Trampen und Eselreiten

Lowest-Budget-Rundreise

Mit Zelt, Isomatten, Schlafsäcken und der geliebten Sonnencreme der Marke „Doktor Fischer“ im Gepäck, starteten wir unsere Lowest-Budget-Reise durch Israel. Das Wichtigste im Reisegepäck war allerdings unser unschlagbarer „Masterplan“, der eher aus einer bloßen Auflistungen sehenswerter Orte, geordnet von Nord nach Süd bestand, als einem ausgearbeitetem Reisekonzept.

Das Ziel der Reise war es, für so wenig Geld wie möglich, so viel des Landes zu sehen wie möglich. Für mich klang das Ziel nach einem lustigen Abenteuer, straffem Tagesprogramm und Raum für spontane Alternativen mit Mehrwert. Für Lea hingegen klang der skurrile Fahrplan für die kommende Woche eher nach einem rätselhaften Konzept des Wahnsinnes, als nach einer Reise. Doch mit beschwichtigenden Worten, wie „das wird schon, immer mit der Ruhe“, schaffte ich es, sie neugierig zu machen.

Früh morgens fuhren wir mit der Straßenbahn „Rakevet“ ans Stadtende und liefen noch einige Meter bis wir am breiten Seitenstreifen einer größeren Straße standen, die in Richtung Totes Meer führte und nach einer Gabelung in Richtung Tiberias verlief. Tiberias war der erste Ort unseres Masterplans, gelegen am Ufer des See Genezareth, im Norden des Landes.

Nun folgte Leas erste Tramperfahrung. Mitgenommen wurden wir sehr rasch in einem engen Auto von 3 jüdischen Studenten in unserem Alter, die, wie wir verstanden, auf dem Weg zu einem großen Treffen gläubiger Juden inmitten der Wüste waren.

Im Anschluss nahm uns auf der nächsten Etappe ein jüdischer Arbeiter in einem klapprigen Minibus mit, auf dessen Ladefläche zahlreiche Maschinen und Werkzeuge herumrollten. Wir kamen rasch voran. Als wir kurz vor einer markanten Kreuzung und dem Ende dieser Mitfahrgelegenheit angelangt waren, entdeckte ich am Straßenrand ein Schild, welches den Weg zum, mitten in der Wüste gelegenen, „St. Georgs Monastry“ wies. Der Fahrer nahm mein Interesse für das Kloster gleich zur Kenntnis und bot zu unserer Freude an, einen Schlenker für uns in diese Richtung einzulegen.

Schon seit langem wollte ich das abgelegene, mitten in den Felsen gebaute Kloster besichtigen. Er bog auf die kleine ruckelige Seitenstraße ab, und sofort befanden wir uns mitten in der Wüste. Die rutschige Piste auf der wir uns befanden, war plötzlich so schmal, dass keine zwei Fahrzeuge aneinander vorbei gepasst hätten und auf der rechten Seite ging es senkrecht herunter. Mir wurde schon schwindelig beim bloßen hinsehen auf die Fahrbahn! Gerne hätte uns der Fahrer auch noch weiter bis zum Kloster gebracht, aber für die tiefen Rinnen, die die Piste durchfurchten war sein Auto wirklich nicht gemacht.

Der Fahrer hatte keine andere Wahl, als mitten auf der ultraschmalen Straße zu wenden. Bei diesem Manöver wurde mir so mulmig zumute, dass ich am liebsten ausgestiegen wäre. Ich hoffte nur, dass der Fahrer in der Lage war, die Maße seines Fahrzeuges gut zu kennen und ein vorsichtiges, maximal kontrolliertes Anfahren sicher beherrschte. Mit viel vor- und zurück gelang es ihm, das Vehikel zu wenden, wobei ich nicht wissen wollte, wie viele Zentimeter sich zwischen abgefahrenen Reifen und dem Abgrund bei dieser Aktion befanden. Schwer beeindruckt und sehr erleichtert genossen wir nach dieser Aktion den Anblick der Wüstenlandschaft.

Sogleich erblickten wir eine Gruppe Beduinen mit einem Esel und Kamelen ein Stück weiter etwas abseits der Straße. Ohne zu zögern hielt unser Fahrer an und bedeutete uns, dass wir hingehen konnten. Wir liefen zu den Männern mit den faltigen Gesichtern, gezeichnet von Sonne und Wüstensand. Verständigen konnten wir uns lediglich mit Händen und Füßen.

Lea durfte ein paar Fotos von den Menschen und der spektakulären Kulisse machen, ich bekam ein weißes Tuch um den Kopf gewickelt und stieg auf den etwas störrischen Esel und wurde kurz herum geführt. Wir bedankten uns und liefen zurück. Um die Geduld unserer Mitfahrgelegenheit nicht überzustrapazieren, sprangen wir äußerst belustigt kurze Zeit später wieder zurück in den Wagen und wurden zurück zur Kreuzung gefahren, wo wir unsere ursprünglich geplante Route weiter fortsetzten konnten. Unglaublich lieb, wie viel Zeit für Umwege sich die Leute für uns nahmen, um uns einfach eine Freude zu machen!

Das nächste Auto, dass uns mitnahm, wurde von 3 arabischen Männern gefahren, die kaum englisch sprachen und während der Fahrt etliche Selfies mit uns machten.

An der darauffolgenden Station mussten wir in der Hitze eine lange Weile warten. Ein LKW-Fahrer reichte uns eine große Wasserflasche aus seinem hohen Fenster, um sie uns zu schenken. Gerne hätte er uns mitgenommen, aber er hatte leider nicht genug Platz.

Gegen Mittag kamen wir dann in Tiberias an, einem hochgelobten Touristenort, der absolut nicht unseren Erwartungen entsprach.

Tiberias – die hässliche Touristenstadt

Idyllisch, ruhig, erholsam stellte ich mir den langgezogenen Ort am See vor. Doch das, was wir sahen, war eine hässliche und leider vielerorts schmutzige Touristenhochburg mit zugemüllten und überteuerten Badestränden. An einem steinigen, nicht gerade empfehlenswerten, aber immerhin kostenlosem Stück Ufer, verbrachten wir ein wenig Zeit in der Mittagshitze am tiefstgelegenen Süßwassersee der Erde (-212m) und erfrischten uns etwas in den kühlen Wellen mit erschreckend katastrophaler Wasserqualität, wie wir leider später erfuhren.

Nachdem wir noch etwas in der heißen Sonne geschmort hatten, entschieden wir uns zum nächsten Ziel auf unseren Plan aufzumachen: Kapernaum. Mit etwas knurrenden Mägen und der festen Überzeugung dort etwas zu essen zu finden, suchten wir nach der Straße stadtauswärts. „Hauptsache erst mal weg von hier“, lautete unsere Devise.

Unfreiwilliger Fahrdienst

Kaum standen wir am Straßenrand, hielt ein nagelneuer, glänzend schwarzer teurer Wagen mit weißen Ledersitzen an. Wir liefen hin und erklärten dem irgendwie erstaunt blickenden Fahrer, wo wir hinwollten. Er willigte ein, uns nach Kapernaum zu bringen. Als wir im Auto saßen, stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass er gar nicht wegen uns angehalten hatte! Der gute Mann wollte noch ein paar Dokumente in der dicken Aktentasche auf seinem Beifahrersitz überprüfen und lesen, wie er uns erzählte, nach seinem Termin in der Bank. Als wir ausstiegen, war es eigentlich an uns, uns zu bedanken, stattdessen aber wurden wir von unserem Fahrer mit Worten des Dankes überflutet! Seinen Ausführungen zufolge war er unglücklich über seine finanzielle Lage und die unzureichenden Ersparnisse für sein neues Motorrad. Wir aber hatten ihn durch unsere verrückten und lustigen Geschichten angeblich abgelenkt und aufgeheitert. Das freute uns sehr!

Als wir Kapernaum am späten Nachmittag erreichten, war es seltsamerweise zwar schon geschlossen, aber die Umgebung war viel einladender und idyllischer als in Tiberias und so genossen wir diese. An einem gemütlichen Plätzchen am See badeten wir genüsslich und beschlossen hier auch die Nacht im Zelt zu verbringen. Als wir in der Dämmerung das Zelt aufstellten, genossen wir die fernen Lichter Jordaniens und mussten uns sogar eingestehen, dass Tiberias nachts aus der Ferne auch sehr romantisch aussah.

Miss- und Mangelwirtschaft

Die Ruhe und Friedlichkeit dieses Ortes genossen wir sehr, doch bei unserer „Flucht“ aus Tiberias hatten wir die Einkaufsmöglichkeiten und Infrastruktur dieser Gegend falsch eingeschätzt, sodass wir an diesem Abend hungrig ins Bett und nur mit unseren noch gut gefüllten Wasserflaschen vorlieb nehmen mussten. Doch angesichts des schönen Ortes und einem malerischen Sonnenuntergang war dies auch nicht weiter tragisch.

Dunst statt Sonnenaufgang

Um 5.30 Uhr in der Frühe klingelte der Wecker, doch statt wie geplant auch einen malerischen Sonnenaufgang zu sehen, lag eine dichte Dunstwolke über dem See Genezareth und verschluckte den Himmel.

Während ich dann doch noch etwas länger tief und gemütlich im Zelt schlief, wälzte sich Lea schlaflos, aber müde, von einer Seite auf die andere und begann dann noch etwas gelangweilt im Reiseführer herumzublättern. Bald darauf standen wir auf, packten unsere Sachen, kühlten uns noch ein letztes Mal im scheinbar kurz vor dem Umkippen stehenden See ab und stellten uns dann wieder an die Straße, um auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten. Nun hatten wir Kapernaum leider nicht gesehen. Es bleibt also noch etwas für die nächste Reise!

Künstlerdorf Safed

Noch am frühen Vormittag erreichten wir das Künstlerdorf Safed, welches in den Bergen Galiläas auf über 840 Metern Höhe liegt. Nach einer schwindelerregenden, kurvenreichen Fahrt mit grandioser Aussicht wurden wir auch noch mit dem Anblick einer malerischen, kleinen Altstadt belohnt.

Schon bei unserer Ankunft waren wir überrascht über das Zusammenleben der orthodoxen Traditionalisten mit den jungen engagierten Künstlern, was der Stadt einen ganz besonderen Flair verlieh. Doch nach der Fehlplanung am letzten Abend, mussten wir nach unserer Ankunft als erstes etwas zu Essen auftreiben, um unseren Heißhunger zu stillen. Nach einigem Umherlaufen, fanden wir einen kleinen Supermarkt mit nur leider völlig überteuerten Preisen. Wir entschieden uns für ein Minifrühstück auf ein paar Treppenstufen, nicht weit entfernt vom kleinen Laden. Pappiges Weißbrot und etwas langweilig schmeckender Käse waren leider alles, was wir uns hier leisten konnten, um den Budgetrahmen nicht schon am Anfang völlig zu sprengen.

Als nächstes liefen wir zu der kleinen, versteckt gelegenen Touristeninformation, um uns einen Stadtplan zu besorgen und um unsere Rucksäcke für die Dauer unseres Aufenthaltes dort zu lagern. Trotz Karte liefen wir im Anschluss daran etwas orientierungslos durch die verwinkelten Gassen, geplagt von der drückenden, schwülen Luft. Museumsähnliche, kleine Lädchen mit ausgefallenem Kunsthandwerk reihten sich in der mystisch-magischen Innenstadt aneinander. Es gab viel zu sehen und es gefiel uns sehr. Unerwartet viele orthodoxe Juden liefen ebenfalls durch die ansonsten wenig belebt wirkenden Gassen.

Angesichts der Hitze und der Tatsache, dass die Stadt später am Tag bestimmt von Touristenmengen geflutet wurde, entschieden wir aber zeitig unsere Tour nach Akko fortzusetzen.