und fest auf der Rückbank, was etwas zur Erheiterung des Fahrers beitrug. Er kommentierte, dass er beeindruckt sei, wie viel Vertrauen Lea in die Situation und den Fahrer habe, so dass sie sofort in einem fremden Auto eingeschlafen war. Ich erklärte ihm dann, dass dies beides nicht der Fall war. Erstens war ich die Reiseleitung und passte ja auf sie auf und zweitens war sie einfach fürchterlich müde, so dass die Frage, ob Einschlafen oder Wachbleiben sich weitgehend ihrer Kontrolle entzog. Das amüsierte ihn noch mehr und er bot uns zwei Dosen Energydrink an, die bei ihm überall im Fußraum herumflogen.

Ich konnte wirklich nicht nachvollziehen, weshalb so viele Leute hier, dieses ekelhafte Gesöff aus Aromen, Koffein, Zucker und Farbstoffen scheinbar literweise in sich hineinkippten. Wir jedenfalls haben diese Vorliebe nicht entwickelt und lehnten dankend ab.

Nach zwei Stunden Fahrt, musste ich Lea unweigerlich aus ihrem Tiefschlaf wachrütteln und wir mussten in der Wärme weiter trampen. Während ich mich noch quietschfidel fühlte, war Lea nur noch ein Häuflein Elend. Ich hoffte innigst, dass möglichst schnell ein Auto für uns anhalten würde, um einen Hitzekollaps bei Lea zu vermeiden. Wir hatten Glück und waren gegen Mittag wieder auf der Höhe von Jerusalem, wo wir den Tag noch ausnutzten und einen Abstecher nach Jericho einschoben.

 

Wüste, Totes Meer und Elat

Wüstenwind am Toten Meer

Von Nazareth machten wir uns am späten Nachmittag auf zum Toten Meer. Nachdem wir noch etwas die Stadt besichtigt und noch ein paar kleine Kirchen bewundert hatten, ging es weiter.

Vom Norden des Landes trampten wir in erstaunlich kurzer Zeit bis zum Nationalpark En Ghedi, der sich in unmittelbarer Nähe zum Toten Meer befand.

Das Klima bei unserer Ankunft war absolut seltsam. Normalerweise stand die heiße, feucht-schwüle Luft in der Senke beim Toten Meer, aber nun fegte ein trockener Wüstensandsturm über uns hinweg.

Der Himmel wirkte dunkelgrau, zugezogen und angesichts der Wetterlage wurde uns schnell bewusst, dass Zelten hier heute keine Möglichkeit war. Das hätte das klapprige Billigzelt auf keinen Fall mitgemacht! Wir liefen von der Straße, an der wir abgesetzt wurden, einen kleinen steilen Weg zur En Ghedi Field School hoch. Von etwas weiter oben genossen wir den tollen Ausblick, über das Tote Meer bis hinüber nach Jordanien. Es war ein bizarres Gefühl, sich vorzustellen, hier mitten in der Wüste zu sein und hier übernachten zu wollen, ganz allein und weit weg von irgendwelcher Infrastruktur um uns herum. Allerdings stellte sich nun für uns die Frage zunehmend konkret, wo wir denn übernachten könnten, da zelten ja wirklich weiterhin komplett ausgeschlossen war.

Nicht weit von uns entfernt, beobachteten Lea und ich einen Mann mit einem grünen T-Shirt, versehen mit dem Logo des Nationalparks, der mühevoll versuchte auf einer Slackline zu laufen, was mir angesichts des Sturms schier unmöglich erschien. Wir entschieden, ihn um einen Rat zu bitten. Noch während er mir verhalf, ebenfalls auf Socken über die wackelige Leine zu balancieren, bot er uns sogleich und ohne zu zögern an, bei ihm zu übernachten. Er erklärte, er habe gerne lustigen Besuch bei sich zu Hause!

So stellte sich heraus, dass neben uns noch ein Mann aus Australien und ein Ehepaar aus Österreich bei ihm gestrandet waren. Auch seine Mitbewohnerin, die ebenfalls im Nationalpark arbeitete, schien sich mittlerweile daran gewöhnt zu haben, dass fremde Leute ihre Wohnung fluteten und ihr Essen aßen.

Die Wohnung wirkte auf den ersten Blick recht klein, doch wir hatten uns geirrt und so waren Lea und ich umso perplexer, als wir unser eigenes Gästezimmer mit weichen Matratzen auf dem Fußboden zur Verfügung gestellt bekamen. Den weiteren Abend verbrachten wir in einer geselligen Runde mit den anderen Reisenden und zu unserer großen Freude, schlug dann auch noch der australische Gast namens Greg vor, für uns alle zu kochen.

Es gab Reis, verschiedene Gemüsepfannen, Salat, Avokadocreme und Brot. Bei dem Essen überlegte ich, wann ich wohl das letzte Mal so ein leckeres und üppiges Gericht gegessen hatte. Es schien mir schon lange her, es musste auf jeden Fall vor meinem Aufbruch nach Israel gewesen sein. Welch unglaubliche Gastfreundschaft!

Wanderung durch schweißtreibende Hitze

Während nachts der heiße, trockene Wind über die Wüste fegte und jede Menge Sand und Staub aufwirbelte, lagen wir gut geschützt in unserem eigenen kleinen Zimmer auf weichen Matratzen.

Bevor wir uns schlafen legten, ließen wir unsere Blicke noch etwas vom Balkon durch die Landschaft streifen. Alles was wir sahen, war einige Kilometer unbefahrene, sich durch die Berge schlängelnde Straße, die vom Norden bis nach Elat führte. Die Luft war trübe, eine Mischung aus Salz, Dunst und Sand. Dennoch konnten wir auf der anderen Seite des Toten Meeres einige Lichter leuchten sehen. Abgesehen von einigen kleinen Lichtern jordanischer Siedlungen war weit und breit nichts um uns herum. Nur Wüste und scheinbar lebensfeindliche Umgebung und doch ging es uns hier so gut. Wir empfanden es als wunderbares Glück hier in diesem Haus inmitten der Wüste untergekommen zu sein.

Nach einer erholsamen Nacht standen wir wieder einmal früh auf, um der Hitze auf unserer Wandertour durch den En Ghedi Nationalpark ein wenig zu entgehen.

Als wir aufwachten, hatte sich der Sturm gelegt, die Luft war heiß und trocken, am blauen Himmel gab es kein einziges Wölkchen zu sehen. Trotz des frühen Aufstehens, lastete die schweißtreibende Hitze bei jedem Schritt auf uns.

Die geplante Route begann mit einem steilen Aufstieg über einen kleinen, gut ausgewiesenen Pfad, der über ein Geröllfeld führte. Mit jedem Meter, den wir höher kamen, wurde die Aussicht grandioser. Nach dem anstrengenden Anstieg folgten wir einem etwas flacheren, geschlängelten Weg durch die karge, trockene Landschaft. Ab und zu blieben wir stehen und betrachteten die bizarren Stein- und Landschaftsformationen. Überall waren Spuren jahrtausendelanger Erosion zu finden. Von Zeit zu Zeit wehte eine leichte und erfrischende Brise vom Toten Meer zu uns herüber. Jedes Mal brachte sie einen neuen, intensiven Schwefelgeruch mit sich. Dank der frühen Tageszeit und den rauen klimatischen Bedingungen hatten wir das Glück, den ersten Teil unserer Wanderung komplett alleine genießen zu dürfen. Es war herrlich, die Stille und Einsamkeit wahrzunehmen, nach all den vielen, hektischen Eindrücken und den rasant aufeinander folgenden Erlebnissen der letzten Tage und den vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen.

Es tat uns beiden gut, an diesem Ort etwas zur Ruhe zu kommen und die Gedanken schweifen zu lassen. Wir folgten der blau-weißen Markierung und stiegen in eine tiefe Schlucht hinab. Links und rechts ragten nun steile Felswände empor und spendeten sogar kurzzeitig ein wenig kostbaren Schatten. Hier handelte es sich eindeutig um ein ausgetrocknetes Flussbett, obwohl die Vorstellung schier unmöglich erschien, dass hier einst Wasser floss.

Nach weiteren Auf- und Abstiegen erreichten wir in schweißdurchnässten Oberteilen ein Highlight des Nationalparks: Inmitten der kargen Umgebung entsprang Wasser aus einer unscheinbaren Quelle und sammelte sich in weitläufigen Becken. Diese Becken waren nicht nur ein geeignete Ort für Lea und mich, um uns eine erfrischende Pause zu gönnen, sondern stellten auch eine wichtige Oase für seltene, uns unbekannte Pflanzen dar.

Zum Ende unserer Wanderung waren wir wirklich sehr froh so früh gestartet zu sein, angesichts der Touristenmassen, die uns beim letzten Abstieg entgegen kamen.

Danach trampten wir mit deutschen Touristen weiter zu einem schönen Badestrand im Süden des Toten Meeres.

Schwerelosigkeit im Toten Meer

Obwohl ich schon viele Male im Toten Meer gebadet hatte, war es auch dieses Mal wieder ein ganz lustiges, unbeschreibliches Gefühl, als uns beim Hineinwaten in das salzige Wasser die Beine weggezogen wurden.

Plump und träge ließen wir uns ins warme Wasser gleiten und vom Wasser tragen, mit der Gewissheit nicht unterzugehen. Wir genossen das ölig-schleimige Gefühl, dass das Wasser auf unserer Haut hinterließ und sammelten große, klare Salzkristalle, die am Steg wuchsen.

Bevor wir unsere Weiterfahrt Richtung Elat fortsetzten, schossen wir noch ein paar klassische Erinnerungsfotos: mit einer Zeitung in der Hand faul auf dem Wasser dümpeln – im Hintergrund die im Dunst verhüllten Berge Jordaniens.

Wieder einmal: Unglaubliche Gastfreundschaft

Von En Boqeq wurden wir rasch mitgenommen und fuhren mit einem arabischen Busfahrer in einem Minibus knappe zwei Stunden durch die unbesiedelte Wüste.

Die Kommunikation mit dem Fahrer war schwierig, dennoch bekam ich wieder einmal eine Telefonnummer und Lea verdrehte nur noch kopfschüttelnd die Augen, bevor sie müde auf der Rückbank einschlief.

Von Safir, einem kleinen, einsamen und etwas verfallenen Wüstendorf, fuhren wir in einem edlen, gut klimatisierten Sportwagen mit. Am Steuer saß ein älterer Herr, so um die 60 Jahre, mit Bundfaltenhose, Polo T-Shirt und einer protzigen Uhr am Handgelenk. Die Frau neben ihm war deutlich jünger, vielleicht so um die 30, und sehr elegant gekleidet, in langem Abendkleid, mit hochhackigen Schuhen, viel Schminke und einem feinen Handtäschchen. Wir unterhielten uns nur kurz, die meiste Zeit über lief schnulzige Musik, wozu unser Fahrer auch gerne lauthals mitsang, mehr oder weniger schief.

Auf halber Strecke bogen wir dann plötzlich noch auf eine Seitenstraße ab und machten einen kurzen Abstecher zu einem Aussichtspunkt, wo sich das feine Paar fotografierte, Lea und ich taten es ihnen gleich.

Im Auto zurück erklärte uns dann der Mann, dass seine Begleiterin ihn gerne heiraten wolle, er sie aber als viel zu jung dafür erachte. Die Dame schien uns nicht zu verstehen.

Kurz vor Elat fragte uns der feine Herr, wo wir denn genau raus gelassen werden wollten. Wir wollten keine Umstände bereiten und antworteten, er könne uns einfach nahe des Stadtzentrums herauslassen. Diese Antwort schien jedoch Beiden nicht zu gefallen. Nun fragte der Herr uns, ob wir denn Hunger hätten, woraufhin wir nur ganz verhalten nickten.

Daraufhin wurden wir zügig zu einer zentral gelegenen Pizzeria gefahren, wo der Mann uns zwei Pizzen, Salat und Cola bestellte. Nachdem er das Essen für uns gezahlt hatte, verabschiedete sich das freundliche Paar von uns. Erfreut und erstaunt über diese nette Einladung, verließen auch wir das Restaurant.

Flughafen statt Fußgängerzone

Nach unserem unerwarteten Abendessen machten wir uns auf den Weg zum nicht weit entfernten Strand, um uns eine kurze Abkühlung im Roten Meer zu gönnen. Auf unserem Weg dorthin mussten wir feststellen, dass sich die unglaublichen Geschichten der Israelis über den Flughafen in Eilat bewahrheiteten: Der Flughafen lag genau dort, wo man in anderen Städten eher mit einer Fußgängerzone gerechnet hätte!

Mitten im Stadtzentrum trennt er die Wohnstadt von der Hotelzone ab. Da der Flughafen jedoch eine große Lärmbelästigung für die Bewohner darstellt und die Stadtentwicklung blockiert, wird etwas Außerhalb einer der sichersten Flughäfen der Welt gebaut.

Noch während wir unserem Erstaunen über die Flughafenkonstruktion Ausdruck verleihen, stehen wir auch schon am weißen Sandstrand, mitten in der Stadt! Hinter uns befindet sich nicht nur der Flughafen, sondern auch noch zahlreiche weitere Hotels und Restaurants.

Doch in diesem Moment konnte uns nichts von einer Erfrischung in dem ausgesprochen klaren Wasser abhalten. Elat war wirklich ein erstaunlicher Ort, so wurde es Lea und mir bewusst, als wir uns im Wasser vergnügten. Mit dem Blick aufs offene Wasser realisierten wir die Nähe der jordanischen Grenze zu unserer Linken, nur wenige Gehminuten von unserem Strandplatz entfernt. Zur Rechten erblickten wir ein markantes Militärgebäude der israelischen Marine und einige Kilometer entfernt konnten wir den ägyptischen Küstenort Taba bestens erkennen.

Es schien uns in diesem Moment fast schon unwirklich, wie wir hier so friedlich und entspannt dem Meeresrauschen lauschen konnten. Es war nicht lange her, seit sich Israel mit seinen Nachbarstaaten blutige Kriege auch an diesem Ort geliefert hat. In unsere Gedanken versunken, wurden wir plötzlich aus unserer Ruhe gerissen, als eine große Passagiermaschine unmittelbar über unsere Köpfe hinweg flog, um keine 500 Meter entfernt von uns zu landen. Einen annähernd skurrilen Ort hatte ich bisher noch nicht gesehen!

Übernachtung am Strand

Als die Sonne merklich tiefer stand, begaben wir uns in Richtung der ägyptischen Grenze. Dort sollte es einen Platz geben, an dem man schöne Felsen am Strand fände und wo es gestattet sei, am Strand zu übernachten.

Ohne Probleme wurden wir beim Trampen mitgenommen und befanden uns kurze Zeit später direkt am israelisch-ägyptischen Grenzübergang wieder und fanden sogleich den wunderschönen Platz am Strand, wo wir auch übernachten konnten.

Wir ergriffen auch hier noch einmal die Gelegenheit und sprangen vor Sonnenuntergang mit unseren Taucherbrillen vom Steg ins fischreiche Wasser.

Es war wirklich ein spektakulärer Anblick: Scheinbar unendlich viele Meerestiere in allen Farben und Größen umgaben uns! Es war unfassbar schön sie zu beobachten. Manche der Fische kamen ganz nah an uns heran, vermieden es aber konsequent uns zu berühren. Andere Fische traf man nur in großen Schwärmen an, wobei alle Fische sehr darauf bedacht schienen, nah beieinander zu bleiben.

Als wir aus dem Wasser kamen, war es schon fast dunkel und wir hatten den Steg fast für uns alleine. Nur eine Französisch sprechende Familie aus Israel war noch da. Wir trockneten uns ab und überlegten wo am Strand genau wir die Nacht verbringen wollten.

Noch während wir darüber beratschlagten, kam die Mutter zu uns herüber und schenkte uns eine Tüte voller klebriger Bonbons und Sonnenblumenkerne. Wir unterhielten uns eine Weile und wir erzählten ihr von unseren Erlebnissen und den weiteren Plänen. Bevor die Frau ging, gab sie mir noch ihre Telefonnummer, damit wir sie im Notfall um Hilfe bitten könnten. Das war eine super liebe Geste, wie wir fanden und etwas was ich sehr an Israel zu schätzen gelernt habe, insbesondere auf dieser Reise!

Hier scheinen die Menschen unglaublich offen und hilfsbereit und mit offenen Augen ihren Weg zu gehen. In ganz Israel hatte ich immer wieder den Eindruck, dass es ein sehr tief verwurzeltes Gefühl von Gemeinschaft und geistiger Verbundenheit gibt. Die Geschichte scheint in der Mentalität der Menschen ihre Spuren hinterlassen zu haben. So haben Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung einen besonders hohen Wert und werden besonders gepflegt. Für mich sah es immer wieder so aus, dass die Gemeinschaft sich um den Einzelnen kümmert und ihn beschützt und für seine Sicherheit sorgt. Die Menschen scheinen hier wachsam umeinander bemüht. Ein vollkommen anderes Lebensgefühl als bei uns.

Begeistert vom hier so klaren, glitzernden Sternenhimmel schlugen wir in der Nacht nicht das Zelt auf, sondern rollten unsere Isomatten unter freiem Himmel aus.

 

Unvergessliche Begegnungen

Badevergnügen samt Kleidung

Das auf einem mauerumwehrten Landvorsprung ins Meer ragende Akko war von der Antike bis ins 19. Jh. der bedeutendste Hafen Palästinas und ist auch heutzutage noch eine sehr lebhafte, sehenswerte Stadt.

Nach unserer Ankunft schlenderten wir durch die von Arabern bewohnte Altstadt und genossen die Atmosphäre. Zwischen Moscheen, Kreuzfahrerbauten, dem alten Hafen und kleinen Straßenständen verirrten wir uns versehentlich in ein edel wirkendes Restaurant mit Meerblick.

Der freundliche und sehr zuvorkommende Kellner musste auf den ersten Blick gesehen haben, dass uns hier die Wärme zu schaffen machte und bot uns, natürlich nur im Spaß, an, von der Restaurantterrasse aus ins kühle Wasser zu springen. Aufgrund von vermeintlichen Renovierungsarbeiten gäbe es angeblich keine Toiletten oder sonstige Räumlichkeiten zum Umkleiden, erklärte uns der Kellner im Folgenden. Doch das sollte für uns kein Argument gegen eine spontane Erfrischung sein. Wir entschieden alternativ mit Kleidung ins Wasser zu springen. Keine Minute später fanden wir uns dann auch schon im Meerwasser wieder, unter uns scharfkantige Felsen. Doch diese Abkühlung hatten wir dringend gebraucht.

Während wir uns noch über den Kellner amüsierten, der seinen Blicken der Verwunderung zufolge nicht damit gerechnet hatte, dass wir tatsächlich und auf der Stelle ins Wasser springen würden, gesellte sich Mustafa zu uns, der sich gerade ebenfalls eine Erfrischung gönnte. Nach einer kurzen Konversation bot er uns eine exklusive Stadtführung an, welches Angebot wir begeistert annahmen.

Erklimmen des bröckeligen Glockenturms von Akko

Mit klitschnassen Klamotten und vollgepackten Rucksäcken folgten wir Mustafa zu seiner kleinen, zentral gelegenen Wohnung inmitten der Altstadt, wo wir unser Gepäck lagern durften. Von dort aus führte er uns zu einem hoch über die Dächer der Stadt ragenden alten Glockenturm, auf dessen Vorderseite eine gigantische Uhr die Zeit anzeigte. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass es mittlerweile schon kurz nach 15h war, ein Wunder, wie schnell die Zeit verging!

In diesem Moment genossen wir die warmen Strahlen der Sonne und die vom Meer herüberwehende Brise sehr, die langsam unsere immer noch triefend nasse Kleidung trockneten. Doch das Lachen und die Freude über diesen idyllischen Ort verging mir, als Mustafa auf den alten Glockenturm deutete und uns zu verstehen gab, dass wir dort nun hinauf klettern würden.

Lea und ich blickten uns etwas erschrocken an, nicht recht glauben wollend, was uns gerade eröffnet wurde. Ohne uns Zeit zum Protest zu lassen, lief Mustafa voran. Durch einen engen Eingang zwängten wir uns der Reihe nach in das Innere des Steinturmes. Im Turm befand sich das, was man einst als Treppe bezeichnet hätte. Doch die Spuren des Verfalls waren hier überaus deutlich zu erkennen. Die weißen Steine, die ursprünglich das Fundament des Turmes bildeten, bröckelten überall von den Wänden ab und sammelten sich in stetig wachsenden Schutthäuflein in den Ecken. Treppenstufen waren kaum noch erkennbar, geblieben waren rostige Metallstreben, die einen ahnen ließen, wo sich einst die Stufen befunden haben mussten. Das Holz, dass einst die Trittflächen bedeckte, war längst herausgebrochen. Während sich Mustafa schon drei Treppenwindungen über uns befand, setzte ich vorsichtig meinen ersten Fuß auf die untersten, wackeligen Metallstreben. Zu meiner Überraschung hielten sie meinem Gewicht stand. Ich ging noch ein paar Schritte aufwärts. Dann blieb ich stehen, Lea stand nun dicht hinter mir. Gespannt warteten wir, was passieren würde. Leise hofften wir, dass sich unsere Erwartungen nicht bestätigen würden und der Turm nicht innerhalb der kommenden Minuten in sich zusammen stürzen würde wie ein Jenga-Wackelturm, aus der Ravensburger Geschicklichkeits-Spielesammlung. Von weit oben rief Mustafa lauthals und versicherte, der Turm sei absolut stabil und gefahrlos begehbar. Ich hegte aktuell leichte Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage, hätte ihr aber zu gern Vertrauen geschenkt.Außerdem wollten wir ja eine abenteuerliche Reise und dies war definitiv ein Abenteuer!

Langsam musterte ich die Seitenwände des maroden Bauwerkes auf der Suche nach einem Geländer oder etwas zum Festhalten, doch dies war nur Wunschdenken. Die Wände der, ich möchte mal sagen, Ruine sahen so instabil aus, dass ich sie nicht zusätzlich belasten wollte. Also hatte ich keine Wahl, wenn ich hinauf wollte und kraxelte ein paar weitere Stufen nach oben, wobei ich mich so langsam bewegte, wie nur irgendwie möglich. Bloß keine ruckartigen Bewegungen, bloß nicht das Gleichgewicht verlieren raunte eine bei jedem weiteren Schritt lauter werdende Stimme in meinem Kopf. Lea sagte keinen Mucks mehr. Spiralförmig schraubte sich die ehemalige Treppe steil nach oben. Bisher hatte ich meinen Blick konsequent auf meine Hände und Füße gerichtet. Nach einigen weiteren Metern scheinbar lebensmüder Überwindung blickte ich nach unten und realisierte in welch schwindelerregender Höhe wir uns bereits befanden. Bei dem Gedanken, all diese Stufen auch wieder hinunter laufen zu müssen, wäre ich fast vorn über gefallen. Durch die Überbleibsel der Stufen ließ sich in den mit jeder erklommenen Stufe tiefer werdenden Abgrund blicken.

Von meiner Stirn perlte der kalte Angstschweiß und die Hände zitterten. Nach Minuten der Ewigkeit standen wir endlich lebendig oben auf dem Turm.

Die Aussicht über die kleine, lieblich wirkende Stadt war phänomenal! Von hier oben konnten wir bis nach Haifa blicken, eine große Industriestadt auf der anderen Seite der weitläufigen Bucht! Wir machten Fotos, wobei uns das Lächeln in die Kamera schwer fiel, denn es war schlichtweg unmöglich die Gedanken an den zwangsweise bevorstehenden Abstieg zu verdrängen.

Die Minarette der Stadt lagen weit unter uns. Da unsere Anspannung auch Mustafa nicht ganz unbemerkt blieb, schlug er vor, nun langsam wieder hinab zu klettern und eine Pause auf seiner Dachterrasse zu machen. Die Vorstellun eine solche Pause einzulegen gefiel mir, aber bis dahin waren noch einige Schritte zu machen. Mustafa rannte voraus! Während wir uns wie in Zeitlupe hinab bewegte, hastete Mustafa wie ein Gejagter die ungeheuerlichen Stufenreste hinab. Ich rechnete damit, dass das Gebäude jede Sekunde einstürzen würde. Wir machten jede Bewegung so vorsichtig wie möglich, um nicht versehentlich eine Lawine aus herausgebrochenem Schutt auszulösen oder gar auszurutschen. Ein paar Kiesel fielen wiederholt von oben wie ein leichter Hagelschauer auf uns herab. Mit dem Bild einer wunderschönen Dachterrasse vor dem inneren Auge kletterte ich vorsichtig weiter hinab. Meter für Meter schraubten wir uns nach unten, während Mustafa längst seinen Abstieg hinter sich gebracht hatte und etwas belustigt auf uns wartete, bis wir plötzlich in die grelle Sonne blinzelnd wieder festen Boden unter den Füßen hatten!

Tief aufatmend wanderten unsere Blicke den Schutt und Steinehaufen entlang, der sich um den Turm breitete und freuten uns sehr darüber, dass wir hier nicht das Zeitliche segnen mussten.

Nach einem kurzen Spaziergang befanden wir uns auch schon auf Mustafas Dachterrasse, wo wir sehr unsere ersehnte Pause genossen. Mustafa servierte uns Ingwertee mit Honig. Nachdem wir uns erfolgreich erholt hatten, verabschiedeten wir uns fröhlich von Mustafa, der uns auch noch angeboten hatte in seiner Wohnung oder auf seiner Dachterrasse zu übernachten. Wir dankten ihm sehr für das Abenteuer und seine Gastfreundschaft, brachen dann aber bald zu unserem Erkundungsstadtspaziergang auf. Außerdem wollten wir noch den regulären Badestrand zu besuchen.

Nachdem wir durch die schöne, historische Stadt gelaufen waren, alles angesehen hatten und auch bereits die Bushaltestelle für die geplante Fahrt nach Nazareth am nächsten Tag gefunden hatten, fanden wir auch noch einen idyllischen Zeltplatz mit Meerblick für die Nacht. Das war wunderbar!

Der legendäre Busdriver von Nazareth

Obwohl wir am Vortag dachten die Bushaltestelle bereits gefunden zu haben, war es doch nicht so einfach den richtigen Bushalt an diesem Busbahnhof zu finden.

Etwas verwirrt und orientierungslos tappten wir annähernd im Kreis herum, auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle. In diesem Moment kam ein erstaunlich gut Englisch sprechender Busfahrer auf uns zu und bot uns freundlich seine Hilfe an. Wir erläuterten ihm unsere Pläne und unsere finanzielle Lage. Der Busfahrer erklärte sofort, er würde am späten Abend noch eine Betriebsfahrt nach Nazareth tätigen müssen und wir wären dazu eingeladen, kostenlos mit ihm nach Nazareth mitzufahren! Was für eine Hilfsbereitschaft und wie freundlich von ihm! Wir waren begeistert und dankbar.

Den Tag verbrachten wir dann noch mit weiteren Besichtigungen und ganz ohne weitere Abenteuer, aber sehr erholsam.

Abends saßen wir dann in der vordersten Reihe eines komplett leeren Linienbusses, nur ein Cousin des Fahrers fuhr auch noch mit. Die Fahrt durch die Nacht dauerte und dauerte, aber war unglaublich lustig.

Der Fahrer, der sich als Aldah vorstellte, erzählte uns, er habe bisher am Flughafen gearbeitet und könnte daher Wortfetzen und Phrasen auf allen erdenklichen Sprachen. Es trug sehr zu unserer Erheiterung bei, als er versuchte uns zu so später Stunde noch Arabisch und anschließend auch Russisch beizubringen. Immer wieder legten wir kurze Zwischenstopps in kleinen Dörfern ein, wo wir Datteln, honigsüße arabische Gebäckstückchen und starken Kaffee durchs Fenster gereicht bekamen. Lea schlief dennoch bei der kontinuierlichen, tiefen Motorbrummei fast ein. Ganz schön erschöpft kamen wir zu später Stunde in Nazareth an. Vom nächtlich ausgestorbenen Busbahnhof fuhren wir mit Aldahs Privatwagen weiter in die Innenstadt, wo wir nach ewigem Herumgekurve endlich eine noch geöffnete Imbissbude fanden und zum nächtlichen Falafelessen eingeladen wurden. Wie unglaublich freundlich von ihm! Lea klappten beim bloßen Dasitzen fast die Augen zu. Ihr war es nicht einmal mehr möglich ihren Leckerbissen zu vertilgen. Aber dafür sorgte ich dann noch erfolgreich!

Schlafenszeit für Lea – aber wo?

Die letzten Tage waren lang und das Programm straff gewesen, aber da hatten wir wenigstens eine Vorstellung davon, wo wir die Nacht verbringen würden. Doch dies war an diesem Abend irgendwie nicht der Fall.

Wir hatten dem Busfahrer Aldah zwar vor Antritt der Fahrt erklärt, dass wir keine Unterkunft in Nazareth hätten, aber er versicherte, dass wir etwas ins Mini-Budget passendes in Nazareth finden würden.

Aldah schlug vor, ein Hotel für uns ausfindig zu machen, was Lea und mich nicht wirklich begeisterte, denn das passte weder zu unserem Reisestil, noch zu unserem Reisebudget. Nach einigem Herumgekurve durch winzig enge Gassen, wo wir gefühlt jeden Moment hätten steckenbleiben können, erreichten wir dennoch ein Hotel. Jedoch stellte sich heraus, dass es bereits geschlossen hatte. Kein Wunder, es war ja auch schon weit nach Mitternacht. Beim nächsten Hotel hatten wir Erfolg!

Ein netter, junger arabischer Hotelbesitzer saß mit seinem Freund müde auf der Dachterrasse und zog an seiner Shisha. Aldah hingegen unterbrach ihre Ruhe und begann lauthals auf Arabisch mit ihnen zu verhandeln. Ein wenig später wurden wir in ein kleines, sauberes, kühles Zimmer geführt mit einem großen Bett und Badezimmer. Das sah um diese Zeit sehr verlockend aus, aber die Tatsache, dass ich kaum Geld zur Verfügung hatte, war leider tageszeitenunabhängig.

Unser Busfahrer war begeistert, solch ein Zimmerchen für uns ausfindig gemacht zu haben, ich hingegen blieb skeptisch. Die Unterkunft wirkte klein und familiär. Die Flure waren stilvoll eingerichtet und die Wände schmückten bunte Mosaike.

Ich versuchte mit Lea die uns möglichen Optionen zu besprechen. Das war jedoch unmöglich, so wie ich schnell feststellte. Es wirkte so, als wäre sie schon auf der Treppe im Stehen eingeschlafen, ihr Kopf baumelte schlaff auf ihrer Brust und sie wankte langsam mit dem Oberkörper vor und zurück, so dass ich sehr besorgt wurde, sie könne gleich kopfüber die Treppe herunter kippen.

Ich rüttelte sie mit festem Griff wach, war mir jedoch der Nutzlosigkeit dieser Aktion bewusst, da sie in diesem Zustand eh keinerlei Entscheidungen treffen konnte, außer vielleicht den Wunsch, hier zu bleiben, koste es, was es wolle. Aldah beobachtete diese Szenerie und dachte sich womöglich ebenfalls seinen Teil dazu. Ich war mir sicher, er realisierte nicht ganz, als wir zu ihm in den Bus gestiegen waren, dass wir wirklich keinerlei Bleibe hier hatten. Er hatte uns wahrscheinlich nicht so viel Verrücktheit zugetraut, ohne weiteren Plan mit einem wildfremden Busfahrer in eine fremde Stadt ohne Bleibe zu fahren, aber für diese Überlegungen war es jetzt sowieso zu spät.

Wahrscheinlich wollte der Fahrer auch nur noch zurück nach Hause um zu schlafen, war aber auch gleichzeitig sehr besorgt um uns. Er wohnte in Haifa, was bedeutete, dass er noch ein ganzes Stück Fahrt vor sich hatte. Da Lea und ich uns offensichtlich nicht einigen konnten, entschied Aldah kurzerhand, dass wir hier bleiben würden und er das Zimmer für uns zahlen würde. Dann ging auch schon alles ganz schnell, Lea verschwand im Zimmer, um sich ausgiebig zu duschen und zu schlafen, ich hinterlegte meinen Ausweis an der Rezeption und Aldah zahlte.

Ich war ihm furchtbar dankbar dafür!

Dann wurde mir noch eine kurze Einweisung erteilt und ich erfuhr, dass sogar noch ein Frühstück inbegriffen war. Als Lea geduscht hatte, wurde sie seltsamerweise wieder total munter, also setzten wir uns noch einen Moment auf die gemütliche Dachterrasse, mit bunten Sofas und Teppichboden, um die unglaubliche Aussicht auf die hell beleuchtete Stadt zu genießen und um unsere Gedanken und Emotionen zu teilen, darüber was gerade mit uns geschah. Es war uns wirklich unbegreiflich!

Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen hier ließ uns wirklich staunen. Der Hotelbesitzer saß ebenfalls noch auf der Dachterrasse und erzählte uns, dass der Busfahrer Aldah für uns 200 Schekel (50 Euro) für das Zimmer gezahlt hatte. Diesen Preis habe er ausgehandelt, normalerweise würden Gäste jedoch etwa das Doppelte dafür bezahlen. Mir wurde bei diesen Zahlen schon fast schwindelig und peinlich. So oder so waren wir auch Aldah an diesem Abend sehr, sehr dankbar! Beim Revuepassierenlassen der bisherigen Ereignisse unter freiem Sternenhimmel wären wir dann fast eingeschlafen, schafften es aber dann gerade noch rechtzeitig in unsere wunderbar komfortablen Betten und schliefen traumlos wie auf Wolken.

Der stolze Fischbesitzer

Nach einer kurzen, aber herrlich erholsamen Nacht lockte uns die Aussicht auf ein feines Frühstück trotzdem zeitig aus den Betten. Noch etwas verschlafen und mit verquollenen Augen traten wir zum Buffet und wollten unseren Augen nicht recht trauen: So viele köstliche Leckereien. Unzählige Schälchen und Tellerchen reihten sich hier aneinander. Zwischen Oliven, Frischkäse, warmem Brot, Humus und vielem mehr konnten wir hier wählen. Im Geiste dankten wir Aldah abermals und genossen das üppige Frühstück, mit dem wir im Traum nicht gerechnet hatten! Lea trank so viel starken, würzigen arabischen Kaffee, dass sie ganz hibbelig davon wurde. Aber das war lustiger als wenn sie fast schlafend die Treppe hinunterfiel.

Nachdem wir unsere Sachen gepackt hatten, machten wir uns auf zu einer Erkundungstour durch die historische Innenstadt, wobei uns auffiel, dass unsere Unterkunft außerdem maximal zentral gelegen war. Danke Aldah!

Auf dem Weg zur Basilika, passierten wir einen Fischladen. Ein paar Männer waren gerade damit beschäftigt die frischen Fänge aus dem See Genezareth und dem Mittelmeer bei Haifa auszunehmen und zu filetieren. Interessiert lugte ich in den Laden, wobei mir meine Kamera an ihrem Band um den Hals baumelte. Die Arbeiter dachten offensichtlich in diesem Moment, wir würden sie fotografieren wollen, was gar nicht unsere Absicht war. Doch das zu kommunizieren war in diesem Augenblick nicht mehr möglich, denn die Arbeiter stellten sich auf und präsentierten stolz ihre Fänge vor der Kamera. Unbedingt wollten sie mit ihren Fischen fotografiert werden und hatten offenbar sehr viel Spaß dabei, denn es wurde viel gelacht, während ich mindestens so amüsiert wie sie die gewünschten Fotos knipste. Derweil erschien der Ladenbesitzer und geleitete uns ins nebenan liegende Fischlokal, wo uns wieder Kaffee serviert wurde. Nach einem kleinen Wortwechsel, erhielten wir eine Einladung am Nachmittag zum großen Fischessen wiederzukommen und teilzunehmen. Als Vegetarierinnen konnten wir das nur leider nicht annehmen.

Die geliehenen Röcke

Vom Fischgeschäft machten wir uns dann, auch um nicht noch mehr Kaffee gegen unseren Willen versehentlich eingeflößt zu bekommen, endlich zur Verkündigungsbasilika auf.

Wir stellten fest, dass wir, um das Gelände der heiligen Stätte betreten zu dürfen, bodenlange, weite Röcke tragen mussten. Diese trugen Lea und ich aber leider nicht, deshalb waren wir dazu gezwungen, uns an einem kleinen Ausleihstand zwei viel zu große weite Röcke auszuleihen. Die blasse Frau hinter dem Tresen tat ganz begeistert und behauptete, die Kleidung würde uns ausgesprochen gut stehen. Naja, da offenbarte sie uns aber einen bizarren Modegeschmack, zumal sie selbst auch nur ein enges T-Shirt und Jeans trug.

Anständig gekleidet betraten wir daraufhin das katholische Kirchengebäude. Die Basilika stand der Überlieferung zufolge über jener Höhle in der Stadt Nazareth, in der der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschienen war.

Um die Basilika herum ist eine massive Steinmauer gebaut, welche auf der Innenseite mit zahlreichen Mosaiken aus aller Welt verziert ist.

Die heutige Verkündigungsbasilika ist bereits das fünfte Gotteshaus über der Verkündigungsgrotte und wurde am 23. März 1969 geweiht. Die dreischiffige Basilika ist 67,5 Meter hoch und 35 Meter lang. Sie ist die größte Kirche im Nahen Osten und eine der größten heiligen Stätten im Mittleren Osten.

Wir schlossen uns einer englischsprachigen Führung an, wobei der Guide eine Menge zu den architektonischen Besonderheiten erzählte. Das Außergewöhnliche des Gebäudes liege in dem zentralen Kuppelbau, der die drei Ebenen des Gebäudes miteinander verbinde, so der Guide. In der Unterkirche befinde sich demnach der Ort, den man als Ort der Verkündigung ansehe. Die Oberkirche enthalte viele Mosaiken und Skulpturen. Der beeindruckende Kuppelbau war sehr schlicht ausgeführt. Auch die Größe der Orgel faszinierte uns. Es hat uns dort sehr gefallen.

Auch bei unserem späteren Spaziergang durch Jesus Heimatstadt waren wir sehr beeindruckt von der Schönheit und Lebhaftigkeit dieses Ortes.

Deja-vue in der Mittagspause

Gegen Mittag zwang uns die Sonne dazu, ein schattiges Örtchen für eine Mittagspause ausfindig zu machen. Wir machten es uns auf ein paar Treppenstufen nahe unserer Unterkunft bequem. Dort aßen wir süße Gebäckteilchen, Katajef genannt, die uns unser Busfahrer Aldah hier empfohlen hatte. Mich machte diese Süßspeise ganz süchtig, Lea hingegen bekam davon keinen Bissen runter, ihr waren die in Öl frittierten Teilchen viel zu klebrig und fettig.

Außerdem nutzten wir die Pause, um die weiteren Etappen unserer Tour zu planen. Als wir so gemütlich da saßen, kamen zwei, wie sich später herausstellte, deutsche, junge Männer etwa unseren Alters vorbei und musterten uns eindringlich. Ich erinnerte mich! Mir fiel wieder ein, dass wir die beiden schon einmal gesehen hatten. Letzte Nacht, als Aldah mit uns durch die ganze Stadt gekurvt war, um eine Unterkunft für uns zu finden, hatte er einige Passanten nach dem Weg oder einem Ratschlag gefragt, darunter auch diese Beiden hier. Jetzt versuchte ich ein paar erklärende Worte zu finden und erzählte ihnen unsere Erlebnisse der letzten Nacht. Statt aber für Klarheit zu sorgen, schien ich die Beiden eher noch mehr zu irritieren. Ich versuchte zu erzählen, wie nett der Busfahrer zu uns gewesen war und was er alles für uns getan hatte. Verwundert blickten sie mich an. Unseren Reisestil konnten die beiden jedenfalls nicht nachvollziehen. Einer der Beiden erkundigte sich, was wir uns als nächstes anschauen wollten. Ich erwiderte, dass wir noch ans Tote Meer und nach Elat wollten. Daraufhin begann uns der nette junge Herr Tipps bezüglich Busverbindungen und Hotels am Toten Meer zu geben. Ich nahm seine sicherlich nett gemeinten Hinweise stumm nickend entgegen, ohne etwas darauf zu antworten. Ich musste feststellen, das er offenbar nichts von dem verstanden hatte, was ich mühselig versucht hatte ihnen zu erklären. Nämlich, dass wir ernsthaft qasi ohne Geld durchs Land reisten, teure Busfahrten eigentlich mieden und nach Möglichkeit zelteten. Jedoch keinen Shekel für ein Hotel übrig hatten.

Wir redeten also aneinander vorbei und taten uns gegenseitig möglicherweise irgendwie leid . Mir taten die beiden Jungs in gewisser Weise leid, dass sie hier alles das, was wir bereits durch unsere Reiseform erlebt hatten, all die wunderbaren Begegnungen mit den Menschen wohl nicht so erleben würden. Und wir taten ihnen ihren Äußerungen zufolge offenbar ebenfalls leid, weil wir mit so wenig Geld irgendwie über die Runden kommen mussten und aus ihrer Sicht deshalb wohl nichts erlebten. Lustigerweise waren wir aber alle ganz glücklich und zufrieden mit dem, was jeder von uns für sich selbst kreiert hatte- also alles ganz richtig und gut so! Mit dieser Erkenntnis verabschiedeten wir uns dann wieder voneinander und jeder setzte seine Reise fort.

 

Trampen und Eselreiten

Lowest-Budget-Rundreise

Mit Zelt, Isomatten, Schlafsäcken und der geliebten Sonnencreme der Marke „Doktor Fischer“ im Gepäck, starteten wir unsere Lowest-Budget-Reise durch Israel. Das Wichtigste im Reisegepäck war allerdings unser unschlagbarer „Masterplan“, der eher aus einer bloßen Auflistungen sehenswerter Orte, geordnet von Nord nach Süd bestand, als einem ausgearbeitetem Reisekonzept.

Das Ziel der Reise war es, für so wenig Geld wie möglich, so viel des Landes zu sehen wie möglich. Für mich klang das Ziel nach einem lustigen Abenteuer, straffem Tagesprogramm und Raum für spontane Alternativen mit Mehrwert. Für Lea hingegen klang der skurrile Fahrplan für die kommende Woche eher nach einem rätselhaften Konzept des Wahnsinnes, als nach einer Reise. Doch mit beschwichtigenden Worten, wie „das wird schon, immer mit der Ruhe“, schaffte ich es, sie neugierig zu machen.

Früh morgens fuhren wir mit der Straßenbahn „Rakevet“ ans Stadtende und liefen noch einige Meter bis wir am breiten Seitenstreifen einer größeren Straße standen, die in Richtung Totes Meer führte und nach einer Gabelung in Richtung Tiberias verlief. Tiberias war der erste Ort unseres Masterplans, gelegen am Ufer des See Genezareth, im Norden des Landes.

Nun folgte Leas erste Tramperfahrung. Mitgenommen wurden wir sehr rasch in einem engen Auto von 3 jüdischen Studenten in unserem Alter, die, wie wir verstanden, auf dem Weg zu einem großen Treffen gläubiger Juden inmitten der Wüste waren.

Im Anschluss nahm uns auf der nächsten Etappe ein jüdischer Arbeiter in einem klapprigen Minibus mit, auf dessen Ladefläche zahlreiche Maschinen und Werkzeuge herumrollten. Wir kamen rasch voran. Als wir kurz vor einer markanten Kreuzung und dem Ende dieser Mitfahrgelegenheit angelangt waren, entdeckte ich am Straßenrand ein Schild, welches den Weg zum, mitten in der Wüste gelegenen, „St. Georgs Monastry“ wies. Der Fahrer nahm mein Interesse für das Kloster gleich zur Kenntnis und bot zu unserer Freude an, einen Schlenker für uns in diese Richtung einzulegen.

Schon seit langem wollte ich das abgelegene, mitten in den Felsen gebaute Kloster besichtigen. Er bog auf die kleine ruckelige Seitenstraße ab, und sofort befanden wir uns mitten in der Wüste. Die rutschige Piste auf der wir uns befanden, war plötzlich so schmal, dass keine zwei Fahrzeuge aneinander vorbei gepasst hätten und auf der rechten Seite ging es senkrecht herunter. Mir wurde schon schwindelig beim bloßen hinsehen auf die Fahrbahn! Gerne hätte uns der Fahrer auch noch weiter bis zum Kloster gebracht, aber für die tiefen Rinnen, die die Piste durchfurchten war sein Auto wirklich nicht gemacht.

Der Fahrer hatte keine andere Wahl, als mitten auf der ultraschmalen Straße zu wenden. Bei diesem Manöver wurde mir so mulmig zumute, dass ich am liebsten ausgestiegen wäre. Ich hoffte nur, dass der Fahrer in der Lage war, die Maße seines Fahrzeuges gut zu kennen und ein vorsichtiges, maximal kontrolliertes Anfahren sicher beherrschte. Mit viel vor- und zurück gelang es ihm, das Vehikel zu wenden, wobei ich nicht wissen wollte, wie viele Zentimeter sich zwischen abgefahrenen Reifen und dem Abgrund bei dieser Aktion befanden. Schwer beeindruckt und sehr erleichtert genossen wir nach dieser Aktion den Anblick der Wüstenlandschaft.

Sogleich erblickten wir eine Gruppe Beduinen mit einem Esel und Kamelen ein Stück weiter etwas abseits der Straße. Ohne zu zögern hielt unser Fahrer an und bedeutete uns, dass wir hingehen konnten. Wir liefen zu den Männern mit den faltigen Gesichtern, gezeichnet von Sonne und Wüstensand. Verständigen konnten wir uns lediglich mit Händen und Füßen.

Lea durfte ein paar Fotos von den Menschen und der spektakulären Kulisse machen, ich bekam ein weißes Tuch um den Kopf gewickelt und stieg auf den etwas störrischen Esel und wurde kurz herum geführt. Wir bedankten uns und liefen zurück. Um die Geduld unserer Mitfahrgelegenheit nicht überzustrapazieren, sprangen wir äußerst belustigt kurze Zeit später wieder zurück in den Wagen und wurden zurück zur Kreuzung gefahren, wo wir unsere ursprünglich geplante Route weiter fortsetzten konnten. Unglaublich lieb, wie viel Zeit für Umwege sich die Leute für uns nahmen, um uns einfach eine Freude zu machen!

Das nächste Auto, dass uns mitnahm, wurde von 3 arabischen Männern gefahren, die kaum englisch sprachen und während der Fahrt etliche Selfies mit uns machten.

An der darauffolgenden Station mussten wir in der Hitze eine lange Weile warten. Ein LKW-Fahrer reichte uns eine große Wasserflasche aus seinem hohen Fenster, um sie uns zu schenken. Gerne hätte er uns mitgenommen, aber er hatte leider nicht genug Platz.

Gegen Mittag kamen wir dann in Tiberias an, einem hochgelobten Touristenort, der absolut nicht unseren Erwartungen entsprach.

Tiberias – die hässliche Touristenstadt

Idyllisch, ruhig, erholsam stellte ich mir den langgezogenen Ort am See vor. Doch das, was wir sahen, war eine hässliche und leider vielerorts schmutzige Touristenhochburg mit zugemüllten und überteuerten Badestränden. An einem steinigen, nicht gerade empfehlenswerten, aber immerhin kostenlosem Stück Ufer, verbrachten wir ein wenig Zeit in der Mittagshitze am tiefstgelegenen Süßwassersee der Erde (-212m) und erfrischten uns etwas in den kühlen Wellen mit erschreckend katastrophaler Wasserqualität, wie wir leider später erfuhren.

Nachdem wir noch etwas in der heißen Sonne geschmort hatten, entschieden wir uns zum nächsten Ziel auf unseren Plan aufzumachen: Kapernaum. Mit etwas knurrenden Mägen und der festen Überzeugung dort etwas zu essen zu finden, suchten wir nach der Straße stadtauswärts. „Hauptsache erst mal weg von hier“, lautete unsere Devise.

Unfreiwilliger Fahrdienst

Kaum standen wir am Straßenrand, hielt ein nagelneuer, glänzend schwarzer teurer Wagen mit weißen Ledersitzen an. Wir liefen hin und erklärten dem irgendwie erstaunt blickenden Fahrer, wo wir hinwollten. Er willigte ein, uns nach Kapernaum zu bringen. Als wir im Auto saßen, stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass er gar nicht wegen uns angehalten hatte! Der gute Mann wollte noch ein paar Dokumente in der dicken Aktentasche auf seinem Beifahrersitz überprüfen und lesen, wie er uns erzählte, nach seinem Termin in der Bank. Als wir ausstiegen, war es eigentlich an uns, uns zu bedanken, stattdessen aber wurden wir von unserem Fahrer mit Worten des Dankes überflutet! Seinen Ausführungen zufolge war er unglücklich über seine finanzielle Lage und die unzureichenden Ersparnisse für sein neues Motorrad. Wir aber hatten ihn durch unsere verrückten und lustigen Geschichten angeblich abgelenkt und aufgeheitert. Das freute uns sehr!

Als wir Kapernaum am späten Nachmittag erreichten, war es seltsamerweise zwar schon geschlossen, aber die Umgebung war viel einladender und idyllischer als in Tiberias und so genossen wir diese. An einem gemütlichen Plätzchen am See badeten wir genüsslich und beschlossen hier auch die Nacht im Zelt zu verbringen. Als wir in der Dämmerung das Zelt aufstellten, genossen wir die fernen Lichter Jordaniens und mussten uns sogar eingestehen, dass Tiberias nachts aus der Ferne auch sehr romantisch aussah.

Miss- und Mangelwirtschaft

Die Ruhe und Friedlichkeit dieses Ortes genossen wir sehr, doch bei unserer „Flucht“ aus Tiberias hatten wir die Einkaufsmöglichkeiten und Infrastruktur dieser Gegend falsch eingeschätzt, sodass wir an diesem Abend hungrig ins Bett und nur mit unseren noch gut gefüllten Wasserflaschen vorlieb nehmen mussten. Doch angesichts des schönen Ortes und einem malerischen Sonnenuntergang war dies auch nicht weiter tragisch.

Dunst statt Sonnenaufgang

Um 5.30 Uhr in der Frühe klingelte der Wecker, doch statt wie geplant auch einen malerischen Sonnenaufgang zu sehen, lag eine dichte Dunstwolke über dem See Genezareth und verschluckte den Himmel.

Während ich dann doch noch etwas länger tief und gemütlich im Zelt schlief, wälzte sich Lea schlaflos, aber müde, von einer Seite auf die andere und begann dann noch etwas gelangweilt im Reiseführer herumzublättern. Bald darauf standen wir auf, packten unsere Sachen, kühlten uns noch ein letztes Mal im scheinbar kurz vor dem Umkippen stehenden See ab und stellten uns dann wieder an die Straße, um auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Nun hatten wir Kapernaum leider nicht gesehen. Es bleibt also noch etwas für die nächste Reise!

Künstlerdorf Safed

Noch am frühen Vormittag erreichten wir das Künstlerdorf Safed, welches in den Bergen Galiläas auf über 840 Metern Höhe liegt. Nach einer schwindelerregenden, kurvenreichen Fahrt mit grandioser Aussicht wurden wir auch noch mit dem Anblick einer malerischen, kleinen Altstadt belohnt.

Schon bei unserer Ankunft waren wir überrascht über das Zusammenleben der orthodoxen Traditionalisten mit den jungen engagierten Künstlern, was der Stadt einen ganz besonderen Flair verlieh. Doch nach der Fehlplanung am letzten Abend, mussten wir nach unserer Ankunft als erstes etwas zu Essen auftreiben, um unseren Heißhunger zu stillen. Nach einigem Umherlaufen, fanden wir einen kleinen Supermarkt mit nur leider völlig überteuerten Preisen. Wir entschieden uns für ein Minifrühstück auf ein paar Treppenstufen, nicht weit entfernt vom kleinen Laden. Pappiges Weißbrot und etwas langweilig schmeckender Käse waren leider alles, was wir uns hier leisten konnten, um den Budgetrahmen nicht schon am Anfang völlig zu sprengen.

Als nächstes liefen wir zu der kleinen, versteckt gelegenen Touristeninformation, um uns einen Stadtplan zu besorgen und um unsere Rucksäcke für die Dauer unseres Aufenthaltes dort zu lagern. Trotz Karte liefen wir im Anschluss daran etwas orientierungslos durch die verwinkelten Gassen, geplagt von der drückenden, schwülen Luft. Museumsähnliche, kleine Lädchen mit ausgefallenem Kunsthandwerk reihten sich in der mystisch-magischen Innenstadt aneinander. Es gab viel zu sehen und es gefiel uns sehr. Unerwartet viele orthodoxe Juden liefen ebenfalls durch die ansonsten wenig belebt wirkenden Gassen.

Angesichts der Hitze und der Tatsache, dass die Stadt später am Tag bestimmt von Touristenmengen geflutet wurde, entschieden wir aber zeitig unsere Tour nach Akko fortzusetzen.

 

Miserable Stadtführungen und verrückte Securityguards

Die nicht ganz so gelungene Stadtführung

Am nächsten Tag, ein Sonntag, wurde das jüdische Fest „Shavuot“ gefeiert. Wie an Shabbat , hatte das zur Folge, dass alle Läden geschlossen waren und auch wieder einmal die öffentlichen Verkehrsmittel komplett ruhten.

Da ich am Vormittag arbeiten musste, hatte ich für Lea eine Stadtführung gebucht. Ich erhoffte mir dabei eine informative Tour entlang der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Da der Treffpunkt nahe der Altstadt lag, einige Kilometer von unserer Wohnung entfernt, lieh ich Lea mein Fahrrad. Damit konnte sie sicher und ungehindert über die Straßenbahngleise der nicht verkehrenden Tram bis ins Stadtzentrum radeln.

Als wir uns am Nachmittag nach meiner Arbeit wieder trafen, war ich sehr gespannt, was Lea zu erzählen hatte. Vielleicht hatte sie ja noch Orte entdeckt, wo ich selber noch nie war. „Wir haben verschiedene Kirchen, Türme und Viertel gesehen, außerdem waren wir noch an der Klagemauer“. Nach etwas Nachfragen und anhand ihrer Fotos konnten wir dann herausfinden, dass Lea unter anderem in der Grabeskirche Jesus war und sowohl durch das armenische Viertel als auch durch das jüdische Viertel und durch einen arabischen Stadtteil gelaufen war. Auch konnte sie sich erinnern, auf dem Dach des Österreichischen Hospiz gestanden zu haben. Lea erklärte, dass die Teilnehmergruppe riesig gewesen sei und dass der zwar sehr bemühten und informierte Tourguide leider nur mit einem funktionsuntüchtigen Mikrophon ausgestattet war. Auch machten die hohen Temperaturen vielen Besuchern sehr zu schaffen und so kamen sie nur langsam voran. Etwas enttäuscht über die zwar 5 Stunden dauernde jedoch aus meiner Sicht miserable Stadtführung, nahm ich zur Kenntnis, dass Lea dennoch zufrieden schien. Hatte sie doch einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Bauruinen von Lifta in idyllischem Abendlicht

In der warmen Abendsonne liefen wir durch die friedliche Natur am Stadtrand. Ich zeigte Lea noch die Bauruinen von Lifta, leerstehende Ruinen von ehemals arabischen Bewohnern, die hier freiwillig die Wohngegend geräumt hatten. Auch hier konnten wir so etwas finden.

Etwas später lockte uns der Duft von Gegrilltem zu ein paar arabischen Männern, die erst Mal ein Foto mit uns schossen, aber leider kein Englisch sprachen, weshalb wir leider immer noch hungrig den Rückweg einschlugen.

In der WG angekommen, planten wir die Reiseroute für unsere gemeinsame Rundreise und stellten einen „unschlagbaren Masterplan“ auf, wobei wir alle uns sehenswert erscheinenden Orte von Nord nach Süd sortiert auflisteten. Außerdem kündigte ich Lea eine großartige Überraschung an, die in Eilat auf uns warten würde und von der ich bereits träumte…

Als ich dem Securityguard in die Arme springen musste

Bevor unsere geplante Rundreise starten konnte, musste ich noch meinen nötigen Pflichten nachkommen und die Nagetiere im Krankenhaus füttern, wozu ich die begeisterte Lea mitnahm.

Diese Aufgabe hatte ich schon vor längerer Zeit übernommen, heute war es mal wieder soweit.

Allein der Weg zum Krankenhaus erschien Lea schon leicht abenteuerlich, da wir immer einen kleinen dunklen und zugewucherten Schleichweg auf der Rückseite unseres Hauses nahmen. Während ich den wohlbekannten Weg im Dunkeln entlang sausen konnte, da ich scheinbar jeden Stein und Ast kannte, musste sich Lea halb blind hinter mir durchtasten.

Im Krankenhaus musste ich, wie jedes Mal, den Schlüssel zum Tiergehege beim Securityguard abholen. Doch leider trafen wir auf einen mir unbekannten älteren, kräftig gebauten Mann an, der heute angeblich seinen ersten Arbeitstag hier im Alyn- Krankenhaus hatte. Er wusste zu meinem Erstaunen überhaupt nicht, wo er nach dem Schlüssel suchen sollte. Also musste ich das selbst in die Hand nehmen. Ich ging zu ihm hinter seinen Tresen und half ihm in den unsortierten Schubladen nach dem mir bekannten kleinen Schlüsselpaar zu kramen.

Seine Uniform spannte sich straff über seinen Bauch und er begann ganz fürchterlich zu schwitzen. Das Durchwühlen der gesamten Schlüsselsammlung endete trotzdem leider erfolglos. Wir telefonierten daraufhin mit einigen Kollegen, die jedoch genauso ratlos schienen.

Dann endete plötzlich die Schicht des Sicherheitsbeamten und er wurde durch einen weitaus jüngeren Kollegen abgelöst. Mein Verantwortungsgefühl gegenüber den Tieren, ließ mich etwas ungeduldig werden, obwohl mir durchaus bewusst war, dass dies absolut nicht hilfreich war in dieser Situation. Der junge Securityguard, den ich ebenso noch nie gesehen hatte, war ebenfalls nicht im Stande den Schlüssel zu finden, zeigte sich aber sehr bemüht.

Er kam auf die verrückte Idee, durch das schmale Fenster eines Büroraumes in den Tierraum zu klettern. Meine verzweifelten Versuche, ihm zu erklären, dass selbst das nichts brächte, da die Käfige auch noch einzeln abgeschlossen seien, scheiterten grandios am Nichtverstehen des Securityguards.

Über einen wackeligen Schreibtisch mit teuren Computern darauf, zwängte sich der Securitygard in seiner wichtig wirkenden, hellblauen Uniform durch den schmalen und hohen Fensterspalt an einem Geranientopf vorbei, um in den Innenraum des Tiergeheges zu gelangen. Lea und ich bangten verwundert um die teure Technik, die rot blühenden Geranien und natürlich um das Leben des wahnsinnigen Sicherheitsbeamten. Nun war es an mir, ihm zu folgen. Ungünstig nur, dass ich einen engen Rock trug, der mich signifikant in meiner Bewegungsfreiheit einschränkte, insofern mir daran gelegen war, ihn nicht reißen zu lassen.

Ohne zu zögern, kletterte ich ebenfalls auf das schmale Fenstersims, wobei bereits fast der eine Laptop vom Tisch gefallen wäre, wenn nicht Lea noch im rechten Moment da gewesen wäre und das Unglück verhindert hätte. Mir gelang der gewagte Aufstieg nach oben, aber dann saß ich quasi zwischen roten Geranien, meine Beine baumelten ins Tiergehege, aber meinen Oberkörper musste ich erst noch irgendwie durch das schmale Fenster winden. Ich überlegte kurz, ob ich einfach hinunter springen sollte. Doch ich wollte nicht riskieren, die gesamten Blumenkübel herunterzureißen. Dieses Missgeschick irgendjemandem zu erklären, lag nach meiner Einschätzung eindeutig nicht im Bereich des Möglichen.

Das Herunternehmen der Blumenkästen war ebenfalls ausgeschlossen, da diese durch ein Schlauchsystem einer Bewässerungsanlage nicht verrückt werden konnten. Der sich mindestens genauso hilflos fühlende Guard, nahm mein kurzes Zögern wahr und griff mir beherzt unter die Arme, und half mir hinunter, so wie Eltern sonst ihre Kindern vom Klettergerüst hinab heben. Ich war aufgrund der Höhe mehr oder weniger gleichzeitig gezwungen in seine Arme zu springen, wozu es aber in der Eile keinerlei Alternativen gab.

Im Käfigraum konnte ich mich dann lediglich vergewissern, dass alle Tiere noch am Leben waren und den Meerschweinchen noch etwas Frischfutter geben. Einen Großteil der Tiere konnte ich jedoch nicht versorgen, da ihre Käfige extra abgeriegelt waren. Ich sammelte mich in der Zeit kurz und stellte mich mental auf den Rückweg ein.

Diesmal gelang es recht gut, trotz des Rockes mich fast elegant durch das enge Fenster hindurch zu schlängeln. Dem Securityguard hingegen bereitete der Rückweg mehr zu schaffen. Er richtete sich seltsamerweise auf und stand für nur einen sehr kurzen Augenblick aufrecht in den Geranientöpfen, bevor er rücklings vom Fensterbrett kippte. Zum Glück landete er geschickt wie eine Katze auf beiden Füßen und mir wurde beim Anblick ganz schwindelig. Lea und ich waren in diesem Moment ebenfalls völlig überfordert mit der Situation und konnten das Lachen, entspringend aus einem Gefühl der Absurdität nicht länger unterdrücken. Während wir uns nur so kringelten, blieb der Beamte absolut ernst und schien die gesamte Situation nicht annähernd so komisch zu finden wie wir. Irgendwie schaffte er es dann aber beim zweiten Versuch heraus zu kommen. Ziemlich resigniert gestand er dann auch ein, dass er uns nicht mehr weiter helfen konnte. An seiner Uniform klebten Spinnweben und schwarze Blumenerde und seine schwarze Hose hatte ein Loch, das ich vorher dort nicht gesehen hatte. Wir dankten ihm sehr für seine Bemühungen, wenn sie auch leider nicht zur Fütterung der Tiere geführt hatten.

Jedes Mal gab es Theater um den Schlüssel, aber nach dieser Aktion würde mich wirklich nichts mehr überraschen.

Als ich am nächsten Morgen in aller Frühe vor unmittelbarem Aufbruch zu unserer Rundreise noch einmal ins Krankenhaus kam, um nach dem Schlüssel und den Tieren zu schauen, war er auf fast schon mysteriöse Art und Weise wieder da. Schön, wenn sich alle Probleme scheinbar nachts von selbst lösen könnten!

 

Palästina erleben

In Herrgottsfrühe zu Fuß nach Bethlehem

Der Samstag (Schabbat) ist in Jerusalem ein Feiertag, ähnlich unserem Sonntag. Alle Läden sind geschlossen, sogar alle Busse und Straßenbahnen sind außer Betrieb und die ganze Stadt scheint in Ruhe bettet zu sein. Um den nun kommenden Tag dennoch erlebnisreich zu gestalten, wollten Lea und ich zu Fuß in die knapp 10 km entfernte Stadt Bethlehem laufen. Da es sehr heiß in Jerusalem war, planten wir ein sehr frühes Aufstehen.

Noch vor Sonnenaufgang riss mich mein Handyalarm um 4.45 Uhr aus dem Tiefschlaf. Nachdem ich die nötigen Sachen für unsere Tagestour gepackt hatte, weckte ich Lea um 5.15 Uhr, was – nach ihrem noch deutschen Zeitgefühl – einer Tageszeit von 4.15 Uhr entsprach. Aber was nimmt man nicht in kauf, wenn man etwas erleben möchte! Wir machten uns rasch auf den Weg, um die etwas kühlere Tageszeit auch auszunutzen. Dank unseres treuen Begleiters namens „Google-maps“ schafften wir es ohne größere Umwege den Checkpoint von Bethlehem in morgendlicher Frühe zu erreichen.

Nach ungehindertem Passieren einiger Drehtüren und einer kurzen Passkontrolle traten wir aus dem gefängnisähnlichen Checkpointgebäude und wurden sofort von einer Horde aufdringlicher Taxifahrer umringt. Nun lag es an uns, einen Fahrer zu finden, der uns zum etwas außerhalb gelegenen Herodespalast fuhr und einen akzeptablen „Deal“ mit ihm auszuhandeln. Doch das war leichter gesagt als getan! Als erstes gab ich mich als naive Touristin zu erkennen und erhielt ein wahnsinniges Angebot in Höhe von 230 Schekeln (knapp 60 Euro). Mir ist wohl bekannt, dass die Preise hier üblicherweise zu hoch angesetzt werden und verhandelt werden müssen, aber dieses Angebot war schlichtweg maßlos. „Good price, good price!“ wiederholte er immer wieder, während Lea und ich signalisierten, dass wir nicht mehr interessiert waren. Das schien den Fahrer jedoch zu ermuntern, weiter zu verhandeln. Er senkte den Preis schnell auf 100 Schekel herab (25 Euro), was mir schon angemessener erschien. Nun war meine Verhandlungsfreude erwacht. Mein Ziel: den Preis noch einmal zu halbieren. Lea und ich liefen ohne uns aus der Ruhe bringen zu lassen weiter, vorbei an dem Gewirr aus lauthals grölenden Taxifahrern mit weiterhin überteuerten Angeboten.

Als wir die Gruppe schon hinter uns gelassen hatten, fuhr ein junger Fahrer mit dunklem Teint, gegelten Haaren, Sonnenbrille und 3 -Tage- Bart in seinem gelben Taxi zu uns herüber. Ich nannte ihm das Ziel mehrfach sehr deutlich und er versicherte uns, uns für 40 Schekel dort hinzufahren. Wir stiegen ein. Ich auf den Beifahrersitz neben dem Fahrer, todsicher, dass dies erst der Beginn der Verhandlung gewesen war, und Lea auf der Rückbank. Ich wiederholte unser Ziel mehrfach, ungläubig über das Angebot und ein Ausbleiben der bisherigen Verhandlungen.

Dann zeigte ich ihm ein Bild vom Herodespalast auf meinem Handy und riss unseren Fahrer damit aus seiner vermeintlichen Trance der Unverständnis. Wir stoppten sofort am Straßenrand und der Fahrer erklärte, er habe gedacht, wir hätten nur ins Stadtzentrum gewollt, welches nicht sonderlich weit vom Checkpoint entfernt lag. Schnell war mir klar, dass das seine Masche war! So ein Spiel ließen wir aber nicht mit uns veranstalten. Ich öffnete die Tür und signalisierte, dass ich sofort aussteigen würde, wenn jetzt kein ernsthaftes Angebot folgen würde. Ich raunte Lea zu, dass sie sich nicht anschnallen und immer aussteigebereit bleiben solle. Der Fahrer verstand nun auch, dass wir es ernst meinten und dass es nun an ihm lag, ob ein Auftrag für ihn zu Stande käme oder nicht.

Er forderte uns energisch auf im Auto zu bleiben und fuhr mit Reifenqueitschen und Motorheulen wieder an, nun in Richtung Bethlehemer Innenstadt. In der Stadt hielten wir und ein schon etwas in die Jahre gekommener Mann- auch Taxifahrer wie mir schien- erschien an meinem offenen Fenster. Obwohl ich nur sehr wenige arabische Wörter verwenden konnte, war er der festen Überzeugung, ich verstünde ihre Muttersprache. Unsinn – als ob ich mich dann auf solche schleppenden Verhandlungen und solche absurden Preise eingelassen hätte! Unser Taxifahrer telefonierte hingegen aufgebracht gestikulierend mit seinem Smartphone mit gesprungenem Display, wobei ich nur erahnen konnte, was er gerade versuchte zu schildern.

Nach Diskussionen, die sich länger als die von uns geforderte Fahrt selber zogen, stand ein mehr als akzeptables Angebot von 60 Schekel für Hin- und Rückfahrt zum Herodium und einer Stunde Aufenthalt vor Ort! Der Fahrer schien zwar nicht besonders glücklich über den Ausgang der Verhandlungen zu sein, aber er hätte sich ja auch anders entscheiden können. Wir jedenfalls waren zufrieden und ich war sicher, dass wir damit immer noch weitaus mehr zahlten, als die lokale Bevölkerung. Ohne weitere Worte brauste der Taxifahrer stillschweigend mit uns im Taxi zum Herodium.

Herodiumsbesichtigung unter treuer Begleitung

Unweit von Bethlehem ließ Herodes der Große eine Fluchtburg bauen, wo er sich später auch begraben ließ. Der schon von Weitem sichtbare Berg ragt 11km südöstlich von der Geburtsstadt Jesu aus dem hügeligen Umland. Besonders auffallend ist hierbei seine unnatürliche, markante Form, welche er erst durch die Bautätigkeit Herodes erhielt.

Um kurz nach 8 Uhr am Morgen erreichten wir das noch verschlafen und leer wirkende Besucherzentrum am Fuße der Burg. Ungefragt folgte uns der nicht mehr ganz so mürrisch auftretende Taxifahrer, der sich uns wenig später als Deneb vorstellte. Lea und ich entrichteten, so wie es sich für uns gehörte, unsere Eintrittsgebühr am Kassenhäuschen. Deneb passierte den Eingang ohne zu bezahlen. Während wir schnurstracks den holprigen Steinpfad bergauf zum Palastbereich antraten, hechelte der nicht gerade unsportlich wirkende Fahrer mit größter Anstrengung und hochrotem Kopf hinter uns her.

Obwohl es noch so früh war, ließ die Sonnenintensität bald jede Bewegung zu einer Anstrengung werden. Als Lea und ich fröhlich oben angekommen waren und bereits den überwältigenden, imposanten Blick über das Judäische Bergland genossen, schleppte sich Deneb mühevoll die letzten Wegbiegungen nach oben. Voller Begeisterung erkannten wir von hier oben den entfernt gelegenen Ölberg bei Jerusalem und nach Osten hin Dunstschwaden, welche das Tote Meer erahnen ließen. Von Denebs Stirn lief der Schweiß der Anstrengung in Strömen herab, doch in weiser Voraussicht hatte er ein lässig über seine Schulter hängendes Badehandtuch dabei, womit er sich alle paar Schritte über das Gesicht fuhr.

Als er auch endlich auf der Plateauebene ankam, wollte uns der Arme auch noch eine Führung auf Englisch zuteil werden lassen! Er wollte uns durch die Reste der alten Festung und die begehbare Zisterne führen. Uns war nicht ganz klar, ob wir dafür später auch noch bezahlen sollten. Doch dem Fahrer zu erklären, dass wir keinerlei Interesse an seinem Angebot hatten, dass uns auch langsam immer weniger gefiel, war gar nicht so einfach. Erst in den unterirdischen Schächten der Anlage, schafften wir es, unserer klebrigen Begleitung zu entkommen.

Wir genossen den Moment der Ruhe, bevor es zu dem hart verhandelten Tarif wieder zurück nach Bethlehem ging. Wir schwiegen uns im Auto auf der Rückfahrt an bis Deneb abrupt vor der Bethlehemer Mauer anhielt und unsere Fahrt vorbei war. Ich zahlte den verhandelten Preis nach dem Aussteigen durchs Fenster, wie es als am sichersten gilt, wie mir Einheimische erklärt haben. Energisch kurvte Deneb davon.

Graffitibesichtigung am terroristischen Schutzwall

Eine 8 Meter hohe Mauer aus Stahlbeton umgibt die Stadt Bethlehem, ebenso wie viele weitere Städte des Westjordanlands. Ziel dieser israelischen Sperranlagen ist das Abfangen von Selbstmordattentätern aus den palästinensischen Gebieten. Auf israelischer Seite ist die Mauer schlichtweg grau, auf palästinensischer Seite wurde das unliebsame Bauwerk mit zahlreichen Graffiti besprüht. Viele davon ein Ausdruck von Kritik, Protest und Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der israelischen Regierung.

Es war für Lea und mich ein mehr als bedrückendes Gefühl vor der einschüchternden Mauer zu stehen, mit dem Wissen, dass die meisten Bewohner der Stadt wohl niemals eine Erlaubnis bekommen würden, ihr kleines, eingemauertes Wohngebiet zu verlassen. Wir gingen ein Stück an der Mauer entlang. An ihren Rändern türmten sich Stacheldraht, Müll, Schutt und sonstiger Unrat. Es war beklemmend. Überall waren Schriftzüge wie „Free Palestine!“ , aber auch Darstellungen von Nethanjahu und Trump in unübersehbarer Größe anzutreffen.

Ein enorm großes Kunstwerk zeigte beispielsweise wie Trump mit Kippa ehrfürchtig vor der Mauer stand, mit der Gedankenblase „I am gonna build you a brother“. Etwas weiter blickte uns eine „palästinensische Freiheitsstatue“ mit aufgerissenen Augen auf uns herab, eingehüllt in ihr Kopftuch . Zwischen den zum Teil wirklich kunstvoll gestalteten Bildern lasen wir Slogans wie „didn‘t you learn anything from the Warsaw Ghetto?“.

Am Ende blieb für uns der Eindruck des Gefühls von Unfreiheit und Rechtlosigkeit der hier lebenden Palästinenser. Von der beklemmenden Mauer aus, machten wir uns nach einer Weile auf in Richtung Innenstadt, um die Geburtskirche Jesu zu bewundern.

Chaos in der Kirche

Als wir in der Altstadt ankamen, stand die Sonne hoch am Himmel und machte ein noch längeres Umherlaufen zur echten Qual. Um der prallen Mittagshitze zu entgehen, steuerten wir den Eingang der Geburtskirche Jesu an.

Zu meinem Erstaunen war sie recht gut von Touristen besucht, obgleich sich die Anspannungen und Proteste in Reaktion auf die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem noch gar nicht lange her war.

Im Kontrast zu unserem Eindruck vom Aufenthalt in Jerusalem stellten wir fest, dass Sicherheitskräfte in den palästinensischen Gebieten eine absolute Rarität darstellten. Am Eingang zu einem der wichtigsten, christlichen Orte befand sich bei unserer Ankunft nur ein schlapp und müde wirkender Polizist, der in der Mittagshitze litt. Er trug nicht einmal eine Schusswaffe bei sich, sondern lediglich eine Trillerpfeife und einen schlagstockähnlichen Gegenstand an seinem Gürtel. Er tat uns fast leid, wie er da bei diesem Wetter regungslos in der Sonne stehen musste.

Die kleine Kirche wurde im Jahr 333 an der Stelle errichtet, wo Jesus Christus nach Ansicht der damaligen Erbauer geboren sein soll. Dieser Ort wurde bereits im 2. Jahrhundert als Geburtsstätte verehrt und stellt heute für religiöse Christen einen wichtigen Wallfahrtsort dar. Es ist jedoch kein archäologischer Nachweis erbracht, dass es sich wirklich um die Stelle oder den Ort handelt, an dem Jesus geboren wurde.

Von einem adrett im Anzug gekleideten, lächelnden jungen Mann wurde uns erklärt, dass die im deutschsprachigen Raum weit verbreitete Ansicht, der Messias sei in einem Stall geboren, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sehr unwahrscheinlich sei. In dieser Region hielten früher viele Hirten ihre Herden in Höhlen und in der Nähe davon und folglich wurde auch Jesus in einer Höhle geboren und nicht, wie im jährlichen Krippenspiel als Kind gelernt, in einem Stall.

Nach etwas Smalltalk bot uns der junge Mann an, das Warten an der langen und chaotischen Schlange für eine Gebühr von jeweils 50 Schekeln zu überspringen. Doch ich hatte in diesem Moment wirklich keinen Nerv auf Preisverhandlungen. Mir waren unsere Taxiverhandlungen von heute Morgen noch viel zu präsent, wo wir uns so fürchterlich in Rage geredet hatten. Aber manchmal hat man einfach Glück. Wir bewegten uns langsam und andächtig in den vorderen Teil der Kirche. Prunkvoll verzierte Kronleuchter hingen hier tief von der Decke hinab und Touristen jeglicher Couleur drängten sich nach vorne, um den winzigen Altar im Dämmerlicht der Kirche fotografieren zu können. Wir taten es ihnen gleich.

Im unübersichtlichen Gewusel öffnete auf einmal ein Mann ein Absperrband und winkte eine asiatische Touristengruppe hindurch. Neugierig, was es für sie zu sehen gab, folgten wir ihnen entschlossen. Ohne recht zu begreifen, fanden wir uns wenige Augenblicke später am Eingang wieder, der uns hinab führte in Jesu Geburtsgrotte. Und das alles ohne Schlangestehen und Zusatzgebühren!

Schon kamen wir in eine schwülwarme, dunkel bis nahezu gespenstisch wirkende Kammer mit verbrauchter Luft. Ein paar Kerzen auf goldenen Ständern leuchteten den Teil des engen Raumes aus, wo Jesus dem Glauben zufolge auf die Welt kam. Nach einem kurzen Erhaschen des Anblicks und der Atmosphäre die Kammer, wurde man, angesichts der Menschenmassen, sofort wieder aufgefordert weiter zu gehen. Dennoch ein besonderer Moment.

Wieder im Freien, sahen wir uns noch ein wenig im Ort um, liefen über die Märkte und suchten nach einem schönen Ort, um zu verweilen und etwas zu essen. Doch das war nicht so einfach, denn alle Lebensmittelläden oder Imbisse waren geschlossen, da in der muslimischen Welt der Fastenmonat Ramadan zelebriert wurde. Um der sengenden Hitze zu entgehen, planten wir unseren weiteren Tag auf zwei provisorisch aufgestellten Gartenstühlen inmitten eines gut akklimatisierten Blumengeschäftes. Der Verkäufer blickte etwas verwundert drein, ließ uns aber höflich gewähren.

Im arabischen Bus nach Hebron

Wir fassten gemeinsam den Entschluss, uns gemeinsam in einen arabischen Bus zu setzen, der, anders als die israelischen Verkehrsmittel, auch am Shabbat verkehrt, um in die Stadt Hebron zu fahren.

Der Weg zum Busbahnhof war nicht weit. Auf dem Busbahnhof standen etliche gelbe, klapprig anmutende Minibusse herum. Passagiermengen schoben sich zwischen den eng aneinander gereihten Fahrzeugen vorbei. Die anderen Fahrgäste musterten uns als Touristen scheinbar besonders eindringlich.

Nach gefühlt endlosem Herumfragen und zahlreichen Fehlinformationen, saßen wir dann letztlich in einem uralt erscheinendem Bus, mit ungepolsterten Sitzen und abgewetzten, gelben Gardinen vor den schmuddelig, schmutzigen Fenstern. Die Farbwahl im Inneren des Busses war wirklich bemerkenswert hässlich. Nachdem sich der Bus langsam gefüllt hatte, stieg zu guter Letzt der Fahrer ein. Er schob eine Kassette ins uralte Kassettenfach, drehte gekonnt den Schlüssel herum und der schrottreif wirkende Bus begann im Takt des Motors zu zittern. Die Blicke der Palästinenser fühlten wir auf uns gerichtet. Offenbar war es eine eher ungewöhnliche Szenerie, zwei junge Touristinnen in ihren lokalen Verkehrsmitteln vorzufinden.

Eine Stadt – zwei Welten

Nach einem kurzen, recht erholsamen Mittagsschlaf während der Fahrt im stickigen, über die Straßen rumpelnden Bus, erreichten wir den muslimischen Teil der Stadt Hebron.

Zu meiner großen Überraschung war es deutlich ruhiger in der Innenstadt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Das mochte hauptsächlich an zweierlei Gründen liegen. Zum einen erreichte die Sonne, als wir ausstiegen gerade ihren höchsten Punkt, sodass jeder, der nur konnte, sich ein ruhiges Örtchen im Schatten suchte, zum anderen kamen wir im Fastenmonat Ramadan zu Besuch, was bedeutete, dass zu dieser Zeit hier keine Restaurants, Imbissbuden o.ä. geöffnet waren und auch Lebensmittel sich tagsüber daher auch kaum verkaufen ließen oder gekauft wurden.

Bei unserem Bummel durch die Innenstadt sahen wir, wie ein Mann crepartig dünne Fladenbrote an einem Holzfeuerofen auf offener Straße ganz frisch selber herstellte. Interessiert warfen wir einen Blick zu ihm herüber, bestaunend wie er seine Arbeit so schnell und geschickt verrichten konnte. Als er unsere interessierten Blicke wahrnahm, winkte er uns beide zu sich herüber und drückte jeder von uns einen frischen Fladen in die Hand und fordert uns auf, es zu probieren. Es schmeckte ganz wunderbar und wir freuten uns sehr über diese nette Geste. Der Bäcker selbst stand hier bereits seit vielen Stunden in der Hitze und konnte selbst weder etwas essen noch trinken. Wir bewunderten seine Selbstdisziplin.

Nur wenige Meter weiter weiter wurden wir gleich von einem älteren Herrn mit langem grauen Bart und traditionellem Gewand und Turban in den hinteren Teil seines Ateliers gelotst, wo er uns eine kurze Führung durch sein privates Humus-Museum erteilte. Interessant zu sehen waren die Überreste eines riesigen Mahlsteines inmitten eines kleinen Raumes. Der Besitzer zeigte uns dann ein verschwommenes, welliges Foto, auf dem ein Kamel mit verbundenen Augen zu sehen war, das immer im Kreis lief, um den Mahlstein zu drehen. Die Augen, so erklärte und der nette Herr, würden den Tieren verbunden werden, damit ihnen nicht so schnell schwindelig würde.

Er erzählte noch eine Menge über Hummusherstellung und die Verarbeitung von Kichererbsen, Sesam und Oliven.

Direkt am Ausgang wurden wir von einem freundlichen jungen Mann angesprochen, der sich als Ghassan vorstellte und uns anbot, etwas in der Stadt herum zu führen. Dieses Angebot nahmen wir freudig an.

Wir liefen durch die engen Gassen und er deutete auf die sehr gut besuchte Moschee. Er erklärte uns aber auch gleich, dass er es selber nicht so ernst mit der Religion nehme und es auch mit dem Fasten nicht so streng sehe. Seine offen-weltliche Einstellung überraschte mich, genauso wie sein recht flüssiges Englisch. Wir kamen an einen Checkpoint, Lea und ich konnten ungehindert passieren. Ghassan hingegen wurde extra gescannt und musste seine Ausweisdokumente vorzeigen.

Er führte uns zu unserem Erstaunen zu seinem eigenen Laden, wo er selbst hergestelltes Porzellan verkaufte. Als wir es uns auf Plastikstühle im Schatten bequem gemacht hatten, begann er uns seine persönliche Geschichte zu erzählen: Bis vor 3 Jahren lebte er für insgesamt 2 Jahre in Dänemark und besuchte dort die Schule. Jetzt sei er 24. Eigentlich wollte er viel lieber nach Deutschland, aber mit seinen Papieren und seinem unklaren Status, hatte er eben keine Wahl, sondern musste nehmen, was er kriegen konnte, erklärte er uns freundlich lächelnd. Doch die Worte, die er sagte, waren ernst.

Bei allem, was er erzählte, merkte man ihm an, was für eine Anspannung und Frustration sich in ihm angestaut hatte. Er beschrieb, wie schwer und mühselig es für ihn war, von der arabischen Innenstadt zu seinem Laden zu gelangen und wieder zurück. Jedes Mal wieder müsse er seine Papiere zeigen, sich Kontrollen und Befragungen aussetzen, obwohl ihn die Soldaten alle bestens kannten, schließlich wohne und arbeite er ja hier und ginge diesen Weg mehrmals täglich. Doch das schien nur eine Sache unter vielen zu sein, die ihn unzufrieden stimmte. Wie gerne wäre er so frei wie wir, sagte er uns.

Es machte sich -wie jedes Mal – ein unbehagliches Gefühl in mir breit, wenn Palästinenser mit mir über ihre Situation sprachen. Wie einfach war es für Lea und mich in nahezu jedes beliebige Land einzureisen und innerhalb der ganzen EU ungehindert von einer Stadt zur nächsten fahren. Zu diesem Reichtum an Freiheit haben wir nichts beigetragen und nichts geleistet, wir haben ihn einfach, weil wir in Deutschland geboren wurden. Für uns ist es fast unvorstellbar, diese Freiheit nicht zu haben. Für Ghassan und einen Großteil der Palästinenser hier, ist es sogar mit Ungewissheiten verbunden, ob ihnen ein Aufenthalt in Jerusalem gewehrt wird.

Ghassan erklärt ausführlich seine Sicht auf die Situation seiner Stadt und auf sein Leben und seine Zukunft : Immer mehr illegale Siedlungen würden die Westbank zerreißen, so formulierte es der junge Palästinenser. Nirgends könne man die Spannungen so deutlich spüren wie in Hebron, der größten und wichtigsten Stadt Palästinas. Er könne selber nicht begreifen, wie es zur Teilung der einst lebhaften Stadt kommen konnte und wie es sein konnte, dass sich in ihrem Herzen jüdische Siedler ungehindert niedergelassen konnten, womit sie den Alltag vieler Palästinenser für immer veränderten.

Ghassan schilderte sehr bewegt, wie schlimm es für ihn sei, mit anzusehen wie soviel Leid und Unrecht einfach totgeschwiegen wird. „Wie kann die Weltgemeinschaft nicht nur wegschauen, sondern das Ganze auch noch unterstützen?“, stellte er zum Schluss in den Raum. Ohne jedoch unsere Reaktion abzuwarten, schlug er uns dann vor, dass wir uns noch ein Weilchen in der Geisterstadt umsehen könnten und bot an, uns noch so weit, wie es ihm eben erlaubt war, zu begleiten. Wir freuten uns sehr darüber.

Diskussion mit religiösem Sittenwächter in Hebron

Nach unserer Durchquerung des Checkpoints, befanden wir uns schon in der jüdisch-gemischten Zone der geteilten Stadt.

Hier sorgen israelische Sicherheitskräfte vor allem für die Sicherheit der jüdischen Siedler inmitten des ehemaligen Stadtzentrums. Arabische Bewohner dürfen sich hier nur sehr eingeschränkt bewegen, so sind z.B. an manchen Straßen schmale Ränder abgeteilt, auf denen es den Palästinensern gestattet ist zu gehen. Einige Straßen wurden allerdings aus sicherheitsrelevanten Gründen komplett für sie gesperrt. Dieser Stadtteil hat sich nach der zweiten Intifada und dem Durchsetzen strenger Isolationsmaßnahmen zwischen Juden und Arabern in eine Geisterstadt verwandelt, bestehend aus leeren Bauruinen und geschlossenen Geschäften. Eine durchaus angsteinflößende Kulisse, fand nicht nur Lea.

Inzwischen standen wir auf einer nahezu leeren Straße, etwas abseits von einem einsamen, kleinen jüdischen Geschäft. Ghassan steckte mir unauffällig ein paar Silbermünzen zu und bat mich, eine kleine Wasserflasche für ihn zu kaufen. Gläubigen Muslimen war es während Ramadan tagsüber nicht gestattet zu essen oder zu trinken. Unser Begleiter hielt zwar nichts von diesen strengen Vorschriften, war sich jedoch bewusst, dass es ein absolutes No-Go für ihn wäre, hätte er versucht im arabischen Stadtteil etwas Wasser zu kaufen, geschweige denn dieses auf offener Straße zu konsumieren.

Während ich kurz in dem kleinen Lädchen verschwand, musste Lea erst einmal richtig begreifen auf was für einem Schauplatz sie hier gerade stand. Eine Bande kleiner Jungs rannte die Straße herunter, doch bis auf sie waren die Straßen wie leer gefegt, denn das Ende dieses Ortes hatte begonnen. Ich bekam aus einiger Entfernung mit, wie Ghassan Lea ausmalte, dass hier einst so reges Treiben herrschte wie auf dem Bazar im arabischen Stadtteil und dass aus Angst, Hass und Repression schon über 3000 Läden geschlossen werden mussten.

Bei der weiteren Besichtigung dieses Ortes, konnten wir das ganze Ausmaß dieser Lebenssituation nur in Ansätzen erfassen. Ghassan wies uns wieder und wieder auf die leerstehenden Gebäude hin und malte für uns das alte, lebendige Hebron in all seinen bunten Farben aus und ließ es vor unserem inneren Auge wieder entstehen. Wir passierten einen Wachturm aus dem Augen auf uns herab starrten und uns beobachteten. Sie beobachten das Geschehen, wo nichts mehr geschah.

Wo einst fröhliche Menschen, ein reges Treiben und eine lebensfreundliche Heimat waren, findet man heutzutage lebensfeindliches, totes Territorium durchzogen von meterhohen Wällen. An den leerstehenden Gebäuden baumeln vereinzelt die blau-weißen Israelfahnen herab und ab und zu entdeckt man auf dem Boden leere Granathüllen.

Wir kamen um eine weitere Straßenbiegung und als wir uns für einen Moment unbeobachtet fühlten, bat mich Ghassan, ihm das Wasser zu reichen, welches ich bis hierhin mit mir herum trug. Hastig trank er er ein paar Schlucke, da brauste auch schon ein geländetaugliches, allradbetriebenes Polizeiauto um die Ecke und bremste ruckartig vor uns ab.

Das offene Fenster gab die Sicht auf den am Steuer sitzenden Polizisten und seinen Beifahrer frei. Die sonnengebräunten durchtrainierten Oberkörper, die kurzen Gel verklebten dunklen Haare und die verspiegelten Sonnenbrillen der beiden jungen Beamten stießen mir als erstes ins Auge.

Der Beifahrer ließ lässig seinen muskelbepackten Arm aus dem Fenster baumeln und auf seiner marineblauen Uniform prangten zahlreiche Abzeichen und Orden der Wichtigkeit. Bis vor wenigen Augenblicken noch, war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, die Sicherheitskräfte an diesem eigenartigen Ort seien ausschließlich für die Sicherheit der Bürger, insbesondere der jüdischen Siedler, zuständig. Nichts ließ mich bis zu diesem Moment ahnen, dass die Sicherheitskräfte hier auch gleichzeitig die Aufgaben eines „religiösen Wächterrats“ übernahmen.

Der am Fenster sitzende Polizist begann nun Ghassan lauthals auf arabisch zu maßregeln. Es sei Ramadan und ihm als Muslim nicht gestattet, tagsüber zu trinken. Nach unserer sehr emotionalen Führung durch die Stadt, regte mich diese Situation plötzlich furchtbar auf und mit ärgerlich aufgebrachter Stimme und einem leicht provokantem Unterton fragte ich den Beamten also, ob er denn auch immer koscher esse. Mit eingefrorenem Gesicht und starrem Blick klappte ihm für einen Bruchteil einer Sekunde die Kinnlade herunter. Ohne zu antworten, obwohl er mich ganz sicher gehört hatte, forderte er kalt und monoton: „Passport please!“ Ich händigte ihm unverzüglich mein Dokument aus und er begann ein paar lächerliche Sicherheitsfragen zu stellen. „Er kann uns doch nicht allen Ernstes nun für Terrorverdächtige halten!“, ging es mir etwas genervt durch den Kopf.

Als der Polizist mit seiner Fragerei scheinbar am Ende angekommen war, streckte er mir meinen Pass aus dem Fenster entgegen. Aufgebracht durch die ganze Situation, nahm ich jedoch den Pass nicht sofort entgegen, sondern bemerkte zunächst freundlich aber bestimmt, dass ich all seine Fragen, ob mir lieb oder nicht, wahrheitsgemäß beantwortet habe und ich nun gerne erfahren würde, ob er denn wirklich immer koscher esse. Er blickte mir tief in die Augen und antwortete mit ernster Stimme, dass er nie koscher und sogar Schwein esse. Ich bedankte mich für die Antwort und zog ihm ruppig meinen wertvollen Reisepass aus dem festen Griff, den er immer noch in meine Richtung zeigend aus dem Fenster streckte.

Etwas verwundert raunte der Polizist etwas seinem Kollegen zu, der schon ungeduldig mit den großen Händen aufs Lenkrad trommelte und rief dann noch Ghassan etwas auf Arabisch herüber. Die beiden lachten kurz auf und dann waren die beiden Polizisten auch schon wieder verschwunden. Ich schaute ihnen hinterher, doch alles was ich sah war eine dunkle Staubwolke.

Ganz bald mussten wir uns auch von unserem treuen Begleiter verabschieden, denn den Bereich, den wir uns nun anschauen wollten, kennt Ghassan in seiner ausgestorbenen Form nur von Bildern und aus Erzählungen.

Ruhepause auf dem Observatory – Tower

Durch die leere Geisterstadt bahnten wir uns unseren Weg in schnellem Gehtempo und zweigten dann auf einen kleinen Trampelpfad ab, zugewuchert mit dornigen Büschen und hohem Gras. Ein kleines Schild mit blättriger Farbe wies uns den Weg zu der etwas abseits gelegenen „Abrahams Spring“.

Schon aus einiger Entfernung ließ sich erahnen, wo die Quelle zu finden sein könnte, denn ein Stück bergauf sahen und hörten wir auf einmal zahlreiche Menschen. Als wir den sonnigen Hang empor gekraxelt waren, hatten wir eigentlich eine Abkühlung bitter nötig, doch unsere Vorfreude wurde beim Anblick der Quelle schnell getrübt. Tiefbraunes Wasser sammelte sich in einem kleinen, schattigen Becken, gelegen in einer Art Höhle. Obwohl einige Menschen sich ein vermeintlich erfrischendes Bad in dem nach Kanalisation und Abfalltonne stickenden Schlammloch gönnten, war mir schnell klar, dass ich getrost darauf verzichten konnte, auch nur meine Füße hinein zu halten. Etwas enttäuscht standen wir auf die Quelle blickend in der Gegend herum, als ein jüdischer Mann mit Kippa auf uns zu kam und zum Ausdruck brachte, unsere Meinung über die Badestelle teilen zu können.

David, so wie er sich dann vorstellte, wartete auf seinen Freund, der sich eine kurze Abkühlung gönnen wollte, was bei David jedoch offensichtlich auf Unverständnis stieß. Geduldig beantwortete er stattdessen all unsere Fragen aus seiner Sicht zu dieser durchaus eigenartigen Stadt. Er bestätigte, sich hier sehr wohl und sicher zu fühlen, dank der vielen Soldaten, die hier für die Sicherheit sorgten.

Einige der stationierten Soldaten waren auch hier an der Quelle präsent. Einige in Uniform, einige nur äußerst leicht bekleidet, um ebenfalls von den Vorzügen der Quelle Gebrauch zu machen. David äußerte, dass er es auch schade fände, dass die vielen Läden in der ehemaligen Innenstadt schließen mussten, war aber ebenso überzeugt davon, dass es sich dabei um die einzige Möglichkeit handele, in Hebron für Stabilität und Sicherheit zu sorgen.

Dann fragten wir ihn nach seinen Empfehlungen bezüglich weiterer sehenswerter Besichtigungsorte.Daraufhin rief er seinen etwas verwunderten Freund mit rauem Tonfall aus dem Wasser und forderte uns auf, ihnen zu folgen. Gemeinsam liefen wir über einen steinigen Weg und krabbelten durchs Unterholz, wobei ich mir meine Knie und Beine aufkratzte.

Plötzlich dämmerte mir, wohin wir uns bewegten. Wir steuerten schnurstracks auf den militärischen Wachturm zu, umgeben von unzähligen wachhabenden Soldaten. Am Fuße des Turms verabschiedeten sich die beiden Jungs von uns und versicherten, dass es kein Problem sei, auf den Turm zu steigen und von oben den Blick auf die Stadt zu genießen. Wir folgten ihrem Rat und betraten das Gebäude, in dem sich ebenfalls viele Soldaten aufhielten. Nach einem steilen Treppenaufstieg, wurden wir endlich mit einer schattigen, einladenden Dachterrasse und einer grandiosen Aussicht über Hebron belohnt. Noch angefüllt mit den bizarren Eindrücke der letzten Stunden, packten wir hungrig die Brotfladen aus, die uns heute Mittag auf der Straße geschenkt wurden.

Nach unserem provisorischen Picknick, machte sich eine lähmende Müdigkeit in uns breit. Wir legten uns auf die Rucksäcke und das frühe Aufstehen machte sich schlagartig und unwillkürlich bemerkbar. Nach einem kurzen Nickerchen, konnten wir uns gerade noch im rechten Moment besinnen und uns wieder aufraffen, um nicht versehentlich in einen komatösen Tiefschlaf zu verfallen.

Etwas benommen von unserem Kurzschlaf kletterten wir träge den Turm hinab und fragten einige umstehende Soldaten nach dem Weg zur Straße. Anscheinend löste unsere müde Erscheinung den Beschützerinstinkt in den Soldaten aus. Sehr zuvorkommend und freundlich beschrieben sie uns den Weg zurück zur Quelle und kontaktierten daraufhin gleich ihre Kollegen, die etwas weiter unterhalb stationiert waren, bzw. badeten, um sicher zu gehen, dass wir heil ankommen. Als wir die Quelle passierten, reagieren die dort informierten Soldaten recht amüsiert auf unser Kommen, da sie uns schon von unserem ersten Besuch des Badeloches kannten.

Wenige Augenblicke später standen wir vor einem verlassen wirkenden Wohnhaus, mitten in der Natur. Auf der schmalen Steintreppe, die zum Wohnhaus führte, saß ein Vater mit seinen 3 kleinen Kindern im Schatten und winkt uns zu. Wir verständigten uns kurz und entschieden, hinüber zu gehen. Wir kamen zu ihnen an die Treppe, doch trotz großer Bemühungen, war es uns leider aufgrund der unüberwindbaren Sprachbarriere nicht möglich, ein Gespräch anzufangen.

Durch einladende Gesten gab der Mann zu verstehen, dass wir uns setzten sollten, und kurz darauf kam seine in Kopftuch und lange Kleidung gehüllte Frau aus dem Haus und brachte uns schwarzen Tee mit Minze und ganz viel Zucker – typisch arabisch. Wir ließen uns das süße Getränk schmecken und freuten uns sehr über die plötzliche und unerwartete Gastfreundschaft. Gerne wären wir auch noch geblieben, aber je länger wir auf der Treppe saßen, desto mulmiger wurde uns bei dem Gedanken an die noch bevorstehende Rückfahrt.

Die arabischen Busse verkehren nämlich nur zu äußerst unregelmäßigen, scheinbar willkürlichen Zeiten. Daher gibt es keinerlei Gewissheit darüber, wann die letzten Busse zurück nach Bethlehem fahren. Auch konnte es sein, dass die Fahrer an Ramadan möglicherweise spontan beschlossen, die Arbeit vorzeitig zu beenden. Vor dem Gehen, wollten wir aber noch ein Abschiedsfoto machen. Als ich gerade dabei war aufzustehen und ein Bild mit meiner Handykamera aufzunehmen, kamen die Soldaten von der Badequelle den schmalen Pfad herunter marschiert. In ironischem Tonfall riefen sie: „Shabbat Schalom!“, einen Gruß für eigentlich ausschließlich jüdische Feiertage. Was in den Menschen um uns herum dabei vorging, vermag ich kaum zu erahnen.

Wiedersehen in Bethlehem

Mit sehr viel Glück schafften wir es, im arabischen Stadtteil gerade noch rechtzeitig in einen kleinen Bus zurück nach Bethlehem zu springen. Die Fahrt verging wie im Flug. Im rasanten Tempo brauste der Fahrer durch die engen Kurven der Straßen, wobei der alte Motor immer wieder laut aufheulte.

Trotz der beinahe schwindelerregenden Fahrt klappten Lea und mir die Augen zu und wurden nach einer gefühlt viel zu kurzen Erholung durch die laute und genervte Stimme des Fahrers geweckt, der uns versuchte mitzuteilen, dass wir in Bethlehem angekommen waren und dass die Fahrt hier nun für uns vorbei war. Wir stiegen aus und setzten unseren Fußmarsch in Richtung Checkpoint und Jerusalem fort.

Auf dem Weg kamen wir abermals an der mit Graffiti besprühten Mauer vorbei und trafen ganz unerwartet auf Hamoud. Hamoud habe ich vor circa einem halben Jahr bei einem Besuch in Bethlehem kennengelernt. Damals lud er mich dazu ein, dabei zu sein, als er und seine Kollegen die Sperrmauer etwas „verzierten“. Für mich war dies ein einmaliges Erlebnis, aber ich wunderte mich sehr, dass er sich noch so gut an mich erinnern konnte. Nach etwas Smalltalk vor seinem Laden, half ich ihm schnell, die Stühle und Schilder in den kleinen Shop zu räumen. Er schloss daraufhin das Geschäft und fuhr uns mit seinem Wagen zum am Stadtrand gelegenen Checkpoint. Gerne hätte er uns auch noch die folgenden 8 km nach Hause gefahren, aber das war ihm leider aufgrund seiner palästinensischen Papiere nicht ohne Weiteres möglich. Wir dankten Hamoud für seine freundliche Hilfe und liefen den Rest des Weges zu Fuß.

Es war zum Glück schon dunkel und nicht mehr so heiß. Hinter dem Checkpoint kreuzten wir eine arabische Wohngegend und fantasierten hungrig darüber, wie schön er wäre, auch einmal zum üppigen Ramadanessen eingeladen zu werden.

Völlig erschöpft, sehr müde und auch hungrig, kamen wir mit wunden Füßen spät abends wieder in der vertrauten WG in Jerusalem an. Während Lea sich aufs Sofa legte und sofort in Tiefstschlaf verfiel, versuchte ich schnell noch mit ein paar Gemüseresten aus dem Krankenhaus ein sättigendes Abendessen für uns zu fabrizieren. Es wurde eher ein scharf gewürztes „Allerlei“, aber nach diesem unglaublich langen Tag, aßen wir es dennoch, der Hunger trieb es sowieso hinein.

Leas Ankunft in Israel

Vom klimatisierten Flieger in die backofenähnliche Hitze

Lea, eine gute Freundin, die ich vom Klettern kenne, entschied sich dazu, mich für 2 Wochen in Israel besuchen zu kommen und mit mir gemeinsam das heilige Land zu bereisen.

Lea beschrieb ihre Einreise als unproblematisch und empfand auch die Sicherheitskontrollen am Flughafen harmloser als nach meinen Schilderungen erwartet. Bei unserem Wiedersehen nach einem dreiviertel Jahr, lagen wir uns voller Freude in den Armen und entschieden uns den restlichen Tag noch gemeinsam in Tel Aviv am Strand zu verbringen.

Als wir aus dem gut gekühlten Gebäude ins Freie traten, um den Zug zum Ziel zu nehmen, trafen die Temperaturen Lea wie ein Schlag. Bei 12 Grad war sie in Deutschland in den aklimatisierten Flieger gestiegen, hier vor Ort war es mehr als dreimal so warm. Lea beschrieb das Gefühl beim Heraustreten aus dem Flughafen, wie das Hereinspazieren in einen Backofen. Umso glücklicher waren wir, als wir kurze Zeit später am nicht so ganz sauberen Stadtstrand von Tel Aviv saßen und uns eine langersehnte Abkühlung im Mittelmeer gönnten. Die hellblaue Wasseroberfläche kräuselte sich seicht durch die leichte Brise und am Horizont schaukelten kleine Segelbote. Hinter uns ragten die modernen Hochhäuser der Stadt bis in den Himmel und das Geräusch des Wellenrauschens mischte sich mit dem Lärm der Motoren, die auf der Schnellstraße, unmittelbar hinter unserem Strand entlang brausten.

Doch davon nahmen wir derzeit keinerlei Notiz, wir waren nur darauf aus, uns ins kühle Nass zu stürzen. Nach einem ausgiebigen Bad in den Wellen entschieden wir langsam entlang der schönen Uferpromenade in Richtung „Old-Yafo“ zu schlendern. Das ist die etwas abseits gelegene Altstadt von Tel Aviv mit einem sehenswerten, antiken Hafen und noch ebenfalls erhaltenen Wachtürmen.

Da Lea schon der Magen knurrte, weil sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte – außer einem pappigen Brötchen und einem granitharten Keks im Flugzeug – entschied ich schnell, Lea mit dem israelischen Nationalgericht vertraut zu machen: Pita mit Falafel, Humus und Sesamsoße. Nach kurzem Umherirren durch die engen, verwinkelten Gassen der alten Hafenstadt machte ich einen geeigneten Imbiss ausfindig. Obwohl uns schon beim Kauf das Wasser im Munde zusammen lief, wollten wir unseren erworbenen Leckerbissen in Ruhe am Strand verspeisen. Während wir beim Wellenrauschen die Sonne langsam im Meer versinken sahen, schlangen wir hungrig unsere Falafel hinunter.

Nach diesem gemütlichen und ruhigen Abend in der Partymetropole wollten wir mit dem Bus nach Jerusalem fahren. Doch vorerst mussten wir uns unseren Weg durch den maroden und abgewrackten Busbahnhof der Stadt bahnen, der eher an ein Wohnhaus im Rotlichtmilieu erinnerte, als an einen Ort, wo zu geregelten Zeiten Busse abfahren. Über eine funktionsunfähige Rolltreppe sprangen wir nach etwas Suchen gerade noch rechtzeitig in einen passenden Bus, der uns an unser gewünschtes Ziel bringen sollte. Sobald wir im Bus saßen, kam mir die Idee, Lea Israel auch auf akustische Weise näher zu bringen und ich gab ihr meine Kopfhörer, damit sie sogleich dem hierzulande sehr bekannten Hit „Tel Aviv“ von Omer Adam und anderer hebräischer Musik lauschen und sich ein wenig einstimmen konnte.

Davidstadt – auf Socken durch die unbeleuchtete Kanalisation von Jerusalem

Noch vor dem ersten Weckerklingeln wurden wir von der schon hell und heiß scheinenden Morgensonne auf unserer Terrasse geweckt, wo wir uns am Abend ein komfortables Nachtlager errichtet hatten. Müde und noch etwas benommen krabbelte ich unter unserem Moskitonetz hervor, das wir vor dem ins Bett gehen noch provisorisch am Fenstergitter der Hauswand befestigt hatten, um nicht von den umher schwirrenden Mücken zerstochen zu werden.

Nach einem spärlichen Frühstück (Brot und Instantkaffee), machten wir uns auf zur Straßenbahn in Richtung Jerusalem-City, überrascht darüber wie wach wir nach dieser recht kurzen Nacht doch waren.

Die Szenerie, die man erlebt, wenn man hier zu Lande mit dem Zug oder Bus fährt, ist für mich schon längst Alltag geworden, doch für Lea absolutes Neuland. Ich erklärte ihr beispielsweise, dass die Männer mit den schwarzen Anzügen, weißen Hemden, langen Schläfenlocken und riesigen Hüten streng orthodoxe Juden sind. Sollte man in der Straßenbahn einen letzten freien Platz neben ihnen ausfindig gemacht haben, sollte man sich dennoch davor hüten, sich neben sie zu setzten, außer man möchte seinen Sitznachbarn dazu zwingen, aufstehen zu müssen. Orthodoxen Juden ist es nämlich nicht gestattet, neben dem jeweils anderen Geschlecht zu sitzen, bei ultraorthodoxen Gläubigen wird man bemerken, dass die Männer nicht einmal Frauen angucken, sondern den Blick abwenden und das Gespräch meiden.

Nach einer kurzen Fahrt und einem ruhigen Spaziergang durch die noch menschenleere Altstadt erreichten wir den Eingang der am Fuße des Ölbergs gelegenen Davidstadt. Die Davidstadt ist der älteste besiedelte Teil der Stadt und die wichtigste archäologische Fundstelle des biblischen Jerusalems. Durch das mehr als 2700 Jahre alte unterirdische Bauwerk (701 v. Chr. erbaut) flossen durch den sogenannten Hiskija-Tunnel bis zu 50.000 Liter Quellwasser pro Stunde und versorgten die Einwohner Jerusalems mit frischem Trinkwasser. Die Hiskija-Quelle ist die einzige Quelle Jerusalems und war zu damaliger Zeit von strategischer und lebensnotwendiger Bedeutung, insbesondere im Falle einer Belagerung durch fremde Truppen.

Ein ganz besonderes Highlight unserer Besichtigung war das Hindurchwaten durch den schlangenförmigen, 533 Meter langen Tunnel. Die Höhe im Hiskija-Tunnel variiert zwischen 1,50 und 5 Metern, die Breite beträgt zwischen 55 und 65 Zentimetern. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir unmittelbar vor dem Eingang des Tunnels standen, hatten wir uns keinerlei Gedanken darüber gemacht, weshalb die Mitnahme von wassertauglichen, rutschfesten Schuhen und einer Taschenlampe für alle Besucher dringend empfohlen wurde. Der Tunnelschacht, in den wir hinabstiegen, war komplett unbeleuchtet und das erfrischend kalte Wasser, das aus der Tiefe an die Oberfläche empor stieg, hatte sich zu Beginn des Tunnels in einem kleinen Becken gestaut. Etwas überrascht von diesen Umständen, stieg ich fest entschlossen mit hochgestecktem Kleid und meinen neuen Turnschuhen in das Becken und stand kurz darauf im oberschenkeltiefen Wasser.

Lea entschied bei diesem Anblicke kurzer Hand, ihre einzigen Schuhe nicht für diese Aktion zu verwenden. Sie zog es vor, auf Socken durch die ehemaligen Wasserschächte der heiligen Stadt zu laufen. Nach den ersten Metern machte der Tunnel eine leichte Kurve. Dahinter war es komplett dunkel. Kein einziger Lichtstrahl vom Tageslicht drang zu uns herunter, während wir zur Hälfte im Wasser standen. Da wir so früh am Tag unterwegs waren, waren wir auch die einzigen Besucher in diesem Schacht. Auf unsere Augen konnten wir von nun an nicht mehr zählen, also hieß es, sich Stück für Stück in der Dunkelheit vorzutasten. Die Steine an den Wänden des Schachtes fühlten sich rau und kalt an, von der Decke fielen ab und zu dicke Tropfen auf uns herab. Im Tunnel umgab uns eine eigenartige Stille. Nur das Geräusch des Wasserplätscherns drang an unsere Ohren. Plötzlich blieb ich verwirrt im Dunkeln stehen. Beinahe hätte ich mir beim blinden Vorwärtstasten den Kopf angestoßen.

Nun verengte sich der Tunnel merklich, die Seitenwände rückten näher zusammen. Es war so eng, dass ich die Wände gleichzeitig mit meinen Ellenbogen berühren konnte. Bald darauf wurde auch noch die Decke so niedrig, dass wir uns beim Gehen ducken mussten, um uns nicht zu verletzen. Es gab keinerlei Ausweich- oder Ausstiegsmöglichkeiten. Ohne Gefühl für Raum und Zeit taumelten wir weiter vorwärts durch den Wasserschacht. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten wir ein paar Stimmen vernehmen, denen wir uns näherten. Wir gingen schneller, wobei sich Lea noch schmerzhaft den Zeh an einer Steinkante anstieß. Dann sahen wir uns am anderen Ende des langen Ganges wieder.

Etwas torkelnd und mit eng zusammen gekniffenen Augen blinzelten wir in die helle Sonne, bis wir uns wieder an das grelle Licht gewöhnt hatten. Ein wenig erleichtert und mit nassen Schuhen und Socken setzten wir danach unsere Besichtigung im Hellen durch die alte archäologische Fundstelle fort.

Es ist laut, es ist voll, es ist bunt Stadtbild von Jerusalem

Die von einer 12 Meter hohen und 4 km langen Stadtmauer umgebene Altstadt Jerusalems war mittlerweile voll belebt: Einheimische, Händler, Touristen… Nach der vor kurzem noch erlebten Stille, geradezu eine Reizüberflutung. Immer wieder andere Gerüche, Stimmen in den unterschiedlichsten Sprachen und das laute Geschrei von Verkäufern, die ihre Ware anpriesen.

Die Straßen hier waren eng und das Sonnenlicht fiel nur selten zwischen die hohen Hauswände der verwinkelten Gassen. Doch wir ahnten, dass hier nahezu jeder Stein mehr Geschichten erzählen könnte, als man selbst je erleben wird. Es schien fast, als sei jedes Gebäude von besonderen Bedeutung. Durch das lebhafte Treiben bahnten wir uns unseren Weg zur Klagemauer, das bedeutsamste Heiligtum der Juden, wo dem Glauben nach die Gegenwart Gottes spürbar ist. Ähnlich wie in den meisten Synagogen ist der Bereich vor der Mauer mittels eines Sichtschutzes in zwei verschiedene Areale unterteilt, wobei Männern der Zugang nur in den linken Teil gestattet ist und auch nur mit einer Kopfbedeckung, wie Hut oder Kippa. Frauen haben ihren deutlich kleineren Bereich zum Beten an der rechten Mauerseite. Die an der Mauer betenden Männer sind überwiegend in durchgehend schwarzer Kleidung mit Hut und Bart anzutreffen. Die Frauen tragen in der Regel lange Röcke und halten ihren Kopf ebenfalls bedeckt, meist mit einem Tuch. Fast alle betenden Männer und Frauen waren schwarz gekleidet. Was für uns auf den ersten Blick gleich aussieht, ist aber bei näherer Betrachtung scheinbar äußerst kompliziert, wie uns… erklärte: Die Kombination von Hut, Strümpfen, Bartschnitt und Schläfenlocken zeigt, zu welcher Strömung ein Gläubiger gehört.

Während wir weiter die Altstadt erkundeten, fielen uns immer wieder die vielen Polizisten und Soldaten auf, die schwer bewaffnet mit Maschinengewehren, schusssicheren Westen und jederzeit Einsatzbereit in großen Gruppen überall postiert waren. Für mich schon nichts ganz so Neues mehr, für Lea doch sehr befremdlich, vermitteln sie uns nur bedingt ein Gefühl von Sicherheit. Vielmehr verdeutlichten sie uns immer wieder die angespannte Lage der ansonsten so friedlich wirkenden Stadt.

Von der Altstadt aus, trotteten wir gemächlich in Richtung Neustadt. Wir wollten uns die hektische Betriebsamkeit des Souks ansehen. Im Souk, einem uralten, authentischen, orientalischen Basar, findet man alles, was das Herz begehrt: Da waren alle erdenklichen Lebensmittel, Gewürze, Gemüse, zwischen Metzgereien, in denen halbe Ziegenkörper oder Rinderköpfe in Glasvitrinen hingen, Läden mit arabischer Damenmode und gleich neben der Metzgerei, Schmuckgeschäfte, wo alles golden glitzerte und glänzte. Es gab Bäckereien, wo köstliches Gebäck duftete und Süßigkeiten angeboten wurden. Ehrgeizige Verkäufer ließen uns gerne ausgiebig probieren. Begeistert ließen wir uns über den Basar treiben und sogen alle Eindrücke auf. Dieser Souk-Bummel war wirklich ein berauschendes Fest für die Sinne.

Später am Nachmittag musste ich zurück zur Arbeit, aber Lea konnte noch weiter dem bunten Treiben folgen.