Stadtführung im Krisengebiet

Über meine ersten Eindrücke aus der besetzten Stadt Hebron berichtete ich in dem Artikel „Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt“, doch bei meinem 2. Besuch am 21. Dezember nahm ich an einer besonderen Stadtführung teil, welche durch ehemalige, israelische Soldaten geleitet wurde, die u.a. während der 2. Intifada von 2000-2005 in Hebron gedient hatten und nun für die israelische Nichtregierungsorganisation Breaking the Silence (BtS, „Das Schweigen brechen“) tätig sind. Der Tourguide meiner Gruppe hieß Dean, 1,95m groß, durchtrainiert mit freundlichen dunklen Augen, Dreitagebart und krausen Locken. Er entschloss sich einige Jahre nach seinem Militärdienst über die Gräueltaten der israelischen Soldaten an der palästinensischen Zivilbevölkerung öffentlich zu berichten, da ihn das Erlebte und die Frage nach der eigenen Schuld sehr beschäftigten, insbesondere bei seiner späteren Arbeit mit palästinensischen Kindern. Ziel von BtS ist es, die Öffentlichkeit mit der Realität des täglichen Lebens in den besetzen Gebieten zu konfrontieren, indem die Organisation Berichte von Soldaten über ihre Erlebnisse während ihres Dienstes veröffentlicht.

Militärlager in Hebron

Auf der Anfahrt in einem vollen Bus nach Hebron wurde die Gruppe mit wichtigen Hintergrundinformationen versorgt. Die Tatsache, dass die politische Lage in Hebron besonders angespannt ist, beruht darauf, dass einzig in dieser Stadt sich jüdische Siedlungen mitten im Stadtzentrum befinden, was ebenfalls bedeutet, dass nicht die gesamte Stadt unter palästinensische Verwaltung gestellt werden kann, wie es beispielsweise Ramallah, Bethlehem, Nablus oder Jericho sind, sondern in zwei verschiedene Zonen geteilt wurde. Die Zone H2, durch die uns diese Tour führte, besteht zum großen Teil aus jüdischen Siedlungen und einem massiven Aufgebot an israelischen Soldaten, deren Aufgabe es einzig und allein sei, die jüdischen Siedler vor den Palästinensern zu beschützen, so wurde uns erklärt.

Palästinenser auf einer öffentlichen Straße in Hebron (den Bereich den sie hier betreten dürfen ist in diesem Bild nur mit einer äußerst schwach erkennbaren Linie gekennzeichnet)
Tourteilnehmer und Soldaten nahe eines Wachturmes
Gruppe in Begleitung israelischer Soldaten

Das Stadtbild, dass sich uns dieses Mal bot, glich meinem ersten Eindruck. Die Stimmung war düster und es lastete eine unangenehme Stille über der auf den ersten Blick so ruhig wirkenden Stadt. Auch am helllichten Tag waren die Straßen nahezu leergefegt, nur ein paar Kinder huschten ab und zu zwischen schwer bewaffneten Soldaten von einer Straßenseite zur anderen. Um die Sicherheit der im Stadtkern lebenden jüdischen Siedler zu gewährleisten, die umgeben sind von Palästinensern und die inmitten einer Stimmung von gegenseitigem Hass, Feindseligkeit und Verbitterung leben, versuchten die Militärs, diese beiden Personengruppen so weit wie möglich voneinander zu trennen und zu isolieren, erläuterte uns Dean, nachdem wir ausgestiegen waren und uns in Richtung der ehemaligen Haupteinkaufsstraße, der a-Shuhada Street machten. Diese Straße und noch einige weitere sind für Palästinenser komplett gesperrt, sie dürfen weder Läden haben, mit dem dem Auto entlangfahren und nicht einmal zu Fuß diese Straße betreten, was zur Folge hat, dass sie beispielsweise ihre Häuser nicht mehr durch ihre Eingänge betreten dürfen, sondern über die Dächer klettern müssen, oder gezwungen sind, einen neuen Eingang auf der Rückseite ihres Hauses zu erschließen. Die Straße, die vor einigen Jahren noch das Herz der Stadt war wo Handel getrieben wurde und Geschäfte geöffnet wurden, war nun ausgestorben und wirkte menschenfeindlich und düster. Unser Tourguide veranschaulichte uns diesen traurigen Wandel anhand von eindrücklichen Bildern, wie lebhaft es an diesem Ort vor Beginn der Intifada aussah.

Tourguide Dean zeigt uns auf Bildern, wie die Straße einmal ausgesehen haben sollte

77% der palästinensischen Läden wurden in der gesamten Altstadt während der 2. Intifada geschlossen, 62% davon auf Anweisungen des Militärs. Selbst Krankenwagen und Rettungsfahrzeugen war es nicht gestattet, diese Straßen zu benutzen und auch im akuten Notfall brauchen sie immer eine besondere Genehmigung, damit sie den Checkpoint, der die beiden Zonen voneinander trennt, passieren dürfen. Im 2. Teil der Stadtführung erzählt uns Mahmoud, ein magerer, etwa 20 jähriger Palästinenser, von seinen schmerzhaften Erinnerungen. Als er 5 Jahre alt war, starb seine Mutter nach einem Arbeitsunfall unter den Augen ihrer Familie, da der Rettungsdienst aufgrund von uneindeutiger Informationsweiterleitung den Checkpoint nicht passieren konnte. Solche Regelungen belasten alle dort lebenden Menschen, insbesondere die, die auf Hilfe angewiesen sind, wie alte Menschen oder Schwangere. Die Innenstadt verwandelte sich unter der Besatzung in eine Geisterstadt, in der es nur Juden gestattet ist, sich frei zu bewegen. Auf unserem Weg durch die besetzte Zone, abseits der Hauptstraße, sahen wir, wie sich eine Gruppe von palästinensischen Jugendlichen durch einen schmalen, abgetrennten Seitenstreifen der Straße drängelte, da sie nur diesen betreten dürfen. Das Betreten der restlichen Straße ist nur den jüdischen Siedlern und neutralen Personen, wie uns Touristen gestattet. Als wir weiter gingen, sahen wir verrammelte und verriegelte Wohnhäuser, aus denen Stimmen nach außen drangen, was darauf schließen ließ, dass darin noch Menschen lebten.

Vergitterte Häuser

Auf die Frage, warum diese Bewohner ihr Haus komplett isoliert hatten antwortete Dean mit dem Zitat der jungen Palästinenserin Raja‘a Abu‘Ayesha die sagte: „Unser Haus ist wie ein Käfig. Es ist komplett eingezäunt, inbegriffen Fenster und Eingang. Mein Großvater hat es so konstruiert um uns vor den Siedlern zu schützen, nachdem sie bei uns alle Fenster eingeschlagen hatten. Unser Haus sieht aus wie eine Insel in einem Meer von Soldaten, Siedlern und gewaltsamer Stimmung.“. Wie uns beim Weiterlaufen klar wurde, war dieser Fall keine Ausnahme, sondern spiegelte eher den Alltag in der Geisterstadt wieder. Aufgrund dieser massiven Form von Diskriminierung und Einschränkungen haben seit der Intifada auch schon Hunderte Familien ihre Heimat ohne Perspektive verlassen, mit dem letzten Hoffnungsschimmer, einen angenehmeren Ort zum Leben zu finden.

Unbelebte und zerfallene Häuser inmitten des ehemaligen Stadtzentrums
Verlassenen Häuser

Unser Tourguide bewertete genau diesen Mechanismus als Folge extremer Trennungspolitik der israelischen Regierung, die weit über das in seinen Augen notwendige Maß an Sicherheit hinausging, als eine Strategie, um jüdische Siedlungen in der Westbank zu erweitern und die palästinensischen Bewohnern systematisch aus diesen Gebieten zu verdrängen. Zweifelsohne bedürfe es besonderer Maßnahmen um die Sicherheit der jüdischen Siedler in dieser Region sicherzustellen, trotzdem dürfe das Leben für die Palästinenser in dieser Stadt nicht unmöglich und unmenschlich gemacht werden, es müsse ihnen erlaubt bleiben die Straßen mitzubenutzen und zu ihren Häusern und Läden zurückzukehren, die sie gezwungen waren zu verlassen, meint Dean.

Sichtweise der jüdischen Gemeinschaft in Hebron: ,,diese Häuser wurden gebaut und von der Jewish Community 1807 in Hebron gekauft. Dieses Land wurde von Arabern geklaut nach dem Mord an 67 Juden aus Hebron, 1929. Wir fordern Gerechtigkeit! Gebt uns unseren Eigentum zurück!”
Jüdische Sichtweise auf die Ereignisse

Für mich bleibt rätselhaft, wie dieser militärisch kontrollierten Raum gleichzeitig ein scheinbar rechtsfreier Raum für jüdische Siedler sein kann und wie es im Interesse der Menschen sein kann, diese Siedlungen weiter auszubauen. Auf die Frage, warum die Soldaten nicht eingreifen würden, bei Attacken, ausgehend von jüdischen Siedlern, konnte uns Dean aus eigener Erfahrung antworten. Er erklärte, dass die Soldaten sehr wohl diese Angriffe mitbekämen und diese auch keinerlei Geheimnis darstellen würden, den Soldaten während ihres Einsatzes sei aber immer wieder eingeschärft worden, dass sie in Hebron stationiert seien mit dem klaren Auftrag, die jüdischen Siedler zu beschützen und dass es sich bei ihnen um Kampfeinheiten handele und nicht um Polizeioffiziere. Auch schilderte er Beispiele von engen Verhältnissen zwischen Siedlern und des Militärs, in denen beispielsweise Soldaten regelmäßig am Sabbat von ihnen zum Essen eingeladen wurden. Er kommentierte solche Verhältnisse nur mit dem Satz, dass die Menschen, bei denen man noch am Abend esse einen nicht am nächsten Tag inhaftieren würde und das solche Begegnungen sich ganz klar polarisierend auf das Handeln der Soldaten auswirken würde. Natürlich entging den Siedlern nicht, dass Dean heutzutage kritisch über die jüdische Siedlungspolitik und seine Zeit während der Besatzung spricht, was während der Tour immer wieder dazu führten, dass Siedler kamen und mit allen Mitteln versucht haben, für Störung und Ablenkung zu sorgen, u.a. durch Rufe oder das ganz offensive Filmen unseres Tourguides. Die patrouillierenden Soldaten beobachteten das Ganze nur, ohne einzugreifen.

Dean wird von jüdischem Siedler gefilmt, während er uns versucht die Lage zu erklären

Auch in Israel wird die Organisation Breaking the Silence äußerst kritisch gesehen. Die israelische Armee und die Regierung kritisieren, dass es sich nicht um eine Nichtregierungsorganisation (NGO) handele, sondern um eine angeblich von ausländischen Institutionen geförderte Firma, und Premierminister Netanjahu forderte alle ausländischen Regierungen auf, die Organisation nicht weiter finanziell zu unterstützen. Sie arbeite nicht traditionell politisch, sie meide auch den parlamentarischen und juristischen Weg, sondern nähme gezielt Einfluss auf ausländische Medien und Regierungen, von denen sie sich dann wiederum Druck auf Israel erhoffe. Als Sigmar Gabriel im April 2017 während seiner Nahostreise Vertreter von BtS besuchte hatte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu das geplante Treffen mit Gabriel am Dienstag platzen lassen, aufgrund dieser Zusammenkunft. Netanjahu begründete diese Absage mit seinem Grundsatz, er werde keine ausländischen Besucher bei sich empfangen, die auf ihren diplomatischen Reisen Gruppen treffen, welche israelische Soldaten als Kriegsverbrecher deklarieren oder der Organisationen legitimiert, welche die israelischen Soldaten kriminalisiere. Auch gab es immer wieder Kritik über die Transparenz der Organisation, die zum Schutz der Zeugen, die gesammelten Aussagen nur anonym veröffentlichen will. Als ich einige Tage später in der Wüsten, nahe des Toten Meers wandern war wurde ich auf dem Rückweg beim trampen von Michael in seinem glänzenden, nagelneuen SUV mitgenommen.

Wüste
Wüste, totes Meer und Dunst in der Luft

Der etwa 45-jährige, braun gebrannte mit buntem Hawaihemd gekleidete Israeli ist in der Landwirtschaftsbranche offensichtlich recht erfolgreich und unterstützt neue Start-Up-Unternehmen im Land. Er selbst ist viel gereist und zeigte großes Interesse für mich und meine Reisen. Als er erzählte, dass es aufgrund seiner Familiengeschichte auch einen deutschen Pass besitze und daher auch einfacher in die Westbank und in muslimische Länder reisen kann, fragte ich ihn vorsichtig zu seiner Meinung nach Breaking the Silence. Auf meine Frage hin erklärte er mir, dass er sich selber dem linken Parteienspektrum zuordnet und die Arbeit der Organisation durchaus als sinnvoll einstuft, in der Öffentlichkeit über die Besatzung zu berichten. Doch er fügte hinzu, er stufe teilweise die Berichte von BtS als zu radikal, einseitig und übertrieben ein, auch wenn es einen wahren Kern dahinter gebe. Nach all den Vorwürfen und der Kritik, die ich sonst gegenüber BtS auch aus meiner eigenen WG und von Seiten anderer Israelis gehört hatte, überraschte mich diese Einschätzung. Ich persönlich empfand die Tour auf jeden Fall als lohnenswert, da sie mir die politische Lage in Hebron deutlich umfangreicher erläuterte und mir somit eine mir ganz neue Perspektive auf die Umstände eröffnet hat. Außerdem ist es mein Ziel mich während meines Aufenthaltes umfassend mit den verschiedensten Perspektiven und Sichtweisen, die hier kursieren auseinanderzusetzen, unabhängig davon ob ich sie teile oder nicht.

In Heiliger Nacht und Nebel auf dem Weg nach Bethlehem

Nach den unglaublich vielen Eindrücken und Geschichten der Breaking the Silence Tour blieb mir kaum Zeit, das Gesehene richtig zu begreifen, denn es ging auf Weihnachten zu. Dieses Jahr entschied ich mit anderen Freiwilligen an einer Pilgerwanderung von Jerusalem nach Bethlehem teilzunehmen. Die Veranstaltung begann mit einer katholischen Mitternachtsmesse in einem Benediktinerkloster. Während der 2 stündigen Zeremonie in einer bitterkalten Kirche und granitharten Holzbänken begannen die ersten Teilnehmer am Gottesdienst schon an ihrer Entscheidung zu zweifeln und verließen kurz nach Beginn schleunigst die Kirche. Immer wieder wurden die Teilnehmer der Kirche dazu aufgefordert zum Beten aufzustehen oder sich hinzuknien. Auch der feierliche Gesang, wie man ihn normalerweise in einem Weihnachtsgottesdienst erwartet fiel in diesem Falle recht sparsam aus, stattdessen sang der Pfarrer die meiste Zeit alleine, ab und zu begleitet von einer imposanten Orgel im hinteren Teil der Kirche, danach hörte es mit den Instrumenten aber dann auch schon wieder auf.

 

Sehenswürdigkeiten im Kloster
Kirche während des Weihnachtsgottesdienst

Um 2 Uhr morgens, als der Gottesdienst vorbei war, gab es noch einen kleinen Imbiss und warme Getränke, welche die eingefrorenen Teilnehmer wieder aus ihrer Starre auftauen ließen bevor die Gläubigen sich gemeinsam aufmachten, um in einer nächtlichen Prozession bei Wind, Regen und Nebel nach Bethlehem zu pilgern. Schon nach wenigen Gehminuten waren meine Schuhe durch den sintflutartigen Niederschlag komplett durchweicht. Einige Leute trugen anfangs noch Regenschirme mit sich, um sich vor den Wassermassen zu schützen, doch angesichts der starken Windböen, war auch dieses aussichtslos. Als letzten Trost blieb einem dann wohl nur noch übrig, den Anweisungen des Pfarrers Folge zu leisten und während des ca. 10 km langen Fußweges mit zu singen und zu beten. Immer wieder wurde dafür auch im strömenden Regen angehalten und ein schweres Holzkreuz und eine riesige Namensrolle mit Namen von Personen, welche in dieser Nacht alle in Gedanken bei uns seien, hin und her gereicht und abwechselnd von uns durch die finstere Nässe getragen. Als wir dann müde, erschöpft und nass bis auf die Knochen zu früher Stunde in der Geburtskirche Jesu ankamen, hatten wir ausnahmsweise das große Glück, diesen erstaunlichen Ort ganz in Ruhe bewundern zu können, ohne die sonst üblichen Touristenmassen. Dieses Erlebnis verdanken wir der Politik Donald Trumps, dessen Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt die Gefahr von Anschlägen steigen ließ, so dass es zu massenhaften Stornierungen kam. In der Kirche gab es noch eine abschließende, gemeinsame Zeremonie, bevor wir alle mit Bussen wieder nach Jerusalem zurück gebracht wurden. Ein einmaliges und besonderes Erlebnis!