Unvergessliche Begegnungen

Badevergnügen samt Kleidung

Das auf einem mauerumwehrten Landvorsprung ins Meer ragende Akko war von der Antike bis ins 19. Jh. der bedeutendste Hafen Palästinas und ist auch heutzutage noch eine sehr lebhafte, sehenswerte Stadt.

Nach unserer Ankunft schlenderten wir durch die von Arabern bewohnte Altstadt und genossen die Atmosphäre. Zwischen Moscheen, Kreuzfahrerbauten, dem alten Hafen und kleinen Straßenständen verirrten wir uns versehentlich in ein edel wirkendes Restaurant mit Meerblick.

Der freundliche und sehr zuvorkommende Kellner musste auf den ersten Blick gesehen haben, dass uns hier die Wärme zu schaffen machte und bot uns, natürlich nur im Spaß, an, von der Restaurantterrasse aus ins kühle Wasser zu springen. Aufgrund von vermeintlichen Renovierungsarbeiten gäbe es angeblich keine Toiletten oder sonstige Räumlichkeiten zum Umkleiden, erklärte uns der Kellner im Folgenden. Doch das sollte für uns kein Argument gegen eine spontane Erfrischung sein. Wir entschieden alternativ mit Kleidung ins Wasser zu springen. Keine Minute später fanden wir uns dann auch schon im Meerwasser wieder, unter uns scharfkantige Felsen. Doch diese Abkühlung hatten wir dringend gebraucht.

Während wir uns noch über den Kellner amüsierten, der seinen Blicken der Verwunderung zufolge nicht damit gerechnet hatte, dass wir tatsächlich und auf der Stelle ins Wasser springen würden, gesellte sich Mustafa zu uns, der sich gerade ebenfalls eine Erfrischung gönnte. Nach einer kurzen Konversation bot er uns eine exklusive Stadtführung an, welches Angebot wir begeistert annahmen.

Erklimmen des bröckeligen Glockenturms von Akko

Mit klitschnassen Klamotten und vollgepackten Rucksäcken folgten wir Mustafa zu seiner kleinen, zentral gelegenen Wohnung inmitten der Altstadt, wo wir unser Gepäck lagern durften. Von dort aus führte er uns zu einem hoch über die Dächer der Stadt ragenden alten Glockenturm, auf dessen Vorderseite eine gigantische Uhr die Zeit anzeigte. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass es mittlerweile schon kurz nach 15h war, ein Wunder, wie schnell die Zeit verging!

In diesem Moment genossen wir die warmen Strahlen der Sonne und die vom Meer herüberwehende Brise sehr, die langsam unsere immer noch triefend nasse Kleidung trockneten. Doch das Lachen und die Freude über diesen idyllischen Ort verging mir, als Mustafa auf den alten Glockenturm deutete und uns zu verstehen gab, dass wir dort nun hinauf klettern würden.

Lea und ich blickten uns etwas erschrocken an, nicht recht glauben wollend, was uns gerade eröffnet wurde. Ohne uns Zeit zum Protest zu lassen, lief Mustafa voran. Durch einen engen Eingang zwängten wir uns der Reihe nach in das Innere des Steinturmes. Im Turm befand sich das, was man einst als Treppe bezeichnet hätte. Doch die Spuren des Verfalls waren hier überaus deutlich zu erkennen. Die weißen Steine, die ursprünglich das Fundament des Turmes bildeten, bröckelten überall von den Wänden ab und sammelten sich in stetig wachsenden Schutthäuflein in den Ecken. Treppenstufen waren kaum noch erkennbar, geblieben waren rostige Metallstreben, die einen ahnen ließen, wo sich einst die Stufen befunden haben mussten. Das Holz, dass einst die Trittflächen bedeckte, war längst herausgebrochen. Während sich Mustafa schon drei Treppenwindungen über uns befand, setzte ich vorsichtig meinen ersten Fuß auf die untersten, wackeligen Metallstreben. Zu meiner Überraschung hielten sie meinem Gewicht stand. Ich ging noch ein paar Schritte aufwärts. Dann blieb ich stehen, Lea stand nun dicht hinter mir. Gespannt warteten wir, was passieren würde. Leise hofften wir, dass sich unsere Erwartungen nicht bestätigen würden und der Turm nicht innerhalb der kommenden Minuten in sich zusammen stürzen würde wie ein Jenga-Wackelturm, aus der Ravensburger Geschicklichkeits-Spielesammlung. Von weit oben rief Mustafa lauthals und versicherte, der Turm sei absolut stabil und gefahrlos begehbar. Ich hegte aktuell leichte Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage, hätte ihr aber zu gern Vertrauen geschenkt.Außerdem wollten wir ja eine abenteuerliche Reise und dies war definitiv ein Abenteuer!

Langsam musterte ich die Seitenwände des maroden Bauwerkes auf der Suche nach einem Geländer oder etwas zum Festhalten, doch dies war nur Wunschdenken. Die Wände der, ich möchte mal sagen, Ruine sahen so instabil aus, dass ich sie nicht zusätzlich belasten wollte. Also hatte ich keine Wahl, wenn ich hinauf wollte und kraxelte ein paar weitere Stufen nach oben, wobei ich mich so langsam bewegte, wie nur irgendwie möglich. Bloß keine ruckartigen Bewegungen, bloß nicht das Gleichgewicht verlieren raunte eine bei jedem weiteren Schritt lauter werdende Stimme in meinem Kopf. Lea sagte keinen Mucks mehr. Spiralförmig schraubte sich die ehemalige Treppe steil nach oben. Bisher hatte ich meinen Blick konsequent auf meine Hände und Füße gerichtet. Nach einigen weiteren Metern scheinbar lebensmüder Überwindung blickte ich nach unten und realisierte in welch schwindelerregender Höhe wir uns bereits befanden. Bei dem Gedanken, all diese Stufen auch wieder hinunter laufen zu müssen, wäre ich fast vorn über gefallen. Durch die Überbleibsel der Stufen ließ sich in den mit jeder erklommenen Stufe tiefer werdenden Abgrund blicken.

Von meiner Stirn perlte der kalte Angstschweiß und die Hände zitterten. Nach Minuten der Ewigkeit standen wir endlich lebendig oben auf dem Turm.

Die Aussicht über die kleine, lieblich wirkende Stadt war phänomenal! Von hier oben konnten wir bis nach Haifa blicken, eine große Industriestadt auf der anderen Seite der weitläufigen Bucht! Wir machten Fotos, wobei uns das Lächeln in die Kamera schwer fiel, denn es war schlichtweg unmöglich die Gedanken an den zwangsweise bevorstehenden Abstieg zu verdrängen.

Die Minarette der Stadt lagen weit unter uns. Da unsere Anspannung auch Mustafa nicht ganz unbemerkt blieb, schlug er vor, nun langsam wieder hinab zu klettern und eine Pause auf seiner Dachterrasse zu machen. Die Vorstellun eine solche Pause einzulegen gefiel mir, aber bis dahin waren noch einige Schritte zu machen. Mustafa rannte voraus! Während wir uns wie in Zeitlupe hinab bewegte, hastete Mustafa wie ein Gejagter die ungeheuerlichen Stufenreste hinab. Ich rechnete damit, dass das Gebäude jede Sekunde einstürzen würde. Wir machten jede Bewegung so vorsichtig wie möglich, um nicht versehentlich eine Lawine aus herausgebrochenem Schutt auszulösen oder gar auszurutschen. Ein paar Kiesel fielen wiederholt von oben wie ein leichter Hagelschauer auf uns herab. Mit dem Bild einer wunderschönen Dachterrasse vor dem inneren Auge kletterte ich vorsichtig weiter hinab. Meter für Meter schraubten wir uns nach unten, während Mustafa längst seinen Abstieg hinter sich gebracht hatte und etwas belustigt auf uns wartete, bis wir plötzlich in die grelle Sonne blinzelnd wieder festen Boden unter den Füßen hatten!

Tief aufatmend wanderten unsere Blicke den Schutt und Steinehaufen entlang, der sich um den Turm breitete und freuten uns sehr darüber, dass wir hier nicht das Zeitliche segnen mussten.

Nach einem kurzen Spaziergang befanden wir uns auch schon auf Mustafas Dachterrasse, wo wir sehr unsere ersehnte Pause genossen. Mustafa servierte uns Ingwertee mit Honig. Nachdem wir uns erfolgreich erholt hatten, verabschiedeten wir uns fröhlich von Mustafa, der uns auch noch angeboten hatte in seiner Wohnung oder auf seiner Dachterrasse zu übernachten. Wir dankten ihm sehr für das Abenteuer und seine Gastfreundschaft, brachen dann aber bald zu unserem Erkundungsstadtspaziergang auf. Außerdem wollten wir noch den regulären Badestrand zu besuchen.

Nachdem wir durch die schöne, historische Stadt gelaufen waren, alles angesehen hatten und auch bereits die Bushaltestelle für die geplante Fahrt nach Nazareth am nächsten Tag gefunden hatten, fanden wir auch noch einen idyllischen Zeltplatz mit Meerblick für die Nacht. Das war wunderbar!

Der legendäre Busdriver von Nazareth

Obwohl wir am Vortag dachten die Bushaltestelle bereits gefunden zu haben, war es doch nicht so einfach den richtigen Bushalt an diesem Busbahnhof zu finden.

Etwas verwirrt und orientierungslos tappten wir annähernd im Kreis herum, auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle. In diesem Moment kam ein erstaunlich gut Englisch sprechender Busfahrer auf uns zu und bot uns freundlich seine Hilfe an. Wir erläuterten ihm unsere Pläne und unsere finanzielle Lage. Der Busfahrer erklärte sofort, er würde am späten Abend noch eine Betriebsfahrt nach Nazareth tätigen müssen und wir wären dazu eingeladen, kostenlos mit ihm nach Nazareth mitzufahren! Was für eine Hilfsbereitschaft und wie freundlich von ihm! Wir waren begeistert und dankbar.

Den Tag verbrachten wir dann noch mit weiteren Besichtigungen und ganz ohne weitere Abenteuer, aber sehr erholsam.

Abends saßen wir dann in der vordersten Reihe eines komplett leeren Linienbusses, nur ein Cousin des Fahrers fuhr auch noch mit. Die Fahrt durch die Nacht dauerte und dauerte, aber war unglaublich lustig.

Der Fahrer, der sich als Aldah vorstellte, erzählte uns, er habe bisher am Flughafen gearbeitet und könnte daher Wortfetzen und Phrasen auf allen erdenklichen Sprachen. Es trug sehr zu unserer Erheiterung bei, als er versuchte uns zu so später Stunde noch Arabisch und anschließend auch Russisch beizubringen. Immer wieder legten wir kurze Zwischenstopps in kleinen Dörfern ein, wo wir Datteln, honigsüße arabische Gebäckstückchen und starken Kaffee durchs Fenster gereicht bekamen. Lea schlief dennoch bei der kontinuierlichen, tiefen Motorbrummei fast ein. Ganz schön erschöpft kamen wir zu später Stunde in Nazareth an. Vom nächtlich ausgestorbenen Busbahnhof fuhren wir mit Aldahs Privatwagen weiter in die Innenstadt, wo wir nach ewigem Herumgekurve endlich eine noch geöffnete Imbissbude fanden und zum nächtlichen Falafelessen eingeladen wurden. Wie unglaublich freundlich von ihm! Lea klappten beim bloßen Dasitzen fast die Augen zu. Ihr war es nicht einmal mehr möglich ihren Leckerbissen zu vertilgen. Aber dafür sorgte ich dann noch erfolgreich!

Schlafenszeit für Lea – aber wo?

Die letzten Tage waren lang und das Programm straff gewesen, aber da hatten wir wenigstens eine Vorstellung davon, wo wir die Nacht verbringen würden. Doch dies war an diesem Abend irgendwie nicht der Fall.

Wir hatten dem Busfahrer Aldah zwar vor Antritt der Fahrt erklärt, dass wir keine Unterkunft in Nazareth hätten, aber er versicherte, dass wir etwas ins Mini-Budget passendes in Nazareth finden würden.

Aldah schlug vor, ein Hotel für uns ausfindig zu machen, was Lea und mich nicht wirklich begeisterte, denn das passte weder zu unserem Reisestil, noch zu unserem Reisebudget. Nach einigem Herumgekurve durch winzig enge Gassen, wo wir gefühlt jeden Moment hätten steckenbleiben können, erreichten wir dennoch ein Hotel. Jedoch stellte sich heraus, dass es bereits geschlossen hatte. Kein Wunder, es war ja auch schon weit nach Mitternacht. Beim nächsten Hotel hatten wir Erfolg!

Ein netter, junger arabischer Hotelbesitzer saß mit seinem Freund müde auf der Dachterrasse und zog an seiner Shisha. Aldah hingegen unterbrach ihre Ruhe und begann lauthals auf Arabisch mit ihnen zu verhandeln. Ein wenig später wurden wir in ein kleines, sauberes, kühles Zimmer geführt mit einem großen Bett und Badezimmer. Das sah um diese Zeit sehr verlockend aus, aber die Tatsache, dass ich kaum Geld zur Verfügung hatte, war leider tageszeitenunabhängig.

Unser Busfahrer war begeistert, solch ein Zimmerchen für uns ausfindig gemacht zu haben, ich hingegen blieb skeptisch. Die Unterkunft wirkte klein und familiär. Die Flure waren stilvoll eingerichtet und die Wände schmückten bunte Mosaike.

Ich versuchte mit Lea die uns möglichen Optionen zu besprechen. Das war jedoch unmöglich, so wie ich schnell feststellte. Es wirkte so, als wäre sie schon auf der Treppe im Stehen eingeschlafen, ihr Kopf baumelte schlaff auf ihrer Brust und sie wankte langsam mit dem Oberkörper vor und zurück, so dass ich sehr besorgt wurde, sie könne gleich kopfüber die Treppe herunter kippen.

Ich rüttelte sie mit festem Griff wach, war mir jedoch der Nutzlosigkeit dieser Aktion bewusst, da sie in diesem Zustand eh keinerlei Entscheidungen treffen konnte, außer vielleicht den Wunsch, hier zu bleiben, koste es, was es wolle. Aldah beobachtete diese Szenerie und dachte sich womöglich ebenfalls seinen Teil dazu. Ich war mir sicher, er realisierte nicht ganz, als wir zu ihm in den Bus gestiegen waren, dass wir wirklich keinerlei Bleibe hier hatten. Er hatte uns wahrscheinlich nicht so viel Verrücktheit zugetraut, ohne weiteren Plan mit einem wildfremden Busfahrer in eine fremde Stadt ohne Bleibe zu fahren, aber für diese Überlegungen war es jetzt sowieso zu spät.

Wahrscheinlich wollte der Fahrer auch nur noch zurück nach Hause um zu schlafen, war aber auch gleichzeitig sehr besorgt um uns. Er wohnte in Haifa, was bedeutete, dass er noch ein ganzes Stück Fahrt vor sich hatte. Da Lea und ich uns offensichtlich nicht einigen konnten, entschied Aldah kurzerhand, dass wir hier bleiben würden und er das Zimmer für uns zahlen würde. Dann ging auch schon alles ganz schnell, Lea verschwand im Zimmer, um sich ausgiebig zu duschen und zu schlafen, ich hinterlegte meinen Ausweis an der Rezeption und Aldah zahlte.

Ich war ihm furchtbar dankbar dafür!

Dann wurde mir noch eine kurze Einweisung erteilt und ich erfuhr, dass sogar noch ein Frühstück inbegriffen war. Als Lea geduscht hatte, wurde sie seltsamerweise wieder total munter, also setzten wir uns noch einen Moment auf die gemütliche Dachterrasse, mit bunten Sofas und Teppichboden, um die unglaubliche Aussicht auf die hell beleuchtete Stadt zu genießen und um unsere Gedanken und Emotionen zu teilen, darüber was gerade mit uns geschah. Es war uns wirklich unbegreiflich!

Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen hier ließ uns wirklich staunen. Der Hotelbesitzer saß ebenfalls noch auf der Dachterrasse und erzählte uns, dass der Busfahrer Aldah für uns 200 Schekel (50 Euro) für das Zimmer gezahlt hatte. Diesen Preis habe er ausgehandelt, normalerweise würden Gäste jedoch etwa das Doppelte dafür bezahlen. Mir wurde bei diesen Zahlen schon fast schwindelig und peinlich. So oder so waren wir auch Aldah an diesem Abend sehr, sehr dankbar! Beim Revuepassierenlassen der bisherigen Ereignisse unter freiem Sternenhimmel wären wir dann fast eingeschlafen, schafften es aber dann gerade noch rechtzeitig in unsere wunderbar komfortablen Betten und schliefen traumlos wie auf Wolken.

Der stolze Fischbesitzer

Nach einer kurzen, aber herrlich erholsamen Nacht lockte uns die Aussicht auf ein feines Frühstück trotzdem zeitig aus den Betten. Noch etwas verschlafen und mit verquollenen Augen traten wir zum Buffet und wollten unseren Augen nicht recht trauen: So viele köstliche Leckereien. Unzählige Schälchen und Tellerchen reihten sich hier aneinander. Zwischen Oliven, Frischkäse, warmem Brot, Humus und vielem mehr konnten wir hier wählen. Im Geiste dankten wir Aldah abermals und genossen das üppige Frühstück, mit dem wir im Traum nicht gerechnet hatten! Lea trank so viel starken, würzigen arabischen Kaffee, dass sie ganz hibbelig davon wurde. Aber das war lustiger als wenn sie fast schlafend die Treppe hinunterfiel.

Nachdem wir unsere Sachen gepackt hatten, machten wir uns auf zu einer Erkundungstour durch die historische Innenstadt, wobei uns auffiel, dass unsere Unterkunft außerdem maximal zentral gelegen war. Danke Aldah!

Auf dem Weg zur Basilika, passierten wir einen Fischladen. Ein paar Männer waren gerade damit beschäftigt die frischen Fänge aus dem See Genezareth und dem Mittelmeer bei Haifa auszunehmen und zu filetieren. Interessiert lugte ich in den Laden, wobei mir meine Kamera an ihrem Band um den Hals baumelte. Die Arbeiter dachten offensichtlich in diesem Moment, wir würden sie fotografieren wollen, was gar nicht unsere Absicht war. Doch das zu kommunizieren war in diesem Augenblick nicht mehr möglich, denn die Arbeiter stellten sich auf und präsentierten stolz ihre Fänge vor der Kamera. Unbedingt wollten sie mit ihren Fischen fotografiert werden und hatten offenbar sehr viel Spaß dabei, denn es wurde viel gelacht, während ich mindestens so amüsiert wie sie die gewünschten Fotos knipste. Derweil erschien der Ladenbesitzer und geleitete uns ins nebenan liegende Fischlokal, wo uns wieder Kaffee serviert wurde. Nach einem kleinen Wortwechsel, erhielten wir eine Einladung am Nachmittag zum großen Fischessen wiederzukommen und teilzunehmen. Als Vegetarierinnen konnten wir das nur leider nicht annehmen.

Die geliehenen Röcke

Vom Fischgeschäft machten wir uns dann, auch um nicht noch mehr Kaffee gegen unseren Willen versehentlich eingeflößt zu bekommen, endlich zur Verkündigungsbasilika auf.

Wir stellten fest, dass wir, um das Gelände der heiligen Stätte betreten zu dürfen, bodenlange, weite Röcke tragen mussten. Diese trugen Lea und ich aber leider nicht, deshalb waren wir dazu gezwungen, uns an einem kleinen Ausleihstand zwei viel zu große weite Röcke auszuleihen. Die blasse Frau hinter dem Tresen tat ganz begeistert und behauptete, die Kleidung würde uns ausgesprochen gut stehen. Naja, da offenbarte sie uns aber einen bizarren Modegeschmack, zumal sie selbst auch nur ein enges T-Shirt und Jeans trug.

Anständig gekleidet betraten wir daraufhin das katholische Kirchengebäude. Die Basilika stand der Überlieferung zufolge über jener Höhle in der Stadt Nazareth, in der der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschienen war.

Um die Basilika herum ist eine massive Steinmauer gebaut, welche auf der Innenseite mit zahlreichen Mosaiken aus aller Welt verziert ist.

Die heutige Verkündigungsbasilika ist bereits das fünfte Gotteshaus über der Verkündigungsgrotte und wurde am 23. März 1969 geweiht. Die dreischiffige Basilika ist 67,5 Meter hoch und 35 Meter lang. Sie ist die größte Kirche im Nahen Osten und eine der größten heiligen Stätten im Mittleren Osten.

Wir schlossen uns einer englischsprachigen Führung an, wobei der Guide eine Menge zu den architektonischen Besonderheiten erzählte. Das Außergewöhnliche des Gebäudes liege in dem zentralen Kuppelbau, der die drei Ebenen des Gebäudes miteinander verbinde, so der Guide. In der Unterkirche befinde sich demnach der Ort, den man als Ort der Verkündigung ansehe. Die Oberkirche enthalte viele Mosaiken und Skulpturen. Der beeindruckende Kuppelbau war sehr schlicht ausgeführt. Auch die Größe der Orgel faszinierte uns. Es hat uns dort sehr gefallen.

Auch bei unserem späteren Spaziergang durch Jesus Heimatstadt waren wir sehr beeindruckt von der Schönheit und Lebhaftigkeit dieses Ortes.

Deja-vue in der Mittagspause

Gegen Mittag zwang uns die Sonne dazu, ein schattiges Örtchen für eine Mittagspause ausfindig zu machen. Wir machten es uns auf ein paar Treppenstufen nahe unserer Unterkunft bequem. Dort aßen wir süße Gebäckteilchen, Katajef genannt, die uns unser Busfahrer Aldah hier empfohlen hatte. Mich machte diese Süßspeise ganz süchtig, Lea hingegen bekam davon keinen Bissen runter, ihr waren die in Öl frittierten Teilchen viel zu klebrig und fettig.

Außerdem nutzten wir die Pause, um die weiteren Etappen unserer Tour zu planen. Als wir so gemütlich da saßen, kamen zwei, wie sich später herausstellte, deutsche, junge Männer etwa unseren Alters vorbei und musterten uns eindringlich. Ich erinnerte mich! Mir fiel wieder ein, dass wir die beiden schon einmal gesehen hatten. Letzte Nacht, als Aldah mit uns durch die ganze Stadt gekurvt war, um eine Unterkunft für uns zu finden, hatte er einige Passanten nach dem Weg oder einem Ratschlag gefragt, darunter auch diese Beiden hier. Jetzt versuchte ich ein paar erklärende Worte zu finden und erzählte ihnen unsere Erlebnisse der letzten Nacht. Statt aber für Klarheit zu sorgen, schien ich die Beiden eher noch mehr zu irritieren. Ich versuchte zu erzählen, wie nett der Busfahrer zu uns gewesen war und was er alles für uns getan hatte. Verwundert blickten sie mich an. Unseren Reisestil konnten die beiden jedenfalls nicht nachvollziehen. Einer der Beiden erkundigte sich, was wir uns als nächstes anschauen wollten. Ich erwiderte, dass wir noch ans Tote Meer und nach Elat wollten. Daraufhin begann uns der nette junge Herr Tipps bezüglich Busverbindungen und Hotels am Toten Meer zu geben. Ich nahm seine sicherlich nett gemeinten Hinweise stumm nickend entgegen, ohne etwas darauf zu antworten. Ich musste feststellen, das er offenbar nichts von dem verstanden hatte, was ich mühselig versucht hatte ihnen zu erklären. Nämlich, dass wir ernsthaft qasi ohne Geld durchs Land reisten, teure Busfahrten eigentlich mieden und nach Möglichkeit zelteten. Jedoch keinen Shekel für ein Hotel übrig hatten.

Wir redeten also aneinander vorbei und taten uns gegenseitig möglicherweise irgendwie leid . Mir taten die beiden Jungs in gewisser Weise leid, dass sie hier alles das, was wir bereits durch unsere Reiseform erlebt hatten, all die wunderbaren Begegnungen mit den Menschen wohl nicht so erleben würden. Und wir taten ihnen ihren Äußerungen zufolge offenbar ebenfalls leid, weil wir mit so wenig Geld irgendwie über die Runden kommen mussten und aus ihrer Sicht deshalb wohl nichts erlebten. Lustigerweise waren wir aber alle ganz glücklich und zufrieden mit dem, was jeder von uns für sich selbst kreiert hatte- also alles ganz richtig und gut so! Mit dieser Erkenntnis verabschiedeten wir uns dann wieder voneinander und jeder setzte seine Reise fort.