Miserable Stadtführungen und verrückte Securityguards

Die nicht ganz so gelungene Stadtführung

Am nächsten Tag, ein Sonntag, wurde das jüdische Fest „Shavuot“ gefeiert. Wie an Shabbat , hatte das zur Folge, dass alle Läden geschlossen waren und auch wieder einmal die öffentlichen Verkehrsmittel komplett ruhten.

Da ich am Vormittag arbeiten musste, hatte ich für Lea eine Stadtführung gebucht. Ich erhoffte mir dabei eine informative Tour entlang der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Da der Treffpunkt nahe der Altstadt lag, einige Kilometer von unserer Wohnung entfernt, lieh ich Lea mein Fahrrad. Damit konnte sie sicher und ungehindert über die Straßenbahngleise der nicht verkehrenden Tram bis ins Stadtzentrum radeln.

Als wir uns am Nachmittag nach meiner Arbeit wieder trafen, war ich sehr gespannt, was Lea zu erzählen hatte. Vielleicht hatte sie ja noch Orte entdeckt, wo ich selber noch nie war. „Wir haben verschiedene Kirchen, Türme und Viertel gesehen, außerdem waren wir noch an der Klagemauer“. Nach etwas Nachfragen und anhand ihrer Fotos konnten wir dann herausfinden, dass Lea unter anderem in der Grabeskirche Jesus war und sowohl durch das armenische Viertel als auch durch das jüdische Viertel und durch einen arabischen Stadtteil gelaufen war. Auch konnte sie sich erinnern, auf dem Dach des Österreichischen Hospiz gestanden zu haben. Lea erklärte, dass die Teilnehmergruppe riesig gewesen sei und dass der zwar sehr bemühten und informierte Tourguide leider nur mit einem funktionsuntüchtigen Mikrophon ausgestattet war. Auch machten die hohen Temperaturen vielen Besuchern sehr zu schaffen und so kamen sie nur langsam voran. Etwas enttäuscht über die zwar 5 Stunden dauernde jedoch aus meiner Sicht miserable Stadtführung, nahm ich zur Kenntnis, dass Lea dennoch zufrieden schien. Hatte sie doch einen ersten Eindruck von der Stadt zu bekommen.

Bauruinen von Lifta in idyllischem Abendlicht

In der warmen Abendsonne liefen wir durch die friedliche Natur am Stadtrand. Ich zeigte Lea noch die Bauruinen von Lifta, leerstehende Ruinen von ehemals arabischen Bewohnern, die hier freiwillig die Wohngegend geräumt hatten. Auch hier konnten wir so etwas finden.

Etwas später lockte uns der Duft von Gegrilltem zu ein paar arabischen Männern, die erst Mal ein Foto mit uns schossen, aber leider kein Englisch sprachen, weshalb wir leider immer noch hungrig den Rückweg einschlugen.

In der WG angekommen, planten wir die Reiseroute für unsere gemeinsame Rundreise und stellten einen „unschlagbaren Masterplan“ auf, wobei wir alle uns sehenswert erscheinenden Orte von Nord nach Süd sortiert auflisteten. Außerdem kündigte ich Lea eine großartige Überraschung an, die in Eilat auf uns warten würde und von der ich bereits träumte…

Als ich dem Securityguard in die Arme springen musste

Bevor unsere geplante Rundreise starten konnte, musste ich noch meinen nötigen Pflichten nachkommen und die Nagetiere im Krankenhaus füttern, wozu ich die begeisterte Lea mitnahm.

Diese Aufgabe hatte ich schon vor längerer Zeit übernommen, heute war es mal wieder soweit.

Allein der Weg zum Krankenhaus erschien Lea schon leicht abenteuerlich, da wir immer einen kleinen dunklen und zugewucherten Schleichweg auf der Rückseite unseres Hauses nahmen. Während ich den wohlbekannten Weg im Dunkeln entlang sausen konnte, da ich scheinbar jeden Stein und Ast kannte, musste sich Lea halb blind hinter mir durchtasten.

Im Krankenhaus musste ich, wie jedes Mal, den Schlüssel zum Tiergehege beim Securityguard abholen. Doch leider trafen wir auf einen mir unbekannten älteren, kräftig gebauten Mann an, der heute angeblich seinen ersten Arbeitstag hier im Alyn- Krankenhaus hatte. Er wusste zu meinem Erstaunen überhaupt nicht, wo er nach dem Schlüssel suchen sollte. Also musste ich das selbst in die Hand nehmen. Ich ging zu ihm hinter seinen Tresen und half ihm in den unsortierten Schubladen nach dem mir bekannten kleinen Schlüsselpaar zu kramen.

Seine Uniform spannte sich straff über seinen Bauch und er begann ganz fürchterlich zu schwitzen. Das Durchwühlen der gesamten Schlüsselsammlung endete trotzdem leider erfolglos. Wir telefonierten daraufhin mit einigen Kollegen, die jedoch genauso ratlos schienen.

Dann endete plötzlich die Schicht des Sicherheitsbeamten und er wurde durch einen weitaus jüngeren Kollegen abgelöst. Mein Verantwortungsgefühl gegenüber den Tieren, ließ mich etwas ungeduldig werden, obwohl mir durchaus bewusst war, dass dies absolut nicht hilfreich war in dieser Situation. Der junge Securityguard, den ich ebenso noch nie gesehen hatte, war ebenfalls nicht im Stande den Schlüssel zu finden, zeigte sich aber sehr bemüht.

Er kam auf die verrückte Idee, durch das schmale Fenster eines Büroraumes in den Tierraum zu klettern. Meine verzweifelten Versuche, ihm zu erklären, dass selbst das nichts brächte, da die Käfige auch noch einzeln abgeschlossen seien, scheiterten grandios am Nichtverstehen des Securityguards.

Über einen wackeligen Schreibtisch mit teuren Computern darauf, zwängte sich der Securitygard in seiner wichtig wirkenden, hellblauen Uniform durch den schmalen und hohen Fensterspalt an einem Geranientopf vorbei, um in den Innenraum des Tiergeheges zu gelangen. Lea und ich bangten verwundert um die teure Technik, die rot blühenden Geranien und natürlich um das Leben des wahnsinnigen Sicherheitsbeamten. Nun war es an mir, ihm zu folgen. Ungünstig nur, dass ich einen engen Rock trug, der mich signifikant in meiner Bewegungsfreiheit einschränkte, insofern mir daran gelegen war, ihn nicht reißen zu lassen.

Ohne zu zögern, kletterte ich ebenfalls auf das schmale Fenstersims, wobei bereits fast der eine Laptop vom Tisch gefallen wäre, wenn nicht Lea noch im rechten Moment da gewesen wäre und das Unglück verhindert hätte. Mir gelang der gewagte Aufstieg nach oben, aber dann saß ich quasi zwischen roten Geranien, meine Beine baumelten ins Tiergehege, aber meinen Oberkörper musste ich erst noch irgendwie durch das schmale Fenster winden. Ich überlegte kurz, ob ich einfach hinunter springen sollte. Doch ich wollte nicht riskieren, die gesamten Blumenkübel herunterzureißen. Dieses Missgeschick irgendjemandem zu erklären, lag nach meiner Einschätzung eindeutig nicht im Bereich des Möglichen.

Das Herunternehmen der Blumenkästen war ebenfalls ausgeschlossen, da diese durch ein Schlauchsystem einer Bewässerungsanlage nicht verrückt werden konnten. Der sich mindestens genauso hilflos fühlende Guard, nahm mein kurzes Zögern wahr und griff mir beherzt unter die Arme, und half mir hinunter, so wie Eltern sonst ihre Kindern vom Klettergerüst hinab heben. Ich war aufgrund der Höhe mehr oder weniger gleichzeitig gezwungen in seine Arme zu springen, wozu es aber in der Eile keinerlei Alternativen gab.

Im Käfigraum konnte ich mich dann lediglich vergewissern, dass alle Tiere noch am Leben waren und den Meerschweinchen noch etwas Frischfutter geben. Einen Großteil der Tiere konnte ich jedoch nicht versorgen, da ihre Käfige extra abgeriegelt waren. Ich sammelte mich in der Zeit kurz und stellte mich mental auf den Rückweg ein.

Diesmal gelang es recht gut, trotz des Rockes mich fast elegant durch das enge Fenster hindurch zu schlängeln. Dem Securityguard hingegen bereitete der Rückweg mehr zu schaffen. Er richtete sich seltsamerweise auf und stand für nur einen sehr kurzen Augenblick aufrecht in den Geranientöpfen, bevor er rücklings vom Fensterbrett kippte. Zum Glück landete er geschickt wie eine Katze auf beiden Füßen und mir wurde beim Anblick ganz schwindelig. Lea und ich waren in diesem Moment ebenfalls völlig überfordert mit der Situation und konnten das Lachen, entspringend aus einem Gefühl der Absurdität nicht länger unterdrücken. Während wir uns nur so kringelten, blieb der Beamte absolut ernst und schien die gesamte Situation nicht annähernd so komisch zu finden wie wir. Irgendwie schaffte er es dann aber beim zweiten Versuch heraus zu kommen. Ziemlich resigniert gestand er dann auch ein, dass er uns nicht mehr weiter helfen konnte. An seiner Uniform klebten Spinnweben und schwarze Blumenerde und seine schwarze Hose hatte ein Loch, das ich vorher dort nicht gesehen hatte. Wir dankten ihm sehr für seine Bemühungen, wenn sie auch leider nicht zur Fütterung der Tiere geführt hatten.

Jedes Mal gab es Theater um den Schlüssel, aber nach dieser Aktion würde mich wirklich nichts mehr überraschen.

Als ich am nächsten Morgen in aller Frühe vor unmittelbarem Aufbruch zu unserer Rundreise noch einmal ins Krankenhaus kam, um nach dem Schlüssel und den Tieren zu schauen, war er auf fast schon mysteriöse Art und Weise wieder da. Schön, wenn sich alle Probleme scheinbar nachts von selbst lösen könnten!