Palästina erleben

In Herrgottsfrühe zu Fuß nach Bethlehem

Der Samstag (Schabbat) ist in Jerusalem ein Feiertag, ähnlich unserem Sonntag. Alle Läden sind geschlossen, sogar alle Busse und Straßenbahnen sind außer Betrieb und die ganze Stadt scheint in Ruhe bettet zu sein. Um den nun kommenden Tag dennoch erlebnisreich zu gestalten, wollten Lea und ich zu Fuß in die knapp 10 km entfernte Stadt Bethlehem laufen. Da es sehr heiß in Jerusalem war, planten wir ein sehr frühes Aufstehen.

Noch vor Sonnenaufgang riss mich mein Handyalarm um 4.45 Uhr aus dem Tiefschlaf. Nachdem ich die nötigen Sachen für unsere Tagestour gepackt hatte, weckte ich Lea um 5.15 Uhr, was – nach ihrem noch deutschen Zeitgefühl – einer Tageszeit von 4.15 Uhr entsprach. Aber was nimmt man nicht in kauf, wenn man etwas erleben möchte! Wir machten uns rasch auf den Weg, um die etwas kühlere Tageszeit auch auszunutzen. Dank unseres treuen Begleiters namens „Google-maps“ schafften wir es ohne größere Umwege den Checkpoint von Bethlehem in morgendlicher Frühe zu erreichen.

Nach ungehindertem Passieren einiger Drehtüren und einer kurzen Passkontrolle traten wir aus dem gefängnisähnlichen Checkpointgebäude und wurden sofort von einer Horde aufdringlicher Taxifahrer umringt. Nun lag es an uns, einen Fahrer zu finden, der uns zum etwas außerhalb gelegenen Herodespalast fuhr und einen akzeptablen „Deal“ mit ihm auszuhandeln. Doch das war leichter gesagt als getan! Als erstes gab ich mich als naive Touristin zu erkennen und erhielt ein wahnsinniges Angebot in Höhe von 230 Schekeln (knapp 60 Euro). Mir ist wohl bekannt, dass die Preise hier üblicherweise zu hoch angesetzt werden und verhandelt werden müssen, aber dieses Angebot war schlichtweg maßlos. „Good price, good price!“ wiederholte er immer wieder, während Lea und ich signalisierten, dass wir nicht mehr interessiert waren. Das schien den Fahrer jedoch zu ermuntern, weiter zu verhandeln. Er senkte den Preis schnell auf 100 Schekel herab (25 Euro), was mir schon angemessener erschien. Nun war meine Verhandlungsfreude erwacht. Mein Ziel: den Preis noch einmal zu halbieren. Lea und ich liefen ohne uns aus der Ruhe bringen zu lassen weiter, vorbei an dem Gewirr aus lauthals grölenden Taxifahrern mit weiterhin überteuerten Angeboten.

Als wir die Gruppe schon hinter uns gelassen hatten, fuhr ein junger Fahrer mit dunklem Teint, gegelten Haaren, Sonnenbrille und 3 -Tage- Bart in seinem gelben Taxi zu uns herüber. Ich nannte ihm das Ziel mehrfach sehr deutlich und er versicherte uns, uns für 40 Schekel dort hinzufahren. Wir stiegen ein. Ich auf den Beifahrersitz neben dem Fahrer, todsicher, dass dies erst der Beginn der Verhandlung gewesen war, und Lea auf der Rückbank. Ich wiederholte unser Ziel mehrfach, ungläubig über das Angebot und ein Ausbleiben der bisherigen Verhandlungen.

Dann zeigte ich ihm ein Bild vom Herodespalast auf meinem Handy und riss unseren Fahrer damit aus seiner vermeintlichen Trance der Unverständnis. Wir stoppten sofort am Straßenrand und der Fahrer erklärte, er habe gedacht, wir hätten nur ins Stadtzentrum gewollt, welches nicht sonderlich weit vom Checkpoint entfernt lag. Schnell war mir klar, dass das seine Masche war! So ein Spiel ließen wir aber nicht mit uns veranstalten. Ich öffnete die Tür und signalisierte, dass ich sofort aussteigen würde, wenn jetzt kein ernsthaftes Angebot folgen würde. Ich raunte Lea zu, dass sie sich nicht anschnallen und immer aussteigebereit bleiben solle. Der Fahrer verstand nun auch, dass wir es ernst meinten und dass es nun an ihm lag, ob ein Auftrag für ihn zu Stande käme oder nicht.

Er forderte uns energisch auf im Auto zu bleiben und fuhr mit Reifenqueitschen und Motorheulen wieder an, nun in Richtung Bethlehemer Innenstadt. In der Stadt hielten wir und ein schon etwas in die Jahre gekommener Mann- auch Taxifahrer wie mir schien- erschien an meinem offenen Fenster. Obwohl ich nur sehr wenige arabische Wörter verwenden konnte, war er der festen Überzeugung, ich verstünde ihre Muttersprache. Unsinn – als ob ich mich dann auf solche schleppenden Verhandlungen und solche absurden Preise eingelassen hätte! Unser Taxifahrer telefonierte hingegen aufgebracht gestikulierend mit seinem Smartphone mit gesprungenem Display, wobei ich nur erahnen konnte, was er gerade versuchte zu schildern.

Nach Diskussionen, die sich länger als die von uns geforderte Fahrt selber zogen, stand ein mehr als akzeptables Angebot von 60 Schekel für Hin- und Rückfahrt zum Herodium und einer Stunde Aufenthalt vor Ort! Der Fahrer schien zwar nicht besonders glücklich über den Ausgang der Verhandlungen zu sein, aber er hätte sich ja auch anders entscheiden können. Wir jedenfalls waren zufrieden und ich war sicher, dass wir damit immer noch weitaus mehr zahlten, als die lokale Bevölkerung. Ohne weitere Worte brauste der Taxifahrer stillschweigend mit uns im Taxi zum Herodium.

Herodiumsbesichtigung unter treuer Begleitung

Unweit von Bethlehem ließ Herodes der Große eine Fluchtburg bauen, wo er sich später auch begraben ließ. Der schon von Weitem sichtbare Berg ragt 11km südöstlich von der Geburtsstadt Jesu aus dem hügeligen Umland. Besonders auffallend ist hierbei seine unnatürliche, markante Form, welche er erst durch die Bautätigkeit Herodes erhielt.

Um kurz nach 8 Uhr am Morgen erreichten wir das noch verschlafen und leer wirkende Besucherzentrum am Fuße der Burg. Ungefragt folgte uns der nicht mehr ganz so mürrisch auftretende Taxifahrer, der sich uns wenig später als Deneb vorstellte. Lea und ich entrichteten, so wie es sich für uns gehörte, unsere Eintrittsgebühr am Kassenhäuschen. Deneb passierte den Eingang ohne zu bezahlen. Während wir schnurstracks den holprigen Steinpfad bergauf zum Palastbereich antraten, hechelte der nicht gerade unsportlich wirkende Fahrer mit größter Anstrengung und hochrotem Kopf hinter uns her.

Obwohl es noch so früh war, ließ die Sonnenintensität bald jede Bewegung zu einer Anstrengung werden. Als Lea und ich fröhlich oben angekommen waren und bereits den überwältigenden, imposanten Blick über das Judäische Bergland genossen, schleppte sich Deneb mühevoll die letzten Wegbiegungen nach oben. Voller Begeisterung erkannten wir von hier oben den entfernt gelegenen Ölberg bei Jerusalem und nach Osten hin Dunstschwaden, welche das Tote Meer erahnen ließen. Von Denebs Stirn lief der Schweiß der Anstrengung in Strömen herab, doch in weiser Voraussicht hatte er ein lässig über seine Schulter hängendes Badehandtuch dabei, womit er sich alle paar Schritte über das Gesicht fuhr.

Als er auch endlich auf der Plateauebene ankam, wollte uns der Arme auch noch eine Führung auf Englisch zuteil werden lassen! Er wollte uns durch die Reste der alten Festung und die begehbare Zisterne führen. Uns war nicht ganz klar, ob wir dafür später auch noch bezahlen sollten. Doch dem Fahrer zu erklären, dass wir keinerlei Interesse an seinem Angebot hatten, dass uns auch langsam immer weniger gefiel, war gar nicht so einfach. Erst in den unterirdischen Schächten der Anlage, schafften wir es, unserer klebrigen Begleitung zu entkommen.

Wir genossen den Moment der Ruhe, bevor es zu dem hart verhandelten Tarif wieder zurück nach Bethlehem ging. Wir schwiegen uns im Auto auf der Rückfahrt an bis Deneb abrupt vor der Bethlehemer Mauer anhielt und unsere Fahrt vorbei war. Ich zahlte den verhandelten Preis nach dem Aussteigen durchs Fenster, wie es als am sichersten gilt, wie mir Einheimische erklärt haben. Energisch kurvte Deneb davon.

Graffitibesichtigung am terroristischen Schutzwall

Eine 8 Meter hohe Mauer aus Stahlbeton umgibt die Stadt Bethlehem, ebenso wie viele weitere Städte des Westjordanlands. Ziel dieser israelischen Sperranlagen ist das Abfangen von Selbstmordattentätern aus den palästinensischen Gebieten. Auf israelischer Seite ist die Mauer schlichtweg grau, auf palästinensischer Seite wurde das unliebsame Bauwerk mit zahlreichen Graffiti besprüht. Viele davon ein Ausdruck von Kritik, Protest und Unzufriedenheit mit dem Vorgehen der israelischen Regierung.

Es war für Lea und mich ein mehr als bedrückendes Gefühl vor der einschüchternden Mauer zu stehen, mit dem Wissen, dass die meisten Bewohner der Stadt wohl niemals eine Erlaubnis bekommen würden, ihr kleines, eingemauertes Wohngebiet zu verlassen. Wir gingen ein Stück an der Mauer entlang. An ihren Rändern türmten sich Stacheldraht, Müll, Schutt und sonstiger Unrat. Es war beklemmend. Überall waren Schriftzüge wie „Free Palestine!“ , aber auch Darstellungen von Nethanjahu und Trump in unübersehbarer Größe anzutreffen.

Ein enorm großes Kunstwerk zeigte beispielsweise wie Trump mit Kippa ehrfürchtig vor der Mauer stand, mit der Gedankenblase „I am gonna build you a brother“. Etwas weiter blickte uns eine „palästinensische Freiheitsstatue“ mit aufgerissenen Augen auf uns herab, eingehüllt in ihr Kopftuch . Zwischen den zum Teil wirklich kunstvoll gestalteten Bildern lasen wir Slogans wie „didn‘t you learn anything from the Warsaw Ghetto?“.

Am Ende blieb für uns der Eindruck des Gefühls von Unfreiheit und Rechtlosigkeit der hier lebenden Palästinenser. Von der beklemmenden Mauer aus, machten wir uns nach einer Weile auf in Richtung Innenstadt, um die Geburtskirche Jesu zu bewundern.

Chaos in der Kirche

Als wir in der Altstadt ankamen, stand die Sonne hoch am Himmel und machte ein noch längeres Umherlaufen zur echten Qual. Um der prallen Mittagshitze zu entgehen, steuerten wir den Eingang der Geburtskirche Jesu an.

Zu meinem Erstaunen war sie recht gut von Touristen besucht, obgleich sich die Anspannungen und Proteste in Reaktion auf die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem noch gar nicht lange her war.

Im Kontrast zu unserem Eindruck vom Aufenthalt in Jerusalem stellten wir fest, dass Sicherheitskräfte in den palästinensischen Gebieten eine absolute Rarität darstellten. Am Eingang zu einem der wichtigsten, christlichen Orte befand sich bei unserer Ankunft nur ein schlapp und müde wirkender Polizist, der in der Mittagshitze litt. Er trug nicht einmal eine Schusswaffe bei sich, sondern lediglich eine Trillerpfeife und einen schlagstockähnlichen Gegenstand an seinem Gürtel. Er tat uns fast leid, wie er da bei diesem Wetter regungslos in der Sonne stehen musste.

Die kleine Kirche wurde im Jahr 333 an der Stelle errichtet, wo Jesus Christus nach Ansicht der damaligen Erbauer geboren sein soll. Dieser Ort wurde bereits im 2. Jahrhundert als Geburtsstätte verehrt und stellt heute für religiöse Christen einen wichtigen Wallfahrtsort dar. Es ist jedoch kein archäologischer Nachweis erbracht, dass es sich wirklich um die Stelle oder den Ort handelt, an dem Jesus geboren wurde.

Von einem adrett im Anzug gekleideten, lächelnden jungen Mann wurde uns erklärt, dass die im deutschsprachigen Raum weit verbreitete Ansicht, der Messias sei in einem Stall geboren, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sehr unwahrscheinlich sei. In dieser Region hielten früher viele Hirten ihre Herden in Höhlen und in der Nähe davon und folglich wurde auch Jesus in einer Höhle geboren und nicht, wie im jährlichen Krippenspiel als Kind gelernt, in einem Stall.

Nach etwas Smalltalk bot uns der junge Mann an, das Warten an der langen und chaotischen Schlange für eine Gebühr von jeweils 50 Schekeln zu überspringen. Doch ich hatte in diesem Moment wirklich keinen Nerv auf Preisverhandlungen. Mir waren unsere Taxiverhandlungen von heute Morgen noch viel zu präsent, wo wir uns so fürchterlich in Rage geredet hatten. Aber manchmal hat man einfach Glück. Wir bewegten uns langsam und andächtig in den vorderen Teil der Kirche. Prunkvoll verzierte Kronleuchter hingen hier tief von der Decke hinab und Touristen jeglicher Couleur drängten sich nach vorne, um den winzigen Altar im Dämmerlicht der Kirche fotografieren zu können. Wir taten es ihnen gleich.

Im unübersichtlichen Gewusel öffnete auf einmal ein Mann ein Absperrband und winkte eine asiatische Touristengruppe hindurch. Neugierig, was es für sie zu sehen gab, folgten wir ihnen entschlossen. Ohne recht zu begreifen, fanden wir uns wenige Augenblicke später am Eingang wieder, der uns hinab führte in Jesu Geburtsgrotte. Und das alles ohne Schlangestehen und Zusatzgebühren!

Schon kamen wir in eine schwülwarme, dunkel bis nahezu gespenstisch wirkende Kammer mit verbrauchter Luft. Ein paar Kerzen auf goldenen Ständern leuchteten den Teil des engen Raumes aus, wo Jesus dem Glauben zufolge auf die Welt kam. Nach einem kurzen Erhaschen des Anblicks und der Atmosphäre die Kammer, wurde man, angesichts der Menschenmassen, sofort wieder aufgefordert weiter zu gehen. Dennoch ein besonderer Moment.

Wieder im Freien, sahen wir uns noch ein wenig im Ort um, liefen über die Märkte und suchten nach einem schönen Ort, um zu verweilen und etwas zu essen. Doch das war nicht so einfach, denn alle Lebensmittelläden oder Imbisse waren geschlossen, da in der muslimischen Welt der Fastenmonat Ramadan zelebriert wurde. Um der sengenden Hitze zu entgehen, planten wir unseren weiteren Tag auf zwei provisorisch aufgestellten Gartenstühlen inmitten eines gut akklimatisierten Blumengeschäftes. Der Verkäufer blickte etwas verwundert drein, ließ uns aber höflich gewähren.

Im arabischen Bus nach Hebron

Wir fassten gemeinsam den Entschluss, uns gemeinsam in einen arabischen Bus zu setzen, der, anders als die israelischen Verkehrsmittel, auch am Shabbat verkehrt, um in die Stadt Hebron zu fahren.

Der Weg zum Busbahnhof war nicht weit. Auf dem Busbahnhof standen etliche gelbe, klapprig anmutende Minibusse herum. Passagiermengen schoben sich zwischen den eng aneinander gereihten Fahrzeugen vorbei. Die anderen Fahrgäste musterten uns als Touristen scheinbar besonders eindringlich.

Nach gefühlt endlosem Herumfragen und zahlreichen Fehlinformationen, saßen wir dann letztlich in einem uralt erscheinendem Bus, mit ungepolsterten Sitzen und abgewetzten, gelben Gardinen vor den schmuddelig, schmutzigen Fenstern. Die Farbwahl im Inneren des Busses war wirklich bemerkenswert hässlich. Nachdem sich der Bus langsam gefüllt hatte, stieg zu guter Letzt der Fahrer ein. Er schob eine Kassette ins uralte Kassettenfach, drehte gekonnt den Schlüssel herum und der schrottreif wirkende Bus begann im Takt des Motors zu zittern. Die Blicke der Palästinenser fühlten wir auf uns gerichtet. Offenbar war es eine eher ungewöhnliche Szenerie, zwei junge Touristinnen in ihren lokalen Verkehrsmitteln vorzufinden.

Eine Stadt – zwei Welten

Nach einem kurzen, recht erholsamen Mittagsschlaf während der Fahrt im stickigen, über die Straßen rumpelnden Bus, erreichten wir den muslimischen Teil der Stadt Hebron.

Zu meiner großen Überraschung war es deutlich ruhiger in der Innenstadt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Das mochte hauptsächlich an zweierlei Gründen liegen. Zum einen erreichte die Sonne, als wir ausstiegen gerade ihren höchsten Punkt, sodass jeder, der nur konnte, sich ein ruhiges Örtchen im Schatten suchte, zum anderen kamen wir im Fastenmonat Ramadan zu Besuch, was bedeutete, dass zu dieser Zeit hier keine Restaurants, Imbissbuden o.ä. geöffnet waren und auch Lebensmittel sich tagsüber daher auch kaum verkaufen ließen oder gekauft wurden.

Bei unserem Bummel durch die Innenstadt sahen wir, wie ein Mann crepartig dünne Fladenbrote an einem Holzfeuerofen auf offener Straße ganz frisch selber herstellte. Interessiert warfen wir einen Blick zu ihm herüber, bestaunend wie er seine Arbeit so schnell und geschickt verrichten konnte. Als er unsere interessierten Blicke wahrnahm, winkte er uns beide zu sich herüber und drückte jeder von uns einen frischen Fladen in die Hand und fordert uns auf, es zu probieren. Es schmeckte ganz wunderbar und wir freuten uns sehr über diese nette Geste. Der Bäcker selbst stand hier bereits seit vielen Stunden in der Hitze und konnte selbst weder etwas essen noch trinken. Wir bewunderten seine Selbstdisziplin.

Nur wenige Meter weiter weiter wurden wir gleich von einem älteren Herrn mit langem grauen Bart und traditionellem Gewand und Turban in den hinteren Teil seines Ateliers gelotst, wo er uns eine kurze Führung durch sein privates Humus-Museum erteilte. Interessant zu sehen waren die Überreste eines riesigen Mahlsteines inmitten eines kleinen Raumes. Der Besitzer zeigte uns dann ein verschwommenes, welliges Foto, auf dem ein Kamel mit verbundenen Augen zu sehen war, das immer im Kreis lief, um den Mahlstein zu drehen. Die Augen, so erklärte und der nette Herr, würden den Tieren verbunden werden, damit ihnen nicht so schnell schwindelig würde.

Er erzählte noch eine Menge über Hummusherstellung und die Verarbeitung von Kichererbsen, Sesam und Oliven.

Direkt am Ausgang wurden wir von einem freundlichen jungen Mann angesprochen, der sich als Ghassan vorstellte und uns anbot, etwas in der Stadt herum zu führen. Dieses Angebot nahmen wir freudig an.

Wir liefen durch die engen Gassen und er deutete auf die sehr gut besuchte Moschee. Er erklärte uns aber auch gleich, dass er es selber nicht so ernst mit der Religion nehme und es auch mit dem Fasten nicht so streng sehe. Seine offen-weltliche Einstellung überraschte mich, genauso wie sein recht flüssiges Englisch. Wir kamen an einen Checkpoint, Lea und ich konnten ungehindert passieren. Ghassan hingegen wurde extra gescannt und musste seine Ausweisdokumente vorzeigen.

Er führte uns zu unserem Erstaunen zu seinem eigenen Laden, wo er selbst hergestelltes Porzellan verkaufte. Als wir es uns auf Plastikstühle im Schatten bequem gemacht hatten, begann er uns seine persönliche Geschichte zu erzählen: Bis vor 3 Jahren lebte er für insgesamt 2 Jahre in Dänemark und besuchte dort die Schule. Jetzt sei er 24. Eigentlich wollte er viel lieber nach Deutschland, aber mit seinen Papieren und seinem unklaren Status, hatte er eben keine Wahl, sondern musste nehmen, was er kriegen konnte, erklärte er uns freundlich lächelnd. Doch die Worte, die er sagte, waren ernst.

Bei allem, was er erzählte, merkte man ihm an, was für eine Anspannung und Frustration sich in ihm angestaut hatte. Er beschrieb, wie schwer und mühselig es für ihn war, von der arabischen Innenstadt zu seinem Laden zu gelangen und wieder zurück. Jedes Mal wieder müsse er seine Papiere zeigen, sich Kontrollen und Befragungen aussetzen, obwohl ihn die Soldaten alle bestens kannten, schließlich wohne und arbeite er ja hier und ginge diesen Weg mehrmals täglich. Doch das schien nur eine Sache unter vielen zu sein, die ihn unzufrieden stimmte. Wie gerne wäre er so frei wie wir, sagte er uns.

Es machte sich -wie jedes Mal – ein unbehagliches Gefühl in mir breit, wenn Palästinenser mit mir über ihre Situation sprachen. Wie einfach war es für Lea und mich in nahezu jedes beliebige Land einzureisen und innerhalb der ganzen EU ungehindert von einer Stadt zur nächsten fahren. Zu diesem Reichtum an Freiheit haben wir nichts beigetragen und nichts geleistet, wir haben ihn einfach, weil wir in Deutschland geboren wurden. Für uns ist es fast unvorstellbar, diese Freiheit nicht zu haben. Für Ghassan und einen Großteil der Palästinenser hier, ist es sogar mit Ungewissheiten verbunden, ob ihnen ein Aufenthalt in Jerusalem gewehrt wird.

Ghassan erklärt ausführlich seine Sicht auf die Situation seiner Stadt und auf sein Leben und seine Zukunft : Immer mehr illegale Siedlungen würden die Westbank zerreißen, so formulierte es der junge Palästinenser. Nirgends könne man die Spannungen so deutlich spüren wie in Hebron, der größten und wichtigsten Stadt Palästinas. Er könne selber nicht begreifen, wie es zur Teilung der einst lebhaften Stadt kommen konnte und wie es sein konnte, dass sich in ihrem Herzen jüdische Siedler ungehindert niedergelassen konnten, womit sie den Alltag vieler Palästinenser für immer veränderten.

Ghassan schilderte sehr bewegt, wie schlimm es für ihn sei, mit anzusehen wie soviel Leid und Unrecht einfach totgeschwiegen wird. „Wie kann die Weltgemeinschaft nicht nur wegschauen, sondern das Ganze auch noch unterstützen?“, stellte er zum Schluss in den Raum. Ohne jedoch unsere Reaktion abzuwarten, schlug er uns dann vor, dass wir uns noch ein Weilchen in der Geisterstadt umsehen könnten und bot an, uns noch so weit, wie es ihm eben erlaubt war, zu begleiten. Wir freuten uns sehr darüber.

Diskussion mit religiösem Sittenwächter in Hebron

Nach unserer Durchquerung des Checkpoints, befanden wir uns schon in der jüdisch-gemischten Zone der geteilten Stadt.

Hier sorgen israelische Sicherheitskräfte vor allem für die Sicherheit der jüdischen Siedler inmitten des ehemaligen Stadtzentrums. Arabische Bewohner dürfen sich hier nur sehr eingeschränkt bewegen, so sind z.B. an manchen Straßen schmale Ränder abgeteilt, auf denen es den Palästinensern gestattet ist zu gehen. Einige Straßen wurden allerdings aus sicherheitsrelevanten Gründen komplett für sie gesperrt. Dieser Stadtteil hat sich nach der zweiten Intifada und dem Durchsetzen strenger Isolationsmaßnahmen zwischen Juden und Arabern in eine Geisterstadt verwandelt, bestehend aus leeren Bauruinen und geschlossenen Geschäften. Eine durchaus angsteinflößende Kulisse, fand nicht nur Lea.

Inzwischen standen wir auf einer nahezu leeren Straße, etwas abseits von einem einsamen, kleinen jüdischen Geschäft. Ghassan steckte mir unauffällig ein paar Silbermünzen zu und bat mich, eine kleine Wasserflasche für ihn zu kaufen. Gläubigen Muslimen war es während Ramadan tagsüber nicht gestattet zu essen oder zu trinken. Unser Begleiter hielt zwar nichts von diesen strengen Vorschriften, war sich jedoch bewusst, dass es ein absolutes No-Go für ihn wäre, hätte er versucht im arabischen Stadtteil etwas Wasser zu kaufen, geschweige denn dieses auf offener Straße zu konsumieren.

Während ich kurz in dem kleinen Lädchen verschwand, musste Lea erst einmal richtig begreifen auf was für einem Schauplatz sie hier gerade stand. Eine Bande kleiner Jungs rannte die Straße herunter, doch bis auf sie waren die Straßen wie leer gefegt, denn das Ende dieses Ortes hatte begonnen. Ich bekam aus einiger Entfernung mit, wie Ghassan Lea ausmalte, dass hier einst so reges Treiben herrschte wie auf dem Bazar im arabischen Stadtteil und dass aus Angst, Hass und Repression schon über 3000 Läden geschlossen werden mussten.

Bei der weiteren Besichtigung dieses Ortes, konnten wir das ganze Ausmaß dieser Lebenssituation nur in Ansätzen erfassen. Ghassan wies uns wieder und wieder auf die leerstehenden Gebäude hin und malte für uns das alte, lebendige Hebron in all seinen bunten Farben aus und ließ es vor unserem inneren Auge wieder entstehen. Wir passierten einen Wachturm aus dem Augen auf uns herab starrten und uns beobachteten. Sie beobachten das Geschehen, wo nichts mehr geschah.

Wo einst fröhliche Menschen, ein reges Treiben und eine lebensfreundliche Heimat waren, findet man heutzutage lebensfeindliches, totes Territorium durchzogen von meterhohen Wällen. An den leerstehenden Gebäuden baumeln vereinzelt die blau-weißen Israelfahnen herab und ab und zu entdeckt man auf dem Boden leere Granathüllen.

Wir kamen um eine weitere Straßenbiegung und als wir uns für einen Moment unbeobachtet fühlten, bat mich Ghassan, ihm das Wasser zu reichen, welches ich bis hierhin mit mir herum trug. Hastig trank er er ein paar Schlucke, da brauste auch schon ein geländetaugliches, allradbetriebenes Polizeiauto um die Ecke und bremste ruckartig vor uns ab.

Das offene Fenster gab die Sicht auf den am Steuer sitzenden Polizisten und seinen Beifahrer frei. Die sonnengebräunten durchtrainierten Oberkörper, die kurzen Gel verklebten dunklen Haare und die verspiegelten Sonnenbrillen der beiden jungen Beamten stießen mir als erstes ins Auge.

Der Beifahrer ließ lässig seinen muskelbepackten Arm aus dem Fenster baumeln und auf seiner marineblauen Uniform prangten zahlreiche Abzeichen und Orden der Wichtigkeit. Bis vor wenigen Augenblicken noch, war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, die Sicherheitskräfte an diesem eigenartigen Ort seien ausschließlich für die Sicherheit der Bürger, insbesondere der jüdischen Siedler, zuständig. Nichts ließ mich bis zu diesem Moment ahnen, dass die Sicherheitskräfte hier auch gleichzeitig die Aufgaben eines „religiösen Wächterrats“ übernahmen.

Der am Fenster sitzende Polizist begann nun Ghassan lauthals auf arabisch zu maßregeln. Es sei Ramadan und ihm als Muslim nicht gestattet, tagsüber zu trinken. Nach unserer sehr emotionalen Führung durch die Stadt, regte mich diese Situation plötzlich furchtbar auf und mit ärgerlich aufgebrachter Stimme und einem leicht provokantem Unterton fragte ich den Beamten also, ob er denn auch immer koscher esse. Mit eingefrorenem Gesicht und starrem Blick klappte ihm für einen Bruchteil einer Sekunde die Kinnlade herunter. Ohne zu antworten, obwohl er mich ganz sicher gehört hatte, forderte er kalt und monoton: „Passport please!“ Ich händigte ihm unverzüglich mein Dokument aus und er begann ein paar lächerliche Sicherheitsfragen zu stellen. „Er kann uns doch nicht allen Ernstes nun für Terrorverdächtige halten!“, ging es mir etwas genervt durch den Kopf.

Als der Polizist mit seiner Fragerei scheinbar am Ende angekommen war, streckte er mir meinen Pass aus dem Fenster entgegen. Aufgebracht durch die ganze Situation, nahm ich jedoch den Pass nicht sofort entgegen, sondern bemerkte zunächst freundlich aber bestimmt, dass ich all seine Fragen, ob mir lieb oder nicht, wahrheitsgemäß beantwortet habe und ich nun gerne erfahren würde, ob er denn wirklich immer koscher esse. Er blickte mir tief in die Augen und antwortete mit ernster Stimme, dass er nie koscher und sogar Schwein esse. Ich bedankte mich für die Antwort und zog ihm ruppig meinen wertvollen Reisepass aus dem festen Griff, den er immer noch in meine Richtung zeigend aus dem Fenster streckte.

Etwas verwundert raunte der Polizist etwas seinem Kollegen zu, der schon ungeduldig mit den großen Händen aufs Lenkrad trommelte und rief dann noch Ghassan etwas auf Arabisch herüber. Die beiden lachten kurz auf und dann waren die beiden Polizisten auch schon wieder verschwunden. Ich schaute ihnen hinterher, doch alles was ich sah war eine dunkle Staubwolke.

Ganz bald mussten wir uns auch von unserem treuen Begleiter verabschieden, denn den Bereich, den wir uns nun anschauen wollten, kennt Ghassan in seiner ausgestorbenen Form nur von Bildern und aus Erzählungen.

Ruhepause auf dem Observatory – Tower

Durch die leere Geisterstadt bahnten wir uns unseren Weg in schnellem Gehtempo und zweigten dann auf einen kleinen Trampelpfad ab, zugewuchert mit dornigen Büschen und hohem Gras. Ein kleines Schild mit blättriger Farbe wies uns den Weg zu der etwas abseits gelegenen „Abrahams Spring“.

Schon aus einiger Entfernung ließ sich erahnen, wo die Quelle zu finden sein könnte, denn ein Stück bergauf sahen und hörten wir auf einmal zahlreiche Menschen. Als wir den sonnigen Hang empor gekraxelt waren, hatten wir eigentlich eine Abkühlung bitter nötig, doch unsere Vorfreude wurde beim Anblick der Quelle schnell getrübt. Tiefbraunes Wasser sammelte sich in einem kleinen, schattigen Becken, gelegen in einer Art Höhle. Obwohl einige Menschen sich ein vermeintlich erfrischendes Bad in dem nach Kanalisation und Abfalltonne stickenden Schlammloch gönnten, war mir schnell klar, dass ich getrost darauf verzichten konnte, auch nur meine Füße hinein zu halten. Etwas enttäuscht standen wir auf die Quelle blickend in der Gegend herum, als ein jüdischer Mann mit Kippa auf uns zu kam und zum Ausdruck brachte, unsere Meinung über die Badestelle teilen zu können.

David, so wie er sich dann vorstellte, wartete auf seinen Freund, der sich eine kurze Abkühlung gönnen wollte, was bei David jedoch offensichtlich auf Unverständnis stieß. Geduldig beantwortete er stattdessen all unsere Fragen aus seiner Sicht zu dieser durchaus eigenartigen Stadt. Er bestätigte, sich hier sehr wohl und sicher zu fühlen, dank der vielen Soldaten, die hier für die Sicherheit sorgten.

Einige der stationierten Soldaten waren auch hier an der Quelle präsent. Einige in Uniform, einige nur äußerst leicht bekleidet, um ebenfalls von den Vorzügen der Quelle Gebrauch zu machen. David äußerte, dass er es auch schade fände, dass die vielen Läden in der ehemaligen Innenstadt schließen mussten, war aber ebenso überzeugt davon, dass es sich dabei um die einzige Möglichkeit handele, in Hebron für Stabilität und Sicherheit zu sorgen.

Dann fragten wir ihn nach seinen Empfehlungen bezüglich weiterer sehenswerter Besichtigungsorte.Daraufhin rief er seinen etwas verwunderten Freund mit rauem Tonfall aus dem Wasser und forderte uns auf, ihnen zu folgen. Gemeinsam liefen wir über einen steinigen Weg und krabbelten durchs Unterholz, wobei ich mir meine Knie und Beine aufkratzte.

Plötzlich dämmerte mir, wohin wir uns bewegten. Wir steuerten schnurstracks auf den militärischen Wachturm zu, umgeben von unzähligen wachhabenden Soldaten. Am Fuße des Turms verabschiedeten sich die beiden Jungs von uns und versicherten, dass es kein Problem sei, auf den Turm zu steigen und von oben den Blick auf die Stadt zu genießen. Wir folgten ihrem Rat und betraten das Gebäude, in dem sich ebenfalls viele Soldaten aufhielten. Nach einem steilen Treppenaufstieg, wurden wir endlich mit einer schattigen, einladenden Dachterrasse und einer grandiosen Aussicht über Hebron belohnt. Noch angefüllt mit den bizarren Eindrücke der letzten Stunden, packten wir hungrig die Brotfladen aus, die uns heute Mittag auf der Straße geschenkt wurden.

Nach unserem provisorischen Picknick, machte sich eine lähmende Müdigkeit in uns breit. Wir legten uns auf die Rucksäcke und das frühe Aufstehen machte sich schlagartig und unwillkürlich bemerkbar. Nach einem kurzen Nickerchen, konnten wir uns gerade noch im rechten Moment besinnen und uns wieder aufraffen, um nicht versehentlich in einen komatösen Tiefschlaf zu verfallen.

Etwas benommen von unserem Kurzschlaf kletterten wir träge den Turm hinab und fragten einige umstehende Soldaten nach dem Weg zur Straße. Anscheinend löste unsere müde Erscheinung den Beschützerinstinkt in den Soldaten aus. Sehr zuvorkommend und freundlich beschrieben sie uns den Weg zurück zur Quelle und kontaktierten daraufhin gleich ihre Kollegen, die etwas weiter unterhalb stationiert waren, bzw. badeten, um sicher zu gehen, dass wir heil ankommen. Als wir die Quelle passierten, reagieren die dort informierten Soldaten recht amüsiert auf unser Kommen, da sie uns schon von unserem ersten Besuch des Badeloches kannten.

Wenige Augenblicke später standen wir vor einem verlassen wirkenden Wohnhaus, mitten in der Natur. Auf der schmalen Steintreppe, die zum Wohnhaus führte, saß ein Vater mit seinen 3 kleinen Kindern im Schatten und winkt uns zu. Wir verständigten uns kurz und entschieden, hinüber zu gehen. Wir kamen zu ihnen an die Treppe, doch trotz großer Bemühungen, war es uns leider aufgrund der unüberwindbaren Sprachbarriere nicht möglich, ein Gespräch anzufangen.

Durch einladende Gesten gab der Mann zu verstehen, dass wir uns setzten sollten, und kurz darauf kam seine in Kopftuch und lange Kleidung gehüllte Frau aus dem Haus und brachte uns schwarzen Tee mit Minze und ganz viel Zucker – typisch arabisch. Wir ließen uns das süße Getränk schmecken und freuten uns sehr über die plötzliche und unerwartete Gastfreundschaft. Gerne wären wir auch noch geblieben, aber je länger wir auf der Treppe saßen, desto mulmiger wurde uns bei dem Gedanken an die noch bevorstehende Rückfahrt.

Die arabischen Busse verkehren nämlich nur zu äußerst unregelmäßigen, scheinbar willkürlichen Zeiten. Daher gibt es keinerlei Gewissheit darüber, wann die letzten Busse zurück nach Bethlehem fahren. Auch konnte es sein, dass die Fahrer an Ramadan möglicherweise spontan beschlossen, die Arbeit vorzeitig zu beenden. Vor dem Gehen, wollten wir aber noch ein Abschiedsfoto machen. Als ich gerade dabei war aufzustehen und ein Bild mit meiner Handykamera aufzunehmen, kamen die Soldaten von der Badequelle den schmalen Pfad herunter marschiert. In ironischem Tonfall riefen sie: „Shabbat Schalom!“, einen Gruß für eigentlich ausschließlich jüdische Feiertage. Was in den Menschen um uns herum dabei vorging, vermag ich kaum zu erahnen.

Wiedersehen in Bethlehem

Mit sehr viel Glück schafften wir es, im arabischen Stadtteil gerade noch rechtzeitig in einen kleinen Bus zurück nach Bethlehem zu springen. Die Fahrt verging wie im Flug. Im rasanten Tempo brauste der Fahrer durch die engen Kurven der Straßen, wobei der alte Motor immer wieder laut aufheulte.

Trotz der beinahe schwindelerregenden Fahrt klappten Lea und mir die Augen zu und wurden nach einer gefühlt viel zu kurzen Erholung durch die laute und genervte Stimme des Fahrers geweckt, der uns versuchte mitzuteilen, dass wir in Bethlehem angekommen waren und dass die Fahrt hier nun für uns vorbei war. Wir stiegen aus und setzten unseren Fußmarsch in Richtung Checkpoint und Jerusalem fort.

Auf dem Weg kamen wir abermals an der mit Graffiti besprühten Mauer vorbei und trafen ganz unerwartet auf Hamoud. Hamoud habe ich vor circa einem halben Jahr bei einem Besuch in Bethlehem kennengelernt. Damals lud er mich dazu ein, dabei zu sein, als er und seine Kollegen die Sperrmauer etwas „verzierten“. Für mich war dies ein einmaliges Erlebnis, aber ich wunderte mich sehr, dass er sich noch so gut an mich erinnern konnte. Nach etwas Smalltalk vor seinem Laden, half ich ihm schnell, die Stühle und Schilder in den kleinen Shop zu räumen. Er schloss daraufhin das Geschäft und fuhr uns mit seinem Wagen zum am Stadtrand gelegenen Checkpoint. Gerne hätte er uns auch noch die folgenden 8 km nach Hause gefahren, aber das war ihm leider aufgrund seiner palästinensischen Papiere nicht ohne Weiteres möglich. Wir dankten Hamoud für seine freundliche Hilfe und liefen den Rest des Weges zu Fuß.

Es war zum Glück schon dunkel und nicht mehr so heiß. Hinter dem Checkpoint kreuzten wir eine arabische Wohngegend und fantasierten hungrig darüber, wie schön er wäre, auch einmal zum üppigen Ramadanessen eingeladen zu werden.

Völlig erschöpft, sehr müde und auch hungrig, kamen wir mit wunden Füßen spät abends wieder in der vertrauten WG in Jerusalem an. Während Lea sich aufs Sofa legte und sofort in Tiefstschlaf verfiel, versuchte ich schnell noch mit ein paar Gemüseresten aus dem Krankenhaus ein sättigendes Abendessen für uns zu fabrizieren. Es wurde eher ein scharf gewürztes „Allerlei“, aber nach diesem unglaublich langen Tag, aßen wir es dennoch, der Hunger trieb es sowieso hinein.