Fahren, feiern, trampen

Von Tel Aviv nach Jerusalem

Als ich im Anschluss an meine Radreise nach Rom in Israel ankam dachte ich mir, ich wäre vorerst genug Fahrrad gefahren, aber dieses Wunschdenken bestätigte sich leider nicht. Deshalb entschied ich nach langem abwiegen mir noch ein Fahrrad für die verbleibende Zeit zu kaufen. Aufgrund der größeren Auswahl kaufte ich mein Fahrrad letztlich in Tel Aviv und beschloss dann, das Fahrrad der einfachheitshalber gleich auf die Probe zu stellen, anstatt es umständlichst im Bus nach Jerusalem transportieren zu müssen. Dementsprechend machte ich mich nach erfolgreichem Kauf gleich auf den Rückweg. Der erste Teil der Strecke war recht eben, dafür musste ich mir ausgesprochen aufmerksam den richtigen Weg aus der etwas hektischen Stadt bahnen. Danach kam ich recht gut voran, doch das Terrain veränderte sich von hügelig bis hin zu wirklich steilen Anstiegen. Trotz der Anstrengung merkte ich diesmal zum ersten Male richtig, wie sehr mir das Fahrradfahren in der Zeit hier gefehlt hatte und freute mich umso mehr über meine nicht allzu billige Errungenschaft. Ein etwas aufregendes Gefühl war es ebenfalls, als ich mit meinem Fahrrad durch die Straßencheckpoints und Kontrollpunkte fuhr, doch zum Glück verdächtigte mich niemand. Schon vor Antritt meiner Fahrt wusste ich sehr gut, dass Jerusalem auf einem Berg liegt, aber erst durch meinen schätzungsweise 70km langen Radausflug wurde mir so richtig bewusst, was dass in diesem Falle bedeutet, doch weit darüber hinaus festigte die Fahrt meine Bindung zu Israel und löste eine neue Tiefe des Heimatgefühls in mir aus, als ich glücklich und leicht euphorisiert am Nachmittag mein Ziel erreichte.

Verschleiert auf jüdischer Party

Purim ist ein ganz besonderer jüdischer Feiertag, den ich während meines Aufenthaltes hier in Israel glücklicherweise miterleben durfte.

Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor dem Plan des persischen, bösen Politikers Haman, „alle Juden vom Knaben bis zum Greis, Kinder und Frauen an einem einzigen Tag zu vertilgen, zu erschlagen, zu vernichten und ihre Habe als Beute zu plündern.“ Zum Gedenken an diesen Festtag zelebriert man diesen üblicherweise mit Familie und Freunden durch ein überschwängliches Festmahl im Andenken an den Purim-Sieg über die Feinde des jüdischen Volkes. Etwas verrückt erscheint mir die Mizwa (religiöse Pflicht), zu „trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen ,Verflucht sei Haman‘ und ,Gesegnet sei Mordechai‘“ (Talmud, Traktat Megilla 7b; Schulchan Aruch, Orach Chajim § 695:2). Die Freude des Purimfestes soll dabei helfen, die üblichen Beschränkungen und Grenzen zu überwinden und auf einer höheren spirituellen Ebene zu feiern. Ein weiterer Brauch dieses Feiertages ist es sich beim Feiern bunt und auffällig zu verkleiden.

Von einigen israelischen Freunden und Bekannten, die ich beim Klettern kennen gelernt habe, wurde ich ebenfalls zu einer Purimparty eingeladen und entschied mich für ein exklusives Kostüm – ich verschleierte mich als schwangere, konservativ-arabische Muslimin, nachdem ich mich vorher versicherte, dass an Purim alles erlaubt sei. Mit dem Outfit zog ich durchaus einige stutzige Blicke auf mich. Kurz nachdem ich den Partyraum betrat kam ein junger, durchtrainierter und von weitem selbstsicher erscheinender Typ auf mich zu und fragte sehr vorsichtig, ob es sich bei meinem Auftreten um ein Kostüm handele, oder ob ich tatsächlich Muslimin sei. Scheinbar wirkte meine Verkleidung recht authentisch. Einige andere Partygäste wunderten sich ebenfalls, was ich als „Muslimin“ auf einer jüdischen Feier zu suchen hatte, bis ich sie im Gespräch darüber aufklärte. Zu meiner Freude empfanden aber all diejenigen mit denen ich sprach meine Idee als originell und positiv an und sahen darin weder eine Diskriminierung noch eine Provokation, allerdings war die Gesamtheit der Gäste für israelische Verhältnisse nicht besonders religiös.

Als ich mich spät abends zu Fuß auf den längeren Rückweg machte, dauerte es nicht sehr lange bis ein älterer, arabischer Typ in seinem noblen Geländewagen neben mir anhielt und anbot mich nach Hause zu fahren. Obwohl ich weder hebräisch noch einen Fetzen arabisch sprechen konnte, hegte er keine Zweifel an meiner religiösen Zugehörigkeit. Das überraschte mich trotz den vorherigen Reaktionen sehr. Etwas skeptisch nahm ich das Angebot an und wurde bis vor die Haustür gefahren, doch während der gesamten Fahrt hoffte ich nur innigst, dass es nicht bemerken würde, dass ich keine echte Muslimin bin.

Mitzpe Ramon – Wanderung durch eine Mondlandschaft

Aktuell ist in Israel die beste Zeit um Aktivitäten draußen zu unternehmen, bevor es zu warm wird. Daher habe ich mich mit einer Freundin und einem italienischen Bekannten von ihr auf eine 3 tägige Wüstenwanderung begeben, gestartet von der kleinen Ortschaft Mitzpe Ramon, welche zwischen Beerscheva und Eilat inmitten der Negev-Wüste liegt. Das Hauptgewicht unserer gut gefüllten Rucksäcke machte der Wasservorrat aus. Hinzu kam noch ein Happen zu Essen, sowie Schlafsäcke und Isomatten.

Von unserem Ausgangspunkt aus, stiegen wir in den Makhtesh Ramon ab, der größte Erosionskrater der Negev-Wüste, der in seiner Größten Ausdehnung über 40 km misst. Das Landschaftsbild, welches sich uns zu Beginn der Tour bot, war spektakulär und erinnerte beinahe an eine Mondlandschaft. Die Szenerie, die sich vor unseren Augen erstreckte war praktisch vegetationslos, stattdessen prägten bizarre Steinformationen, Staub, Geröll und Sand das Landschaftsbild. Über verschiedene recht gut gekennzeichnete Pfade und Wanderwege gelangen wir immer tiefer in die karge Wüste. Einige Wegstücke folgen wir auch dem Israelischen Nationalwanderweg. Schon jetzt ist es im Süden Israels sehr warm, sodass wir nach längeren Aufstiegen salzig wie das Tote Meer die Aussicht genießen konnten. Die Nächte verbrachten wir unter freiem Himmel wobei sich uns ein fantastischer Sternenhimmel bot, ungetrübt durch störende Fremdlichter. Es war für mich jedes Mal ein überraschendes Erlebnis, den Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht in der Wüste zu erleben. Wenn man nachts in seinem Schlafsack im Wüstenstaub liegt, in dicke Fließkleidung eingekleidet und den Schlafsack eng zugezogen, sodass gerade noch ein Spalt zum Atmen und Sehen übrig bleibt, während man die Sternschnuppen zählt, ist der Gedanke unvorstellbar, dass man nach Sonnenaufgang für jeden Rastplatz mit etwas Schatten absolut dankbar sein wird. Schwer beeindruckt von der Wanderung festigte sich bei mir der Wunsch bei einem meiner folgenden Israelaufenthalte den gesamten Nationalwanderweg von Elat bis in den Norden zu laufen. Unsere Wanderung endete leider schon im Dorf Saphir, von wo aus meine Freundin und ich entschlossen nach Jerusalem zurück zu trampen, anstatt Ewigkeiten in der Hitze auf einen teuren Bus zu warten. Wir hatten Glück und wurden recht schnell mitgenommen, von jemandem, der sehr lang in die selbe Richtung fuhr wie wir. Dreckig, staubig und reif für eine ordentliche Dusche fühlten wir uns etwas Fehl am Platze in einem piekfeinen, geräumigen Auto eines reichen israelischen Unternehmers, schließlich wollten wir es tunlichst vermeiden, die weißen Ledersitze zu beschmutzen. In En Boquet, einem kleinen Touristenort am Toten Meer musste unser Fahrer noch eine kurze Erledigung machen. Wir diskutierten darüber, die Fahrpause schnell dazu zu nutzen, uns etwas zu trinken oder gar einen Leckerbissen zu kaufen. Doch als wir unser Anliegen äußerten, deutete unser Fahrer darauf hin, wir sollten unbedingt im Auto bleiben, es schien gar so als wolle er keinesfalls mit uns gesehen werden, so verwegen wie wir aussahen. Zu unserer großen Überraschung brachte er uns, als er einige Minuten später zurück kam Cola und Eis mit. Das war ein großer Genuss für uns. Auf der Weiterfahrt verriet er uns auch, nach mehrfachem Fragen, womit er sein Geld verdient. Er besitzt ein eigenes Bauunternehmen und lebt eigentlich im Norden des Landes. Momentan jedoch ist er an dem Bau der Grenzmauer zu Jordanien beteiligt und wenn man sich im Lande einmal umschaut, kann man sich denken, dass dieser Typ wirklich nicht von trocken Brot leben muss. Als wir uns nach einer langen gemeinsamen Fahrt am Abzweiger nach Jerusalem voneinander verabschiedeten, drückte er jedem von uns beiden noch eine Flasche mit „Totem Meer Shampoo für geschädigtes Haar“ in die Hand, mit der wir uns verdattert bis amüsiert am sandigen Straßenrand wiederfanden. Eine nette bis absurde Geste, die uns auf jeden Fall noch eine Weile an unsere Rückfahrt erinnern wird.

Formeln, Fakten und physikalische Einheiten

Neben meiner Arbeit bin ich momentan intensiv damit beschäftigt mich auf den im Mai stattfindenden Medizinertest vorzubereiten, für das Erlangen einer der sehr begehrten Medizinstudienplätze. Obwohl die zu trainierenden Aufgaben manchmal etwas trocken sind, löst es in mir eine große Vorfreude auf das scheinbar näher rückende Studium aus.