Hitzkollaps in Jericho

Ramadan erleben dank Hitzekollaps in Jericho

Es war erstaunlich einfach ins Zentrum von Jericho zu trampen und so steuerten wir vor Ort erst mal die zentral gelegene Touristeninformation an, um uns über die älteste Stadt der Welt zu informieren.

Ich hätte vorher nicht gedacht, dass es in einer palästinensischen Stadt ein Touristenbüro geben könnte, da es ja kaum Individualreisende hier gab, aber ich wurde eines Besseren belehrt. In einem kleinen Büro mit großen Fenstern saß ein einsamer Angestellter des palästinensischen Tourismusministeriums.

Wir hatten fast schon ein wenig Mitleid mit ihm, wie er so einsam in diesem dunklen Raum mit vergilbten und staubigen Wänden auf seinem großen Drehstuhl saß. Die Luft war zum Schneiden stickig als wir eintraten. Doch so erfreut über unser Kommen, fuhr er gleich die Klimaanlage hoch und forderte uns auf uns zu setzen. Der Mann sprach sehr gutes Englisch und versuchte mit aller Mühe möglichst kompetent und professionell zu wirken. Doch das kam absolut unauthentisch rüber und wirkte auf uns einfach nur aalglatt, sodass Lea und ich mindestens genauso viel Mühe brauchten, um dies mit Fassung zu tragen. Er beriet wohl nicht so oft vorbeikommende Touristen.

Nach wiederholter Nachfrage bekamen wir jedoch tatsächlich einen etwas in die Jahre gekommenen Stadtplan, mit beispielsweise nicht mehr aktuellen Preisen und Öffnungszeiten, sowie eine Liste mit den Highlights vor Ort und eine nicht ganz überzeugende Empfehlung für eine mögliche Busverbindung zurück nach Jerusalem. Der Herr erzählte uns, dass er im Schnitt hier täglich fünf „Reisedelegationen“ beraten musste. Wir konnten es kaum glauben!

Als wir wieder ins Freie traten, traf uns die Mittagshitze wie ein Schlag. Auf den Straßen waren wegen der Mittagszeit und weil Ramadan war, kaum Menschen unterwegs und die meisten Läden hatten geschlossen. Auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit und etwas Schatten zog eine große Moschee unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir liefen zügig in Richtung des Gebäudes. Als ich mich umblickte, war Lea nicht mehr hinter mir, sondern stand plötzlich weit hinten an eine Mauer gelehnt. Ihr machte die Hitze wirklich sehr zu schaffen. Ich lief schnell zu ihr zurück. Mit schwacher, zittriger Stimme äußerte sie den Wunsch nach einem kühlen Ort.

Aber wohin nur? Ich entdeckte einen kleinen Laden und zog sie in diese Richtung. Mit letzter Kraft schafften wir es bis zum Eingang. Als wir in den Laden stolperten, schlug der Ladenbesitzer die Hände über dem Kopf zusammen, so besorgt war er gleich um Lea, denn er hatte gleich gesehen, wie schlecht es ihr ging.

Ohne viele Worte brachte er sofort einen Stuhl, auf den Lea sich setzten konnte und holte darauf noch einen eisgekühlten Orangensaft für sie aus dem hinteren Teil des Geschäftes, obwohl ja Ramadan war. Während Lea unansprechbar auf dem Stuhl hing und sich langsam erholte, versuchte ich dem besorgten Ladenbesitzer die Situation zu erklären und erzählte ihm von unserem schon langen Tag.

Der Mann stellte sich als Sam vor. Er hatte Familie in den USA, weshalb die Verständigung einwandfrei auf Englisch funktionierte. Ich versuchte mit Lea zu sprechen, aber sagte bloß ihr werde von dem flackernden Licht im Laden ganz schwarz vor Augen. Ich war ebenfalls sehr besorgt um sie. Daraufhin schlug Sam vor, wir könnten zu ihm nach Hause gehen, wo seine Frau mit seinen beiden Kindern war. Wir könnten dort duschen und schlafen.

Ich war total froh und dankbar über das Angebot, schien es mir doch bei Leas Zustand unmöglich mit ihr heute noch zurück nach Jerusalem zu fahren. Sam brachte uns zu seiner nicht weit entfernt gelegenen Wohnung, wo seine Frau, die er telefonisch benachrichtigt hatte, schon damit begonnen hatte, Matratzen auf dem Fußboden des Schlafzimmers auszubreiten. Nachdem Lea sich etwas in der Waagrechten regeneriert hatte, machte sie von dem Angebot der Dusche dankbar Gebrauch.

Die Wohnung war klein, sauber und für arabische Verhältnisse fast puristisch eingerichtet. Sams Frau hieß Mayari, wirkte sehr jung und hatte schöne, lange schwarze Haare. Die Beiden sprachen untereinander ebenfalls Englisch, da Mayari, wie sie uns erzählte, von den Philippinen kam und kaum Arabisch sprach. Vor unser Ankunft hatte sie sich mit den Kindern im Alter von 1 und 3 Jahren im abgedunkelten Zimmer ausgeruht.

 

Während Lea duschte, unterhielt ich mich mit ihr. Mit 12 Jahren hatte sie die Philippinen verlassen, da sie aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammte und dort keine Perspektive für sich sah und war nach Jordanien gegangen, um dort in einer Kosmetikfabrik zu arbeiten. Ihre Mutter war Christin, ihr Vater Muslim, was keine Seltenheit in ihrem Land sei. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie wieder einige Jahre bei ihrer Familie in ihrem Heimatland verbracht und sich um ihre Mutter gekümmert, doch all das war für sie ohne Zukunft. Daher entschied sie nach Israel zu gehen, wo sie nun in Palästina verheiratet ist.

Sie klang nun zufrieden mit ihrer Situation, doch es sprachen gleichzeitig noch viele unerfüllte Wünsche aus ihren Worten. Gerne wäre sie näher bei ihrer Familie, hätte sie finanziell besser mit unterstützt und allgemein schien die hiesige Kultur für sie fremd und sie beschrieb es als quasi unmöglich für sie, ein richtiger Teil dieser engen Gemeinschaft zu werden und engere Freundschaften zu schließen.

Nachdem auch ich geduscht hatte, ruhten wir uns noch etwas auf den Matratzen aus und mittlerweile war auch Lea davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, hierzubleiben, nicht zuletzt deshalb, weil wir auch noch in den Genuss eines Ramadanfestes mit der Großfamilie kommen sollten.

Die zum Leben erwachte Stadt

Gegen Abend kam die ganze Familie zusammen und es wurde gemeinsam für das Ramadanessen nach Sonnenuntergang gekocht. Als Gästen wurde uns nicht gestattet mitzuhelfen, stattdessen sollten wir uns auf den Balkon setzen und dort auf das Essen warten. Wir taten, wie uns befohlen und nutzten die Zeit, um etwas Tagebuch zu schreiben, auch wenn der heutige Tag offenbar noch nicht zu Ende war.

Kurz nachdem man den Gesang des Imams laut aus den Lautsprechern aller umstehenden Moscheen gehört hatte, wurde das Essen serviert und das Fastenbrechen eingeleitet. Gemeinsam versammelten sich alle am Tisch und in großen Portionen wurden die Köstlichkeiten gereicht.

Es gab Nudelsuppe, Reis, Salat, Bohnen, scharfe Soßen und Joghurt. Es war wirklich ein sehr besonderes und schönes Erlebnis für uns einfach mit dabei sein zu dürfen und das Fastenbrechen mit der Familie zu erleben. Nach dem Essen bekamen wir noch sehr süßen Tee mit Salbei serviert, den wir im Dunkeln auf dem Balkon schlürften, auf die Lichter der Stadt blickend. Etwas müde dachten wir, dass nun das Ende des Tages gekommen sei, doch stattdessen wurden wir dazu aufgefordert, noch etwas durch die wieder zum Leben erwachte Stadt zu laufen. Ich entschied mich diesmal dazu lange Kleidung und Kopftuch zu tragen und vergewisserte mich vor Aufbruch noch einmal, dass es richtig gewickelt war.

Wir gingen aus dem Haus und standen wenige Schritte danach an einem kleinen Kreisel, den ich abfotografierte, um sicher zu stellen, dass wir das Haus unserer lieben Gastgeber wieder finden würden. Noch während ich das Foto machte, kam ein Ladenbesitzer auf uns zu, bat uns hinein und begann uns zu so später Stunde starken arabischen Kaffee zu kochen. Seine Schwester war ebenfalls im Laden, sie sprach aber leider kein Englisch. Also waren wir keine 50 Meter weit gekommen und befanden uns nun schon wieder Kaffee trinkend bei netten Leuten. Das passiert auch nur an einem Ort, dachte ich mir, an dem Gastfreundschaft, Emotionalität und Offenheit auf eine lustige Art und Weise miteinander verbunden werden. Einfach wunderbar!

Im Laden unterhielten wir uns freundlich miteinander und mussten sehr lachen, als wir nach unserem Alter gefragt wurden und die Verwunderung der Schwester des Ladenbesitzers merkbar ins Unendliche stieg. Ich in Kopftuch, Lea in T-Shirt und knielanger Hose hatte die Dame ohne Zweifel glauben lassen, ich sei Leas Mutter! Im besten Falle hatte sie mich auf 30 geschätzt, Lea auf 12. Zum Glück konnten wir alle darüber lachen und ich entschied darauf den weiteren Abend besser ohne Kopftuch zu verbringen.

Der misslungene Haarschnitt von Jericho

Abdel, der Mann aus dem Laden, bot an, uns noch etwas in Jericho herum zu führen und wir nahmen das Angebot an. Aber so wie der Zufall es wollte, kamen wir auch diesmal nicht weit, denn noch in der selben Straße fand sich ein leerer Friseursalon und da ich schon seit langer Zeit meine Haare ein wenig kürzen wollte, war das eine hervorragende Gelegenheit! Die Preise in Israel sind dafür recht hoch und mein Budget sehr klein. Ich war begeistert und ergriff die Chance mir hier die Haare schneiden zu lassen. Die Tatsache, dass es schon weit nach Mitternacht war spielte weder für unsere Begleitung noch für mich, noch für den Friseur eine Rolle.

 

Ich setzte mich auf einen quietschenden und wackeligen Drehstuhl vor einem etwas rostigen Spiegel. Überall standen Sprayflaschen, Geldosen, Rasierer und allerlei Fläschchen herum. Lea und Abdel setzten sich hinter mich. Ich öffnete meine Haare, strohig standen sie in alle Richtungen ab. Das Tote Meer, die Sonne und der Strand hatten ihnen sichtlich zu schaffen gemacht, also war es nur gut, dass sie jetzt wieder in Form gebracht wurden.

Doch wie erklärt man einem arabischen Friseur, der kein Englisch spricht, dass man die Spitzen geschnitten haben möchte, eine leichtfallende Stufe und vorne etwas kürzer als hinten. Darüber hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht. Ich zeigte mit vielen Gesten, wie das Ganze sein sollte, Abdel versuchte sich an einer Übersetzung, doch das half alles nicht. Mir wurde das Wlan-Passwort genannt und ich suchte nach Bildern auf meinem Telefon. Als ich ein annähernd geeignetes Bild gefunden hatte schaute der Friseur etwas ratlos drein.

Dann griff er beherzt zu einer Schere, die aussah wie eine uralte, rostige Kinderbastelschere. Und genauso fühlte ich sein erster Schnitt auch an! Es ziepte fürchterlich, als er sehr ruckartig ein paar Spitzen abschnitt, während er immer wieder beteuerte, wie schön doch meine Haare seien und es überhaupt nicht nötig sei, etwas daran zu verändern.

Hätte ich mal besser auf ihn gehört! Angestrengt versuchte der Arme mit einem viel zu eng gezinkten Kamm durch meine filzigen Haare zu kämmen. Ich schrie daraufhin ganz laut „AUA“, sodass ihm vor Schreck der Kamm aus der Hand fiel. Wenigstens hatte er nun verstanden, dass es mit dem Kamm so nicht weiter gehen konnte, scheinbar mangelte es jedoch an Alternativen.

Also schnippelte er ohne zu Kämmen noch etwas weiter, er versäumte es auch einen Scheitel zu ziehen, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, aber da war dann auch schon eigentlich alles verloren! Während ich die „Katastrophe“ näher rücken sah, knipste Lea munter Bilder von dem Spektakel. Der Friseur gab zu bedenken, dass er sonst eigentlich nur Männern die Haare schnitt. Ich entschied bei einem verzweifelten Blick in den Spiegel, es dabei bewenden zu lassen und das Drama zu beenden. Der freundliche Friseur gab mir zu verstehen, dass ich den vereinbarten Preis nicht zahlen musste. Während ich mir vor dem Spiegel jetzt doch lieber wieder das Kopftuch überzog, kramte er irgendwo unter dem Tresen noch ein paar alte Haarklammern hervor, die er mir zum Abschied schenkte.

Wir gingen noch eine kurze Runde mit Abdel durch einen kleinen belebten Park, ich war immer noch begeistert davon, wie belebt die arabischen Städte nachts an Ramadan waren. Als kleine Kinder mit Steinen zu werfen begannen, machten wir uns auf den Rückweg und verabschiedeten Abdel an seinem Laden. Als wir wieder bei unseren lieben Gastgebern ankamen, wollte ich meinen katastrophalen Haarschnitt erst einmal in Ruhe vor dem Spiegel betrachten, aber die Sache war klar: Das war gar kein Haarschnitt mehr! Ich bat um eine Schere und versuchte nun auf eigene Faust den Schaden zu begrenzen. Schließlich wollte ich wenigstens die Seiten wieder halbwegs gleich lang haben! Als Mayari das sah, rief sie auf der Stelle eine nahe Verwandte an, die professionelle Friseurin für Frauen war und die Arme wurde gleich bestellt, um mir nun unverzüglich die Haare zu schneiden. Es war nun bereits zwei Uhr nachts!

Wir gingen zu ihr. Als wir ankamen, legte sie energisch die Shisha beiseite, lief zackig ins Bad und holte Kamm und Schere. Auf dem Balkon zurück, begann sie nun mit schnellen, entschlossenen Bewegungen und ohne viel Nachgefrage an meinen immer kürzer werdenden Haaren zu schneiden. Im Anschluss daran föhnte sie das Ganze noch über eine Rundbürste und schlug vor, auch noch meine Augenbrauen zu zupfen. Ich nahm das Angebot an und zu meinem Erstaunen, war das Ergebnis eine deutliche Verbesserung und übertraf meine Erwartungen. Ob mir die Frisur zu Hause auch noch gefallen würde? Aber nun waren wir ja in Palästina.

 

Das 2. Ramadanessen

Nach deutlicher Korrektur des ersten Haarschnittes wurde bei unserer Gastfamilie das 2. Ramadanessen vorbereitet, um sich auf die tägliche Fastenzeit vorzubereiten. Obwohl es Kindern grundsätzlich auch während Ramadan gestattet ist tagsüber zu essen und zu trinken, nehmen auch die ganz kleinen Kinder an der nächtlichen Mahlzeit teil. Es war für uns wirklich eigenartig zu erleben, wie sich hier der gesamte Tag-Nacht-Rhythmus verschoben hatte und das ganze Leben sich scheinbar nun in der Nacht abspielte. Da wir beide uns jedoch noch nicht an diesen Rhythmus gewöhnt hatten, mussten wir nach einem kleinen Snack zu so später Stunde dringend schlafen.

Es war für uns kaum vorstellbar, wie man um diese Zeit noch frittierte Pommes, Gemüse, Brot und Kartoffeln essen konnte.

Gegen halb vier nachts machten wir uns völlig erschöpft auf den Weg ins Bett, das aus einem großen Matratzenlager auf dem Fußboden im Schlafzimmer der Familie bestand. Noch vor den kleinen Kindern schliefen wir super müde ein.

Im Gegensatz zu ihnen planten wir jedoch auch wieder früh aufzustehen, um noch die weiteren Städte der Westbank zu besuchen. In bunte Decken gehüllt fragte ich mich beim Einschlafen noch, wie wir der Familie für ihre riesige Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft danken könnten.

Arabische Soaps und schlaflose Nächte

Frühes Aufstehen und dann eine zügige Weiterfahrt nach Nablus waren geplant, jedoch scheiterte dieser Plan hoffnungslos aufgrund einer Häufung unglücklicher Umstände. Während ich tief und fest schlief, lag Lea die ganze Zeit wach und drehte sich von einer Seite auf die andere. Das frühe Aufstehen scheiterte leider an Leas missglückten Versuchen mich aus meinem komatösen Schlaf wach zu rütteln, aber nach dieser Erfahrung wusste sie wenigstens, wie es mir die ganze Reise über mit ihr ergangen war.

 

Als ich dann deutlich später als geplant wach wurde, berichtete Lea mir sogleich, was sie davon abgehalten hatte überhaupt zur Ruhe zu kommen. Die ganze Nacht über war der Fernseher im Schlafzimmer an und es liefen lauter arabische Soaps: Frauen ohne Kopftuch und arabische Klischees und auf uns äußerst belustigend wirkende, übertrieben spielende Schauspieler. Auch berichtete Lea, ein Kind habe die ganze Nacht über gehustet. Irgendwann in der Nacht klingelte wohl auch noch ein schriller Wecker und niemand außer Lea schien das Klingeln gehört zu haben. Da lobte ich mir doch meinen festen Schlaf! Als wir dann endlich aufstanden schlief die Familie noch. Wir packten mucksmäuschenstill unsere Sachen und ohne die Kinder zu wecken, verabschiedeten und bedankten wir uns herzlich und brachen auf.

In der Stadt hatten wir nach einigem Durchfragen endlich die Haltestelle für den Shuttlebus nach Nablus gefunden. Es scheint jedoch so zu sein, dass arabische Busse normalerweise erst dann fahren, wenn sie voll sind. Als wir an der Haltestelle ankamen, waren wir die einzigen potenziellen Passagiere. Wir wurden aufgefordert, uns auf einen kleinen, staubigen Bordstein zu setzten und zu warten, bis der Bus käme. Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit in der Wärme, während wir nur so dahin schmolzen.

Irgendwann kam dann noch ein Mann, der ebenfalls nach Nablus wollte. Es brauchte keinen Matheleistungskurs, um sich auszurechnen, dass, wenn die Passagiere weiter in dieser Frequenz eintreffen würden und man der Information glauben schenken durfte, dass der Bus nur voll losfahren würde, wir mit größter Wahrscheinlichkeit heute nicht mehr in Nablus ankommen würden. Geduldig warteten Lea und ich weiter, ohne uns aus der Ruhe bringen zu lassen, mit der Gewissheit, dass bisher immer alles geklappt hatte und es irgendwann weiter ging, ob man es glaubte oder nicht.

 

Auch diese Weisheit hat sich diesmal wieder bestätigt, denn nach endlosem Warten kam endlich ein gelber und ausnahmsweise sogar gekühlter Bus, der uns ans Ziel bringen sollte. Ein paar wenige Gäste stiegen ein, vermutlich schlief der Rest der Stadt noch ebenso wie unsere Gastfamilie. Vermutlich war dem Fahrer nach weiterem Warten auch klar, dass der Wunsch nach einem vollen Bus heute nicht mehr in Erfüllung gehen würde und beschloss daher ziemlich leer loszufahren.

Die skurrile Seifenfabrik von Nablus

Nach unser Ankunft in Nablus liefen wir eine kleine Runde durch die palästinensische Stadt und waren verwundert darüber, dass trotz Ramadan so viel Leben in der Stadt herrschte, verglichen mit Jericho. Wir verschafften uns zunächst nur einen kurzen Überblick. Dabei bekamen wir eine Handynummer von einem jungen, arabischen Kosmetikverkäufer zugesteckt. In einem kleinen Hotel in der Innenstadt durften wir netter Weise unser schweres Gepäck für die Zeit des Stadtbesuches stehen lassen, so mussten wir nicht mit all den Sachen durch die sengende Hitze laufen. Das war toll! Unsere Wertsachen nahmen wir gemeinsam in einem kleinen Rucksack mit.

Im Schatten auf den Stufen vor dem Hotel entnahmen wir dem Reiseführer, unserem treuen Freund, dass Nablus berühmt für seine Süßigkeiten, traditionelle Olivenölseife und seine geschäftigen Märkte sei.

Seit mehr 1000 als Jahren wird in Nablus Seife aus Olivenöl hergestellt und bis heute sei sie das wichtigste Exportgut der Stadt im Norden von Palästina. Dem Reiseführer zufolge sei eine Besichtigung der Nabluser Seifenfabrik absolut lohnenswert.

Voller Neugierde machten wir uns auf den Weg, schlängelten uns durch duftende Lebensmittelläden und über stinkende Tiermärkte, bis wir uns irgendwann in einer kleinen Gasse mit hohen Steinmauern wiederfanden und vor einer winzigen, dunkel gestrichenen Tür standen, an der ein kleines dran genageltes Schild uns bestätigte, dass wir uns vor der berühmten, traditionellen Seifenfabrik der Stadt befanden.

Etwas zögerlich traten wir durch die Tür in einen dunklen, stark riechenden Raum ein. Ein paar Arbeiter saßen in völliger Lethargie auf ein paar abgewetzten Sesseln um ein kleines Fenster herum und schienen bei unserer Ankunft keinerlei Notiz von uns zu nehmen, was in der arabischen Welt scheinbar an das nahezu Unmögliche grenzte.

Auf einem etwas abgeblätterten Schild entnahmen wir die Information, dass die Nabluser Seifen – aus allerbester Qualität – aus Olivenöl erster Pressung, Wasser und einer Natriumverbindung hergestellt seien. Die Seifen werden scheinbar in kleinen, würfelförmigen Stücken produziert, die alle den Prägestempel der Fabrik tragen.

Wir schauten uns etwas in dem seltsam anmutenden Gebäude um. Überall standen Töpfe und Formen mit diversen Ingredienzien herum. Die Unordnung und Dunkelheit im Raum erinnerten mich eher an einen alten Keller, als an ein geöffnetes Museum. Nach kurzweiliger Besichtigung entdeckten wir eine kleine, lauschige Sitzecke am Ende des Raumes. Rote Wollbezüge verpackten die muffigen Sofakissen und der Staub hatte sich in einer dicken Schicht wie frischer Schnee über die heimelig eingerichtete Ecke gelegt. Hier saßen wir nun, nicht einmal wissend, ob irgendwer von uns Kenntnis genommen hatte und plötzlich schien uns in diesem Moment nichts naheliegender, als hier eine kleine Mittagspause einzulegen. Doch nachdem wir uns kurz gesetzt hatten, schafften wir es nur mit maximaler Willenskraft wieder aufzustehen. Die Luft hier war betäubend, fast schwindelerregend, sodass wir befürchten mussten, in einen Narkose ähnlichen Schlaf zu verfallen, unfähig rechtzeitig wieder zu erwachen und aufzustehen. Also zwangen wir uns zum Aufbruch.

 

Im Freien atmeten wir erst einmal tief durch, doch unsere Freude währte nicht so lange. Wir setzten unsere Stadterkundungstour fort und liefen durch ein recht verlassen wirkendes Viertel mit leerstehenden Gebäuden und hohen Mauern. An der Mauer befanden sich zahlreiche Schilder und Infotafeln, die die palästinensische Geschichte an diesem Ort erläuterten. Eine Geschichte, den gegebenen Informationen zufolge, geprägt von Unterdrückung und Folter. Die Tafeln berichteten ebenfalls über die lange Tradition von politischem Aktivismus und den Kämpfen der ersten und zweiten Intifada an erster Front. Dies führte laut Infotafeln dazu, dass die Stadt zu einem Brennpunkt bei den Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und den Palästinensern wurde. In Folge dessen mussten die Menschen in der Stadt laut hiesiger Information mehrere Tage mit 24-stündigen Ausgangssperren und massive Zerstörung von Häusern und Gebäuden durchmachen.

Bei all meinen Besuchen in palästinensischen Städten bekam ich immer wieder das Gefühl, dass die Menschen hier mit aller Kraft darum kämpfen, gehört zu werden und die Welt sehen zu lassen, dass die Palästinenser immer noch in Unterdrückung und Ungerechtigkeit leben müssen. Das Ganze lässt mich mit einem Gefühl von Traurigkeit und Ratlosigkeit zurück, denn Geschichten von Verlust und Schmerz sind wohl auf beiden Seiten im Überfluss vorhanden und eine für alle gute Lösung scheint nicht in Sicht.

Ausreise durch Hochsicherheitscheckpoint in Ramallah

Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Ramallah, dem Zentrum Palästinas. Doch nachdem wir eine Weile die Stadt erkundet hatten, verließ uns langsam unsere Energie. Es war heiß und wir waren doch noch sehr müde. Die Atmosphäre aus schreienden Händlern, hektischer Betriebsamkeit, Trubel durch viele Menschen und der ungeordnete, lärmende Verkehr waren uns gerade anstrengend. Plötzlich sah ich voller Begeisterung den stolzen Händler, bei dem ich einst unsere Goldfische gekauft hatte. Ich führte Lea zu ihm, damit sie die Tiere aus der Nähe betrachten konnte. Er hatte zu meiner Freude immer noch kleine und große goldene Fische im Angebot, doch diesmal ließ ich mich nicht verführen.

Als wir später wieder am Busbahnhof ankamen, war zu unserer großen Verwunderung alles wie leergefegt, keine Busse waren mehr da, nur noch ein paar Taxifahrer standen lässig an ihre gelben Autos gelehnt. Doch eigentlich wollten wir jetzt den Bus nach Jerusalem zurück nehmen, aber die arabischen Busfahrzeiten lassen sich nunmal für unsereins keinesfalls planen. Ein Fahrer, der unsere Verwunderung bemerkt hatte, kam auf uns zu und lieferte uns eine Erklärung. Er behauptete, dass wegen Ramadan keine Busse mehr fahren würden und bot uns sehr zuvorkommend eine Fahrt zum Checkpoint an.

Der Taxifahrer nannte einen horrend hohen Preis für eine Fahrt zum Checkpoint, doch ich hörte in diesem Moment gar nicht richtig hin, denn ich sah aktuell sowieso keinen Sinn darin hier zu verhandeln. Angesichts Leas offensichtlicher Anspannung war ein Handlungserfolg sowieso aussichtslos. Ich hatte dennoch das sichere Gefühl, dass wir heute schon irgendwie wieder zurück nach Jerusalem kommen würden. Ich sah meine Aufgabe zunächst vorrangig darin Lea zu beruhigen, als eine Lösung für das eigentliche Problem zu finden.

Als Lea sich beruhigt hatte, bat ich einige Passanten um Rat, wie wir heute noch nach Jerusalem reisen konnten. Zu unserer Freude hatten sie sogleich eine einfache Lösung für unser Problem parat.Sie lotsten uns schnell und eindeutig in die Richtung, wo wir nach ihren Auskünften noch in einen Minibus zum Checkpoint springen konnten.

Wir folgten ihren Anweisungen und keine 5 Minuten später, platzierten wir uns auf dem Boden eines klapprigen, übervollen Busses, der uns für weniger als einen Euro zum Checkpoint fuhr. Der Fahrer wollte mit Sicherheit pünktlich zum nächtlichen Essen wieder zu Hause sein und nicht irgendwo im Verkehrschaos stecken, weshalb er ungefähr so schnell wie auf einer deutschen Autobahn durch die engen, kurvigen Straßen raste und in etwa so vorsichtig wie beim Autoskooter fuhr!

Am Checkpoint herrschte reger Betrieb, wir mussten über eine Stunde in dem einschüchternden Gebäudekomplex warten. Für uns war dies schon eine anstrengende und aufregende Prozedur, aber wir taten das freiwillig. Dabei musste ich die ganze Zeit an die Menschen denken, die hier jeden Tag Stunden ihrer Lebenszeit verwarteten, um zu ihrer Arbeit zu gelangen oder ihre Familie zu besuchen, ohne die Gewissheit, ob es jedes Mal wirklich klappen würde und ob sie wirklich ausreisen durften. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, begann ein fein gekleideter Mann mit Aktentasche auf uns einzureden. Er sei Arzt und müsse den Checkpoint täglich passieren, um zu seiner Arbeit zu gelangen. Aus seinen Worten sprachen Frust, Zorn, Verzweiflung und das Gefühl menschenunwürdig behandelt zu werden. Es machte mich wie jedes Mal wieder traurig, zu sehen wie viel Hass und Wut sich in diesem kleinen Land angestaut hat.

Nach langem Anstehen passierten wir zwei schwere Drehkreuze, worin wir fast mit unseren großen Rucksäcken stecken blieben. Als nächstes wurden wir dann dazu aufgefordert unser gesamtes Gepäck durch das riesige Scanngerät fahren zu lassen, während wir unsere Ausweise zwei jungen Soldaten hinter einer Glasscheibe zuschoben. Lea erhielt ihren Pass unverzüglich zurück und durfte ungehindert und ohne jegliche Befragung ihren Weg Fortsetzten. Ich wartete und sah nur wie sich die beiden Soldaten auf hebräisch austauschten, mit ernstem Blick in meinen Pass. „Das Ägyptenvisum!“, schoss es mir kurz durch den Kopf. Aber eigentlich sollte dies doch kein Hinderungsgrund sein. Ich stellte mich emotional schon auf eine extra Sicherheitsbefragung ein. Doch kaum hatte ich dies zu Ende gedacht, wurde ich in kaltem Tonfall zur Seite zitiert und die Frau in Uniform erklärte mir sehr nüchtern und ohne jegliche Emotionen, dass ich nicht Ausreisen dürfte, da mein Visum abgelaufen sei. Daraufhin erklärte ich ihr in ebenso ernstem Tonfall, dass mein Reentry-Visum zwar abgelaufen sei, mein Volontärsvisum jedoch keineswegs und deutete auf die entsprechende Stelle in meinem vom vielen Vorzeigen schon leicht zerfledderten Ausweis. Unvermittelt sagte die Dame ohne eine Miene zu verziehen: „So you can exit!“ Und drückte mir meinen Pass in die Hand.

Irritiert nahm ich mein Gepäck vom Band und folgte dem Tunnel nach draußen. Ich fragte mich, was einem an diesen Checkpoint noch so alles widerfahren konnte. Auf der anderen Seite des Checkpoints wartete Lea. Später zwängten wir uns dann in einen total überfüllten Bus, der uns wieder zurück nach Jerusalem brachte.

Zuhause duschten wir übermüdet und glücklich über diese ganz und gar herrliche Tour. Fast benommen waren wir noch von den Erlebnissen unserer kleinen Rundreise und etwas wehmütig und gleichzeitig berauscht sprachen wir noch einmal über all die kleinen und großen Begegnungen, die wild in unseren Gedanken herum schwirrten und dass die Reise wie im Flug vergangen war, prall gefüllt mit Erinnerungen.