Iranaustausch

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 18 Jahre alt und besuche zur Zeit die 12. Klasse des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen.
In einer sechsköpfigen Schülerdelegation (Schülerinnen zwischen 15-19 Jahren) nahm ich Anfang Oktober an einem zweiwöchigen Schüleraustausch mit der Islamischen Republik Iran unter der Leitung von Hartmut Niemann teil, der regelmäßig die Region bereist und Reisen in den Iran organisiert. Gefördert und begleitet wird das Projekt vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD).
Schon während der Vorbereitungszeit habe ich mich intensiv mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen des Landes auseinander gesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 100 Jahre nachvollzogen, ohne deren Kenntnis man die heutige Situation des Iran nicht verstehen kann.

Austausch mit dem Iran – moralisch vertretbar?
Ich kenne die Amnesty International-Berichte über die Situation der Menschenrechte im Iran und ich weiß um die hohen Hinrichtungszahlen und grausamen Körperstrafen. Ich kenne die Israel verachtenden Äußerungen iranischer Politiker, mir ist bewusst, dass Andersdenkende und Homosexuelle unter permanenter Bedrohung leben müssen und ich weiß um die Benachteiligung von Frauen im Iran. Ich finde, dass diese Umstände dringender Veränderung bedürfen.
Dennoch oder gerade deshalb halte ich es für so wichtig an dem Schüleraustausch in den Iran teilzunehmen.

Ich bin froh und dankbar, dass das Regime einen Austausch überhaupt ermöglicht und sehe in unserem Austauschprogramm eine Unterstützung der gemäßigten Kräfte im Iran. Diese vorsichtige Öffnung scheint mir ein positiver Ansatz. Mir ist es bewusst, dass politische Veränderungen viel Zeit benötigen und dass währenddessen viele Menschen erheblich unter den vorherrschenden Verhältnissen leiden und zu Tode kommen. Die genauere Betrachtung der Krisenherde im nahen Osten (z.B. Syrien, Libyen, Irak), führt mich jedoch zu der schmerzlichen Erkenntnis, dass selbst die Stabilität, die durch ein autoritäres Regime gewährleistet wird, als das geringere Übel erscheint, als die Alternativen Chaos, Anarchie und Bürgerkrieg.

Austausch statt Isolation
Ziel des zweiwöchigen Austauschprogramms in den Iran war es, die jeweils andere Kultur besser kennen zu lernen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und die Gegebenheiten im Gastland besser zu begreifen sowie gemeinsame Themen, Ziele, Vorstellungen und Interessen herauszuarbeiten. Zum gegenseitigen Kennenlernen gehört auch von unserer Seite eine Offenheit und Unvoreingenommenheit, die die Iraner keinesfalls auf das Verhalten ihrer menschenfeindlichen Regierung reduziert, sondern neugierig macht auf Begegnung und Verständigung. Die zwischenmenschlichen Erlebnisse muss man dabei klar von den politischen Umständen trennen.
Mir war es daher ein Anliegen, die Menschen in Iran, ihre Kultur und die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort persönlich kennen zu lernen und mir ein eigenes Bild zu verschaffen, ohne Auswahl und Bewertung durch Medien.

Eine zweite Familie

Uns Deutschen wurde in Iran ein außerordentlich umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während des Austausches lebten immer zwei deutsche Schülerinnen bei einer iranischen Gastfamilie. Die Gastfamilien waren die Familien einiger Lehrkräfte der Gastschule. So begleiteten uns diese Lehrkräfte auch bei den meisten Aktivitäten und sorgten sich um unser Wohlergehen.

Sehr herzlich und zuvorkommend wurden wir aufgenommen und es fehlte uns an nichts. Immer wenn wir nach einem Ausflug wieder zu Hause ankamen, bekamen wir sofort den allgegenwärtigen schwarzen Tee mit ganz viel Zucker, frisches Obst und köstliches Essen, wie z.B. Safranreis serviert. Dies nahmen wir wie üblich auf dem Teppich sitzend ein. Die Gastfreundschaft war überwältigend.

Schwarztee, Shisha, Safranreis
Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die iranische Kultur zu erlangen. Sei es bei Essenszeremonien mit landestypischen Speisen oder bei den zahlreichen Palast- und Moscheebesuchen. Auffallend war, dass die strengen religiösen Regeln, die das Leben in der Öffentlichkeit sehr prägten, im geschützten Privatleben der Iraner aber oft eher eine untergeordnete Rolle hatten. Einige Iraner pflegten z.B. nur sehr wenige religiöse Regeln und Sitten, andere legten stets einen hohen Wert auf Kopftuch und lange Kleidung. Die unterschiedliche Wichtigkeit des Religiösen war selbst innerhalb einer Familie zu beobachten.

Unterschiede gesucht – Gemeinsamkeiten gefunden

In unserer iranischen Partnerschule, eine private Jungenschule mit einem neu eingeführten Mädchenzweig, wurden uns für diese Schule schultypische Fächer gezeigt. Am Unterricht der Jungenschule durften wir jedoch nicht teilnehmen. Statt dessen unterrichteten uns einige Lehrkräfte in Schwerpunktfächern wie Informatik und Handarbeit. Dabei blieben wir stets getrennt von den männlichen Schülern. Eine echte iranische Unterrichtsstunde konnten wir deshalb nicht miterleben. Im Mädchenzweig haben wir lediglich am Gymnastikunterricht teilnehmen können.

Unter den Augen der Revolutionsführer im Bildungsministerium

Bei einem offiziellen Termin im iranischen Bildungsministeriums stellte die deutsche Delegation den Iranaustausch offiziellen Regierungsmitarbeitern vor. Wir wurden gebeten, etwas zur Bedeutung des Austauschprogramms zu sagen. Alle deutschen Delegationsmitglieder sahen den Austausch als etwas sehr Besonderes und Einzigartiges an, was unbedingt erweitert werden sollte, denn um aktiv gegen Rassismus und Vorurteile vorzugehen, braucht es nun mal interkulturelle Begegnungen, zwischen jungen Menschen, die sich gegenseitig kennen und schätzen lernen. Für diese Aussagen erhielten wir sogar Applaus. Dabei blickten uns die Revolutionsführer ernst aus ihren Portraits an der Wand an.

Auf einem der höchsten Fernsehtürme der Welt
In Teheran wurden in Begleitung der Gastfamilien zahlreiche Sehenswürdigkeiten besichtigt, wie beispielsweise der Borjek Milad, der mit 435 Metern einer der größten Fernsehtürme der Welt ist. Teheran von oben zu erleben war etwas ganz besonderes für mich, außer dass die Sicht nicht sehr weit ist, da sich ein dichter, gelb-grauer Smog über der 13 Mio.- Metropole erhebt, welcher viele Stadtteile und die angrenzenden Berge komplett verschluckt.
Außerdem durften wir unter strenger Begleitung auf einen traditionellen Bazar gehen, wo mich besonders die vielen unbekannten, intensiv riechenden Gewürze sehr faszinierten. Zimt, Kurkuma, Curry, Safran, Pfeffer, aber auch für mich noch ganz unbekannte Produkte gab es dort. Auch die frischen Früchte die dort verkauft wurden, wie z.B. Feigen, Datteln oder Granatäpfel hatten einen besonders frischen Geschmack. Doch auch die handwerklichen Arbeiten, die dort zum Teil hergestellt und dann verkauft wurden, darunter Geschirr, Fliesen, Stoffe und Perserteppiche beeindruckten mich so sehr, dass ich gar nicht mehr an die Gepäckbegrenzung beim Rückflug dachte.

Mit der längsten Seilbahn der Welt ins Hochgebirge
Am Wochenende machten die deutschen Schüler mit ihren Gastfamilien einen Ausflug in das Tochal-Gebirge, welches direkt an Teheran grenzt. Die Fahrt mit der 7500 Meter langen Gondel war ein echtes Abenteuer. Nachdem wir uns an das unerwartet frische Klima und die dünne Luft auf 4000 Metern Höhe gewöhnt hatten, unternahmen wir als Gruppe eine Wanderung zu einem Gipfel, nahe unseres Gipfelhotels, wo wir die Nacht verbrachten. Auf dem Gipfel konnte man einen phänomenalen Sonnenuntergang genießen mit Blick auf den Smog, unter dem Teheran lag und aus dem der Fernsehturm heraus ragte. Dem Hotel in dem wir schliefen, wird nachgesagt, dass es das höchst gelegene Hotel der Welt sei.

Überall Regeln außer im Straßenverkehr
Ein besonderes Highlight für uns war der Ausflug in die Wüste. Die Fahrt war lebensgefährlich! Auf iranischen Straßen, erschien es normal, mit eingeschaltetem Warnblinker und weit über der Geschwindigkeitsbegrenzung über die Autobahn zu rasen. Die deutschen Mitreisenden mit Führerschein durften auch mal auch mal ans Steuer, doch der iranische Verkehr ist verglichen mit dem Deutschen eine echte Herausforderung. Das Missachten der Regeln und die zahlreichen Motorradfahrer sorgen für viel Stau und und Unfälle in der Stadt.
Weit außerhalb der Stadt in der Wüste hatten wir einen tollen Blick auf dem Sternhimmel, den man in der Stadt aufgrund der Lichter und des Smogs sonst nie zu sehen bekommt. Naturerleben ist für die Iraner etwas sehr besonderes, da es in Teheran keine naturbelassenen Orte gibt.

Reisen verändert
Beim täglichen Miteinander und den gemeinsamen Programmpunkten standen stets Respekt, Anerkennung und Wertschätzung im Vordergrund. Vor allem die Offenheit und Gastfreundschaft der Gastfamilie hat mich sehr beeindruckt und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen. Das vielfältige Programm, sowie die vielen Begegnungen mit den Menschen haben bei allen Beteiligten ein erkennbar tieferes Interesse an dem Land und der Geschichte entwickelt, welches weit über den Austausch hinaus geht. Der Aufenthalt in Iran, einer der wichtigen Akteure im nahen Osten, hat mein Interesse an internationaler Politik und den vielfältigen Zusammenhängen erweckt. Außerdem haben wir gelernt, was es bedeutet Deutschland im Ausland zu repräsentieren. Auch die Erfahrung, dass Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Gleichberechtigung, keineswegs selbstverständlich sind, so wie es uns hier in Deutschland oftmals erscheint, hat einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen.
Momentan bin ich schon voller Vorfreude, da Ende November der Gegenbesuch der Iraner in Deutschland stattfindet. Bei der Programmgestaltung ist uns bewusst, dass es für viele Iraner sicherlich eine einmalige Chance sein wird nach Deutschland zu kommen. Daher ist es uns ein Anliegen viele und interessante Unternehmungen zu ermöglichen. Ich denke, es handelt sich um ein sehr lohnenswertes Projekt, welches unbedingt erweitert und gefördert werden sollte, da gerade der Austausch mit lange Zeit isolierten Staaten mir sehr wichtig erscheint, denn ich glaube, dass es keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen gibt.