Leas Ankunft in Israel

Vom klimatisierten Flieger in die backofenähnliche Hitze

Lea, eine gute Freundin, die ich vom Klettern kenne, entschied sich dazu, mich für 2 Wochen in Israel besuchen zu kommen und mit mir gemeinsam das heilige Land zu bereisen.

Lea beschrieb ihre Einreise als unproblematisch und empfand auch die Sicherheitskontrollen am Flughafen harmloser als nach meinen Schilderungen erwartet. Bei unserem Wiedersehen nach einem dreiviertel Jahr, lagen wir uns voller Freude in den Armen und entschieden uns den restlichen Tag noch gemeinsam in Tel Aviv am Strand zu verbringen.

Als wir aus dem gut gekühlten Gebäude ins Freie traten, um den Zug zum Ziel zu nehmen, trafen die Temperaturen Lea wie ein Schlag. Bei 12 Grad war sie in Deutschland in den aklimatisierten Flieger gestiegen, hier vor Ort war es mehr als dreimal so warm. Lea beschrieb das Gefühl beim Heraustreten aus dem Flughafen, wie das Hereinspazieren in einen Backofen. Umso glücklicher waren wir, als wir kurze Zeit später am nicht so ganz sauberen Stadtstrand von Tel Aviv saßen und uns eine langersehnte Abkühlung im Mittelmeer gönnten. Die hellblaue Wasseroberfläche kräuselte sich seicht durch die leichte Brise und am Horizont schaukelten kleine Segelbote. Hinter uns ragten die modernen Hochhäuser der Stadt bis in den Himmel und das Geräusch des Wellenrauschens mischte sich mit dem Lärm der Motoren, die auf der Schnellstraße, unmittelbar hinter unserem Strand entlang brausten.

Doch davon nahmen wir derzeit keinerlei Notiz, wir waren nur darauf aus, uns ins kühle Nass zu stürzen. Nach einem ausgiebigen Bad in den Wellen entschieden wir langsam entlang der schönen Uferpromenade in Richtung „Old-Yafo“ zu schlendern. Das ist die etwas abseits gelegene Altstadt von Tel Aviv mit einem sehenswerten, antiken Hafen und noch ebenfalls erhaltenen Wachtürmen.

Da Lea schon der Magen knurrte, weil sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte – außer einem pappigen Brötchen und einem granitharten Keks im Flugzeug – entschied ich schnell, Lea mit dem israelischen Nationalgericht vertraut zu machen: Pita mit Falafel, Humus und Sesamsoße. Nach kurzem Umherirren durch die engen, verwinkelten Gassen der alten Hafenstadt machte ich einen geeigneten Imbiss ausfindig. Obwohl uns schon beim Kauf das Wasser im Munde zusammen lief, wollten wir unseren erworbenen Leckerbissen in Ruhe am Strand verspeisen. Während wir beim Wellenrauschen die Sonne langsam im Meer versinken sahen, schlangen wir hungrig unsere Falafel hinunter.

Nach diesem gemütlichen und ruhigen Abend in der Partymetropole wollten wir mit dem Bus nach Jerusalem fahren. Doch vorerst mussten wir uns unseren Weg durch den maroden und abgewrackten Busbahnhof der Stadt bahnen, der eher an ein Wohnhaus im Rotlichtmilieu erinnerte, als an einen Ort, wo zu geregelten Zeiten Busse abfahren. Über eine funktionsunfähige Rolltreppe sprangen wir nach etwas Suchen gerade noch rechtzeitig in einen passenden Bus, der uns an unser gewünschtes Ziel bringen sollte. Sobald wir im Bus saßen, kam mir die Idee, Lea Israel auch auf akustische Weise näher zu bringen und ich gab ihr meine Kopfhörer, damit sie sogleich dem hierzulande sehr bekannten Hit „Tel Aviv“ von Omer Adam und anderer hebräischer Musik lauschen und sich ein wenig einstimmen konnte.

Davidstadt – auf Socken durch die unbeleuchtete Kanalisation von Jerusalem

Noch vor dem ersten Weckerklingeln wurden wir von der schon hell und heiß scheinenden Morgensonne auf unserer Terrasse geweckt, wo wir uns am Abend ein komfortables Nachtlager errichtet hatten. Müde und noch etwas benommen krabbelte ich unter unserem Moskitonetz hervor, das wir vor dem ins Bett gehen noch provisorisch am Fenstergitter der Hauswand befestigt hatten, um nicht von den umher schwirrenden Mücken zerstochen zu werden.

Nach einem spärlichen Frühstück (Brot und Instantkaffee), machten wir uns auf zur Straßenbahn in Richtung Jerusalem-City, überrascht darüber wie wach wir nach dieser recht kurzen Nacht doch waren.

Die Szenerie, die man erlebt, wenn man hier zu Lande mit dem Zug oder Bus fährt, ist für mich schon längst Alltag geworden, doch für Lea absolutes Neuland. Ich erklärte ihr beispielsweise, dass die Männer mit den schwarzen Anzügen, weißen Hemden, langen Schläfenlocken und riesigen Hüten streng orthodoxe Juden sind. Sollte man in der Straßenbahn einen letzten freien Platz neben ihnen ausfindig gemacht haben, sollte man sich dennoch davor hüten, sich neben sie zu setzten, außer man möchte seinen Sitznachbarn dazu zwingen, aufstehen zu müssen. Orthodoxen Juden ist es nämlich nicht gestattet, neben dem jeweils anderen Geschlecht zu sitzen, bei ultraorthodoxen Gläubigen wird man bemerken, dass die Männer nicht einmal Frauen angucken, sondern den Blick abwenden und das Gespräch meiden.

Nach einer kurzen Fahrt und einem ruhigen Spaziergang durch die noch menschenleere Altstadt erreichten wir den Eingang der am Fuße des Ölbergs gelegenen Davidstadt. Die Davidstadt ist der älteste besiedelte Teil der Stadt und die wichtigste archäologische Fundstelle des biblischen Jerusalems. Durch das mehr als 2700 Jahre alte unterirdische Bauwerk (701 v. Chr. erbaut) flossen durch den sogenannten Hiskija-Tunnel bis zu 50.000 Liter Quellwasser pro Stunde und versorgten die Einwohner Jerusalems mit frischem Trinkwasser. Die Hiskija-Quelle ist die einzige Quelle Jerusalems und war zu damaliger Zeit von strategischer und lebensnotwendiger Bedeutung, insbesondere im Falle einer Belagerung durch fremde Truppen.

Ein ganz besonderes Highlight unserer Besichtigung war das Hindurchwaten durch den schlangenförmigen, 533 Meter langen Tunnel. Die Höhe im Hiskija-Tunnel variiert zwischen 1,50 und 5 Metern, die Breite beträgt zwischen 55 und 65 Zentimetern. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir unmittelbar vor dem Eingang des Tunnels standen, hatten wir uns keinerlei Gedanken darüber gemacht, weshalb die Mitnahme von wassertauglichen, rutschfesten Schuhen und einer Taschenlampe für alle Besucher dringend empfohlen wurde. Der Tunnelschacht, in den wir hinabstiegen, war komplett unbeleuchtet und das erfrischend kalte Wasser, das aus der Tiefe an die Oberfläche empor stieg, hatte sich zu Beginn des Tunnels in einem kleinen Becken gestaut. Etwas überrascht von diesen Umständen, stieg ich fest entschlossen mit hochgestecktem Kleid und meinen neuen Turnschuhen in das Becken und stand kurz darauf im oberschenkeltiefen Wasser.

Lea entschied bei diesem Anblicke kurzer Hand, ihre einzigen Schuhe nicht für diese Aktion zu verwenden. Sie zog es vor, auf Socken durch die ehemaligen Wasserschächte der heiligen Stadt zu laufen. Nach den ersten Metern machte der Tunnel eine leichte Kurve. Dahinter war es komplett dunkel. Kein einziger Lichtstrahl vom Tageslicht drang zu uns herunter, während wir zur Hälfte im Wasser standen. Da wir so früh am Tag unterwegs waren, waren wir auch die einzigen Besucher in diesem Schacht. Auf unsere Augen konnten wir von nun an nicht mehr zählen, also hieß es, sich Stück für Stück in der Dunkelheit vorzutasten. Die Steine an den Wänden des Schachtes fühlten sich rau und kalt an, von der Decke fielen ab und zu dicke Tropfen auf uns herab. Im Tunnel umgab uns eine eigenartige Stille. Nur das Geräusch des Wasserplätscherns drang an unsere Ohren. Plötzlich blieb ich verwirrt im Dunkeln stehen. Beinahe hätte ich mir beim blinden Vorwärtstasten den Kopf angestoßen.

Nun verengte sich der Tunnel merklich, die Seitenwände rückten näher zusammen. Es war so eng, dass ich die Wände gleichzeitig mit meinen Ellenbogen berühren konnte. Bald darauf wurde auch noch die Decke so niedrig, dass wir uns beim Gehen ducken mussten, um uns nicht zu verletzen. Es gab keinerlei Ausweich- oder Ausstiegsmöglichkeiten. Ohne Gefühl für Raum und Zeit taumelten wir weiter vorwärts durch den Wasserschacht. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten wir ein paar Stimmen vernehmen, denen wir uns näherten. Wir gingen schneller, wobei sich Lea noch schmerzhaft den Zeh an einer Steinkante anstieß. Dann sahen wir uns am anderen Ende des langen Ganges wieder.

Etwas torkelnd und mit eng zusammen gekniffenen Augen blinzelten wir in die helle Sonne, bis wir uns wieder an das grelle Licht gewöhnt hatten. Ein wenig erleichtert und mit nassen Schuhen und Socken setzten wir danach unsere Besichtigung im Hellen durch die alte archäologische Fundstelle fort.

Es ist laut, es ist voll, es ist bunt Stadtbild von Jerusalem

Die von einer 12 Meter hohen und 4 km langen Stadtmauer umgebene Altstadt Jerusalems war mittlerweile voll belebt: Einheimische, Händler, Touristen… Nach der vor kurzem noch erlebten Stille, geradezu eine Reizüberflutung. Immer wieder andere Gerüche, Stimmen in den unterschiedlichsten Sprachen und das laute Geschrei von Verkäufern, die ihre Ware anpriesen.

Die Straßen hier waren eng und das Sonnenlicht fiel nur selten zwischen die hohen Hauswände der verwinkelten Gassen. Doch wir ahnten, dass hier nahezu jeder Stein mehr Geschichten erzählen könnte, als man selbst je erleben wird. Es schien fast, als sei jedes Gebäude von besonderen Bedeutung. Durch das lebhafte Treiben bahnten wir uns unseren Weg zur Klagemauer, das bedeutsamste Heiligtum der Juden, wo dem Glauben nach die Gegenwart Gottes spürbar ist. Ähnlich wie in den meisten Synagogen ist der Bereich vor der Mauer mittels eines Sichtschutzes in zwei verschiedene Areale unterteilt, wobei Männern der Zugang nur in den linken Teil gestattet ist und auch nur mit einer Kopfbedeckung, wie Hut oder Kippa. Frauen haben ihren deutlich kleineren Bereich zum Beten an der rechten Mauerseite. Die an der Mauer betenden Männer sind überwiegend in durchgehend schwarzer Kleidung mit Hut und Bart anzutreffen. Die Frauen tragen in der Regel lange Röcke und halten ihren Kopf ebenfalls bedeckt, meist mit einem Tuch. Fast alle betenden Männer und Frauen waren schwarz gekleidet. Was für uns auf den ersten Blick gleich aussieht, ist aber bei näherer Betrachtung scheinbar äußerst kompliziert, wie uns… erklärte: Die Kombination von Hut, Strümpfen, Bartschnitt und Schläfenlocken zeigt, zu welcher Strömung ein Gläubiger gehört.

Während wir weiter die Altstadt erkundeten, fielen uns immer wieder die vielen Polizisten und Soldaten auf, die schwer bewaffnet mit Maschinengewehren, schusssicheren Westen und jederzeit Einsatzbereit in großen Gruppen überall postiert waren. Für mich schon nichts ganz so Neues mehr, für Lea doch sehr befremdlich, vermitteln sie uns nur bedingt ein Gefühl von Sicherheit. Vielmehr verdeutlichten sie uns immer wieder die angespannte Lage der ansonsten so friedlich wirkenden Stadt.

Von der Altstadt aus, trotteten wir gemächlich in Richtung Neustadt. Wir wollten uns die hektische Betriebsamkeit des Souks ansehen. Im Souk, einem uralten, authentischen, orientalischen Basar, findet man alles, was das Herz begehrt: Da waren alle erdenklichen Lebensmittel, Gewürze, Gemüse, zwischen Metzgereien, in denen halbe Ziegenkörper oder Rinderköpfe in Glasvitrinen hingen, Läden mit arabischer Damenmode und gleich neben der Metzgerei, Schmuckgeschäfte, wo alles golden glitzerte und glänzte. Es gab Bäckereien, wo köstliches Gebäck duftete und Süßigkeiten angeboten wurden. Ehrgeizige Verkäufer ließen uns gerne ausgiebig probieren. Begeistert ließen wir uns über den Basar treiben und sogen alle Eindrücke auf. Dieser Souk-Bummel war wirklich ein berauschendes Fest für die Sinne.

Später am Nachmittag musste ich zurück zur Arbeit, aber Lea konnte noch weiter dem bunten Treiben folgen.