Danke für die großartige Unterstützung

Sonnenuntergang in Paris
Sonnenuntergang in Paris

Nach 9498 km endete meine aufregende Reise von Göttingen nach Lissabon, Marokko und wieder zurück.

(Details der Reise unter “Aktuelles -Tour Mai 2019”)

An dieser Stelle möchte ich mich daher herzlichst bei allen Spenderinnen und Spendern bedanken. Gemeinsam haben wir ein tolles Spendenziel erreicht (seht selbst hier was wir erreicht haben) und damit Menschen geholfen.

Um zu sehen, was wir mit unseren Spenden bisher erreicht haben, klicke hier.

Ebenfalls möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich auf meiner Reise unterstützt und motiviert haben. Danke, dass Du meinen Blog besuchst, Dir die Zeit nimmst die Beiträge zu lesen. Danke für Dein Interesse an meinen Erlebnissen und die viele lieben Worte und Nachrichten. Diese haben mich unterwegs immer wieder ermutigt, mir zusätzlich Kraft gespendet und ich habe mich jedes Mal sehr darüber gefreut!

Fahren, feiern, trampen

Von Tel Aviv nach Jerusalem

Als ich im Anschluss an meine Radreise nach Rom in Israel ankam dachte ich mir, ich wäre vorerst genug Fahrrad gefahren, aber dieses Wunschdenken bestätigte sich leider nicht. Deshalb entschied ich nach langem abwiegen mir noch ein Fahrrad für die verbleibende Zeit zu kaufen. Aufgrund der größeren Auswahl kaufte ich mein Fahrrad letztlich in Tel Aviv und beschloss dann, das Fahrrad der einfachheitshalber gleich auf die Probe zu stellen, anstatt es umständlichst im Bus nach Jerusalem transportieren zu müssen. Dementsprechend machte ich mich nach erfolgreichem Kauf gleich auf den Rückweg. Der erste Teil der Strecke war recht eben, dafür musste ich mir ausgesprochen aufmerksam den richtigen Weg aus der etwas hektischen Stadt bahnen. Danach kam ich recht gut voran, doch das Terrain veränderte sich von hügelig bis hin zu wirklich steilen Anstiegen. Trotz der Anstrengung merkte ich diesmal zum ersten Male richtig, wie sehr mir das Fahrradfahren in der Zeit hier gefehlt hatte und freute mich umso mehr über meine nicht allzu billige Errungenschaft. Ein etwas aufregendes Gefühl war es ebenfalls, als ich mit meinem Fahrrad durch die Straßencheckpoints und Kontrollpunkte fuhr, doch zum Glück verdächtigte mich niemand. Schon vor Antritt meiner Fahrt wusste ich sehr gut, dass Jerusalem auf einem Berg liegt, aber erst durch meinen schätzungsweise 70km langen Radausflug wurde mir so richtig bewusst, was dass in diesem Falle bedeutet, doch weit darüber hinaus festigte die Fahrt meine Bindung zu Israel und löste eine neue Tiefe des Heimatgefühls in mir aus, als ich glücklich und leicht euphorisiert am Nachmittag mein Ziel erreichte.

Verschleiert auf jüdischer Party

Purim ist ein ganz besonderer jüdischer Feiertag, den ich während meines Aufenthaltes hier in Israel glücklicherweise miterleben durfte.

Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor dem Plan des persischen, bösen Politikers Haman, „alle Juden vom Knaben bis zum Greis, Kinder und Frauen an einem einzigen Tag zu vertilgen, zu erschlagen, zu vernichten und ihre Habe als Beute zu plündern.“ Zum Gedenken an diesen Festtag zelebriert man diesen üblicherweise mit Familie und Freunden durch ein überschwängliches Festmahl im Andenken an den Purim-Sieg über die Feinde des jüdischen Volkes. Etwas verrückt erscheint mir die Mizwa (religiöse Pflicht), zu „trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen ,Verflucht sei Haman‘ und ,Gesegnet sei Mordechai‘“ (Talmud, Traktat Megilla 7b; Schulchan Aruch, Orach Chajim § 695:2). Die Freude des Purimfestes soll dabei helfen, die üblichen Beschränkungen und Grenzen zu überwinden und auf einer höheren spirituellen Ebene zu feiern. Ein weiterer Brauch dieses Feiertages ist es sich beim Feiern bunt und auffällig zu verkleiden.

Von einigen israelischen Freunden und Bekannten, die ich beim Klettern kennen gelernt habe, wurde ich ebenfalls zu einer Purimparty eingeladen und entschied mich für ein exklusives Kostüm – ich verschleierte mich als schwangere, konservativ-arabische Muslimin, nachdem ich mich vorher versicherte, dass an Purim alles erlaubt sei. Mit dem Outfit zog ich durchaus einige stutzige Blicke auf mich. Kurz nachdem ich den Partyraum betrat kam ein junger, durchtrainierter und von weitem selbstsicher erscheinender Typ auf mich zu und fragte sehr vorsichtig, ob es sich bei meinem Auftreten um ein Kostüm handele, oder ob ich tatsächlich Muslimin sei. Scheinbar wirkte meine Verkleidung recht authentisch. Einige andere Partygäste wunderten sich ebenfalls, was ich als „Muslimin“ auf einer jüdischen Feier zu suchen hatte, bis ich sie im Gespräch darüber aufklärte. Zu meiner Freude empfanden aber all diejenigen mit denen ich sprach meine Idee als originell und positiv an und sahen darin weder eine Diskriminierung noch eine Provokation, allerdings war die Gesamtheit der Gäste für israelische Verhältnisse nicht besonders religiös.

Als ich mich spät abends zu Fuß auf den längeren Rückweg machte, dauerte es nicht sehr lange bis ein älterer, arabischer Typ in seinem noblen Geländewagen neben mir anhielt und anbot mich nach Hause zu fahren. Obwohl ich weder hebräisch noch einen Fetzen arabisch sprechen konnte, hegte er keine Zweifel an meiner religiösen Zugehörigkeit. Das überraschte mich trotz den vorherigen Reaktionen sehr. Etwas skeptisch nahm ich das Angebot an und wurde bis vor die Haustür gefahren, doch während der gesamten Fahrt hoffte ich nur innigst, dass es nicht bemerken würde, dass ich keine echte Muslimin bin.

Mitzpe Ramon – Wanderung durch eine Mondlandschaft

Aktuell ist in Israel die beste Zeit um Aktivitäten draußen zu unternehmen, bevor es zu warm wird. Daher habe ich mich mit einer Freundin und einem italienischen Bekannten von ihr auf eine 3 tägige Wüstenwanderung begeben, gestartet von der kleinen Ortschaft Mitzpe Ramon, welche zwischen Beerscheva und Eilat inmitten der Negev-Wüste liegt. Das Hauptgewicht unserer gut gefüllten Rucksäcke machte der Wasservorrat aus. Hinzu kam noch ein Happen zu Essen, sowie Schlafsäcke und Isomatten.

Von unserem Ausgangspunkt aus, stiegen wir in den Makhtesh Ramon ab, der größte Erosionskrater der Negev-Wüste, der in seiner Größten Ausdehnung über 40 km misst. Das Landschaftsbild, welches sich uns zu Beginn der Tour bot, war spektakulär und erinnerte beinahe an eine Mondlandschaft. Die Szenerie, die sich vor unseren Augen erstreckte war praktisch vegetationslos, stattdessen prägten bizarre Steinformationen, Staub, Geröll und Sand das Landschaftsbild. Über verschiedene recht gut gekennzeichnete Pfade und Wanderwege gelangen wir immer tiefer in die karge Wüste. Einige Wegstücke folgen wir auch dem Israelischen Nationalwanderweg. Schon jetzt ist es im Süden Israels sehr warm, sodass wir nach längeren Aufstiegen salzig wie das Tote Meer die Aussicht genießen konnten. Die Nächte verbrachten wir unter freiem Himmel wobei sich uns ein fantastischer Sternenhimmel bot, ungetrübt durch störende Fremdlichter. Es war für mich jedes Mal ein überraschendes Erlebnis, den Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht in der Wüste zu erleben. Wenn man nachts in seinem Schlafsack im Wüstenstaub liegt, in dicke Fließkleidung eingekleidet und den Schlafsack eng zugezogen, sodass gerade noch ein Spalt zum Atmen und Sehen übrig bleibt, während man die Sternschnuppen zählt, ist der Gedanke unvorstellbar, dass man nach Sonnenaufgang für jeden Rastplatz mit etwas Schatten absolut dankbar sein wird. Schwer beeindruckt von der Wanderung festigte sich bei mir der Wunsch bei einem meiner folgenden Israelaufenthalte den gesamten Nationalwanderweg von Elat bis in den Norden zu laufen. Unsere Wanderung endete leider schon im Dorf Saphir, von wo aus meine Freundin und ich entschlossen nach Jerusalem zurück zu trampen, anstatt Ewigkeiten in der Hitze auf einen teuren Bus zu warten. Wir hatten Glück und wurden recht schnell mitgenommen, von jemandem, der sehr lang in die selbe Richtung fuhr wie wir. Dreckig, staubig und reif für eine ordentliche Dusche fühlten wir uns etwas Fehl am Platze in einem piekfeinen, geräumigen Auto eines reichen israelischen Unternehmers, schließlich wollten wir es tunlichst vermeiden, die weißen Ledersitze zu beschmutzen. In En Boquet, einem kleinen Touristenort am Toten Meer musste unser Fahrer noch eine kurze Erledigung machen. Wir diskutierten darüber, die Fahrpause schnell dazu zu nutzen, uns etwas zu trinken oder gar einen Leckerbissen zu kaufen. Doch als wir unser Anliegen äußerten, deutete unser Fahrer darauf hin, wir sollten unbedingt im Auto bleiben, es schien gar so als wolle er keinesfalls mit uns gesehen werden, so verwegen wie wir aussahen. Zu unserer großen Überraschung brachte er uns, als er einige Minuten später zurück kam Cola und Eis mit. Das war ein großer Genuss für uns. Auf der Weiterfahrt verriet er uns auch, nach mehrfachem Fragen, womit er sein Geld verdient. Er besitzt ein eigenes Bauunternehmen und lebt eigentlich im Norden des Landes. Momentan jedoch ist er an dem Bau der Grenzmauer zu Jordanien beteiligt und wenn man sich im Lande einmal umschaut, kann man sich denken, dass dieser Typ wirklich nicht von trocken Brot leben muss. Als wir uns nach einer langen gemeinsamen Fahrt am Abzweiger nach Jerusalem voneinander verabschiedeten, drückte er jedem von uns beiden noch eine Flasche mit „Totem Meer Shampoo für geschädigtes Haar“ in die Hand, mit der wir uns verdattert bis amüsiert am sandigen Straßenrand wiederfanden. Eine nette bis absurde Geste, die uns auf jeden Fall noch eine Weile an unsere Rückfahrt erinnern wird.

Formeln, Fakten und physikalische Einheiten

Neben meiner Arbeit bin ich momentan intensiv damit beschäftigt mich auf den im Mai stattfindenden Medizinertest vorzubereiten, für das Erlangen einer der sehr begehrten Medizinstudienplätze. Obwohl die zu trainierenden Aufgaben manchmal etwas trocken sind, löst es in mir eine große Vorfreude auf das scheinbar näher rückende Studium aus.

 

Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt

Hebron ist die größte palästinensische Stadt im südlichen Teil des Westjordanlands und ein religiöser Anziehungspunkt für Muslime, Juden und Christen, denn in der schon geschätzt 5000 Jahre alten Stadt befindet sich das Heilige Grab Abrahams, des Stammvaters der Juden und Araber. Gemeinsam mit Linda bin ich zu diesem Ort gefahren, wo wir erstmals hautnah einen bedrückenden Eindruck des Nahostkonfliktes bekamen. Hebron ist heutzutage geteilt: in H1 leben ca. 120.000 palästinensische Araber unter palästinensischer Verwaltung. Möchten Juden nicht massive Gefahr für Leib oder Leben riskieren halten sie sich besser aus dieser arabischen Zone raus. Das Osloer 2 Abkommen untersagt es Israelis offiziell sich in palästinensisch kontrollierten Gebieten aufzuhalten. In H2 leben ca. 30.000 Palästinenser und 800 fanatische jüdische Siedler, beschützt von mindestens genauso vielen israelischen Soldaten, was vor Ort regelmäßig zu Unruhen führt. Als Linda und ich nach einer etwas rasanten Busfahrt auf staubiger Piste als einzige Passagiere an der Haltestelle in H2 nahe „Haram el-Khali“ („Heiligtum des Freundes“, Abrahams Grabstätte) ausstiegen, beherrschte eine unheimliche Stille das Straßenbild, obwohl es mitten am Tag war.

Abrahams Grabstätte von außen

Die Straßen wirkten in der Morgensonne wie leergefegt. Menschenleere Höfe, lahmgelegte Fabriken, verrammelte Läden und zerfallene Häuser reihten sich in einer bedrückenden, gespenstischen Ruhe dicht aneinander. Die heiße, trockene und staubige Luft machte uns das Atmen schwer und ließ jeden weiteren Schritt zur Qual werden.

Menschenleere Straßen, verlassene Gebäude
Verrammelte Läden, Israelfahnen an jeder Ecke

Ich kam mir zwischen den Häuser auf einmal so klein, einsam und verlassen vor. Warum war niemand auf der Straße? Wo leben die Leute hier in dieser Stadt? Wir überquerten einen kleinen Platz, wo einige Juden mit Kippa und staubigen schwarzen Gewändern Vorbereitungen für die anstehenden Festtage tätigten, auch für sie ist der Zugang zum Heiligtum strengstens geregelt. Juden und Muslime gelangen über getrennte Eingänge in die ihnen zugeteilten Bereiche. Auch wir wurden nach einer Passkontrolle vor dem Eingang von einigen Soldaten kritisch gemustert, bevor wir die Stätte betreten durften, doch als „neutrale Person“ ist es unkompliziert, die verzierten Särge von Abraham und weiteren dort bestatteten Personen bestaunen zu dürfen. Imposant thronte ein pompöser Sarg inmitten eines viereckigen, nur spärlich belichteten Raumes. Doch der eigentliche Körper, so erklärte man uns, befinde sich angeblich in einer Kammer darunter. Im jüdischen Bereich des Heiligtums hielten sich etwa ein Dutzend jüdische Siedler auf, die dort beteten und sich auch nicht von unserem Besuch davon abhalten ließen. Am meisten fasziniert hat mich zu sehen, mit welch Frömmigkeit und Hingabe die orthodoxen Juden an diesem Ort beten. Sie alle haben ihren Gebetsschal, den Tallit über ihren Kopf gelegt und wippen beim sprechen der Gebete mit dem Oberkörper auf und ab.

Hebräische Gebetsbücher in der Machpela
Eingang zum heiligen Sarg

Am frühen Nachmittag machten wir uns dann gemeinsam auf in das in H1 liegende Stadtzentrum, wozu wir die ehemalige Altstadt durchqueren mussten, einer echten „Geisterstadt“. Seit dem Jahr 2000 wurden etwa 1800 Geschäfte geschlossen, mehr als 1000 überwiegend palästinensische Familien sind aus der Innenstadt geflohen und übrig geblieben sind eine Atmosphäre aus Angst, Hass und Repression, sowie ein Straßenbild geprägt durch versiegelte Wohnhäuser, verrostete Scharniere an den einstigen Basartüren und herabhängende Kabel. Die Gebäude am Straßenrand gleichen eher Ruinen als Wohnhäusern. Einige von ihnen sind auch schon komplett eingestürzt und nicht mehr als ein mit Steinen bedeckter Schutthaufen.

Charakteristisches Straßenbild der kleineren Seitenstraßen in H2. Die Autos gehören übrigens alle den jüdischen Siedlern, da den Palästinensern in diesem Bereich das Autofahren komplett untersagt ist (auch erkennbar an den Kennzeichen)

Doch am herausstechensten sind wohl die israelischen Streitkräfte der Zone H2. Alle 20 bis 50 Meter patrouillieren mit Maschinengewehren bewaffnete israelische Soldaten auf und ab. Auf dem kurzen Weg bis zum Checkpoint, um von H2 nach H1 zu gelangen, passieren wir ebenfalls eine Militärstation und einen Wachturm.

Zerfallene Häuser
Ruinen im Vordergrund, eine Militärstation mit gutem Blick über die Stadt im Hintergrund

An nahezu jedem noch stehendem Haus wehen Israelfahnen und Girlanden leicht im Wind der heißen Stadt, sodass die noch gebliebenen Palästinenser die Besatzung bei jedem Schritt sehen und spüren können. Nur in sehr wenigen der maroden Häuser auf der zentralen Straße harren noch immer Palästinenser aus und die Fenster und Balkone, hinter denen trocknende Wäsche und neugierige Kinderaugen zu sehen sind, gleichen Käfigen. Es sind selbst gebaute Gefängnisse, zum Schutz vor steinewerfenden, israelischen Siedlern. Das Militär ist für die Siedler da, nicht für die palästinensischen Familien. Anders als in anderen Städten des Westjordanlandes leben die Juden auch im ehemaligen Stadtzentrum. Daher kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern dieses Stadtteils. Die Bewegungsfreiheit der in H2 lebenden Palästinenser ist stark eingeschränkt. Sie dürfen die Haupt-Durchgangsstraße, Al-Shuhada-Street, und einige weitere Straßenzüge überhaupt nicht benutzen. Auf anderen Straßen dürfen sie nur einige kurze Abschnitte auf extra markierten schmalen Pfaden betreten. Die Haustüren zur Hauptdurchgangsstraße wurden somit versiegelt. Nur wenige Familien sind folglich in dieser Gegend geblieben, die nun ihre Häuser wie Diebe über Leitern und Dächer von der Rückseite aus erklettern müssen, erklärte uns etwas später Mohammed ein etwa 30 jähriger Palästinenser in gebrochenem englisch. Die israelischen Siedler genießen hingegen völlige Bewegungsfreiheit in diesem besetzen Bereich. Das Problem sei, dass Zone H2 quasi ein rechtsfreier Raum ist. Die israelische Armee ist dort zwar für die Sicherheit zuständig, allerdings nur für die der israelischen Siedler. Die Palästinenser werden in diesem Sicherheitskonzept nicht berücksichtigt und die palästinensischen Sicherheitskräfte dürfen in dieser Zone nicht agieren, fährt Mohammed nach einer langen Pause weiter fort.

Palästinaflaggen im arabischen Teil, H1
Moschee in H2, Schilder sind in diesem Teil ausschließlich auf arabisch

Wahrscheinlich gibt es in Hebron niemanden der nicht seine eigene Schreckensgeschichte zu erzählen hat, egal ob jüdisch oder muslimisch, denke ich mir. Die Menschen in dem belebten Stadtgebiet von H1, welches offiziell unter palästinensischer Verwaltung steht, scheinen sich schon über unsere bloße Anwesenheit zu freuen, denn es ist mittlerweile eine Seltenheit für sie geworden, Respekt und Interesse für ihre Umstände und Lebenswirklichkeiten zu erfahren. Je länger Linda und ich uns in der Stadt aufhalten, desto deutlicher wird mir, wie sehr in Hebron der Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist.

Arabischer Basar

Die Kinder die hier aufwachsen kennen kein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Frieden, ohne ständige Waffenpräsenz. Diese Erkenntnis löst in mir eine tiefe Traurigkeit aus und ich möchte allen Menschen vor Ort ein Leben in Frieden und Sicherheit wünschen, frei von der täglichen Schikane, den Erniedrigungen, Einschränkungen und der allzu offensichtlichen Perspektivlosigkeit.

Wo vor der zweiten Intifada bunte Märkte, geschäftiges Treiben und spielende Kinder das Bild der Altstadt bestimmten, findet man heute Straßenblockaden, Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Checkpoints und Militärpatrouillen. Warum sind die Leute aus der Altstadt verschwunden und die Mauern und Soldaten geblieben, geht es mir durch den Kopf?

Am Ende der nahezu ausgestorbenen Straße kreuzen Linda und ich mit einem etwas mulmigen Gefühl ein Militärlager. Dann passieren wir ungehindert das schwer bewachte Drehkreuz mit Metalldetektor, welches einen Durchgang von der H2 Zone in die H1 Zone ermöglicht, die andernorts durch Mauern und Stacheldraht voneinander isoliert sind. Jenseits des Checkpoints sind aus Sicherheitsgründen nur Palästinenser geduldet, keine Israelis. Auf der anderen Seite ist das arabische Leben auf den Straßen deutlich zu spüren. Auf der überdachten Hauptgasse der palästinensischen Innenstadt dringen wir in das Labyrinth der vollgestopften Läden, Werkstätten und Stände ein wo eine wuselige Betriebsamkeit herrscht. Eselskarren, Mopeds, Fußgänger und schreiende Kinder drängen sich durch die Gassen. Von den Bewohnern werden wir gleich als Touristen erkannt und hören auf unserer Querung des Bazars etliche Male „Welcome to Hebron“, „Nice that you come to visit Palestine“. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit kamen einige Kinder im Alter von vielleicht 6 Jahren auf uns zugelaufen, umarmten uns und griffen nach unseren Händen. Vielleicht waren sie neugierig wer wir waren, möglicherweise wollten sie uns etwas zeigen, aber ganz offensichtlich schien, dass es für sie nicht zum Alltag gehörte, westliche Touristen in ihrem Viertel zu sehen. Das änderte aber nichts daran, dass sie Umarmungen der Kinder in mir gleichzeitig etwas befremdliches auslösten, ich hatte so etwas bisher noch nie erlebt und konnte die Geschehnisse vor Ort in diesem Moment nur bedingt einordnen. Aber auch neben den orientalisch duftenden Gewürzen und dem beißendem Benzingeruch in der Luft blieb uns die vorherrschende Armut nicht verborgen. Neben leerstehenden Gebäuden, quoll Müll vielerorts aus Containern, die Straßen sahen dreckig aus und Stacheldraht und meterhohe Zäune begrenzten und trennten verschiedene Areale der Stadt.

ein stillgelegter Laden

Es macht mich traurig zu sehen unter was für menschenunwürdigen Bedingungen die Leute hier zum Teil leben müssen. Die Geschichte zeigt, dass Weltanschauungen und Religion Menschen wirklich zu allem befähigen. Doch welche Macht Ideen, Religion und Glaube haben wurde mir erst in Hebron bewusst. Seit meinem Besuch der geteilten Stadt lässt mich dieser Ort nicht mehr los. Doch es ist nicht nur die Unerträglichkeit der Situation die mich beschäftigt. Es ist vielmehr der Kontrast zwischen den Lebensbedingungen der Menschen einerseits und ihrer unendlichen Fröhlichkeit und Lebensfreude andererseits, die sie wahrscheinlich dazu befähigt, unter diesen Umständen ihre Existenz aufrecht zu erhalten. Schon völlig überflutet von den ganzen Eindrücken und Geschehnissen der Stadt, steigen Linda und ich am späten Nachmittag in einen Minibus, der uns nach Bethlehem bringt, um uns die heilige Geburtskirche Jesus anzuschauen, bevor wir Abends müde, erschöpft und voller Fragen und Gedanken im Kopf nach Jerusalem zurück kehren. Über die Begegnungen und Erlebnisse vor Ort werde ich euch in einem meiner folgenden Einträge berichten.

Einkaufsstraße in Bethlehem

Bei all meinen bisher gesammelten Einblicken bin ich mir sehr wohl bewusst, dass es sich bei meinen Erlebnisse nur um sehr einseitige, erste Eindrücke eines hochkomplexen Konfliktes handelt und hoffe sehr während meines Aufenthaltes noch weitere Perspektiven und Standpunkte nachvollziehen zu dürfen. Doch angesichts des Gesehenen halte ich die Bemühungen meiner Arbeitsstelle zur Verbesserung der israelisch-palästinensischen Beziehungen als absolut wichtig und unterstützenswert.   Letztlich gebe ich meine Hoffnung in Israel, Palästina und die internationale Staatengemeinschaft nicht auf, dass es eines Tages zu einer friedlichen Lösung kommt, welche die Menschenrechte wahrt, den Bewohnern ein würdevolles Leben ermöglicht und die Geisterstadt Hebron wieder zum Leben erwacht.

Alltag in unserer W.G. – Bundestagswahlen in Deutschland

Nach meiner Schicht, laufe ich nur wenige Minuten nach Hause in unsere WG., welche aus insgesamt 8 deutschen Freiwilligen besteht, 4 Frauen und 4 Männern. Neben unserem Haus, gibt es auch noch eine internationale WG., nicht weit von unserem Haus entfernt, wo 2 Freiwillige aus Norwegen leben, ein Brasilianer und eine Französin.

Alle aus unserem Haus kommen aus Deutschland und wir können uns als eine lustig-bunte Mischung beschreiben. Mein Zimmer teile ich mit Judith, einer ehemaligen Profibasketballerin. Wenn wir zusammen sind, finden wir immer ein Thema zum Reden, was auch schon die ein- oder andere Nacht hat sehr kurz werden lassen. Insbesondere der rege Austausch über Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen hier im Land sind mit ihr immer sehr fruchtbar, denn sie spricht schon recht gut Hebräisch und hatte auch in Deutschland schon intensiven Kontakt zu Israelis. Auch meine unermüdliche Suche nach etwas Essbarem in unserem Haus hat bei uns schon oft dazu geführt, dass wir aus spärlichen Zutaten noch ein improvisiertes Menü gezaubert haben. Besonders schätze ich an Judith ihre vertrauensvolle Art und ihr Bestreben nach Rechtschaffenheit gegenüber ihren Mitmenschen und Gott, womit sie für mich an vielen Stellen ein Vorbild darstellt.

Ebenfalls sehr gut verstehe ich mich mit Lara, die nach der Schule schon eine Ausbildung als Zahnarthelferin abgeschlossen hat, nachdem sie festgestellt hat, dass der Friseurberuf nicht das Richtige für sie ist. Sie hat eine russischstämmige Familie und ist selber Jüdin, weshalb sie sich dem Land hier besonders verbunden fühlt und auch die jüdischen Feiertage zelebriert. Demzufolge wird man beispielsweise des Öfteren von ihr am Sabbat aufgefordert, das Licht anzuschalten oder etwas Teewasser aufzusetzen, da es sich ihr verbietet zu arbeiten. Nach eigenen Angaben mag sie gerne „Essen und Shoppen“, was sie aber nur unzureichend beschreibt, denn gerade die Art und Weise, wie sie sich das Land und die Kultur auf eigene Weise erschließt, halte ich für ganz besonders.

Am 24. September war Bundestagswahl in Deutschland und mit Entsetzen musste ich das Abschneiden der AFD zur Kenntnis nehmen. Ich weiß, es gibt viele Gründe für dieses Ergebnis, viele Enttäuschungen, die lange zurückliegen, viel auch berechtigte Kritik an der Großen Koalition, viel zu wenig Opposition und Alternativen. Offenbar haben viele vor allem gegen die Regierung protestiert und sicher sind die wenigsten der AFD-Wähler Nazis und dennoch:

Mit ihrem Kreuz bei der AFD billigt auch jeder Protestwähler Äußerungen eines Alexander Gauland, man dürfe „stolz sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, wobei ich ihn sehr gerne gefragt hätte, welche Leistung er damit gemeint habe und ob er das auch Überlebenden von Auschwitz erklären könne. Er billigt auch Äußerungen eines Björn Höcke vorgetragen mit dem Tremor von Joseph Goebbels und das massive, bewusste Schüren von Ängsten. Wohl die Wenigsten dieser Protestwähler haben sich einmal überlegt, wie ein solches Wahlergebnis in anderen Ländern erlebt wird und welchen Begleitschaden ihr Protest dort anrichtet. Ich hoffe jedenfalls, dass ich hier in Israel nicht in die Verlegenheit komme, das Wahlergebnis in Deutschland kommentieren zu müssen oder mit unsägliche Aussagen von AFD-Politikern konfrontiert zu werden, es wäre mir einfach peinlich.

Ablauf auf der Krankenhausstation

Auf der Krankenhausstation stellt sich nun immer mehr ein Alltag für uns neue Volontäre ein und es gelingt uns zunehmend besser, bei der täglichen Routine unterstützend mitzuarbeiten. Arbeiten wir in der Frühschicht von 7-14 Uhr gehört es u.a. zu unseren wesentlichen Aufgaben die Kinder zu wecken, zu duschen, anzuziehen und künstlich zu ernähren.

Mädchenzimmer meiner Krankenhausstation

All diese Aufgaben, die uns in unserem Leben so nebensächlich und selbstverständlich erscheinen, erfordern bei den kleinen Patienten viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Bei manchen Kindern stellt es schon eine Herausforderung für mich dar, ihre schlaffen, bewegungslosen und gebrechlichen Körper sanft auf die schmale Liege zu legen, auf der sie gewaschen werden. Genauso wenig, wie sie ihren Kopf selbst halten können, ist es ihnen möglich sich verständlich zu machen, falls ihnen das Wasser zum Waschen zu warm oder zu kalt ist. Die Kinder werden von Kopf bis Fuß mit einem Waschlappen reichlich eingeseift, sodass dabei nicht selten der Schaum bis auf meine Schuhe trieft. Besonders große Aufmerksamkeit muss jedoch der fortlaufenden Beatmung der Kinder geschenkt werden, die niemals unterbrochen werden darf. Da von der Muskelschwäche auch ihre Atem- und Schluckmuskulatur betroffen ist, sind bis auf 2 der 8 Kinder alle auf ihre Beatmungsmaschine angewiesen. Doch auch beim Duschen der Kinder ohne Atemmaschine muss gewissenhaft darauf geachtet werden, dass kein Wasser in ihren künstlichen Luftröhrenzugang gelangt, denn es ist ihnen nicht möglich das Wasser aus eigener Kraft wieder abzuhusten, so wie es uns möglich wäre. Passiert dies trotzdem, oder verstopft etwas Schleim die Atemwege muss rasch gehandelt werden. Mit einem speziellen Absauggerät müssen jegliche Fremdkörper entfernt werden, bevor die Sauerstoffversorgung unterbricht. Hierfür wird ein steriler Katheter in die Luftröhre eingeführt, um die für die Verstopfung verantwortlichen Stoffe schleunigst hinauszubefördern. Demzufolge besteht ein Teil unserer Aufgaben und Verantwortungen vorerst darin, die Kinder permanent sorgfältig zu beobachten und erste Alarmsignale für eine mangelnde Sauerstoffzufuhr rechtzeitig erkennen zu können, wie z.B. das Spreizen der Nasenflügel, eine sehr schnelle Herz- und Atemfrequenz, ein Einziehen des Brustkorbes und im akuten Falle eine Blau-graufärbung der Lippen, Nägel und Schleimhäute.

Mehrmals täglich müssen die Kinder ebenfalls über Magensonden, d.h. über künstliche Zugänge durch die Bauchdecke in den Magen, mit flüssiger Nahrung versorgt werden. Für die Nahrungsverabreichung und Spülung der Sonden sind die Freiwilligen ebenfalls zuständig, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Hygiene gelegt werden muss, denn es passiert häufig, dass sich der Zugang entzündet, behandelt oder gar erneuert werden muss. Besonders befriedigend zu sehen ist es für mich, dass sich quasi ohne Worte und nur durch teils minimale Bewegungen eine besondere Art der Beziehung zu den Kindern aufbauen lässt. Interessant ist dabei die Vielfältigkeit, auf welche Weise die Kinder einem zu verstehen geben, ob man etwas zu ihrer Zufriedenheit getan hat. Ein Augenrollen, ein Blick nach oben, weg schauen, direktes in-die-Augen-Schauen oder das weite Aufreißen und Strahlen der Augen dieser Kinder kann manchmal, so scheint es mir, mehr sagen als viele Worte. Jedes Mal, wenn ich nach langem Suchen und Probieren endlich herausgefunden habe, was nun eines der Kinder möchte, freue ich mich sehr, endlich das Richtige entdeckt zu haben. Bis jetzt am meisten fasziniert mich eine 10-jährige, bei der die Krankheit schon bedrohlich weit fortgeschritten ist, sodass sie innerhalb meiner letzten Schicht wegen Lungen- und Herzversagen zwei Mal das Bewusstsein verlor, die aber ansonsten immerzu bei wachem Verstand ist. Bewegen kann sie neben ihren Augen nur noch minimal einige Gesichtsmuskeln darunter auch ihre Zunge, obwohl sie nicht sprechen kann. Wenn es die Zeit auf der Station erlaubt, liebt sie es mit einem speziell präparierten Pinsel im Mund, gelbe und grüne Tusche auf einem Blatt vor ihr zu verteilen, indem sie ihn mit ihrer Zunge hin und her bewegt.

 

Meerschweinchen im Krankenhaus zum Kuscheln und Motivieren der Kinder bei Therapien

Einerseits stimmt es mich traurig, dass dieses Mädchen womöglich nicht mehr lange zu leben hat und jeder Tag womöglich ihr letzter sein könnte, andererseits finde ich es bemerkenswert, dass dieses todkranke Kind noch immer Freude an Dingen findet und ich denke dies spricht für eine sehr gute Arbeit die in diesem Krankenhaus geleistet wird.

Wellensittiche im Krankenhaus zur Unterhaltung der Kinder

Was mich außerdem betrübt ist die Tatsache, dass einige der Kinder von ihren Eltern nahezu vergessen wurden. Bei einem 12-jährigen Mädchen der Station kann sich keiner der Schwestern und Pfleger mehr daran erinnern, wann es zuletzt Besuch hatte. Auch private Kleidung hat es kaum mehr, die noch einigermaßen passt. Alle Hosen sind zu kurz und ihre T-Shirts spannen und lassen sich mit Mühe über ihren Bauchnabel ziehen. Wenn es nicht gelingt, ganz schnell passende Kleidung zu organisieren, werde ich selber etwas kaufen. Trotz ihrer Krankheit darf man nicht vergessen, dass sie auch ganz normale Mädchen sind, die gerne hübsch angezogen sind und Glitzerspangen lieben.

 

Kleines Land – große Vielfalt

Israel, das Land welches kaum größer ist als Hessen und über etwas mehr als 8 Mio. Einwohner verfügt, hat landschaftlich und kulturell umso mehr zu bieten. Auch ich hatte schon das Glück etwas herumreisen zu können, um mir selbst einen Eindruck der einmaligen und unvergleichlichen Orte zu verschaffen. Da das Land so klein ist und Jerusalem so zentral liegt, ist es gut möglich an freien Tagen bereichernde Tagestouren zu unternehmen. Meine erste Unternehmung startete ich in Begleitung von Mae, einer Freiwilligen die ebenfalls im Alyn-Hospital gearbeitet hat, in Richtung Totes Meer. Für mich sind es hier die ersten Reisen im Land, für Mae sind es die letzten, bevor sie nächste Woche auf die Philippinen in ihre Heimat zurück fliegt, um dort nach einer längeren Auszeit als Immobilienmaklerin weiter zu arbeiten.

Umso spannender ist es für mich, was sie von ihren Erfahrungen im Land und auf der Arbeitsstelle erzählt, wie mütterlich sie über die Kinder spricht und mit der Zeit immer besser gelernt hat, auf kleine Zeichen im Gesicht der Kinder zu achten um ihre Wünsche zu verstehen. Nach einer Busfahrt in einem völlig unterkühlten Bus, durch staubige, trockene Wüstenlandschaft und erstaunlichen, in der Hitze flirrenden Sandformationen, erreichten wir das Tote Meer.

 

Wüstenlandschaft auf der Anreise zum Toten Meer

Ich war wahnsinnig gespannt, in dem extrem salzigen und ungeahnt heißen Salzwasser zu baden und nun stehe ich davor. Mit einem Salzgehalt von über 33% ist dieser fast 10 mal so hoch wie im Mittelmeer. Wegen des unglaublich hohen Salzgehaltes haben sich an vielen Stellen bizarre Salzsteinformationen gebildet, die geradezu gespenstisch aus dem Wasser ragen und am Ufer einen weißen Salzsaum bilden. Das Badeerlebnis ist unvergleichlich, zwar ist Schwimmen im eigentlichen Sinne nicht möglich, denn schon ab einer geringen Tiefe verlor ich beim Hineingehen den Boden unter den Füßen, aufgrund des starken Auftriebes. Auf dem Rücken liegend schwebte ich wie ein Korken auf dem Wasser und paddelte mit Armen und Beinen wie ein Hund durch das sich ölig anfühlende Wasser. Entspannt auf dem Wasser dümpelnd, genoss ich die angrenzenden, spektakulären Felsformationen und den Blick auf das nicht weit entfernte Jordanien.

 

Badestrand am Toten Meer und Blick bis nach Jordanien

Auch die heilsame Wirkung von Totem Meer-Schlamm ist uns beiden bekannt, weshalb wir nicht zögerten uns großzügig mit dem tief schwarzen Schlamm von Kopf bis Fuß einzucremen und ihn in der Sonne trocknen ließen. Als ich die Körperpflege einige Zeit später wieder abwusch, fühlte sich meine Haut leicht seltsam an. Ob es meiner Haut wirklich so gut getan hat, wie oftmals propagiert, kann ich nicht mit letzter Gewissheit sagen, Spaß gemacht hat es aber allemal, nur eine Erfrischung war es bei der Wassertemperatur nicht.

 

fragwürdige Hautpflege mit Schlick

Am folgenden Tag reisten wir zusammen an den wunderschön gelegenen See Genezareth, im Norden des Landes. Wie eine Oase scheint das satte Grün um den See herum und an den Ufern des Jordans mitten in der Wüste zu wachsen. Das machte hier die Erfrischung in den Fluten zu einem ganz besonderen Erlebnis.

der erfrischende Jordan
Badespaß mit Mae

Inmitten dieser grandiosen Umgebung befällt mich plötzlich eine Traurigkeit: ich denke an meine kleinen Patienten, die niemals diesen Ort erleben können, niemals in einem Fluss baden werden…

Am Ende des Tages bin ich müde, erschöpft und erfüllt wieder nach Jerusalem zurück gefahren, hatte jedoch nicht das Gefühl, den Ort in seiner Gänze erfasst zu haben, sondern nur einen ersten Eindruck bekommen zu haben, der mich neugierig auf mehr gemacht hat und ich bin mir sicher, ich werde während meines Jahres hier noch viel in dieser Gegend wandern und unternehmen.

Am folgenden Nachmittag fuhr ich mit Linda, einer norwegischen Freiwilligen nach Tel Aviv, wo wir erst den Sonnenuntergang und Badespaß am Strand erlebten und dann noch etwas das Flair des besonderen Nachtlebens der Stadt genossen.

 

Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv

Weit weg scheinen hier die politischen Probleme und die Religiosität, denen man in Jerusalem scheinbar auf Schritt und Tritt begegnet. Männer mit Kippa, Hüten und Schläfenlocken sieht man hier nur wenige, dafür umso mehr junge Leute, Bars und Clubs, die ein Nachtleben genießen, das mindestens so laut und leuchtend ist, wie in den europäischen Metropolen.

Der erste Arbeitstag

Heute wurde den Freiwilligen die Station gezeigt, auf der sie demnächst tätig sein werden. Ich unterstütze auf einer Station die insgesamt 8 Kinder im Alter zwischen 4 und 14 Jahren betreut, welche alle an verschiedenen Arten von Muskeldystrophien leiden. Ihnen ist es nicht möglich ohne Fachpersonal das Krankenhauszimmer zu verlassen. Bis auf eine Ausnahme sind alle von ihnen auf ihren Rollstuhl angewiesen. Auch Essen und Atmen können sie nicht aus eigener Kraft, sodass sie durch einen künstlichen Zugang in der Luftröhre konstant beatmet werden müssen und ebenfalls auf eine künstliche Ernährungsform angewiesen. Die Pflege, Versorgung und medizinische Betreuung dieser besonderen Patienten erfordert ausgesprochen viel Liebe, Mitgefühl und Verantwortung, wozu jeder Freiwillige auf der Station seinen Beitrag versucht so gut wie möglich zu leisten. Sprechen und deutliche Mimik im Gesicht zeigen können nur 2 Kinder, manchen von ihnen sind sogar komplett stumm und können nur noch Augen und wenige Finger bewegen, sind aber trotzdem im Kopf ganz klar. Die ganze Zeit während ich mich um diese Kinder kümmerte fragte ich mich, was diese wohl sagen und erzählen würden, wenn sie einmal die Möglichkeit dazu hätten und versuche, ihre wenigen Signale zu lesen. Mich beschäftigt weiterhin die Frage, wie es für diese Kinder wohl sein mag, mit keinem seine Gedanken und Gefühle teilen zu können, sich nicht bemerkbar machen zu können bei Hunger, Durst oder Schmerzen, sondern trotz vollem Bewusstsein, maximal hilflos und auf andere Menschen angewiesen zu sein. Dieser erste Arbeitstag hat mich die große Bedeutsamkeit erfahren lassen, die Ansprüche und Bedürfnisse eines jeden Menschen wahrzunehmen, zu achten und damit vorsichtig und verantwortungsvoll umzugehen, gerade wenn mein Gegenüber mir völlig ausgeliefert ist. Trotz dieser großen Verantwortung freue ich mich auf meine weitere Einführungsphase und Arbeit, denn es ist ein erfüllendes Gefühl zu wissen, den Kindern einige winzige Lichtblicke in ihrem Alltag verschafft zu haben und ihnen Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, die sie sich so sehr wünschen.

ALYN – All the Love You Need

Die gemeinsame Einsatzstelle der Freiwilligen aus unserer WG. stellt das Alyn-Hospital dar, ein Kinder- und Jugendkrankenhaus, welches insbesondere auf die Rehabilitation und Krankheitsbegleitung von jungen Menschen spezialisiert ist. Dazu zählen z.B. Kinder mit chronischen Krankheitsbildern durch Gehirn und Wirbelsäulenverletzungen, schwere Brandverletzungen oder progressive Muskelerkrankungen (Muskelschwund).

Je nach Krankheitsbild kommen manche Kinder nur zu bestimmten Untersuchungen ins Krankenhaus, anderen ist es leider schon von klein auf nicht möglich zu Hause zu leben, da sie zum Leben auf zahlreiche Maschinen angewiesen sind. Auch für diese Kinder wird im Alyn-Hospital rund um die Uhr gesorgt. Das meines Erachtens nach Besondere an der Einrichtung ist das Maß in dem sich bemüht wird, die israelisch-palästinensischen Beziehungen im Kleinen zu verbessern, so werden dort alle Kinder, unabhängig von Glaube, Nationalität oder Herkunft gleichwertig behandelt und in dem Krankenhaus gibt es neben einer Synagoge auch einen muslimischen Gebetsraum. Schilder und Informationen werden neben hebräisch, auch in englisch und arabisch ausgewiesen. All das scheint in anderen Einrichtungen leider keineswegs selbstverständlich zu sein, ebenso wie der beachtliche Anteil an dort arbeitendem muslimischen Personal.

Das was mich jedoch am meisten an der Einrichtung beeindruckt hat, ist das es sich dabei um ein gemeinnütziges Krankenhaus handelt, welches neben Spendengeldern auch sehr auf die Unterstützung von freiwilligen Helfern angewiesen ist.

Sabbat in Jerusalem

Heute wurde hier in Jerusalem Sabbat gefeiert. Der Sabbat (Samstag, vergleichbar mit Sonntag) ist der jüdische Ruhetag und stellt den letzten Tag der Woche dar, folglich darf an ihm, laut Tora, keinerlei Arbeit verrichtet werden. Interessant stelle ich fest, dass die Tage im jüdischen Kalender mit dem Sonnenuntergang beginnen und bis zum Einbruch der Dunkelheit am folgenden Tag dauern. Nachdem ich zu beginn des Tages die ersten hebräischen Schriftzeichen zu lernen begann, entschieden wir uns mit großem Tatendrang zu einer gründlichen Saubermach-Aktion. Nachdem alle Schränke ausgeräumt und die Küche geschrubbt wurde, fluteten wir den Boden.

Nach getaner Arbeit fuhren wir recht günstig mit dem Taxi ins Jerusalemer Zentrum, um uns einen ersten Eindruck von der „Heiligen Stadt“ zu verschaffen. Am meisten beeindruckt haben mich die Kontraste des Stadtbildes. Neben dunkel gekleideten, ultraorthodoxen Juden mit Hut, Locken und Bart, pulsierte das Leben in den vielen Lokalen der Stadt mit lauter Musik, Shishabars und schreienden Händlern, welche den Eindruck des öffentlichen Lebens prägten.

Ankunftsseminar in Haifa

Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich über mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum für das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas müde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. Dieser erklärte mir seelenruhig während ich gespannt darauf war, die weiteren Freiwilligen wieder zu sehen, dass es in Israel heiße, in Jerusalem werde gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet. Haifa sei nicht nur die schönste und sauberste Stadt, sondern auch die modernste Stadt des Landes. Was es mit diesen Aussage auf sich hat, werde ich sicher im kommenden Jahr herausfinden. Voller Vorfreude und Erwartungen traf ich nach einer anstrengenden Anreise auf die weiteren Freiwilligen, die z.T. so wie ich ich mit dem Deutschen Roten Kreuz vor Ort waren, teils mit anderen Entsendeorganisationen.

Das Seminar vor Ort war ausgesprochen informativ und vielfältig. Als Vorbereitung auf unsere künftigen Tätigkeiten standen die Arbeits- und Verhaltensweisen mit Menschen mit besonderen Ansprüchen und Bedürfnissen im Vordergrund sowie der Umgang mit ihren Angehörigen.

Besonders berührte mich der Bericht einer fürsorglichen Mutter, die einen schwerbehinderten Sohn hat, der nach einer komplikationsreichen Geburt unter starken Entwicklungsverzögerungen leidet. Er ist beispielsweise nicht in der Lage vollständige Sätze zu sprechen, Sachzusammenhänge zu erfassen und wird auch bei kleinen Aufgaben in Alltag immer auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Mit erschütternder Offenheit sprach die Mutter mit uns über ihr Leid und strahlte neben ihrem unverkennbarem Schmerz auch eine tiefe Stärke und Willenskraft aus. Auf der einen Seite bekräftigte sie immer wieder, wie sehr sie ihren Sohn liebe und wie viel er ihr bedeute. Auf der anderen Seite kamen aber auch ihre negativen Gefühle zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihrem eigenen Kind „betrogen“ fühlte, da es nicht so normal war wie die anderen und über die große Enttäuschung die Mutter eines behinderten Kindes zu sein. In ihrem Umfeld wurde ihr nach eigener Schilderung oftmals mit Hilfslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ablehnung begegnet, denn wer, so fragt sie bitter, wolle denn etwas mit einem Kind zu tun haben, das sich nicht so verhalte wie die anderen? Alle Referenten zusammen haben durch Vorträge und Workshops den Teilnehmern einen Eindruck davon vermitteln können, was für eine Herausforderung es im Alltag darstellt, sich gegenüber körperlich oder psychisch beeinträchtigen Menschen offen und unverstellt zu verhalten, ihre Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und als gleichwertig mit unseren zu behandeln, auch wenn diese Menschen sie womöglich nicht auf dem Wege äußern, wie wir es tun können.

Interessant empfand ich ebenfalls den Vortrag eines israelischen Diplomaten über die Sicherheitslage in Israel und seinen Nachbarstaaten. Spannend war für mich vor allem in welchem Maße der fein zurecht gemachte, ältere Herr, in seinem etwas zu eng sitzendem Anzug die vom Iran ausgehende Gefahr für Israel betonte und über seine Verbindungen und Unterstützungen zur Hamas, Hisbollah und weiteren radikalislamischen Terrororganisationen im bewaffneten Kampf gegen Israel spekulierte. Er erklärte uns sehr sachlich, dass er die Existenzrechte Israels durch die Entwicklung iranischer Atombomben und Langstreckenraketen als stark bedroht ansah und verwies dabei auf zahlreiche Graphiken, die das stetig wachsende Einflussgebiet des Irans illustrieren sollten. Während seines gesamten Auftrittes stellte ich mir heimlich die Frage, was er wohl dazu sagen würde, dass ich vor nicht einmal einem Jahr in Teheran war und mein iranischer Austauschschüler in Kürze meine Familie in Göttingen besuchen wird.

Neben einem freien Nachmittag am weißen Sandstrand und rauschenden Wellen, bot sich uns ebenfalls die Möglichkeit einer Erkundung Haifas bei Nacht, abseits der touristischen Orte. Hannah eine weitere Mitfreiwillige, die ebenfalls sehr gerne Fahrrad fährt und ich zogen gemeinsam los. Auf dem etwas längeren und recht steilen Rückweg zur Unterkunft, legten wir beide eine kurze Verschnaufpause ein, denn an das heiße und tropisch – feuchte Klima vor Ort musste sich Hannah erst noch etwas gewöhnen.

Doch in gerade diesem Moment sprachen uns 2 ältere israelische Herren in Strandkleidung an, welche scheinbar gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten und nun ihren Feierabend genossen. Sie erkundigten sich neugierig, was wir hier taten und woher wir kamen. Sie reagierten beide mit offenkundigem Interesse an uns, als wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen. Ehe wir uns versahen blickten wir auch schon von der Dachterrasse, eines kleinen, verwinkelten Hauses mit altem Teppichboden, auf das endlose, bunte Lichtermeer der unter und liegenden Stadt, jede von uns mit einer kalten Limo in der Hand. Die Terrasse erschien uns im Vergleich zur Wohnung ungeahnt groß und nobel zurecht gemacht, mit Stühlen, Hängematte und exotisch wirkenden Pflanzen. Der Besitzer des Hauses war Sportlehrer und Bademeister von Beruf, der andere Herr hatte sein eigenes Restaurant in Haifa eröffnet, in dem die verschiedensten Landesspezialitäten probiert werden können.

Sehr freundlich und großzügig wurde sich um uns gekümmert. Neben dem landestypischen Hummus (eine üppig gewürzte Kichererbsenpaste, die hierzulande häufig zu Falafeln oder Fladenbrot gegessen wird) wurden wir mit zuckersüßen Feigen aus dem Garten und unglaublich frischen Mangos und Datteln versorgt.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile, doch schon nach Kurzem begann ich ein Gefühl dafür zu bekommen, was für eine Aktualität das Thema 2. Weltkrieg in Israel weiterhin hat, während es in Deutschland größtenteils unter den jungen Leuten manchmal schon fast vergessen scheint. Jede jüdische Familie hier hat ihre ganz eigene Geschichte, verbunden mit viel Leid, Unterdrückung, Misshandlung und Tod. Als Erinnerungsstücke und Dokumente zeigte uns einer der beiden Herrn noch einige Bücher seiner Mutter, darunter die gesammelten Werke von Wilhelm Busch, welche zahlreiche antisemitische Äußerungen enthalten und das Buch „Mein Kampf“. Während meiner Zeit in Israel möchte ich so viele Geschichten von Menschen wie möglich hören, ganz gleich ob fröhlich oder traurig. Der Restaurantbesitzer ist überaus begeistert von Deutschland und war bisher auch schon mehrere Male in Berlin. Sein Traum ist es, eines Tages ein Lokal dort zu besitzen, da er das Land und die Leute sehr schätzt und auch das deutsche Klima dem israelischen gegenüber bevorzuge. Angesichts dieser Gastfreundschaft und der Begeisterung für Deutschland schäme ich mich bei der Vorstellung, er könnte erfahren, wie viel Fremdenfeindlichkeit, Populismus und geschichtsverfälschende Äußerungen mittlerweile leider Alltag in Deutschland sind.

Es war schon tief in der Nacht, als wir von unserem Gastgeber verabschiedeten und uns für den interessanten Abend bedankten und sogar noch per Auto zu unserer Unterkunft gefahren wurden.

Am letzten Tag des Seminars wurden wir abgeholt und zu unserer WG. und zukünftigen Einsatzstelle in Westjerusalem gebracht, nahe des Mont Herzls und des Yad Vashems, des bedeutsamsten Holocaustdenkmals und Gedenkstätte Israels. In dem Haus leben insgesamt 8 Freiwillige aus Deutschland, immer zu zweit in einem Zimmer. Ich teile mein Zimmer mit Judith, die schon eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hat und dank ihres Judaistikstudiums schon erstaunlich gut hebräisch spricht. Seit unserer ersten Begegnung verstehen wir uns ausgesprochen gut, können uns über diverse Themen austauschen und kommen auch in unserem Arbeitsalltag gut miteinander zurecht.