Wüste, Totes Meer und Elat

Wüstenwind am Toten Meer

Von Nazareth machten wir uns am späten Nachmittag auf zum Toten Meer. Nachdem wir noch etwas die Stadt besichtigt und noch ein paar kleine Kirchen bewundert hatten, ging es weiter.

Vom Norden des Landes trampten wir in erstaunlich kurzer Zeit bis zum Nationalpark En Ghedi, der sich in unmittelbarer Nähe zum Toten Meer befand.

Das Klima bei unserer Ankunft war absolut seltsam. Normalerweise stand die heiße, feucht-schwüle Luft in der Senke beim Toten Meer, aber nun fegte ein trockener Wüstensandsturm über uns hinweg.

Der Himmel wirkte dunkelgrau, zugezogen und angesichts der Wetterlage wurde uns schnell bewusst, dass Zelten hier heute keine Möglichkeit war. Das hätte das klapprige Billigzelt auf keinen Fall mitgemacht! Wir liefen von der Straße, an der wir abgesetzt wurden, einen kleinen steilen Weg zur En Ghedi Field School hoch. Von etwas weiter oben genossen wir den tollen Ausblick, über das Tote Meer bis hinüber nach Jordanien. Es war ein bizarres Gefühl, sich vorzustellen, hier mitten in der Wüste zu sein und hier übernachten zu wollen, ganz allein und weit weg von irgendwelcher Infrastruktur um uns herum. Allerdings stellte sich nun für uns die Frage zunehmend konkret, wo wir denn übernachten könnten, da zelten ja wirklich weiterhin komplett ausgeschlossen war.

Nicht weit von uns entfernt, beobachteten Lea und ich einen Mann mit einem grünen T-Shirt, versehen mit dem Logo des Nationalparks, der mühevoll versuchte auf einer Slackline zu laufen, was mir angesichts des Sturms schier unmöglich erschien. Wir entschieden, ihn um einen Rat zu bitten. Noch während er mir verhalf, ebenfalls auf Socken über die wackelige Leine zu balancieren, bot er uns sogleich und ohne zu zögern an, bei ihm zu übernachten. Er erklärte, er habe gerne lustigen Besuch bei sich zu Hause!

So stellte sich heraus, dass neben uns noch ein Mann aus Australien und ein Ehepaar aus Österreich bei ihm gestrandet waren. Auch seine Mitbewohnerin, die ebenfalls im Nationalpark arbeitete, schien sich mittlerweile daran gewöhnt zu haben, dass fremde Leute ihre Wohnung fluteten und ihr Essen aßen.

Die Wohnung wirkte auf den ersten Blick recht klein, doch wir hatten uns geirrt und so waren Lea und ich umso perplexer, als wir unser eigenes Gästezimmer mit weichen Matratzen auf dem Fußboden zur Verfügung gestellt bekamen. Den weiteren Abend verbrachten wir in einer geselligen Runde mit den anderen Reisenden und zu unserer großen Freude, schlug dann auch noch der australische Gast namens Greg vor, für uns alle zu kochen.

Es gab Reis, verschiedene Gemüsepfannen, Salat, Avokadocreme und Brot. Bei dem Essen überlegte ich, wann ich wohl das letzte Mal so ein leckeres und üppiges Gericht gegessen hatte. Es schien mir schon lange her, es musste auf jeden Fall vor meinem Aufbruch nach Israel gewesen sein. Welch unglaubliche Gastfreundschaft!

Wanderung durch schweißtreibende Hitze

Während nachts der heiße, trockene Wind über die Wüste fegte und jede Menge Sand und Staub aufwirbelte, lagen wir gut geschützt in unserem eigenen kleinen Zimmer auf weichen Matratzen.

Bevor wir uns schlafen legten, ließen wir unsere Blicke noch etwas vom Balkon durch die Landschaft streifen. Alles was wir sahen, war einige Kilometer unbefahrene, sich durch die Berge schlängelnde Straße, die vom Norden bis nach Elat führte. Die Luft war trübe, eine Mischung aus Salz, Dunst und Sand. Dennoch konnten wir auf der anderen Seite des Toten Meeres einige Lichter leuchten sehen. Abgesehen von einigen kleinen Lichtern jordanischer Siedlungen war weit und breit nichts um uns herum. Nur Wüste und scheinbar lebensfeindliche Umgebung und doch ging es uns hier so gut. Wir empfanden es als wunderbares Glück hier in diesem Haus inmitten der Wüste untergekommen zu sein.

Nach einer erholsamen Nacht standen wir wieder einmal früh auf, um der Hitze auf unserer Wandertour durch den En Ghedi Nationalpark ein wenig zu entgehen.

Als wir aufwachten, hatte sich der Sturm gelegt, die Luft war heiß und trocken, am blauen Himmel gab es kein einziges Wölkchen zu sehen. Trotz des frühen Aufstehens, lastete die schweißtreibende Hitze bei jedem Schritt auf uns.

Die geplante Route begann mit einem steilen Aufstieg über einen kleinen, gut ausgewiesenen Pfad, der über ein Geröllfeld führte. Mit jedem Meter, den wir höher kamen, wurde die Aussicht grandioser. Nach dem anstrengenden Anstieg folgten wir einem etwas flacheren, geschlängelten Weg durch die karge, trockene Landschaft. Ab und zu blieben wir stehen und betrachteten die bizarren Stein- und Landschaftsformationen. Überall waren Spuren jahrtausendelanger Erosion zu finden. Von Zeit zu Zeit wehte eine leichte und erfrischende Brise vom Toten Meer zu uns herüber. Jedes Mal brachte sie einen neuen, intensiven Schwefelgeruch mit sich. Dank der frühen Tageszeit und den rauen klimatischen Bedingungen hatten wir das Glück, den ersten Teil unserer Wanderung komplett alleine genießen zu dürfen. Es war herrlich, die Stille und Einsamkeit wahrzunehmen, nach all den vielen, hektischen Eindrücken und den rasant aufeinander folgenden Erlebnissen der letzten Tage und den vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen.

Es tat uns beiden gut, an diesem Ort etwas zur Ruhe zu kommen und die Gedanken schweifen zu lassen. Wir folgten der blau-weißen Markierung und stiegen in eine tiefe Schlucht hinab. Links und rechts ragten nun steile Felswände empor und spendeten sogar kurzzeitig ein wenig kostbaren Schatten. Hier handelte es sich eindeutig um ein ausgetrocknetes Flussbett, obwohl die Vorstellung schier unmöglich erschien, dass hier einst Wasser floss.

Nach weiteren Auf- und Abstiegen erreichten wir in schweißdurchnässten Oberteilen ein Highlight des Nationalparks: Inmitten der kargen Umgebung entsprang Wasser aus einer unscheinbaren Quelle und sammelte sich in weitläufigen Becken. Diese Becken waren nicht nur ein geeignete Ort für Lea und mich, um uns eine erfrischende Pause zu gönnen, sondern stellten auch eine wichtige Oase für seltene, uns unbekannte Pflanzen dar.

Zum Ende unserer Wanderung waren wir wirklich sehr froh so früh gestartet zu sein, angesichts der Touristenmassen, die uns beim letzten Abstieg entgegen kamen.

Danach trampten wir mit deutschen Touristen weiter zu einem schönen Badestrand im Süden des Toten Meeres.

Schwerelosigkeit im Toten Meer

Obwohl ich schon viele Male im Toten Meer gebadet hatte, war es auch dieses Mal wieder ein ganz lustiges, unbeschreibliches Gefühl, als uns beim Hineinwaten in das salzige Wasser die Beine weggezogen wurden.

Plump und träge ließen wir uns ins warme Wasser gleiten und vom Wasser tragen, mit der Gewissheit nicht unterzugehen. Wir genossen das ölig-schleimige Gefühl, dass das Wasser auf unserer Haut hinterließ und sammelten große, klare Salzkristalle, die am Steg wuchsen.

Bevor wir unsere Weiterfahrt Richtung Elat fortsetzten, schossen wir noch ein paar klassische Erinnerungsfotos: mit einer Zeitung in der Hand faul auf dem Wasser dümpeln – im Hintergrund die im Dunst verhüllten Berge Jordaniens.

Wieder einmal: Unglaubliche Gastfreundschaft

Von En Boqeq wurden wir rasch mitgenommen und fuhren mit einem arabischen Busfahrer in einem Minibus knappe zwei Stunden durch die unbesiedelte Wüste.

Die Kommunikation mit dem Fahrer war schwierig, dennoch bekam ich wieder einmal eine Telefonnummer und Lea verdrehte nur noch kopfschüttelnd die Augen, bevor sie müde auf der Rückbank einschlief.

Von Safir, einem kleinen, einsamen und etwas verfallenen Wüstendorf, fuhren wir in einem edlen, gut klimatisierten Sportwagen mit. Am Steuer saß ein älterer Herr, so um die 60 Jahre, mit Bundfaltenhose, Polo T-Shirt und einer protzigen Uhr am Handgelenk. Die Frau neben ihm war deutlich jünger, vielleicht so um die 30, und sehr elegant gekleidet, in langem Abendkleid, mit hochhackigen Schuhen, viel Schminke und einem feinen Handtäschchen. Wir unterhielten uns nur kurz, die meiste Zeit über lief schnulzige Musik, wozu unser Fahrer auch gerne lauthals mitsang, mehr oder weniger schief.

Auf halber Strecke bogen wir dann plötzlich noch auf eine Seitenstraße ab und machten einen kurzen Abstecher zu einem Aussichtspunkt, wo sich das feine Paar fotografierte, Lea und ich taten es ihnen gleich.

Im Auto zurück erklärte uns dann der Mann, dass seine Begleiterin ihn gerne heiraten wolle, er sie aber als viel zu jung dafür erachte. Die Dame schien uns nicht zu verstehen.

Kurz vor Elat fragte uns der feine Herr, wo wir denn genau raus gelassen werden wollten. Wir wollten keine Umstände bereiten und antworteten, er könne uns einfach nahe des Stadtzentrums herauslassen. Diese Antwort schien jedoch Beiden nicht zu gefallen. Nun fragte der Herr uns, ob wir denn Hunger hätten, woraufhin wir nur ganz verhalten nickten.

Daraufhin wurden wir zügig zu einer zentral gelegenen Pizzeria gefahren, wo der Mann uns zwei Pizzen, Salat und Cola bestellte. Nachdem er das Essen für uns gezahlt hatte, verabschiedete sich das freundliche Paar von uns. Erfreut und erstaunt über diese nette Einladung, verließen auch wir das Restaurant.

Flughafen statt Fußgängerzone

Nach unserem unerwarteten Abendessen machten wir uns auf den Weg zum nicht weit entfernten Strand, um uns eine kurze Abkühlung im Roten Meer zu gönnen. Auf unserem Weg dorthin mussten wir feststellen, dass sich die unglaublichen Geschichten der Israelis über den Flughafen in Eilat bewahrheiteten: Der Flughafen lag genau dort, wo man in anderen Städten eher mit einer Fußgängerzone gerechnet hätte!

Mitten im Stadtzentrum trennt er die Wohnstadt von der Hotelzone ab. Da der Flughafen jedoch eine große Lärmbelästigung für die Bewohner darstellt und die Stadtentwicklung blockiert, wird etwas Außerhalb einer der sichersten Flughäfen der Welt gebaut.

Noch während wir unserem Erstaunen über die Flughafenkonstruktion Ausdruck verleihen, stehen wir auch schon am weißen Sandstrand, mitten in der Stadt! Hinter uns befindet sich nicht nur der Flughafen, sondern auch noch zahlreiche weitere Hotels und Restaurants.

Doch in diesem Moment konnte uns nichts von einer Erfrischung in dem ausgesprochen klaren Wasser abhalten. Elat war wirklich ein erstaunlicher Ort, so wurde es Lea und mir bewusst, als wir uns im Wasser vergnügten. Mit dem Blick aufs offene Wasser realisierten wir die Nähe der jordanischen Grenze zu unserer Linken, nur wenige Gehminuten von unserem Strandplatz entfernt. Zur Rechten erblickten wir ein markantes Militärgebäude der israelischen Marine und einige Kilometer entfernt konnten wir den ägyptischen Küstenort Taba bestens erkennen.

Es schien uns in diesem Moment fast schon unwirklich, wie wir hier so friedlich und entspannt dem Meeresrauschen lauschen konnten. Es war nicht lange her, seit sich Israel mit seinen Nachbarstaaten blutige Kriege auch an diesem Ort geliefert hat. In unsere Gedanken versunken, wurden wir plötzlich aus unserer Ruhe gerissen, als eine große Passagiermaschine unmittelbar über unsere Köpfe hinweg flog, um keine 500 Meter entfernt von uns zu landen. Einen annähernd skurrilen Ort hatte ich bisher noch nicht gesehen!

Übernachtung am Strand

Als die Sonne merklich tiefer stand, begaben wir uns in Richtung der ägyptischen Grenze. Dort sollte es einen Platz geben, an dem man schöne Felsen am Strand fände und wo es gestattet sei, am Strand zu übernachten.

Ohne Probleme wurden wir beim Trampen mitgenommen und befanden uns kurze Zeit später direkt am israelisch-ägyptischen Grenzübergang wieder und fanden sogleich den wunderschönen Platz am Strand, wo wir auch übernachten konnten.

Wir ergriffen auch hier noch einmal die Gelegenheit und sprangen vor Sonnenuntergang mit unseren Taucherbrillen vom Steg ins fischreiche Wasser.

Es war wirklich ein spektakulärer Anblick: Scheinbar unendlich viele Meerestiere in allen Farben und Größen umgaben uns! Es war unfassbar schön sie zu beobachten. Manche der Fische kamen ganz nah an uns heran, vermieden es aber konsequent uns zu berühren. Andere Fische traf man nur in großen Schwärmen an, wobei alle Fische sehr darauf bedacht schienen, nah beieinander zu bleiben.

Als wir aus dem Wasser kamen, war es schon fast dunkel und wir hatten den Steg fast für uns alleine. Nur eine Französisch sprechende Familie aus Israel war noch da. Wir trockneten uns ab und überlegten wo am Strand genau wir die Nacht verbringen wollten.

Noch während wir darüber beratschlagten, kam die Mutter zu uns herüber und schenkte uns eine Tüte voller klebriger Bonbons und Sonnenblumenkerne. Wir unterhielten uns eine Weile und wir erzählten ihr von unseren Erlebnissen und den weiteren Plänen. Bevor die Frau ging, gab sie mir noch ihre Telefonnummer, damit wir sie im Notfall um Hilfe bitten könnten. Das war eine super liebe Geste, wie wir fanden und etwas was ich sehr an Israel zu schätzen gelernt habe, insbesondere auf dieser Reise!

Hier scheinen die Menschen unglaublich offen und hilfsbereit und mit offenen Augen ihren Weg zu gehen. In ganz Israel hatte ich immer wieder den Eindruck, dass es ein sehr tief verwurzeltes Gefühl von Gemeinschaft und geistiger Verbundenheit gibt. Die Geschichte scheint in der Mentalität der Menschen ihre Spuren hinterlassen zu haben. So haben Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung einen besonders hohen Wert und werden besonders gepflegt. Für mich sah es immer wieder so aus, dass die Gemeinschaft sich um den Einzelnen kümmert und ihn beschützt und für seine Sicherheit sorgt. Die Menschen scheinen hier wachsam umeinander bemüht. Ein vollkommen anderes Lebensgefühl als bei uns.

Begeistert vom hier so klaren, glitzernden Sternenhimmel schlugen wir in der Nacht nicht das Zelt auf, sondern rollten unsere Isomatten unter freiem Himmel aus.