Seltsames – Merkwürdiges – Gruseliges

Skurriler Sprachkurs

Anstatt zu verreisen, bin ich an meinen freien Mittwoch ausnahmsweise in Jerusalem geblieben, was nicht bedeutet, dass ich nichts erlebte, denn nicht umsonst heißt es „das Leben schreibt die schönsten Geschichten“. Mittlerweile ist bei uns Freiwilligen eine Art Alltag und Rhythmus entstanden und ich habe mir deshalb vorgenommen, intensiver Hebräisch zu lernen. Obwohl hier die meisten Menschen Englisch sprechen, finde ich es erstrebenswert auch eine einfache Konversation auf Hebräisch führen zu können. Da die offiziellen Sprachkurse alle sehr teuer sind und nur ein Teil der entstehenden Kosten übernommen werden, war ich umso begeisterter, als ich die Anzeige einer Frau fand, die für kleines Geld Sprachkurse anbot und organisierte, sodass ich gleich mein Kommen für den nächstmöglichen Termin ankündigte. Doch dieses Treffen war wohl mit Abstand das Skurrilste meines bisherigen Aufenthaltes. Als die schon etwas älter klingende Frau am Telefon ihre Haushaltshilfe nach der eigenen Wohnungsadresse und Hausnummer fragte, hätte mir das eigentlich schon Anlass zum Zweifel geben sollen, aber angesichts der Vorfreude, sah ich dort zum vorherigen Zeitpunkt ahnungslos drüber hinweg. Als ich am Mittwoch morgen pünktlich um 10h bei ihr erschien, öffnete eine junge asiatisch aussehende Dame die Haustür eines winzigen Appartements nahe der Jerusalemer Altstadt, welche neben mir wohl heute die einzige Schülerin zu sein schien. Ich trat ein und wurde gebeten mich erst einmal ins Wohnzimmer zu setzen, wo eine uralte, runzlige Frau in Decken gewickelt auf ihrer ebenso alten Couch kauerte und wie versteinert auf einen riesigen Flachbildschirm mitten im Raum starrte. Die kleinen Fenster des Raumes waren mit vergilbten Gardinen verhangen und nur ein schwacher Lichtstrahl fiel in den halbdunklen Raum. Angesichts der unheimlichen Szenerie die sich mir bot, holte ich einmal ganz tief Luft, bereute es aber noch im selben Moment, denn die staubig-stickige Luft verursachten bei mir schlagartig einen Hustenanfall. Als ich mich wieder beruhigt hatte, überkam mich ein starkes Gefühl der Übelkeit geschuldet dem süßlichen, muffigen Geruch, der in der Luft lag. Als ich eintrat schien die Alte keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Etwas unsicher, was hier gerade von statten ging, setzte ich mich leise auf einen Stuhl, wartete was passieren würde und musterte die Frau sorgfältig. An den mageren Händen spannte sich ihre grau-blasse Haut wie Papyrus über ihre Knochen. Ihr Gesicht war von tiefen Falten durchfurcht, sodass man ihre Augen in der schrumpeligen Haut kaum noch erkennen konnte. Ihre spröden Lippen hielt sie eng aufeinander gepresst und den leeren Blick aus ihren geröteten, müden und dunkel unterlaufenen Augen starr nach vorne gerichtet. Wahrscheinlichwar sie schon Augenzeugin der Geburt Abrahams. Die asiatische Dame, die sich als Kim bei mir vorstellte, servierte mir ein paar trockene, granitharte Gebäckteilchen auf Plastikeinweggeschirr und etwas chloriges Leitungswasser, bevor sie sich ebenfalls setzte. In diesem Moment begann der Gedanke, den ich mit aller Kraft versucht hatte zu verdrängen, sich zu bewahrheiten, indem mir klar wurde, dass diese uralte, regungslose Frau unsere Hebräischlehrerin war. Ich erwartete, dass sie als nächstes ihre Kristallkugel hervorholen oder mir mittels Karten oder Handlesen nun die Zukunft voraussagen würde, eine gruselige Szene und trotz der zum Schneiden dicken Luft im Raum bekam ich eine Gänsehaut an Arm und Nacken. Doch es kam anders: Ohne irgendeine weitere Frage zu stellen, fing sie an. Sie sagte, wir sollen ihr nachsprechen und wir begännen mit einfachen Sätzen. Das Erste, was sie mir beizubringen versuchte, war die Aussage „Vater ist groß!“. Eine durchaus nachvollziehbare Aussage im religiösen Jerusalem, aber trotzdem nicht das, was ich lernen wollte, zumal ich noch nicht einmal richtig sicher auf Hebräisch schreiben kann. Doch schon im nächsten Moment erfolgte eine weitere Aufforderung, nun sollten die Sätze, „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“ auf Hebräisch nachgesprochen werden. Daraufhin folgten weitere Sätze zum Nachsprechen. Das ging aber so schnell, dass ich nicht einmal die Zeit dazu hatte, richtig zu begreifen, was ich dort gerade nachsprach. Wohlgemerkt, Irene, so der Name der alten Dame, sprach ausgezeichnetes Englisch, denn sie wuchs in Ohio auf. Als ich anmerkte, dass es etwas verwirrend sei, begann sie in aller Ruhe jedes einzelne Wort des hebräischen Satzes für mich ins Englische zu übersetzen und forderte mich auf Notizen zu machen. Nachdem ich die Wortfetzen die ich vernehmen konnte irgendwie lautgetreu zu Papier gebracht hatte, fragte mich Irene, ob ich denn überhaupt wisse wie man schreibe. Obwohl ich anfangs versucht hatte deutlich zu machen, dass ich das hebräische Alphabet noch nicht mal sicher beherrsche, überraschte sie meine Antwort, die sie nach etlichen Wiederholungen meinerseits schließlich verstanden hatte. Dann nahm sie mir mein Schreibzeug aus der Hand und fragte, wo sie es denn für mich aufschreiben könne. Ich deutete etwas verdutzt dreinblickend auf die leere Stelle unter meinen Aufzeichnungen. Auf meine Reaktion hin lieferte sie die Erklärung, dass sie ihre Brille verloren habe und nichts mehr sehen könne, sie aber nicht beabsichtige, versehentlich über meine Aufzeichnungen zu schreiben. Mit zittrigen Bewegungen hielt sie meinen Kuli wie ein Kleinkind einen Wachsmaler in ihrer Hand und brachte in blattfüllender Größe von rechts nach links eine Reihe mit Mühe zu erkennende Schriftzeichen auf mein Blatt. Dies bereitete ihr größte Mühen, half mir aber letzten Endes nur bedingt weiter. Kim schien das alles ganz locker hinzunehmen und schaute alle 2 Minuten auf ihr Handy. Ich startete noch einen Rettungsversuch und schlug vor,  etwas systematischer vorzugehen, daraufhin wurde mir breit erläutert, dass seitdem sie ihren Hebräischunterricht vom Gemeindehaus zu sich nach Hause verlegt habe, seien alle ihre Lernzettel und Materialien verschwunden und niemand könne ihr dort noch weiterhelfen, sie werde sich aber nochmals darum bemühen, diese ausfindig zu machen. Nachdem sie mir das umständlichst erklärt hatte, tat sie mir fast ein wenig leid. Nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte Irene aber dann auch begriffen, das ich nicht so erpicht darauf war, in diesem Stile den Unterricht fortzuführen. Während im Hintergrund ein Nachrichtensprecher, den Bildern zufolge über das iranische Nuklearabkommen berichtete, begann sie uns dazu zu ermutigen, hebräische Kirchenlieder zu singen. Angefangen mit einer leichten Version von Halleluja. Ob sie hörte oder sah, dass sie alleine sang und wir nicht mit einstimmten, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber danach leitete sie das Ende, meiner ersten und auch gleichzeitig letzten Unterrichtseinheit bei ihr ein. Ich bedankte mich höflich, entrichtete meine Gebühr und ging etwas verwirrt und durcheinander Richtung Ausgang. Doch bevor ich das Haus verließ wendete ich mich nochmal an Kim und fragte sie wie lange sie schon unter diesen Bedingungen hebräisch lerne. Obwohl ich keinerlei Erwartungen hatte, traf mich bei ihrer Antwort dennoch der Schlag, als sie mir sagte, dass sie schon seit einem Jahr in Israel sei und hier hebräisch lerne, faktisch aber keinen einzigen, alltagstauglichen Satz sprechen könne, geschweige denn etwas lesen. Erleichtert trat ich ins Freie und atmete tief durch. Vor mir blickte ich auf die belebten und sonnendurchfluteten Straßen Jerusalems. Aus einem Café,  schallte laute Musik herüber und Kinder spielten auf der Straße. Als ich wieder zurück fuhr, beschäftigte mich die Frage, was diese Frau dazu gebracht haben mag, immer noch öffentlich Unterricht anzubieten. „Der Vater ist groß!“ wird wohl immerhin auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben. Ich werde mich wieder auf die Suche nach einem Hebräischkurs begeben und hoffe, dass demnächst die hebräischen Vokabeln so in meinem Gedächtnis kleben bleiben, wie dieser unvergessliche Vormittag der besonderen Art.

Schädlinge am Sabbat

Am selben Abend ging ich mit meinem Mitbewohner Karim noch in einen öffentlichen Park, um mich noch etwas an den dort öffentlich zur Verfügung stehenden Sportgeräten zu betätigen. An diesem Abend war dem jüdischen Glauben nach „Simchat Torah“, der letzte Feiertag des jüdischen Neujahrsfestes, also das Ende von Sukkot und dem Übergang ins neue Jahr. Es war schon recht spät abends, als ein orthodoxer, junger Mann auf uns zukam und uns fragte ob wir jüdisch sein. Sein Englisch war wirklich sehr schlecht, aber meine zuvor angeeigneten Hebräischkenntnisse konnten da auch nicht weiterhelfen, obwohl er es sich sicherlich bestätigt hätte, wenn ich „Der Vater ist groß!“ gesagt hätte. Nach kurzen Verständigungsproblemen stellte sich heraus, dass er aus Frankreich kam und in Paris lebte. Das hat mich unglaublich gefreut nach so langer Zeit mal wieder etwas Französisch mit jemandem zu sprechen. Auf Französisch erklärte er mir dann, dass er in seinem Haus ein Ameisenproblem habe und bat uns etwas beschämt, ob wir es beseitigen könnten. Ohne zu zögern folgten wir ihm in seine Ferienwohnung und erkannten schon beim Eintreten ins Haus das Problem. Am Schrank und an einer danebenstehenden Lampe krabbelten Tausende kleiner Insekten. Sie saßen so dicht, dass man an einigen Stellen gar nicht mehr den Untergrund sehen konnte. Uns wurden Tücher, Wasser und scharfe Reiniger in die Hand gedrückt, bevor wir uns an die Arbeit machten. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis alle Plagegeister beseitigt waren. Währenddessen erklärte uns Ismael, der Franzose, dass er als Jude heute keine Arbeit verrichten dürfe und wie dankbar er sei, dass wir ihm halfen. Er bot uns noch Schokolade und Limo an, die wir ganz gerne annahmen. Nach getaner Arbeit wollte er uns für unsere Kammerjägertätigkeit auch noch bezahlen, was wir jedoch konsequent ablehnten, obwohl die gebotene Summe nicht unerheblich war.  Begeistert zeigte er sich im Anschluss, als wir ihm von unserem Interesse für Israel erzählten und dass wir hier freiwillig in einem Krankenhaus arbeiteten und sah es als eine große Wertschätzung für Israel an. Mir gefiel der Gedanke, dass die jahrtausendealte Vorschrift, am Sabbat nicht arbeiten zu dürfen, an diesem Abend Menschen zusammengebracht hatte, die sich sonst niemals kennengelernt hätten und die in gegenseitiger Wertschätzung und Dankbarkeit wieder auseinandergegangen sind, aus einem Verbot der Tora ist etwas entstanden. Als wir spät am Abend den Heimweg antraten, wünschte uns Ismael noch einen gesegneten Aufenthalt und alles Gute für unsere Arbeit.

Panik im Salon

Meine folgende Schicht am nächsten Morgen im Krankenhaus begann leider alles andere als gesegnet. Als ich die Station betrat, erklärte mir die Stationsleiterin aufgeregt, dass Mäuse in der Stationsküche seien, was mich zunächst nicht weiter beunruhigte. Doch als wir dann am Vormittag mit allen Kindern im Salon waren und Schwester Natalia die Küche betrat um etwas heißes Wasser zu holen, stieß sie plötzlich einen unerwartet gellenden, spitzen Schrei aus. Mitten in der Küche saß eine Ratte mit den Körpermaßen eines Bibers und musterte, mit einer Mischung aus Neugier und Angriffslust in den schwarzen Augen, die tapfere Schwester Natalia, ohne auch nur die geringsten Anstalten zur Flucht zu machen. In Panik griff die wackere Natalia mit hochrotem Kopf zum Telefon und alarmierte das Reinigungskommando des Krankenhauses, welches trotz des Feiertages in Windeseile in Kompaniestärke einsatzbereit auf die Station stürmte. Unerschrocken schnitten die Hygiene-Helden dem garstigen Nager den Fluchtweg mit einem gelben Bettlaken ab, rückten den Kühlschrank zur Seite, hinter dem das furchteinflößende Ungetüm es nun vorzog, seiner Bestrafung zu entgehen, während ich aufgefordert wurde, einen Eimer zu besorgen. Hastig brachte Schwester Larissa einen Besen mit langem Holzstiel, wahrscheinlich in Ermangelung effektiverer Mordinstrumente, um damit der flauschigen Flohherberge auf den Pelz zu rücken. Nun legte das Einsatzkommando erst richtig los, final sollte es nun dem possierlichen Pestüberträger an den Fellkragen gehen und  endgültig der Garaus gemacht werden. Entschlossen wurde das nun in Todesangst fauchende, haarige Monster unter dem Kühlschrank hervorgejagt und damit war sein Schicksal auch schon besiegelt: Ein dumpfer Knall, ein letztes, jämmrtliches Quieken – Rückgrat und Besenstiel zerbrachen während der Unhold nach kurzer Agonie sein Leben aushauchte. Applaus brandete auf und im gesamten Salon machte sich Erleichterung breit. Ungerührt nahm der Besen-Terminator  den erschlafften Kadaver ohne mit der Wimper zu zucken und warf ihn wortlos in den von mir bereitgestellten Bottich. Dann verschwanden sie, als sei nichts weiter gewesen: Mission accomplished. Die Kinder, denen es möglich war, waren mit ihren Rollstühlen so nah wie möglich an das Geschehen in der Küche herangerollt, um das Spektakel aus nächster Nähe zu verfolgen, denn auch sie erleben so etwas nicht alle Tage. Nur noch eine der Reinigungskräfte stand wie angewurzelt im Eingangsbereich und starrte fassungslos auf das Schlachtfeld, auf dem der schaurige  Schädling sein Leben gelassen hatte und das sie nun zu reinigen hatte. Ihr Widerwillen war nicht zu übersehen, also half ich ihr und brachte den Behälter samt borstigem Bazillenträger nach draußen., während mich dessen Knopfaugen vorwurfsvoll anstarrten. Wenig später stocherte ich lustlos im Mittagessen – mein Appetit war vergangen.

Nachtrag: Nach Durchsicht des letzten Abschnitts möchte ich noch eine Anmerkung machen: Der Text über die Ratte in der Küche möge bitte keinen falschen Eindruck hinterlassen – ich mag Tiere sehr gerne und war auch in diesem Fall sehr mitfühlend, lebe ich doch schon seit Jahren nach dem Credo “Tiere ehren statt verzehren” und umsorge auch häufiger an den Wochenenden den klinikeigenen Streichelzoo, bestehend aus Meerschweinchen, Hasen und anderen, äh, Nagern(!).