Goldschmuggel über die Hochsicherheitsgrenze

An einem freien Tag bin ich gemeinsam mit Antonia, Karim und Lukas aus unserer WG nach Ramallah gefahren, dem Hauptsitz der palästinensischen Autonomieverwaltung. Die Intention des Ausflugs lag ursprünglich darin, einen Eindruck der politischen Lage in dieser Gegend zu erlangen, denn schon mein erster Besuch dort hatte ein bedrückendes Gefühl bei mir hinterlassen, insbesondere beim Durchqueren des Hochsicherheitscheckpoints mit riesiger Sperrmauer, ähnlich wie in Bethlehem mit zahlreichen Graffiti auf der palästinensischen Seite besprüht. Doch als wir recht entspannt in einem doch sehr engen Bus saßen, entschieden wir dann doch noch etwas sitzen zu bleiben und bis in das Stadtzentrum der kunterbunten und pulsierenden Stadt weiterzufahren. Im Zentrum herrschte reges Treiben, dicht an dicht reihen sich Verkäufer mit orientalisch duftenden Gewürzen, Obst, Gemüse ebenso wie zahlreichen Souvenirs und gefälschter Markenkleidung.

Reges Treiben in Ramallah
Arabische Märkte

In dem unüberschaubaren, lauten Gewusel weckte ein kleiner, nur schwer einsehbarer Laden sofort unsere volle Aufmerksamkeit. Vor der Tür türmten sich Gläser und Becken mit Goldfischen und auch noch anderen, in kräftigen Farben schillernden Fischchen. Ohne zu zögern sprachen wir den Ladenbesitzer an, der zu unserer Überraschung sogar ein paar Halbsätze englisch sprach und uns einen Preis nennen konnte. Nach kurzem Verhandeln einigten wir uns auf einen in unseren Augen guten Preis für 4 Goldfische, 2 kleine bunte Fische und noch weitere Behältnisse um die Fische darin zu verstauen. Wir planten schon, dass wir einen der Fische Judith zum Geburtstag schenken wollten, da sie vor einigen Tagen 25 wurde. Überglücklich mit unserem Einkauf, genossen wir noch den Sonnenuntergang in der Stadt, bevor wir mit unserem Schnäppchen wieder in den Bus zurück nach Jerusalem stiegen. Erst dort kamen in uns erste Gedanken auf, was wohl die israelischen Soldaten bei der Kontrolle am Checkpoint zu unserem Einkauf sagen würden, Als wir im Bus in leichtem Aufruhr über die Fische diskutierten und was nun mit ihnen geschehen solle, schalteten sich 2 junge, etwas von unserem Anblick belustigte, palästinensische Männer ein und erklärten uns, dass es offiziell verboten sei, Tiere, ganz gleich ob tot oder lebendig nach Israel einzuführen. Die einzige Möglichkeit bestehe für uns darin, die Fische im Bus zurück zu lassen, während wir ohne sie den Checkpoint durchquerten.

Palästinensische Sicherheitskräfte

Wir taten wie uns empfohlen wurde und hatten Erfolg! Mit großer Erleichterung saßen wir nach kurzer Aufregung auf der anderen Seite des Checkpoints im Bus zurück nach Jerusalem. Trotz der riesigen Freude über die Fische stimmte mich das Erlebte und insbesondere die düstere Stimmung am Checkpoint ausgesprochen nachdenklich. Die einzige Möglichkeit den Checkpoint zu passieren besteht für die Palästinenser in der Regel zu Fuß. Dazu nähert man sich der Kontrollstelle über einen langen, schmalen und zu den Seiten hin abgeschirmten Gang. Auf dem Boden dieses Zuganges befinden sich alle paar Meter hohe Kanten, die an etwas zu hohe Bordsteinkanten erinnern. Worin der Sinn darin liegt, hätte mir sicherlich einer der israelischen Soldaten verraten können, für die Palästinenser machen sie jedoch das Passieren des Sperrwalles mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Ähnlichem quasi unmöglich. Am Ende des videoüberwachten Korridors mussten wir große Drehkreuze mit Metalldetektoren passieren, bevor wir unsere Schuhe ausziehen mussten und alle unsere mitgeführten Gegenstände wie am Flughafen auf ein Band legen mussten und unsere Pässe einem müde und genervt schauendem Soldaten vorzeigen mussten, bevor wir wieder zurück in unserem Bus steigen durften.

Eingang des Checkpointes

Was für uns eine seltene Erfahrung ist, stellt leider den Alltag vieler Palästinenser dar, die in anderen Regionen beispielsweise arbeiten oder studieren. Gerade zu Rushhour-Zeiten, so wurde uns erklärt ist es nicht unüblich weitaus länger als 2 Stunden warten zu müssen, um die Sperranlage zu überqueren. Immerhin vermitteln die Kontrollen und der massive Terrorabwehrzaun ein Gefühl von innerer Sicherheit! Kann ja nur letztlich nicht die Lösung sein.

Klettern am Fels

Neben der Arbeit gehe ich nun regelmäßig Klettern, wo ich schon viele nette Leute kennengelernt habe, darunter eine russischstämmige Familie, die mich einlud des Öfteren am Sabbat mit ihnen am Felsen Klettern zu gehen. Der Vater der Familie heißt Dimitri und kam vor 20 Jahren aus einem Vorort aus Moskau nach Israel in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Hier arbeitet er nun als Stationsleitung und Krankenpfleger in einem nahegelegenen Krankenhaus. Seine Tochter Nicole geht noch zur Schule und klettert schon von Kleinauf, weshalb sie immer wieder mit großem Erfolg an Kletterwettkämpfen teilnimmt. Sein Sohn Michail leistet momentan seinen Wehrdienst in Haifa bei der Marine ab und kommt nur über die Wochenenden zurück nach Jerusalem. Das Klettern mit ihnen in der Natur war bisher immer voller eindrücklicher Erlebnisse, die prächtige Landschaft und umliegende Natur sind ausgesprochen reizvoll und das Klettern am Fels stellt eine ganz andere Herausforderung dar als in der Kletterhalle. Auch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier war etwas ganz besonderes für mich und der reichliche Konsum von schwarzem Tee und zuckrigen Keksen gehörte ebenfalls zu dem Ausflug dazu.

Szenerie am Fels, wo im Vordergrund Nicole zu sehen ist und einige Leute die ebenfalls Klettern waren

Moses, Jesus und Mohammed

Da in Israel bald Chanukka gefeiert wird (Fest der Lichter) und in Deutschland sich alles auf Weihnachten konzentriert, habe ich diese Begebenheiten zum Anlass genutzt den Leuten vom Klettern eine kleine Freude zu machen und mich letztlich dazu entschieden, drei der geschmuggelten Fische zu verschenken, jeweils einen Fisch an die beiden Leiter der Klettergruppe und einen an das Team der Halle. Den Fisch als Zeichen des Christentums in solch einer Situation zu verschenken ist meines Erachtens nach ein wundervolles Symbol für die lebende Freundschaft zwischen Juden und Christen. Außerdem ist Klettern eine Sportart, die viel an gegenseitiger Verantwortung voraussetzt, genauso wie das Umsorgen der kleinen Fische. Die Begeisterung die diese Überraschung auslöste war riesig und auch als ich erklärte, wie die Fische zu mir kamen, trübte es die Freude keinesfalls. Ganz im Gegenteil, es sorgte dafür, dass die Namen der Fische schnell gefunden waren. Nun ziehen Moses, Jesus und Mohammed friedlich gemeinsam ihre Kreise in dem kleinen Aquarium auf dem Tresen der Kletterhalle und schauen die Besucher neugierig aus ihren großen Glupschaugen an.

Übergabe der Fische beim Klettern

Totes Meer und lebendige Begegnungen

Auch mit Jasmin einer hier kennen gelernten, jungen Frau unternahm ich schon eine lustige Tour. Nach der Arbeit trampten wir zum Toten Meer, da wir aufgrund von massivem Rushhour-Stau unseren Bus am Busbahnhof verpassten. Auf der Anfahrt mussten wir insgesamt drei Mal umsteigen. Zuletzt nahm uns ein Mann mit, der uns trotzdem es für ihn ein Umweg sein würde anbot, uns direkt nach Masada zu fahren. Im Auto erzählte er uns, dass er noch zu einem Strand fahre, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und zu grillen und lud uns ein, sich ihm anzuschließen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an. An dem etwas abgelegenen Strand waren nur wenige Menschen, zufälligerweise darunter auch zwei deutsche Touristen. Als wir ankamen, dämmerte es schon und die Lichter des angrenzenden Jordaniens waren gut zu erkennen. Als wir am Strand ausstiegen, waren Jasmin und ich uns sofort einig, dass wir hier die Nacht verbringen würden. Im hellen Lichtstrahl des Jeeps der uns mitgenommen hatte bauten wir unser Zelt auf, während der Mann etwas abseits ein kleines Lagerfeuer errichtete und uns auf unsren Wunsch hin, vegetarische Nudeln und Soße herstellte. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, als wir in dem grauen Jerusalem losgefahren waren, dass wir noch ein warmes Abendessen am Strand bekommen würden.  Am nächsten Morgen klingelte der Wecker schön um halb 6, der die etwas ungemütliche und unerholsame Nacht auf hartem Sandboden und dünner Isomatte beendete, doch beim Anblick des herrlichen Sonnenaufgangs und einem Bad im einzigartigen Salzwasser war die Müdigkeit schnell verflogen.

Sonnenaufgang über dem Toten Meer
Unser Nachtlager

Danach trampten wir weiter nach Masada, diesmal wurden wir von zwei älteren Nonnen mitgenommen, die erst vor einigen Jahren aus Amerika eingewandert waren und jeden Tag in Israel als ein ganz besonderes Abenteuer erlebten. Von dort aus wanderten wir etwas durch die Wüste und entschieden uns für einen sich steil aufwärts schlängelnden Pfad, bis zur hoch gelegenen Felsenfestung, wo wir uns eine wohlverdiente Ruhepause gönnten.

Wüste bei Masada
Rast an einem Wasserfall mitten in der Wüste

Am Nachmittag trampten wir zurück und wurden gleich von einem Lastwagenfahrer mitgenommen, der uns bis direkt nach Jerusalem brachte. Nur die Kommunikation mit ihm ging äußerst schleppend, da er kaum ein Wort englisch sprach.

Bauchtanz am Mittelmeer

Letzte Woche waren Judith und ich auf einem Seminar des DRK in Haifa eingeladen, wo auch schon unser Ankunftsseminar stattgefunden hat. Besonders der Erfahrungsaustausch über die kulturellen Besonderheiten hier im Land und die unterschiedlichen Herausforderungen im Arbeitsalltag war für mich sehr spannend und ließ mich meine momentane Arbeit und mein derzeitiges Umfeld nochmal mehr schätzen. Das Thema des Seminars lautete „Ethnien und religiöse Minderheiten in Israel“. Etwa 1,7 Millionen Menschen, fast 24% der Bevölkerung Israels, sind Nichtjuden. Obwohl sie zusammenfassend als arabische Bürger Israels bezeichnet werden, bestehen sie aus verschiedenen in der Regel arabisch sprechenden Gruppen, mit eigenen Charakteristiken. Ein Großteil der muslimischen Araber lebt im Norden des Landes, die Beduinen, ebenfalls Muslime leben recht verstreut im Süden des Landes. Als traditionelle Nomaden, stehen sie heute im Umbruch von der alten Stammesgesellschaft zur Sesshaftigkeit und nehmen zunehmend mehr am Erwerbsleben Israels teil. Auf dem Seminar bot sich uns die Möglichkeit sich mit einzelnen Vertreter verschiedener Minderheiten auszutauschen und mehr über ihren Glauben, ihre Weltanschauung und ihre Position zum Staate Israel auszutauschen.

Besuch in einem Drusendorf
Ausstellung über die Kultur der Drusen

Auch gab es einen Workshop, für alle Teilnehmer, bei dem uns eine leicht bekleidete arabische Frau, traditionelle Bauchtänze vorführte und uns danach zum Mitmachen versuchte zu animieren. Nach dem Seminar fuhr ich noch mit ein paar weiteren Freiwilligen des Seminars in die kleine Fischerstadt Akko, einige Kilometer nördlich von Haifa gelegen. Trotz der schon früh hereinbrechenden Dunkelheit war der Ausblick vom malerischen Hafen über die Meeresbucht absolut lohnenswert.

Hafen von Akko
Ausblick vom Hafen
Hafen von Akko
Gassen von Akko
Blick von Akko nach Haifa

Jerusalem – Göttingen – Teheran

Die Zeit in Israel ist bisher nur so für mich verflogen, gekennzeichnet durch eine unglaublich hohe Dichte an Begegnungen, Erfahrungen und neuen Eindrücken, die ich alle als eine riesige Bereicherung zu schätzen weiß. Während ich nun in Israel meine Zeit verbringe, ist mein iranischer Austauschschüler Amir Arsalan in Deutschland, wo er bei meinen Eltern und meinem Bruder lebt, tapfer deutsch lernt und das Hainberg-Gymnasium besucht, eine Konstellation, die mit Blick auf die internationale Politik geradezu absurd erscheint.

Amir Arsalan am weihnachtlichen Gänseliesel in Göttingen

Obwohl wir zur Zeit weit voneinander entfernt leben, ist es auch etwas sehr Verbindendes zu sehen, dass wir beide, trotz vieler Unterschiede das Bestreben danach haben, ein neues Land, eine neue Kultur und interessante Menschen kennenzulernen. An dieser Stelle möchte ich Amir Arsalan noch einmal aus der Ferne wünschen, dass seine Zeit in Göttingen für ihn genauso erlebnisreich sein wird, wie mein Aufenthalt hier in Israel.

Über die aktuelle politische Lage in Jerusalem und der Westbank werde ich zeitnah ausführlicher berichten, doch aus Sicherheitsgründen habe ich bei meinen Ausflügen diese Gegenden vorerst gemieden.

Nachtleben in Tel Aviv und Jaffa
Nationalpark im Norden des Landes
Baden in warmen, schwefelhaltigen Quellen

Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem

Im Alyn-Krankenhaus gibt es eine weitere Station die sich „Independant Living Neighbourhood“ nennt in der erwachsenen Menschen mit schweren Behinderungen dauerhaft leben können und ihren Bedürfnissen entsprechend medizinisch und pflegerisch versorgt werden, auch durch die Unterstützung internationaler Freiwilliger. Die beiden Brüder Fares und Maram leben schon seit mehreren Jahren dort, da sie beide an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leiden und somit auf dauerhafte Unterstützung im Alltag angewiesen sind. Freundlicherweise haben die beiden uns Freiwillige auf einen Ausflug nach Bethlehem eingeladen. Bethlehem ist für sie eine besondere Stadt, da sie arabische Christen sind und ihrem Glauben nach die Geburtskirche über der Geburtsstätte Christi errichtet wurde. Die Geburtskirche gehört zudem zu den wenigen Beispielen vollkommen erhaltener frühchristlicher Kirchenbauten. Als wir allesamt nach einer kurzen Busfahrt mit den beiden Brüdern in der imposanten, hell leuchtenden, stark frequentierte Geburtskirche standen, fühlte sich alles so unwirklich an. Um zu ihr zu gelangen, müssen die von Jerusalem kommenden Besucher zunächst durch den stark gesicherten israelischen Checkpoint am Nordrand Bethlehems. Die enorme Sperranlage und Mauer der israelischen Regierung soll verhindern, dass aus Bethlehem palästinensische Terroristen und Selbstmordattentäter ins Kernland Israels vordringen. An der Mauer türmen sich an einigen Stellen Berge von Unrat und Schutt an, es scheint die anliegenden palästinensischen Bewohner nutzen das ungeliebte Bauwerk als Müllhalde. An anderen Stellen ist der Sperrwall nur ein schwer bewachter Zaun aus scharfem Stacheldraht.

Unrat an der Trennmauer
Wachturm des israelischen Militärs

Nach ungehindertem Passieren des Checkpointes war die Innenstadt nicht mehr weit entfernt. Nur leider ist das historische Bauwerk alles andere als behindertengerecht. Schon am Eingang kommt es zu Schwierigkeiten, doch mittels einer improvisierten Rampe schaffen wir es mit vereinten Kräften, Fares und Maram in ihren Rollstühlen in das unglaubliche Bauwerk zu zerren. Während die beiden Brüder, schonungslos starrenden, hemmungslosen Blicken ausgesetzt, durch den beschränkten Teil der Kirche rollten, der ihnen zugänglich war, wurde uns aufgetragen, noch den unteren Teil der Kirche zu besichtigen.

Maram in Begleitung von Freiwilligen in der Geburtskirche Jesu
Maram

Hierfür durften wir uns an den am Eingang tummelnden Touristenscharen vorbei schieben, eine steile Treppe nehmen und dann durch die enge und extrem niedrige Demutspforte das eigentliche Heiligtum betreten. Im Inneren sah man der Geburtskirche deutlich ihr Alter an. Die Säulen waren abgewetzt durch Menschenmassen, die sich seit Jahrhunderten jeden Tag durch das Kirchenschiff drängten. Doch wir ließen uns dort drinnen nur wenig Zeit, da wir unsere Gastgeber nicht länger als nötig in der Hitze am Eingang warten lassen wollten. Dennoch war es ihnen sehr wichtig, dass wir uns diese besondere Kirche ansahen und es hat sich letztlich auch sehr gelohnt.

Heiligtümer
Heiligtümer

Als wir als Gruppe wieder gemeinsam auf dem Vorplatz standen kam ein Palästinenser mit eiligen Schritten auf uns zugerannt, der sehr wohl schon von Weitem sah, dass wir Touristen waren und fragte auf Maram deutend, wo wir denn her kämen und warum wir mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem wären. Völlig perplex und nichtwissend, ob man darüber lachen oder nur wütend sein kann, blieb ich sprachlos. Wenn der Mann sich wenigstens direkt an den vermeintlichen Astrophysiker gewandt hätte, anstatt mit uns über ihn zu reden, wäre mir das Lachen über diese Situation leichter gefallen, so zeigt diese Situation aber doch einiges Bedrückendes über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Noch etwas nachdenklich von der absurden Situation machten wir uns weiter auf in Richtung Marktplatz, wo wir ein typisch arabisch-palästinensisches Gericht in einem Restaurant serviert bekamen. Diese freundliche Einladung durch Maram und Fares war umso bemerkenswerter, als unsere Gastgeber in Folge ihrer Erkrankung selber gar nicht an dem Essen teilnehmen konnten.

Lustiges Zusammensein beim gemeinsamen Essen

Am Nachmittag fuhren alle wieder zurück nach Jerusalem, nur Lukas und ich entschieden uns noch etwas in Bethlehem zu bleiben. Wir machten uns auf in Richtung Mauer, die von palästinensischer Seite aus mit etlichen Graffiti versehen war, viele mit einer politischen Botschaft zum allgegenwärtigen Konflikt.

Lukas auf durgesessenem Sofa vor der Trennmauer
Graffiti des Protests an der Mauer
Erschießung der “palästinensischen Freiheitskämpferin” von israelischen Soldaten
PEACE WILL SET US FREE
Graffiti des Typen dem wir auch beim Sprayen zusehen durften
Abschuss einer Friedenstaube
Lukas vor bemalter Mauer

Bei unserem Spaziergang entlang der erschreckend hohen Trennmauer lernten wir Hamoud kennen, der einen kleinen Laden mit Souvenirs an der Mauer betrieb. Nach einigen Sätzen Smalltalk erklärte uns Hamoud, er müsse kurz etwas erledigen, wir sollten solange bei seinem Laden bleiben und aufpassen. Noch ehe wir irgendeine konkretere Nachfrage stellen konnten, beispielsweise zu den nicht ausgewiesenen Preisen, war er mit seinem Auto verschwunden. Etwas verwundert warteten wir vor dem Laden, bis Hamoud nach einer gefühlten Ewigkeit wieder kam und das Geschäft hastig schloss. Dann wies er uns an, wir sollen bei ihm mitfahren, wir würden noch in ein Restaurant gehen um eine Kleinigkeit zu essen. Neugierig gingen wir mit, ohne geringste Ahnung was uns erwartete. In einem winzigen, völlig verräucherten Lokal mit roten Ledersofas wurden wir dann mit zwei Männern aus Österreich und aus Australien bekannt gemacht, welche hier waren, um heute Abend ein großes Graffiti an die Mauer zu bringen. Wir erhielten die Einladung dabei zu sein, welcher wir ohne zu zögern zustimmten.

Als es dunkel wurde ging es los: erst musste die Mauer zweifach mit weißer Farbe grundiert werden, danach wurde das geplante Motiv mittels eines Projektors (betrieben durch einen Dieselgenerator) auf die Fläche projiziert und nachgespürt. Die Routine bei der Arbeit war den beiden Künstlern anzumerken, doch leider konnten Lukas und ich nicht mehr bis zur Fertigstellung des Kunstwerkes warten. Hamoud selber war es nicht gestattet mit seinem Auto und Pass, ohne spezielle Erlaubnis israelischer Behörden, Bethlehem zu verlassen. Um uns zu so später Stunde noch nach Hause zu schaffen, machte er irgendwie eine junge Frau ausfindig, die bereit war, uns in ihrem Auto mit nach Jerusalem zu nehmen, nachdem sie sich unsere Pässe eindringlich angeschaut und sich mehrfach vergewissert hatte, dass wir ungehindert den Checkpoint passieren dürfen. Als wir schließlich spät nachts in unserer vertrauten Wohnung waren, ließ uns die Fülle von unterschiedlichen Sinneseindrücken kaum in Schlaf kommen.

Erstellung eines Graffitis bei spärlichem Licht

Um nach all den Erlebnissen und Eindrücken meinen Kopf wieder etwas frei zu bekommen und mir etwas Erholung und Entspannung zu gönnen, fuhr ich einige Tage später an meinem freien Tag in den En-Gedi Nationalpark, wo ich durch die Wüste wanderte, die tolle Aussicht aufs Tote Meer und bis nach Jordanien genoss und zum Schluss noch in einer Wasseroase mitten in der Wüste die sich bietende Badegelegenheit ausgiebig ausnutzte. Das war wirklich unglaublich entspannend und gleichzeitig ein extremer Kontrast zu allem, was ich bisher in Israel erlebt hatte. Ich genoss es sehr, zum ersten Mal seit meiner Ankunft etwas Ruhe und Zeit für mich selbst zu haben.

Ausblick während der Wanderung in Richtung Totes Meer
Pflanzen an Wasserstelle mitten in der Wüste
Wasserlauf nahe einer erfrischenden Badestelle
Wasserfall im En Gedi Nationalpark
am Straßenrand stehendes Kamel

Seltsames – Merkwürdiges – Gruseliges

Skurriler Sprachkurs

Anstatt zu verreisen, bin ich an meinen freien Mittwoch ausnahmsweise in Jerusalem geblieben, was nicht bedeutet, dass ich nichts erlebte, denn nicht umsonst heißt es „das Leben schreibt die schönsten Geschichten“. Mittlerweile ist bei uns Freiwilligen eine Art Alltag und Rhythmus entstanden und ich habe mir deshalb vorgenommen, intensiver Hebräisch zu lernen. Obwohl hier die meisten Menschen Englisch sprechen, finde ich es erstrebenswert auch eine einfache Konversation auf Hebräisch führen zu können. Da die offiziellen Sprachkurse alle sehr teuer sind und nur ein Teil der entstehenden Kosten übernommen werden, war ich umso begeisterter, als ich die Anzeige einer Frau fand, die für kleines Geld Sprachkurse anbot und organisierte, sodass ich gleich mein Kommen für den nächstmöglichen Termin ankündigte. Doch dieses Treffen war wohl mit Abstand das Skurrilste meines bisherigen Aufenthaltes. Als die schon etwas älter klingende Frau am Telefon ihre Haushaltshilfe nach der eigenen Wohnungsadresse und Hausnummer fragte, hätte mir das eigentlich schon Anlass zum Zweifel geben sollen, aber angesichts der Vorfreude, sah ich dort zum vorherigen Zeitpunkt ahnungslos drüber hinweg. Als ich am Mittwoch morgen pünktlich um 10h bei ihr erschien, öffnete eine junge asiatisch aussehende Dame die Haustür eines winzigen Appartements nahe der Jerusalemer Altstadt, welche neben mir wohl heute die einzige Schülerin zu sein schien. Ich trat ein und wurde gebeten mich erst einmal ins Wohnzimmer zu setzen, wo eine uralte, runzlige Frau in Decken gewickelt auf ihrer ebenso alten Couch kauerte und wie versteinert auf einen riesigen Flachbildschirm mitten im Raum starrte. Die kleinen Fenster des Raumes waren mit vergilbten Gardinen verhangen und nur ein schwacher Lichtstrahl fiel in den halbdunklen Raum. Angesichts der unheimlichen Szenerie die sich mir bot, holte ich einmal ganz tief Luft, bereute es aber noch im selben Moment, denn die staubig-stickige Luft verursachten bei mir schlagartig einen Hustenanfall. Als ich mich wieder beruhigt hatte, überkam mich ein starkes Gefühl der Übelkeit geschuldet dem süßlichen, muffigen Geruch, der in der Luft lag. Als ich eintrat schien die Alte keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Etwas unsicher, was hier gerade von statten ging, setzte ich mich leise auf einen Stuhl, wartete was passieren würde und musterte die Frau sorgfältig. An den mageren Händen spannte sich ihre grau-blasse Haut wie Papyrus über ihre Knochen. Ihr Gesicht war von tiefen Falten durchfurcht, sodass man ihre Augen in der schrumpeligen Haut kaum noch erkennen konnte. Ihre spröden Lippen hielt sie eng aufeinander gepresst und den leeren Blick aus ihren geröteten, müden und dunkel unterlaufenen Augen starr nach vorne gerichtet. Wahrscheinlichwar sie schon Augenzeugin der Geburt Abrahams. Die asiatische Dame, die sich als Kim bei mir vorstellte, servierte mir ein paar trockene, granitharte Gebäckteilchen auf Plastikeinweggeschirr und etwas chloriges Leitungswasser, bevor sie sich ebenfalls setzte. In diesem Moment begann der Gedanke, den ich mit aller Kraft versucht hatte zu verdrängen, sich zu bewahrheiten, indem mir klar wurde, dass diese uralte, regungslose Frau unsere Hebräischlehrerin war. Ich erwartete, dass sie als nächstes ihre Kristallkugel hervorholen oder mir mittels Karten oder Handlesen nun die Zukunft voraussagen würde, eine gruselige Szene und trotz der zum Schneiden dicken Luft im Raum bekam ich eine Gänsehaut an Arm und Nacken. Doch es kam anders: Ohne irgendeine weitere Frage zu stellen, fing sie an. Sie sagte, wir sollen ihr nachsprechen und wir begännen mit einfachen Sätzen. Das Erste, was sie mir beizubringen versuchte, war die Aussage „Vater ist groß!“. Eine durchaus nachvollziehbare Aussage im religiösen Jerusalem, aber trotzdem nicht das, was ich lernen wollte, zumal ich noch nicht einmal richtig sicher auf Hebräisch schreiben kann. Doch schon im nächsten Moment erfolgte eine weitere Aufforderung, nun sollten die Sätze, „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“ auf Hebräisch nachgesprochen werden. Daraufhin folgten weitere Sätze zum Nachsprechen. Das ging aber so schnell, dass ich nicht einmal die Zeit dazu hatte, richtig zu begreifen, was ich dort gerade nachsprach. Wohlgemerkt, Irene, so der Name der alten Dame, sprach ausgezeichnetes Englisch, denn sie wuchs in Ohio auf. Als ich anmerkte, dass es etwas verwirrend sei, begann sie in aller Ruhe jedes einzelne Wort des hebräischen Satzes für mich ins Englische zu übersetzen und forderte mich auf Notizen zu machen. Nachdem ich die Wortfetzen die ich vernehmen konnte irgendwie lautgetreu zu Papier gebracht hatte, fragte mich Irene, ob ich denn überhaupt wisse wie man schreibe. Obwohl ich anfangs versucht hatte deutlich zu machen, dass ich das hebräische Alphabet noch nicht mal sicher beherrsche, überraschte sie meine Antwort, die sie nach etlichen Wiederholungen meinerseits schließlich verstanden hatte. Dann nahm sie mir mein Schreibzeug aus der Hand und fragte, wo sie es denn für mich aufschreiben könne. Ich deutete etwas verdutzt dreinblickend auf die leere Stelle unter meinen Aufzeichnungen. Auf meine Reaktion hin lieferte sie die Erklärung, dass sie ihre Brille verloren habe und nichts mehr sehen könne, sie aber nicht beabsichtige, versehentlich über meine Aufzeichnungen zu schreiben. Mit zittrigen Bewegungen hielt sie meinen Kuli wie ein Kleinkind einen Wachsmaler in ihrer Hand und brachte in blattfüllender Größe von rechts nach links eine Reihe mit Mühe zu erkennende Schriftzeichen auf mein Blatt. Dies bereitete ihr größte Mühen, half mir aber letzten Endes nur bedingt weiter. Kim schien das alles ganz locker hinzunehmen und schaute alle 2 Minuten auf ihr Handy. Ich startete noch einen Rettungsversuch und schlug vor,  etwas systematischer vorzugehen, daraufhin wurde mir breit erläutert, dass seitdem sie ihren Hebräischunterricht vom Gemeindehaus zu sich nach Hause verlegt habe, seien alle ihre Lernzettel und Materialien verschwunden und niemand könne ihr dort noch weiterhelfen, sie werde sich aber nochmals darum bemühen, diese ausfindig zu machen. Nachdem sie mir das umständlichst erklärt hatte, tat sie mir fast ein wenig leid. Nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte Irene aber dann auch begriffen, das ich nicht so erpicht darauf war, in diesem Stile den Unterricht fortzuführen. Während im Hintergrund ein Nachrichtensprecher, den Bildern zufolge über das iranische Nuklearabkommen berichtete, begann sie uns dazu zu ermutigen, hebräische Kirchenlieder zu singen. Angefangen mit einer leichten Version von Halleluja. Ob sie hörte oder sah, dass sie alleine sang und wir nicht mit einstimmten, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber danach leitete sie das Ende, meiner ersten und auch gleichzeitig letzten Unterrichtseinheit bei ihr ein. Ich bedankte mich höflich, entrichtete meine Gebühr und ging etwas verwirrt und durcheinander Richtung Ausgang. Doch bevor ich das Haus verließ wendete ich mich nochmal an Kim und fragte sie wie lange sie schon unter diesen Bedingungen hebräisch lerne. Obwohl ich keinerlei Erwartungen hatte, traf mich bei ihrer Antwort dennoch der Schlag, als sie mir sagte, dass sie schon seit einem Jahr in Israel sei und hier hebräisch lerne, faktisch aber keinen einzigen, alltagstauglichen Satz sprechen könne, geschweige denn etwas lesen. Erleichtert trat ich ins Freie und atmete tief durch. Vor mir blickte ich auf die belebten und sonnendurchfluteten Straßen Jerusalems. Aus einem Café,  schallte laute Musik herüber und Kinder spielten auf der Straße. Als ich wieder zurück fuhr, beschäftigte mich die Frage, was diese Frau dazu gebracht haben mag, immer noch öffentlich Unterricht anzubieten. „Der Vater ist groß!“ wird wohl immerhin auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben. Ich werde mich wieder auf die Suche nach einem Hebräischkurs begeben und hoffe, dass demnächst die hebräischen Vokabeln so in meinem Gedächtnis kleben bleiben, wie dieser unvergessliche Vormittag der besonderen Art.

Schädlinge am Sabbat

Am selben Abend ging ich mit meinem Mitbewohner Karim noch in einen öffentlichen Park, um mich noch etwas an den dort öffentlich zur Verfügung stehenden Sportgeräten zu betätigen. An diesem Abend war dem jüdischen Glauben nach „Simchat Torah“, der letzte Feiertag des jüdischen Neujahrsfestes, also das Ende von Sukkot und dem Übergang ins neue Jahr. Es war schon recht spät abends, als ein orthodoxer, junger Mann auf uns zukam und uns fragte ob wir jüdisch sein. Sein Englisch war wirklich sehr schlecht, aber meine zuvor angeeigneten Hebräischkenntnisse konnten da auch nicht weiterhelfen, obwohl er es sich sicherlich bestätigt hätte, wenn ich „Der Vater ist groß!“ gesagt hätte. Nach kurzen Verständigungsproblemen stellte sich heraus, dass er aus Frankreich kam und in Paris lebte. Das hat mich unglaublich gefreut nach so langer Zeit mal wieder etwas Französisch mit jemandem zu sprechen. Auf Französisch erklärte er mir dann, dass er in seinem Haus ein Ameisenproblem habe und bat uns etwas beschämt, ob wir es beseitigen könnten. Ohne zu zögern folgten wir ihm in seine Ferienwohnung und erkannten schon beim Eintreten ins Haus das Problem. Am Schrank und an einer danebenstehenden Lampe krabbelten Tausende kleiner Insekten. Sie saßen so dicht, dass man an einigen Stellen gar nicht mehr den Untergrund sehen konnte. Uns wurden Tücher, Wasser und scharfe Reiniger in die Hand gedrückt, bevor wir uns an die Arbeit machten. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis alle Plagegeister beseitigt waren. Währenddessen erklärte uns Ismael, der Franzose, dass er als Jude heute keine Arbeit verrichten dürfe und wie dankbar er sei, dass wir ihm halfen. Er bot uns noch Schokolade und Limo an, die wir ganz gerne annahmen. Nach getaner Arbeit wollte er uns für unsere Kammerjägertätigkeit auch noch bezahlen, was wir jedoch konsequent ablehnten, obwohl die gebotene Summe nicht unerheblich war.  Begeistert zeigte er sich im Anschluss, als wir ihm von unserem Interesse für Israel erzählten und dass wir hier freiwillig in einem Krankenhaus arbeiteten und sah es als eine große Wertschätzung für Israel an. Mir gefiel der Gedanke, dass die jahrtausendealte Vorschrift, am Sabbat nicht arbeiten zu dürfen, an diesem Abend Menschen zusammengebracht hatte, die sich sonst niemals kennengelernt hätten und die in gegenseitiger Wertschätzung und Dankbarkeit wieder auseinandergegangen sind, aus einem Verbot der Tora ist etwas entstanden. Als wir spät am Abend den Heimweg antraten, wünschte uns Ismael noch einen gesegneten Aufenthalt und alles Gute für unsere Arbeit.

Panik im Salon

Meine folgende Schicht am nächsten Morgen im Krankenhaus begann leider alles andere als gesegnet. Als ich die Station betrat, erklärte mir die Stationsleiterin aufgeregt, dass Mäuse in der Stationsküche seien, was mich zunächst nicht weiter beunruhigte. Doch als wir dann am Vormittag mit allen Kindern im Salon waren und Schwester Natalia die Küche betrat um etwas heißes Wasser zu holen, stieß sie plötzlich einen unerwartet gellenden, spitzen Schrei aus. Mitten in der Küche saß eine Ratte mit den Körpermaßen eines Bibers und musterte, mit einer Mischung aus Neugier und Angriffslust in den schwarzen Augen, die tapfere Schwester Natalia, ohne auch nur die geringsten Anstalten zur Flucht zu machen. In Panik griff die wackere Natalia mit hochrotem Kopf zum Telefon und alarmierte das Reinigungskommando des Krankenhauses, welches trotz des Feiertages in Windeseile in Kompaniestärke einsatzbereit auf die Station stürmte. Unerschrocken schnitten die Hygiene-Helden dem garstigen Nager den Fluchtweg mit einem gelben Bettlaken ab, rückten den Kühlschrank zur Seite, hinter dem das furchteinflößende Ungetüm es nun vorzog, seiner Bestrafung zu entgehen, während ich aufgefordert wurde, einen Eimer zu besorgen. Hastig brachte Schwester Larissa einen Besen mit langem Holzstiel, wahrscheinlich in Ermangelung effektiverer Mordinstrumente, um damit der flauschigen Flohherberge auf den Pelz zu rücken. Nun legte das Einsatzkommando erst richtig los, final sollte es nun dem possierlichen Pestüberträger an den Fellkragen gehen und  endgültig der Garaus gemacht werden. Entschlossen wurde das nun in Todesangst fauchende, haarige Monster unter dem Kühlschrank hervorgejagt und damit war sein Schicksal auch schon besiegelt: Ein dumpfer Knall, ein letztes, jämmrtliches Quieken – Rückgrat und Besenstiel zerbrachen während der Unhold nach kurzer Agonie sein Leben aushauchte. Applaus brandete auf und im gesamten Salon machte sich Erleichterung breit. Ungerührt nahm der Besen-Terminator  den erschlafften Kadaver ohne mit der Wimper zu zucken und warf ihn wortlos in den von mir bereitgestellten Bottich. Dann verschwanden sie, als sei nichts weiter gewesen: Mission accomplished. Die Kinder, denen es möglich war, waren mit ihren Rollstühlen so nah wie möglich an das Geschehen in der Küche herangerollt, um das Spektakel aus nächster Nähe zu verfolgen, denn auch sie erleben so etwas nicht alle Tage. Nur noch eine der Reinigungskräfte stand wie angewurzelt im Eingangsbereich und starrte fassungslos auf das Schlachtfeld, auf dem der schaurige  Schädling sein Leben gelassen hatte und das sie nun zu reinigen hatte. Ihr Widerwillen war nicht zu übersehen, also half ich ihr und brachte den Behälter samt borstigem Bazillenträger nach draußen., während mich dessen Knopfaugen vorwurfsvoll anstarrten. Wenig später stocherte ich lustlos im Mittagessen – mein Appetit war vergangen.

Nachtrag: Nach Durchsicht des letzten Abschnitts möchte ich noch eine Anmerkung machen: Der Text über die Ratte in der Küche möge bitte keinen falschen Eindruck hinterlassen – ich mag Tiere sehr gerne und war auch in diesem Fall sehr mitfühlend, lebe ich doch schon seit Jahren nach dem Credo “Tiere ehren statt verzehren” und umsorge auch häufiger an den Wochenenden den klinikeigenen Streichelzoo, bestehend aus Meerschweinchen, Hasen und anderen, äh, Nagern(!).

Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt

Hebron ist die größte palästinensische Stadt im südlichen Teil des Westjordanlands und ein religiöser Anziehungspunkt für Muslime, Juden und Christen, denn in der schon geschätzt 5000 Jahre alten Stadt befindet sich das Heilige Grab Abrahams, des Stammvaters der Juden und Araber. Gemeinsam mit Linda bin ich zu diesem Ort gefahren, wo wir erstmals hautnah einen bedrückenden Eindruck des Nahostkonfliktes bekamen. Hebron ist heutzutage geteilt: in H1 leben ca. 120.000 palästinensische Araber unter palästinensischer Verwaltung. Möchten Juden nicht massive Gefahr für Leib oder Leben riskieren halten sie sich besser aus dieser arabischen Zone raus. Das Osloer 2 Abkommen untersagt es Israelis offiziell sich in palästinensisch kontrollierten Gebieten aufzuhalten. In H2 leben ca. 30.000 Palästinenser und 800 fanatische jüdische Siedler, beschützt von mindestens genauso vielen israelischen Soldaten, was vor Ort regelmäßig zu Unruhen führt. Als Linda und ich nach einer etwas rasanten Busfahrt auf staubiger Piste als einzige Passagiere an der Haltestelle in H2 nahe „Haram el-Khali“ („Heiligtum des Freundes“, Abrahams Grabstätte) ausstiegen, beherrschte eine unheimliche Stille das Straßenbild, obwohl es mitten am Tag war.

Abrahams Grabstätte von außen

Die Straßen wirkten in der Morgensonne wie leergefegt. Menschenleere Höfe, lahmgelegte Fabriken, verrammelte Läden und zerfallene Häuser reihten sich in einer bedrückenden, gespenstischen Ruhe dicht aneinander. Die heiße, trockene und staubige Luft machte uns das Atmen schwer und ließ jeden weiteren Schritt zur Qual werden.

Menschenleere Straßen, verlassene Gebäude
Verrammelte Läden, Israelfahnen an jeder Ecke

Ich kam mir zwischen den Häuser auf einmal so klein, einsam und verlassen vor. Warum war niemand auf der Straße? Wo leben die Leute hier in dieser Stadt? Wir überquerten einen kleinen Platz, wo einige Juden mit Kippa und staubigen schwarzen Gewändern Vorbereitungen für die anstehenden Festtage tätigten, auch für sie ist der Zugang zum Heiligtum strengstens geregelt. Juden und Muslime gelangen über getrennte Eingänge in die ihnen zugeteilten Bereiche. Auch wir wurden nach einer Passkontrolle vor dem Eingang von einigen Soldaten kritisch gemustert, bevor wir die Stätte betreten durften, doch als „neutrale Person“ ist es unkompliziert, die verzierten Särge von Abraham und weiteren dort bestatteten Personen bestaunen zu dürfen. Imposant thronte ein pompöser Sarg inmitten eines viereckigen, nur spärlich belichteten Raumes. Doch der eigentliche Körper, so erklärte man uns, befinde sich angeblich in einer Kammer darunter. Im jüdischen Bereich des Heiligtums hielten sich etwa ein Dutzend jüdische Siedler auf, die dort beteten und sich auch nicht von unserem Besuch davon abhalten ließen. Am meisten fasziniert hat mich zu sehen, mit welch Frömmigkeit und Hingabe die orthodoxen Juden an diesem Ort beten. Sie alle haben ihren Gebetsschal, den Tallit über ihren Kopf gelegt und wippen beim sprechen der Gebete mit dem Oberkörper auf und ab.

Hebräische Gebetsbücher in der Machpela
Eingang zum heiligen Sarg

Am frühen Nachmittag machten wir uns dann gemeinsam auf in das in H1 liegende Stadtzentrum, wozu wir die ehemalige Altstadt durchqueren mussten, einer echten „Geisterstadt“. Seit dem Jahr 2000 wurden etwa 1800 Geschäfte geschlossen, mehr als 1000 überwiegend palästinensische Familien sind aus der Innenstadt geflohen und übrig geblieben sind eine Atmosphäre aus Angst, Hass und Repression, sowie ein Straßenbild geprägt durch versiegelte Wohnhäuser, verrostete Scharniere an den einstigen Basartüren und herabhängende Kabel. Die Gebäude am Straßenrand gleichen eher Ruinen als Wohnhäusern. Einige von ihnen sind auch schon komplett eingestürzt und nicht mehr als ein mit Steinen bedeckter Schutthaufen.

Charakteristisches Straßenbild der kleineren Seitenstraßen in H2. Die Autos gehören übrigens alle den jüdischen Siedlern, da den Palästinensern in diesem Bereich das Autofahren komplett untersagt ist (auch erkennbar an den Kennzeichen)

Doch am herausstechensten sind wohl die israelischen Streitkräfte der Zone H2. Alle 20 bis 50 Meter patrouillieren mit Maschinengewehren bewaffnete israelische Soldaten auf und ab. Auf dem kurzen Weg bis zum Checkpoint, um von H2 nach H1 zu gelangen, passieren wir ebenfalls eine Militärstation und einen Wachturm.

Zerfallene Häuser
Ruinen im Vordergrund, eine Militärstation mit gutem Blick über die Stadt im Hintergrund

An nahezu jedem noch stehendem Haus wehen Israelfahnen und Girlanden leicht im Wind der heißen Stadt, sodass die noch gebliebenen Palästinenser die Besatzung bei jedem Schritt sehen und spüren können. Nur in sehr wenigen der maroden Häuser auf der zentralen Straße harren noch immer Palästinenser aus und die Fenster und Balkone, hinter denen trocknende Wäsche und neugierige Kinderaugen zu sehen sind, gleichen Käfigen. Es sind selbst gebaute Gefängnisse, zum Schutz vor steinewerfenden, israelischen Siedlern. Das Militär ist für die Siedler da, nicht für die palästinensischen Familien. Anders als in anderen Städten des Westjordanlandes leben die Juden auch im ehemaligen Stadtzentrum. Daher kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern dieses Stadtteils. Die Bewegungsfreiheit der in H2 lebenden Palästinenser ist stark eingeschränkt. Sie dürfen die Haupt-Durchgangsstraße, Al-Shuhada-Street, und einige weitere Straßenzüge überhaupt nicht benutzen. Auf anderen Straßen dürfen sie nur einige kurze Abschnitte auf extra markierten schmalen Pfaden betreten. Die Haustüren zur Hauptdurchgangsstraße wurden somit versiegelt. Nur wenige Familien sind folglich in dieser Gegend geblieben, die nun ihre Häuser wie Diebe über Leitern und Dächer von der Rückseite aus erklettern müssen, erklärte uns etwas später Mohammed ein etwa 30 jähriger Palästinenser in gebrochenem englisch. Die israelischen Siedler genießen hingegen völlige Bewegungsfreiheit in diesem besetzen Bereich. Das Problem sei, dass Zone H2 quasi ein rechtsfreier Raum ist. Die israelische Armee ist dort zwar für die Sicherheit zuständig, allerdings nur für die der israelischen Siedler. Die Palästinenser werden in diesem Sicherheitskonzept nicht berücksichtigt und die palästinensischen Sicherheitskräfte dürfen in dieser Zone nicht agieren, fährt Mohammed nach einer langen Pause weiter fort.

Palästinaflaggen im arabischen Teil, H1
Moschee in H2, Schilder sind in diesem Teil ausschließlich auf arabisch

Wahrscheinlich gibt es in Hebron niemanden der nicht seine eigene Schreckensgeschichte zu erzählen hat, egal ob jüdisch oder muslimisch, denke ich mir. Die Menschen in dem belebten Stadtgebiet von H1, welches offiziell unter palästinensischer Verwaltung steht, scheinen sich schon über unsere bloße Anwesenheit zu freuen, denn es ist mittlerweile eine Seltenheit für sie geworden, Respekt und Interesse für ihre Umstände und Lebenswirklichkeiten zu erfahren. Je länger Linda und ich uns in der Stadt aufhalten, desto deutlicher wird mir, wie sehr in Hebron der Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist.

Arabischer Basar

Die Kinder die hier aufwachsen kennen kein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Frieden, ohne ständige Waffenpräsenz. Diese Erkenntnis löst in mir eine tiefe Traurigkeit aus und ich möchte allen Menschen vor Ort ein Leben in Frieden und Sicherheit wünschen, frei von der täglichen Schikane, den Erniedrigungen, Einschränkungen und der allzu offensichtlichen Perspektivlosigkeit.

Wo vor der zweiten Intifada bunte Märkte, geschäftiges Treiben und spielende Kinder das Bild der Altstadt bestimmten, findet man heute Straßenblockaden, Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Checkpoints und Militärpatrouillen. Warum sind die Leute aus der Altstadt verschwunden und die Mauern und Soldaten geblieben, geht es mir durch den Kopf?

Am Ende der nahezu ausgestorbenen Straße kreuzen Linda und ich mit einem etwas mulmigen Gefühl ein Militärlager. Dann passieren wir ungehindert das schwer bewachte Drehkreuz mit Metalldetektor, welches einen Durchgang von der H2 Zone in die H1 Zone ermöglicht, die andernorts durch Mauern und Stacheldraht voneinander isoliert sind. Jenseits des Checkpoints sind aus Sicherheitsgründen nur Palästinenser geduldet, keine Israelis. Auf der anderen Seite ist das arabische Leben auf den Straßen deutlich zu spüren. Auf der überdachten Hauptgasse der palästinensischen Innenstadt dringen wir in das Labyrinth der vollgestopften Läden, Werkstätten und Stände ein wo eine wuselige Betriebsamkeit herrscht. Eselskarren, Mopeds, Fußgänger und schreiende Kinder drängen sich durch die Gassen. Von den Bewohnern werden wir gleich als Touristen erkannt und hören auf unserer Querung des Bazars etliche Male „Welcome to Hebron“, „Nice that you come to visit Palestine“. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit kamen einige Kinder im Alter von vielleicht 6 Jahren auf uns zugelaufen, umarmten uns und griffen nach unseren Händen. Vielleicht waren sie neugierig wer wir waren, möglicherweise wollten sie uns etwas zeigen, aber ganz offensichtlich schien, dass es für sie nicht zum Alltag gehörte, westliche Touristen in ihrem Viertel zu sehen. Das änderte aber nichts daran, dass sie Umarmungen der Kinder in mir gleichzeitig etwas befremdliches auslösten, ich hatte so etwas bisher noch nie erlebt und konnte die Geschehnisse vor Ort in diesem Moment nur bedingt einordnen. Aber auch neben den orientalisch duftenden Gewürzen und dem beißendem Benzingeruch in der Luft blieb uns die vorherrschende Armut nicht verborgen. Neben leerstehenden Gebäuden, quoll Müll vielerorts aus Containern, die Straßen sahen dreckig aus und Stacheldraht und meterhohe Zäune begrenzten und trennten verschiedene Areale der Stadt.

ein stillgelegter Laden

Es macht mich traurig zu sehen unter was für menschenunwürdigen Bedingungen die Leute hier zum Teil leben müssen. Die Geschichte zeigt, dass Weltanschauungen und Religion Menschen wirklich zu allem befähigen. Doch welche Macht Ideen, Religion und Glaube haben wurde mir erst in Hebron bewusst. Seit meinem Besuch der geteilten Stadt lässt mich dieser Ort nicht mehr los. Doch es ist nicht nur die Unerträglichkeit der Situation die mich beschäftigt. Es ist vielmehr der Kontrast zwischen den Lebensbedingungen der Menschen einerseits und ihrer unendlichen Fröhlichkeit und Lebensfreude andererseits, die sie wahrscheinlich dazu befähigt, unter diesen Umständen ihre Existenz aufrecht zu erhalten. Schon völlig überflutet von den ganzen Eindrücken und Geschehnissen der Stadt, steigen Linda und ich am späten Nachmittag in einen Minibus, der uns nach Bethlehem bringt, um uns die heilige Geburtskirche Jesus anzuschauen, bevor wir Abends müde, erschöpft und voller Fragen und Gedanken im Kopf nach Jerusalem zurück kehren. Über die Begegnungen und Erlebnisse vor Ort werde ich euch in einem meiner folgenden Einträge berichten.

Einkaufsstraße in Bethlehem

Bei all meinen bisher gesammelten Einblicken bin ich mir sehr wohl bewusst, dass es sich bei meinen Erlebnisse nur um sehr einseitige, erste Eindrücke eines hochkomplexen Konfliktes handelt und hoffe sehr während meines Aufenthaltes noch weitere Perspektiven und Standpunkte nachvollziehen zu dürfen. Doch angesichts des Gesehenen halte ich die Bemühungen meiner Arbeitsstelle zur Verbesserung der israelisch-palästinensischen Beziehungen als absolut wichtig und unterstützenswert.   Letztlich gebe ich meine Hoffnung in Israel, Palästina und die internationale Staatengemeinschaft nicht auf, dass es eines Tages zu einer friedlichen Lösung kommt, welche die Menschenrechte wahrt, den Bewohnern ein würdevolles Leben ermöglicht und die Geisterstadt Hebron wieder zum Leben erwacht.

Alltag in unserer W.G. – Bundestagswahlen in Deutschland

Nach meiner Schicht, laufe ich nur wenige Minuten nach Hause in unsere WG., welche aus insgesamt 8 deutschen Freiwilligen besteht, 4 Frauen und 4 Männern. Neben unserem Haus, gibt es auch noch eine internationale WG., nicht weit von unserem Haus entfernt, wo 2 Freiwillige aus Norwegen leben, ein Brasilianer und eine Französin.

Alle aus unserem Haus kommen aus Deutschland und wir können uns als eine lustig-bunte Mischung beschreiben. Mein Zimmer teile ich mit Judith, einer ehemaligen Profibasketballerin. Wenn wir zusammen sind, finden wir immer ein Thema zum Reden, was auch schon die ein- oder andere Nacht hat sehr kurz werden lassen. Insbesondere der rege Austausch über Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen hier im Land sind mit ihr immer sehr fruchtbar, denn sie spricht schon recht gut Hebräisch und hatte auch in Deutschland schon intensiven Kontakt zu Israelis. Auch meine unermüdliche Suche nach etwas Essbarem in unserem Haus hat bei uns schon oft dazu geführt, dass wir aus spärlichen Zutaten noch ein improvisiertes Menü gezaubert haben. Besonders schätze ich an Judith ihre vertrauensvolle Art und ihr Bestreben nach Rechtschaffenheit gegenüber ihren Mitmenschen und Gott, womit sie für mich an vielen Stellen ein Vorbild darstellt.

Ebenfalls sehr gut verstehe ich mich mit Lara, die nach der Schule schon eine Ausbildung als Zahnarthelferin abgeschlossen hat, nachdem sie festgestellt hat, dass der Friseurberuf nicht das Richtige für sie ist. Sie hat eine russischstämmige Familie und ist selber Jüdin, weshalb sie sich dem Land hier besonders verbunden fühlt und auch die jüdischen Feiertage zelebriert. Demzufolge wird man beispielsweise des Öfteren von ihr am Sabbat aufgefordert, das Licht anzuschalten oder etwas Teewasser aufzusetzen, da es sich ihr verbietet zu arbeiten. Nach eigenen Angaben mag sie gerne „Essen und Shoppen“, was sie aber nur unzureichend beschreibt, denn gerade die Art und Weise, wie sie sich das Land und die Kultur auf eigene Weise erschließt, halte ich für ganz besonders.

Am 24. September war Bundestagswahl in Deutschland und mit Entsetzen musste ich das Abschneiden der AFD zur Kenntnis nehmen. Ich weiß, es gibt viele Gründe für dieses Ergebnis, viele Enttäuschungen, die lange zurückliegen, viel auch berechtigte Kritik an der Großen Koalition, viel zu wenig Opposition und Alternativen. Offenbar haben viele vor allem gegen die Regierung protestiert und sicher sind die wenigsten der AFD-Wähler Nazis und dennoch:

Mit ihrem Kreuz bei der AFD billigt auch jeder Protestwähler Äußerungen eines Alexander Gauland, man dürfe „stolz sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, wobei ich ihn sehr gerne gefragt hätte, welche Leistung er damit gemeint habe und ob er das auch Überlebenden von Auschwitz erklären könne. Er billigt auch Äußerungen eines Björn Höcke vorgetragen mit dem Tremor von Joseph Goebbels und das massive, bewusste Schüren von Ängsten. Wohl die Wenigsten dieser Protestwähler haben sich einmal überlegt, wie ein solches Wahlergebnis in anderen Ländern erlebt wird und welchen Begleitschaden ihr Protest dort anrichtet. Ich hoffe jedenfalls, dass ich hier in Israel nicht in die Verlegenheit komme, das Wahlergebnis in Deutschland kommentieren zu müssen oder mit unsägliche Aussagen von AFD-Politikern konfrontiert zu werden, es wäre mir einfach peinlich.

Ablauf auf der Krankenhausstation

Auf der Krankenhausstation stellt sich nun immer mehr ein Alltag für uns neue Volontäre ein und es gelingt uns zunehmend besser, bei der täglichen Routine unterstützend mitzuarbeiten. Arbeiten wir in der Frühschicht von 7-14 Uhr gehört es u.a. zu unseren wesentlichen Aufgaben die Kinder zu wecken, zu duschen, anzuziehen und künstlich zu ernähren.

Mädchenzimmer meiner Krankenhausstation

All diese Aufgaben, die uns in unserem Leben so nebensächlich und selbstverständlich erscheinen, erfordern bei den kleinen Patienten viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Bei manchen Kindern stellt es schon eine Herausforderung für mich dar, ihre schlaffen, bewegungslosen und gebrechlichen Körper sanft auf die schmale Liege zu legen, auf der sie gewaschen werden. Genauso wenig, wie sie ihren Kopf selbst halten können, ist es ihnen möglich sich verständlich zu machen, falls ihnen das Wasser zum Waschen zu warm oder zu kalt ist. Die Kinder werden von Kopf bis Fuß mit einem Waschlappen reichlich eingeseift, sodass dabei nicht selten der Schaum bis auf meine Schuhe trieft. Besonders große Aufmerksamkeit muss jedoch der fortlaufenden Beatmung der Kinder geschenkt werden, die niemals unterbrochen werden darf. Da von der Muskelschwäche auch ihre Atem- und Schluckmuskulatur betroffen ist, sind bis auf 2 der 8 Kinder alle auf ihre Beatmungsmaschine angewiesen. Doch auch beim Duschen der Kinder ohne Atemmaschine muss gewissenhaft darauf geachtet werden, dass kein Wasser in ihren künstlichen Luftröhrenzugang gelangt, denn es ist ihnen nicht möglich das Wasser aus eigener Kraft wieder abzuhusten, so wie es uns möglich wäre. Passiert dies trotzdem, oder verstopft etwas Schleim die Atemwege muss rasch gehandelt werden. Mit einem speziellen Absauggerät müssen jegliche Fremdkörper entfernt werden, bevor die Sauerstoffversorgung unterbricht. Hierfür wird ein steriler Katheter in die Luftröhre eingeführt, um die für die Verstopfung verantwortlichen Stoffe schleunigst hinauszubefördern. Demzufolge besteht ein Teil unserer Aufgaben und Verantwortungen vorerst darin, die Kinder permanent sorgfältig zu beobachten und erste Alarmsignale für eine mangelnde Sauerstoffzufuhr rechtzeitig erkennen zu können, wie z.B. das Spreizen der Nasenflügel, eine sehr schnelle Herz- und Atemfrequenz, ein Einziehen des Brustkorbes und im akuten Falle eine Blau-graufärbung der Lippen, Nägel und Schleimhäute.

Mehrmals täglich müssen die Kinder ebenfalls über Magensonden, d.h. über künstliche Zugänge durch die Bauchdecke in den Magen, mit flüssiger Nahrung versorgt werden. Für die Nahrungsverabreichung und Spülung der Sonden sind die Freiwilligen ebenfalls zuständig, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Hygiene gelegt werden muss, denn es passiert häufig, dass sich der Zugang entzündet, behandelt oder gar erneuert werden muss. Besonders befriedigend zu sehen ist es für mich, dass sich quasi ohne Worte und nur durch teils minimale Bewegungen eine besondere Art der Beziehung zu den Kindern aufbauen lässt. Interessant ist dabei die Vielfältigkeit, auf welche Weise die Kinder einem zu verstehen geben, ob man etwas zu ihrer Zufriedenheit getan hat. Ein Augenrollen, ein Blick nach oben, weg schauen, direktes in-die-Augen-Schauen oder das weite Aufreißen und Strahlen der Augen dieser Kinder kann manchmal, so scheint es mir, mehr sagen als viele Worte. Jedes Mal, wenn ich nach langem Suchen und Probieren endlich herausgefunden habe, was nun eines der Kinder möchte, freue ich mich sehr, endlich das Richtige entdeckt zu haben. Bis jetzt am meisten fasziniert mich eine 10-jährige, bei der die Krankheit schon bedrohlich weit fortgeschritten ist, sodass sie innerhalb meiner letzten Schicht wegen Lungen- und Herzversagen zwei Mal das Bewusstsein verlor, die aber ansonsten immerzu bei wachem Verstand ist. Bewegen kann sie neben ihren Augen nur noch minimal einige Gesichtsmuskeln darunter auch ihre Zunge, obwohl sie nicht sprechen kann. Wenn es die Zeit auf der Station erlaubt, liebt sie es mit einem speziell präparierten Pinsel im Mund, gelbe und grüne Tusche auf einem Blatt vor ihr zu verteilen, indem sie ihn mit ihrer Zunge hin und her bewegt.

 

Meerschweinchen im Krankenhaus zum Kuscheln und Motivieren der Kinder bei Therapien

Einerseits stimmt es mich traurig, dass dieses Mädchen womöglich nicht mehr lange zu leben hat und jeder Tag womöglich ihr letzter sein könnte, andererseits finde ich es bemerkenswert, dass dieses todkranke Kind noch immer Freude an Dingen findet und ich denke dies spricht für eine sehr gute Arbeit die in diesem Krankenhaus geleistet wird.

Wellensittiche im Krankenhaus zur Unterhaltung der Kinder

Was mich außerdem betrübt ist die Tatsache, dass einige der Kinder von ihren Eltern nahezu vergessen wurden. Bei einem 12-jährigen Mädchen der Station kann sich keiner der Schwestern und Pfleger mehr daran erinnern, wann es zuletzt Besuch hatte. Auch private Kleidung hat es kaum mehr, die noch einigermaßen passt. Alle Hosen sind zu kurz und ihre T-Shirts spannen und lassen sich mit Mühe über ihren Bauchnabel ziehen. Wenn es nicht gelingt, ganz schnell passende Kleidung zu organisieren, werde ich selber etwas kaufen. Trotz ihrer Krankheit darf man nicht vergessen, dass sie auch ganz normale Mädchen sind, die gerne hübsch angezogen sind und Glitzerspangen lieben.

 

Kleines Land – große Vielfalt

Israel, das Land welches kaum größer ist als Hessen und über etwas mehr als 8 Mio. Einwohner verfügt, hat landschaftlich und kulturell umso mehr zu bieten. Auch ich hatte schon das Glück etwas herumreisen zu können, um mir selbst einen Eindruck der einmaligen und unvergleichlichen Orte zu verschaffen. Da das Land so klein ist und Jerusalem so zentral liegt, ist es gut möglich an freien Tagen bereichernde Tagestouren zu unternehmen. Meine erste Unternehmung startete ich in Begleitung von Mae, einer Freiwilligen die ebenfalls im Alyn-Hospital gearbeitet hat, in Richtung Totes Meer. Für mich sind es hier die ersten Reisen im Land, für Mae sind es die letzten, bevor sie nächste Woche auf die Philippinen in ihre Heimat zurück fliegt, um dort nach einer längeren Auszeit als Immobilienmaklerin weiter zu arbeiten.

Umso spannender ist es für mich, was sie von ihren Erfahrungen im Land und auf der Arbeitsstelle erzählt, wie mütterlich sie über die Kinder spricht und mit der Zeit immer besser gelernt hat, auf kleine Zeichen im Gesicht der Kinder zu achten um ihre Wünsche zu verstehen. Nach einer Busfahrt in einem völlig unterkühlten Bus, durch staubige, trockene Wüstenlandschaft und erstaunlichen, in der Hitze flirrenden Sandformationen, erreichten wir das Tote Meer.

 

Wüstenlandschaft auf der Anreise zum Toten Meer

Ich war wahnsinnig gespannt, in dem extrem salzigen und ungeahnt heißen Salzwasser zu baden und nun stehe ich davor. Mit einem Salzgehalt von über 33% ist dieser fast 10 mal so hoch wie im Mittelmeer. Wegen des unglaublich hohen Salzgehaltes haben sich an vielen Stellen bizarre Salzsteinformationen gebildet, die geradezu gespenstisch aus dem Wasser ragen und am Ufer einen weißen Salzsaum bilden. Das Badeerlebnis ist unvergleichlich, zwar ist Schwimmen im eigentlichen Sinne nicht möglich, denn schon ab einer geringen Tiefe verlor ich beim Hineingehen den Boden unter den Füßen, aufgrund des starken Auftriebes. Auf dem Rücken liegend schwebte ich wie ein Korken auf dem Wasser und paddelte mit Armen und Beinen wie ein Hund durch das sich ölig anfühlende Wasser. Entspannt auf dem Wasser dümpelnd, genoss ich die angrenzenden, spektakulären Felsformationen und den Blick auf das nicht weit entfernte Jordanien.

 

Badestrand am Toten Meer und Blick bis nach Jordanien

Auch die heilsame Wirkung von Totem Meer-Schlamm ist uns beiden bekannt, weshalb wir nicht zögerten uns großzügig mit dem tief schwarzen Schlamm von Kopf bis Fuß einzucremen und ihn in der Sonne trocknen ließen. Als ich die Körperpflege einige Zeit später wieder abwusch, fühlte sich meine Haut leicht seltsam an. Ob es meiner Haut wirklich so gut getan hat, wie oftmals propagiert, kann ich nicht mit letzter Gewissheit sagen, Spaß gemacht hat es aber allemal, nur eine Erfrischung war es bei der Wassertemperatur nicht.

 

fragwürdige Hautpflege mit Schlick

Am folgenden Tag reisten wir zusammen an den wunderschön gelegenen See Genezareth, im Norden des Landes. Wie eine Oase scheint das satte Grün um den See herum und an den Ufern des Jordans mitten in der Wüste zu wachsen. Das machte hier die Erfrischung in den Fluten zu einem ganz besonderen Erlebnis.

der erfrischende Jordan
Badespaß mit Mae

Inmitten dieser grandiosen Umgebung befällt mich plötzlich eine Traurigkeit: ich denke an meine kleinen Patienten, die niemals diesen Ort erleben können, niemals in einem Fluss baden werden…

Am Ende des Tages bin ich müde, erschöpft und erfüllt wieder nach Jerusalem zurück gefahren, hatte jedoch nicht das Gefühl, den Ort in seiner Gänze erfasst zu haben, sondern nur einen ersten Eindruck bekommen zu haben, der mich neugierig auf mehr gemacht hat und ich bin mir sicher, ich werde während meines Jahres hier noch viel in dieser Gegend wandern und unternehmen.

Am folgenden Nachmittag fuhr ich mit Linda, einer norwegischen Freiwilligen nach Tel Aviv, wo wir erst den Sonnenuntergang und Badespaß am Strand erlebten und dann noch etwas das Flair des besonderen Nachtlebens der Stadt genossen.

 

Sonnenuntergang am Strand von Tel Aviv

Weit weg scheinen hier die politischen Probleme und die Religiosität, denen man in Jerusalem scheinbar auf Schritt und Tritt begegnet. Männer mit Kippa, Hüten und Schläfenlocken sieht man hier nur wenige, dafür umso mehr junge Leute, Bars und Clubs, die ein Nachtleben genießen, das mindestens so laut und leuchtend ist, wie in den europäischen Metropolen.

Der erste Arbeitstag

Heute wurde den Freiwilligen die Station gezeigt, auf der sie demnächst tätig sein werden. Ich unterstütze auf einer Station die insgesamt 8 Kinder im Alter zwischen 4 und 14 Jahren betreut, welche alle an verschiedenen Arten von Muskeldystrophien leiden. Ihnen ist es nicht möglich ohne Fachpersonal das Krankenhauszimmer zu verlassen. Bis auf eine Ausnahme sind alle von ihnen auf ihren Rollstuhl angewiesen. Auch Essen und Atmen können sie nicht aus eigener Kraft, sodass sie durch einen künstlichen Zugang in der Luftröhre konstant beatmet werden müssen und ebenfalls auf eine künstliche Ernährungsform angewiesen. Die Pflege, Versorgung und medizinische Betreuung dieser besonderen Patienten erfordert ausgesprochen viel Liebe, Mitgefühl und Verantwortung, wozu jeder Freiwillige auf der Station seinen Beitrag versucht so gut wie möglich zu leisten. Sprechen und deutliche Mimik im Gesicht zeigen können nur 2 Kinder, manchen von ihnen sind sogar komplett stumm und können nur noch Augen und wenige Finger bewegen, sind aber trotzdem im Kopf ganz klar. Die ganze Zeit während ich mich um diese Kinder kümmerte fragte ich mich, was diese wohl sagen und erzählen würden, wenn sie einmal die Möglichkeit dazu hätten und versuche, ihre wenigen Signale zu lesen. Mich beschäftigt weiterhin die Frage, wie es für diese Kinder wohl sein mag, mit keinem seine Gedanken und Gefühle teilen zu können, sich nicht bemerkbar machen zu können bei Hunger, Durst oder Schmerzen, sondern trotz vollem Bewusstsein, maximal hilflos und auf andere Menschen angewiesen zu sein. Dieser erste Arbeitstag hat mich die große Bedeutsamkeit erfahren lassen, die Ansprüche und Bedürfnisse eines jeden Menschen wahrzunehmen, zu achten und damit vorsichtig und verantwortungsvoll umzugehen, gerade wenn mein Gegenüber mir völlig ausgeliefert ist. Trotz dieser großen Verantwortung freue ich mich auf meine weitere Einführungsphase und Arbeit, denn es ist ein erfüllendes Gefühl zu wissen, den Kindern einige winzige Lichtblicke in ihrem Alltag verschafft zu haben und ihnen Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, die sie sich so sehr wünschen.

ALYN – All the Love You Need

Die gemeinsame Einsatzstelle der Freiwilligen aus unserer WG. stellt das Alyn-Hospital dar, ein Kinder- und Jugendkrankenhaus, welches insbesondere auf die Rehabilitation und Krankheitsbegleitung von jungen Menschen spezialisiert ist. Dazu zählen z.B. Kinder mit chronischen Krankheitsbildern durch Gehirn und Wirbelsäulenverletzungen, schwere Brandverletzungen oder progressive Muskelerkrankungen (Muskelschwund).

Je nach Krankheitsbild kommen manche Kinder nur zu bestimmten Untersuchungen ins Krankenhaus, anderen ist es leider schon von klein auf nicht möglich zu Hause zu leben, da sie zum Leben auf zahlreiche Maschinen angewiesen sind. Auch für diese Kinder wird im Alyn-Hospital rund um die Uhr gesorgt. Das meines Erachtens nach Besondere an der Einrichtung ist das Maß in dem sich bemüht wird, die israelisch-palästinensischen Beziehungen im Kleinen zu verbessern, so werden dort alle Kinder, unabhängig von Glaube, Nationalität oder Herkunft gleichwertig behandelt und in dem Krankenhaus gibt es neben einer Synagoge auch einen muslimischen Gebetsraum. Schilder und Informationen werden neben hebräisch, auch in englisch und arabisch ausgewiesen. All das scheint in anderen Einrichtungen leider keineswegs selbstverständlich zu sein, ebenso wie der beachtliche Anteil an dort arbeitendem muslimischen Personal.

Das was mich jedoch am meisten an der Einrichtung beeindruckt hat, ist das es sich dabei um ein gemeinnütziges Krankenhaus handelt, welches neben Spendengeldern auch sehr auf die Unterstützung von freiwilligen Helfern angewiesen ist.

Sabbat in Jerusalem

Heute wurde hier in Jerusalem Sabbat gefeiert. Der Sabbat (Samstag, vergleichbar mit Sonntag) ist der jüdische Ruhetag und stellt den letzten Tag der Woche dar, folglich darf an ihm, laut Tora, keinerlei Arbeit verrichtet werden. Interessant stelle ich fest, dass die Tage im jüdischen Kalender mit dem Sonnenuntergang beginnen und bis zum Einbruch der Dunkelheit am folgenden Tag dauern. Nachdem ich zu beginn des Tages die ersten hebräischen Schriftzeichen zu lernen begann, entschieden wir uns mit großem Tatendrang zu einer gründlichen Saubermach-Aktion. Nachdem alle Schränke ausgeräumt und die Küche geschrubbt wurde, fluteten wir den Boden.

Nach getaner Arbeit fuhren wir recht günstig mit dem Taxi ins Jerusalemer Zentrum, um uns einen ersten Eindruck von der „Heiligen Stadt“ zu verschaffen. Am meisten beeindruckt haben mich die Kontraste des Stadtbildes. Neben dunkel gekleideten, ultraorthodoxen Juden mit Hut, Locken und Bart, pulsierte das Leben in den vielen Lokalen der Stadt mit lauter Musik, Shishabars und schreienden Händlern, welche den Eindruck des öffentlichen Lebens prägten.

Ankunftsseminar in Haifa

Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich über mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum für das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas müde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. Dieser erklärte mir seelenruhig während ich gespannt darauf war, die weiteren Freiwilligen wieder zu sehen, dass es in Israel heiße, in Jerusalem werde gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet. Haifa sei nicht nur die schönste und sauberste Stadt, sondern auch die modernste Stadt des Landes. Was es mit diesen Aussage auf sich hat, werde ich sicher im kommenden Jahr herausfinden. Voller Vorfreude und Erwartungen traf ich nach einer anstrengenden Anreise auf die weiteren Freiwilligen, die z.T. so wie ich ich mit dem Deutschen Roten Kreuz vor Ort waren, teils mit anderen Entsendeorganisationen.

Das Seminar vor Ort war ausgesprochen informativ und vielfältig. Als Vorbereitung auf unsere künftigen Tätigkeiten standen die Arbeits- und Verhaltensweisen mit Menschen mit besonderen Ansprüchen und Bedürfnissen im Vordergrund sowie der Umgang mit ihren Angehörigen.

Besonders berührte mich der Bericht einer fürsorglichen Mutter, die einen schwerbehinderten Sohn hat, der nach einer komplikationsreichen Geburt unter starken Entwicklungsverzögerungen leidet. Er ist beispielsweise nicht in der Lage vollständige Sätze zu sprechen, Sachzusammenhänge zu erfassen und wird auch bei kleinen Aufgaben in Alltag immer auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Mit erschütternder Offenheit sprach die Mutter mit uns über ihr Leid und strahlte neben ihrem unverkennbarem Schmerz auch eine tiefe Stärke und Willenskraft aus. Auf der einen Seite bekräftigte sie immer wieder, wie sehr sie ihren Sohn liebe und wie viel er ihr bedeute. Auf der anderen Seite kamen aber auch ihre negativen Gefühle zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihrem eigenen Kind „betrogen“ fühlte, da es nicht so normal war wie die anderen und über die große Enttäuschung die Mutter eines behinderten Kindes zu sein. In ihrem Umfeld wurde ihr nach eigener Schilderung oftmals mit Hilfslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ablehnung begegnet, denn wer, so fragt sie bitter, wolle denn etwas mit einem Kind zu tun haben, das sich nicht so verhalte wie die anderen? Alle Referenten zusammen haben durch Vorträge und Workshops den Teilnehmern einen Eindruck davon vermitteln können, was für eine Herausforderung es im Alltag darstellt, sich gegenüber körperlich oder psychisch beeinträchtigen Menschen offen und unverstellt zu verhalten, ihre Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und als gleichwertig mit unseren zu behandeln, auch wenn diese Menschen sie womöglich nicht auf dem Wege äußern, wie wir es tun können.

Interessant empfand ich ebenfalls den Vortrag eines israelischen Diplomaten über die Sicherheitslage in Israel und seinen Nachbarstaaten. Spannend war für mich vor allem in welchem Maße der fein zurecht gemachte, ältere Herr, in seinem etwas zu eng sitzendem Anzug die vom Iran ausgehende Gefahr für Israel betonte und über seine Verbindungen und Unterstützungen zur Hamas, Hisbollah und weiteren radikalislamischen Terrororganisationen im bewaffneten Kampf gegen Israel spekulierte. Er erklärte uns sehr sachlich, dass er die Existenzrechte Israels durch die Entwicklung iranischer Atombomben und Langstreckenraketen als stark bedroht ansah und verwies dabei auf zahlreiche Graphiken, die das stetig wachsende Einflussgebiet des Irans illustrieren sollten. Während seines gesamten Auftrittes stellte ich mir heimlich die Frage, was er wohl dazu sagen würde, dass ich vor nicht einmal einem Jahr in Teheran war und mein iranischer Austauschschüler in Kürze meine Familie in Göttingen besuchen wird.

Neben einem freien Nachmittag am weißen Sandstrand und rauschenden Wellen, bot sich uns ebenfalls die Möglichkeit einer Erkundung Haifas bei Nacht, abseits der touristischen Orte. Hannah eine weitere Mitfreiwillige, die ebenfalls sehr gerne Fahrrad fährt und ich zogen gemeinsam los. Auf dem etwas längeren und recht steilen Rückweg zur Unterkunft, legten wir beide eine kurze Verschnaufpause ein, denn an das heiße und tropisch – feuchte Klima vor Ort musste sich Hannah erst noch etwas gewöhnen.

Doch in gerade diesem Moment sprachen uns 2 ältere israelische Herren in Strandkleidung an, welche scheinbar gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten und nun ihren Feierabend genossen. Sie erkundigten sich neugierig, was wir hier taten und woher wir kamen. Sie reagierten beide mit offenkundigem Interesse an uns, als wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen. Ehe wir uns versahen blickten wir auch schon von der Dachterrasse, eines kleinen, verwinkelten Hauses mit altem Teppichboden, auf das endlose, bunte Lichtermeer der unter und liegenden Stadt, jede von uns mit einer kalten Limo in der Hand. Die Terrasse erschien uns im Vergleich zur Wohnung ungeahnt groß und nobel zurecht gemacht, mit Stühlen, Hängematte und exotisch wirkenden Pflanzen. Der Besitzer des Hauses war Sportlehrer und Bademeister von Beruf, der andere Herr hatte sein eigenes Restaurant in Haifa eröffnet, in dem die verschiedensten Landesspezialitäten probiert werden können.

Sehr freundlich und großzügig wurde sich um uns gekümmert. Neben dem landestypischen Hummus (eine üppig gewürzte Kichererbsenpaste, die hierzulande häufig zu Falafeln oder Fladenbrot gegessen wird) wurden wir mit zuckersüßen Feigen aus dem Garten und unglaublich frischen Mangos und Datteln versorgt.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile, doch schon nach Kurzem begann ich ein Gefühl dafür zu bekommen, was für eine Aktualität das Thema 2. Weltkrieg in Israel weiterhin hat, während es in Deutschland größtenteils unter den jungen Leuten manchmal schon fast vergessen scheint. Jede jüdische Familie hier hat ihre ganz eigene Geschichte, verbunden mit viel Leid, Unterdrückung, Misshandlung und Tod. Als Erinnerungsstücke und Dokumente zeigte uns einer der beiden Herrn noch einige Bücher seiner Mutter, darunter die gesammelten Werke von Wilhelm Busch, welche zahlreiche antisemitische Äußerungen enthalten und das Buch „Mein Kampf“. Während meiner Zeit in Israel möchte ich so viele Geschichten von Menschen wie möglich hören, ganz gleich ob fröhlich oder traurig. Der Restaurantbesitzer ist überaus begeistert von Deutschland und war bisher auch schon mehrere Male in Berlin. Sein Traum ist es, eines Tages ein Lokal dort zu besitzen, da er das Land und die Leute sehr schätzt und auch das deutsche Klima dem israelischen gegenüber bevorzuge. Angesichts dieser Gastfreundschaft und der Begeisterung für Deutschland schäme ich mich bei der Vorstellung, er könnte erfahren, wie viel Fremdenfeindlichkeit, Populismus und geschichtsverfälschende Äußerungen mittlerweile leider Alltag in Deutschland sind.

Es war schon tief in der Nacht, als wir von unserem Gastgeber verabschiedeten und uns für den interessanten Abend bedankten und sogar noch per Auto zu unserer Unterkunft gefahren wurden.

Am letzten Tag des Seminars wurden wir abgeholt und zu unserer WG. und zukünftigen Einsatzstelle in Westjerusalem gebracht, nahe des Mont Herzls und des Yad Vashems, des bedeutsamsten Holocaustdenkmals und Gedenkstätte Israels. In dem Haus leben insgesamt 8 Freiwillige aus Deutschland, immer zu zweit in einem Zimmer. Ich teile mein Zimmer mit Judith, die schon eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hat und dank ihres Judaistikstudiums schon erstaunlich gut hebräisch spricht. Seit unserer ersten Begegnung verstehen wir uns ausgesprochen gut, können uns über diverse Themen austauschen und kommen auch in unserem Arbeitsalltag gut miteinander zurecht.

Radreise nach Rom und Retour

Radreisen liegt im Blut

Schon solange ich zurückdenken kann, bin ich mit dem Fahrrad verreist – Paris, Prag, Berlin, Amsterdam, … – und daraus entstand der Wunsch, nach dem Abitur eine längere Fahrradreise alleine zu unternehmen. Mein Papa unternahm vor 30 Jahren seine erste längere Fahrradtour nach Venedig und zurück, sodass es für mich nahelag, ebenfalls Venedig als Ziel zu wählen.

Rom will erobert werden

Am Morgen des 5. Juli 2017 ging es für mich auf in Richtung Süden. Die Durchquerung Deutschlands gestaltete sich etwas beschwerlich, aufgrund der schwülen Temperaturen und permanenten Gewitter- und Unwettergefahr. Schon während der Fahrt durch Deutschland kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch, welche meine Tour oftmals belächelten oder für unmöglich erklärten.

Herausforderungen der Alpen

Am 7. Tag der Tour stand mir die Alpenüberquerung bevor. Ich entschied über das Timmelsjoch zu fahren. Nach einem mäßig steilen Anstieg durch das Ötztal, wurde die Sicht auf die angrenzenden Bergketten mit z.T. noch schneebedeckten Gipfeln immer großartiger, obwohl gegen Nachmittag eine dichte Wolkenfront über die Passstraße herzog und ein eisiger Wind aufkam. Nach einem anstrengenden Schlussanstieg, mit Steigungen von über 13%, kam ich überglücklich ich es geschafft zu haben auf der 2509 Meter hohen Passhöhe an.

Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs im Nebel
Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs im Nebel

Nach einer kurzen Pause wollte ich gerade meine Abfahrt in Richtung Südtirol starten, als mich 2 italienische Rennradfahrer anhielten und befragten, weshalb ich mich mit meinem „gesamten Hausstand“ auf dem Timmelsjoch befände. Als ich ihnen von meinen Plänen und Reisezielen erzählte, fanden sie es so tapfer und mutig, dass noch schnell ein gemeinsames Selfie geschossen werden musste, bevor ich meine Abfahrt fortsetzen konnte.

Die Straße führte steil und kurvig talwärts, sodass ein regelmäßiges Überprüfen der Bremsen und Felgen notwendig war, um ein gefährliches Überhitzen noch rechtzeitig vermeiden zu können. Zum Glück erreichte ich am späten Nachmittag sicher die italienische Stadt Meran.

Svea Venus mit Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs
Geschafft und glücklich lasse ich mich von einem Motorradfahrer auf der Passhöhe des Timmelsjochs fotografieren

Durch die Fahrt übers Timmelsjoch auf den Geschmack gekommen, entschied ich, noch einen Abstecher über das Stilfserjoch zu machen, das mit insgesamt 48 Kehren eine der höchsten und anspruchsvollsten Alpenpassstraßen darstellt. Von Meran aus fuhr ich bis zu einem winzigen Campingplatz, der nur kurz unterhalb des herausfordernden Anstieges lag.

Zelten unterhalb der Passhöhe des Stilfserjochs
Campingplatz unterhalb der Passhöhe des Stilfserjochs (mein Zelt ist das kleine grüne;)

Reisen verbindet

Dort traf ich ein sehr nettes Ehepaar aus Ungarn, das in der Gegend seinen Urlaub verbrachte. Bei einer Tasse Tee tauschten wir uns über viele politische und persönliche Themen aus und kamen gemeinsam zu dem Schluss, wie wichtig der interkulturelle Austausch und die Auseinandersetzung mit der Geschichte seines eigenen Landes für ein langfristiges, friedliches Fortbestehen Europas ist.

Gerade wenn man bedenkt, dass unsere Väter und Großväter noch gemeinsam in den Krieg zogen und wir nun friedlich hier zusammensitzen können, wird einem bewusst in was für einem Luxus wir heutzutage leben, den europäischen Nachbarn vertrauen zu können.

Ein Krieg innerhalb der EU ist unvorstellbar, Ost- und Westeuropa sind vereint. Darüber hinaus sorgt die EU nicht nur für billigere Telefonkosten in weitere Mitgliedsstaaten und Reisefreiheit, sondern macht es auch möglich und unkompliziert in jedem ihrer Länder zu leben und zu arbeiten. Aktuelle Entwicklungen und zunehmende Akzeptanz rechtspopulistischer Äußerungen machen es aber unerlässlich, diese Errungenschaften nicht für selbstverständlich hinzunehmen, sondern fordern dazu auf, sich aktiv für die in „Vielfalt geeinte Union“ einzusetzen. Durch die vielen Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft merkte ich, dass sie mir viel schneller vertraut wurden, als dies manchmal zu Hause der Fall war, schließlich waren wir ja beide gerade Fremde. Reisen hat also etwas sehr Verbindendes.

Berauschende Auffahrt zum Stilfserjoch

Da mir bewusst war, wie sehr das Stilfserjoch mit seiner steilen Passstraße, den vielen Kehren und phänomenaler Aussicht auch Motorrad- und Sportwagenfahrer magisch anzog, entschied ich mich noch vor dem Motorverkehr hinauf zu fahren.
Morgens um halb 5 ging es also im ersten Sonnenlicht los. In der frischen, kühlen jedoch merklich dünneren Morgenluft konnte ich also ungestört passaufwärts fahren.

Serpentinen des Stilfserjochs in morgendlicher Frühe, glücklicherweise ohne Verkehr
Serpentinen des Stilfserjochs in morgendlicher Frühe, glücklicherweise ohne Verkehr

Mit jeder weiteren Kehre sah ich, wie ich an Höhe gewann und die Passhöhe langsam näherkam, was mich absolut begeisterte. Um halb 8 Uhr stand ich auf 2757 Metern über dem Meer. Kurze Zeit nach mir trudelten auch schon die ersten Rennradfahrer, Motorrad- und Sportwagenfahrer oben ein. Nachdem ich völlig euphorisiert und bester Laune in kurzer Fahrradhose durch ein Schneefeld tappte, lud mich ein österreichischer Rennradfahrer ganz unerwartet zu einem heißen Kakao ein.

Serpentinen des Stilfserjochs
stolzer Rückblick auf die überwunden Steigungen

Dank der Endorphine war die Auffahrt zum Stilfserjoch schon fast zum Trip geworden.

Autogrammkarte bitte!

Vor Beginn meiner Reise hätte ich nicht im Traum damit gerechnet, welche Fülle an lustigen, warmherzigen und auch skurrilen Begegnungen mit Menschen sich unterwegs ereignen würde und wie viel Anerkennung, Zuspruch, Wertschätzung und Anteilnahme ich von fremden Menschen erhalten würde.

Auf der Passhöhe wurde ich beispielsweise gefragt, ob ich berühmt sei, worauf hin ich nur scherzhaft erwidern konnte, dass ich es momentan leider noch nicht sei, jedoch kontinuierlich daran arbeite. Darauf bat mich der Herr freundlich um eine Autogrammkarte, mit der Aussicht darauf, dass diese eines Tages womöglich von immensem Wert sein könnte.

Zielfoto am Stilfserjoch
Fotoshooting auf der Passhöhe

Diese oftmals kleinen und kurzen Begegnungen verleihen der Reise einen ganz eigenen und individuellen Charme und machen sie zu etwas Unvergesslichem und Einmaligem für mich. All diese ungeplanten Erlebnisse lassen sich natürlich nicht wiederholen. Oftmals waren es aber auch die einfachen, warmherzigen Gesten der Menschen, die mir positiv in Erinnerung blieben.

Einmal als ich im Schatten eines Baumes, nahe eines Wohnhauses eine kurze Rast einlegte, kam ein freundlicher älterer Herr, der offensichtlich gerade seine Gartenarbeit unterbrochen hatte, auf mich zu und drückte mir ungefragt ein paar Bananen in die Hand. Ich habe unterwegs viele solcher Geschenke in Form von Übernachtungsangeboten, Zuspruch oder Essbarem erhalten und diese Erlebnisse zum Anlass genommen, bei sich bietender Gelegenheit auch für Andere ein ähnliches, bedingungsloses Geschenk zu machen.

Elterliche Fürsorge in Tirol

Es überraschte mich, dass ich als allein reisende junge Frau offenbar eine ziemliche Rarität darstellte. So ist es wohl auch zu erklären, dass ich bei vielen Menschen so etwas wie „ein elterliches Fürsorgegefühl“ auslöste und vielmals das Bedürfnis erweckte, sich sorgsamst um mich zu kümmern. So wurde ich bei einem herannahenden Gewitter in Tirol von einer liebevollen Familie, nach einer kurzen Unterhaltung ins Haus gebeten, wo sich aufwändig um mich gekümmert wurde. Trotz der eingeschränkten Verständigung, die mehr über „Hände und Füße“ funktionierte als über Sprache, entstand unglaublich schnell ein Gefühl von Vertrautheit, Anteilnahme, Respekt und Verbundenheit was mich sehr erstaunte.

Noch während ich die Dusche im Haus genoss, wurde mein Bett bereitet und ein üppiges Essen gekocht. Natürlich gab es neben frischem Obst und Gemüse aus dem Garten, Nudeln mit Tomatensoße, wie eigentlich immer in Italien. Bei jeder Form von Begegnungen war ich mir stets bewusst, dass ich nicht nur einen Eindruck von den Menschen mitnahm, sondern ebenfalls auch einen hinterließ, weshalb ich mich stets auch als Repräsentantin meines Landes empfand.

Vom Stilfserjoch aus führte mich meine Route über den Gaviapass, entlang des Gardasees nach Venedig. Nach über 1500 km stand ich endlich in der atemberaubenden, unbeschreiblich schönen Stadt.

I DID THE PASSO GAVIA!
Gaviapass
Stadtbild von Venedig
Stadtbild von Venedig

Ankunft in Venedig

Um zu meinem Hostel zu gelangen, musste ich nun mein bepacktes Fahrrad durch die vielen engen Gassen, über Brücken und Treppen zerren, vorbei an großen Strömen von Touristen. In meinem Hostel mit Meerblick traf ich Jugendliche aus aller Welt, mit denen ich in den folgenden Tagen gemeinsam die beeindruckende Stadt besichtigte.

Besonders fasziniert hat mich der starke Kontrast von großen prunkvollen Gebäuden und Plätzen auf der einen Seite im Gegensatz zu maroden, morschen und teilweise schon verfallenen Häuser, die direkt ans Wasser gebaut wurden. Es gibt dort bunte Obst- und Fischmärkte, belebte Plätze, volle Cafés, prunkvolle Paläste mit prächtigen Sälen und elegante Gondeln. Doch überall in der Stadt herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, die ich gerne in Ruhe genossen habe.

Svea Venus mit Fahrrad auf kleiner Brücke in Venedig
Zielfoto in Venedig

Weiterreise nach Rom

In dieser unvergleichlichen Stadt fühlte ich mich so wohl und ich war insgesamt bisher so zufrieden beim Reisen, dass ich den spontanen Entschluss fasste, noch nach Rom weiter zu fahren und die Tour damit um weitere 1200 km zu verlängern.
Die folgenden 3 Etappen, über jeweils 200 km von Venedig bis nach Rom bei Temperaturen von über 45°C gehören mit zu den anstrengendsten Erlebnissen, die ich je hatte.
Davon zeugen auch ein täglicher Wasserbedarf von über 10 Litern, eine schwarz gewordene Silberhalskette, und von Sonne und Schweiß entfärbte Kleidung. Nach meiner Ankunft spät abends in der heißen und staubigen Stadt musste ich erstmals meinen Ankunftsrausch beim Kolosseum ausleben, bevor ich mich in den sehr frühen Morgenstunden in Richtung Hostel begab, welches ich vorab mit vermeintlicher 24-Stunden-Rezeption gebucht hatte. Als ich dort erschöpft ankam war dort jedoch alles düster und wirkte wie ausgestorben. Es bestand somit keine Chance für eine Übernachtungsmöglichkeit. Somit fasste ich etwas genervt den Entschluss, mich die noch verbleibende Nacht in einem durchgehend geöffneten Imbiss etwas zu regenerieren, um mir dann am nächsten Morgen eine vernünftige Unterkunft zu beschaffen.

Hilfe in der Not

Nachdem ich mir eine Pizza Margarita bestellt hatte, kam ich mit einem freundlichen, jungen Mann und seiner Schwester ins Gespräch. Wir konnten uns gut auf Französisch verständigen. Der Mann war Archäologe und arbeitete als Museumsführer in der Vatikanstadt. Er befragte mich zu meiner Tour und ich schilderte ihm meine missliche Lage. Unverzüglich bot er an, dass ich bei ihm in seiner sehr kleinen Wohnung übernachten könne, wo ebenfalls seine Schwester zu Besuch sei. Das ließ ich mir nicht 2 Mal sagen, schlang hastig meine Pizza herunter, da mir die Aussicht auf etwas Schlaf in dieser Nacht sehr wichtig erschien, auch wenn der Pizzabäcker etwas ungläubig dreinblickte, als er sein Werk so schnell wie selten zuvor hatte verschwinden sehen.

Die Wohnung in der Innenstadt von Rom war wirklich winzig, aber das änderte nichts daran, dass ich bald erschöpft auf meiner Isomatte einschlief. Als ich mich nach einem dürftigen Frühstück auf den Weg machte, um die Stadt zu erkunden, bot mir mein Gastgeber sogar noch sein Auto an. Aber in dem hektischen, ungeregelten Verkehr der Stadt hätte ich damit nicht viel anzufangen gewusst.

Die darauffolgenden Nächte verbrachte ich wie in Venedig in einem Hostel, wo ich mir etwas Erholung gönnte und meiner Kleidung eine ebenso wohlverdiente Waschmaschine. Die Erkundung der brüllend heißen Stadt war ausgesprochen spannend, denn der Einfluss der Antike ist bis heute prägend für die Erscheinung der italienischen Metropole und die Stadt als Ganzes erinnert wirklich an ein Museum, angesichts der unzähligen historischen Bauwerke.

Svea Venus mit Fahrrad am Kolosseum in Rom
Abschiedsfoto am Kolosseum in Rom

Beginn einer anstrengenden Rückreise

Zudem musste ich meine insgesamt ca. 2000 km lange Rückwegroute planen, wobei ich entschloss, noch einen kleinen Zwischenhalt in Pisa und Florenz vorzunehmen.
Doch bevor ich Rom wieder verlassen konnte, musste ich meinen, während der Reise durchgehend präsenten Heißhunger irgendwie in den Griff bekommen. Da mir mehrere Verwandte freundlicherweise noch etwas Geld zuschickten, denen ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich danken möchte, um die nun etwas verlängerte Reise finanzieren zu können, leistete ich mir in einem preiswerten Restaurant erst eine Pizza und bestellte dann noch eine Portion Nudeln nach. Auch der Nachtisch konnte mich noch nicht sättigen, aber ich wollte den sowieso schon etwas verdutzt wirkenden Kellner nicht überstrapazieren. Es war ja so auch schon peinlich genug!
Die Weiterfahrt durch die Toskana gestaltete sich landschaftlich sehr reizvoll, aber auch weiterhin sehr belastend durch die Hitze.

der schiefe Turm von Pisa
der schiefe Turm von Pisa

Fahrradreisen – kein Ding der Unmöglichkeit

Auffallend häufig wurde ich von den Menschen, die ich unterwegs traf und mit denen ich mich etwas unterhielt, gefragt, ob ich denn gar keine Angst hätte, so alleine zu reisen und oftmals schien es für sie nahezu unmöglich sich vorzustellen, wie solch eine Fahrradreise funktionieren kann.
Für mich selber kann ich sagen, dass ich weder vorher noch unterwegs Angst hatte.

Durch meine Reiseerfahrung und eine sorgfältige Vorbereitung erschien es mir möglich, bestimmte Risikofaktoren gezielt zu vermindern, wie z.B. durch das Tragen von gut sichtbarer Kleidung im Straßenverkehr sowie eine vorsichtige und vorausschauende Fahrweise.

Darüber hinaus kann ich in unvorhergesehenen Situationen klar denken, die Ruhe bewahren und den Fokus auf Lösungen beschränken. Durch Reisen und Kung-Fu-Training weiß ich, dass die tatsächlichen, körperlichen Grenzen sehr viel weiter entfernt liegen, als zunächst angenommen. Was die Übernachtungen anbelangt, bin ich ebenfalls geübt darin, auch abseits von Campingplätzen sichere Lagerplätze ausfindig zu machen. Trotz großer Vorsicht weiß ich selbstverständlich, dass ich gewisse Risiken eingehe, ohne die aber eine solche Erlebnisfülle niemals möglich gewesen wäre. Viele bereichernde Begegnungen hätte es auch niemals bei einer Reise zu Zweit oder in der Gruppe geben können.

Die Selbsterfahrung war gerade durch das Alleinsein und Auf-sich-selbst-gestellt-sein besonders intensiv. Viele meiner auf Reisen gesammelten Erfahrungen können mir auch im normalen Leben enorm weiterhelfen. Beispielsweise habe ich unterwegs erfahren, wie wichtig es ist, sich nicht von anderen Menschen sagen zu lassen, was möglich ist und was nicht, sondern sich selbst einschätzen zu lernen, auf seine Stärken zu vertrauen und sich immer wieder neue Herausforderungen zu suchen.

Darüber hinaus hat mir die Reise gezeigt, wie wichtig es ist, sich selbst viel zuzutrauen, hohe Ziele zu stecken und dass mit Kraft, Motivation, Ehrgeiz und harter Arbeit mehr möglich ist, als man selbst erwartet hat und andere für möglich gehalten hätten. Insbesondere während sehr anstrengender, beschwerlicher Etappen habe ich gelernt, mich für meine Ziele über lange Strecken hinweg selbst zu motivieren und nicht an meinem Vorhaben zu zweifeln. Die Entscheidung alleine zu reisen habe ich daher gut überlegt und bewusst getroffen.

Der weitere Verlauf der Route Richtung Heimat führte mich nach Österreich und von dort über den Groß Glockner. Während der Auffahrt erlebte ich 2 Mal innerhalb von 2 Stunden die Situation, dass Menschen, mit denen ich mich nur sehr kurz über unsere Reisen austauschte, mir beim Auseinandergehen ganz unvermittelt 20 Euro bedingungslos schenkten, nur um mich und meine etwas länger als geplant gewordene Reise zu unterstützen. Ich habe entschieden, dieses Geld an das Deutsche Rote Kreuz zu spenden, für das ich ab September einen einjährigen Freiwilligendienst im Kinderkrankenhaus „Alyn – Hospital“ in Jerusalem absolviere, um danach mit dem Medizinstudium zu beginnen.

Begegnung am Groß Glockner
Begegnung am Groß Glockner

Sintflut statt Hitze

Ab Salzburg bin ich eigentlich fast durchgehend im Regen gefahren, was jedoch dazu führte, dass ich statt in meinem durchweichten Zelt und mittlerweile ebenfalls nassen Schlafsack zu übernachten, vielerorts bei lustigen Leuten unterkommen konnte.

Fahrrad auf Bergstraße und Regenbogen
die schönen Momente nach einem sintflutartigen Regen

So übernachtete ich beispielsweise bei einem reichen Friseur, einem Rennradprofi (der mir sogar noch ein Erinnerungstrikot schenkte) und in einer lockeren und etwas chaotischen Studenten-WG. Nach insgesamt etwas über 4000 km erreichte ich am 12. August glücklich und erfüllt, und nach den letzten 800 km Sintflut, komplett aufgeweicht, wieder mein Zuhause. Doch bei all meinen Reisen hat es sich immer wieder bestätigt: Die Nässe trocknet, der Schmerz vergeht, doch die Erinnerung bleibt! Deshalb weiß ich schon jetzt, dass dies nicht meine letzte Reise dieser Art war.

 

Zukunft braucht Erinnerung – deutsch-polnische Jugendbegegnung

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 19 Jahre alt und mache zurzeit mein Abitur am Hainberg-Gymnasium in Göttingen. Im Wintersemester 2018 möchte ich mit dem Studium der Humanmedizin beginnen.

In einer Schülerdelegation bestehend aus 13 Jugendlichen (Schülerinnen und Schüler zwischen 16-19 Jahren) nahm ich Ende Februar an einer einwöchigen deutsch-polnischen Jugendbegegnung teil. Geleitet wurde das Projekt maßgeblich von Lydia Höllings und Iwona Domachowska, welche sich damit intensiv an der Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen beteiligen. Gefördert wird das Projekt vom deutsch-polnischen Jugendwerk.
Schon vor Projektbeginn habe ich mich mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen beider Länder auseinandergesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 80 Jahre nachvollzogen, um mich auf die Besichtigungen der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vorzubereiten.
In Polen wurde der deutschen Delegation, neben der Besichtigung der Holocaust-Gedenkstätten ein sehr umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die polnische
Kultur zu erlangen, z.B. durch das Probieren traditioneller Speisen, Stadtbesichtigungen in Krakau und der Stadt Auschwitz und umfangreiche Führungen, aber vor allem durch den direkten Austausch und Kontakt zu den gleichaltrigen pLolnischen Schülerinnen und Schülern.

Krakau – Unterwegs auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit
Während der gemeinsamen Zeit in Krakau stand das jüdische Leben in Krakau, sowie die Besonderheiten der jüdischen Kultur im Vordergrund. Auch eine Besichtigung der mittelalterlichen, historischen Altstadt blieb dabei nicht aus.
Bei einem Workshop im Jüdischen Museum haben wir uns ausführlich mit den Lebenswirklichkeiten der polnischen Juden vor und nach dem Krieg beschäftigt. Besonders schockiert hat mich die Tatsache, wie sehr Juden schon vor dem Krieg unter Vertreibungen, Entrechtungen und Sonderstellungen in der Gesellschaft litten. Bestimmte Berufe durften von ihnen nicht ausgeübt werden, an Wahlen durften sie in der Regel nicht teilnehmen und auch an den Schulen gab es lange Zeit feste Quoten für Juden, die nicht überschritten werden durften. Rund 70.000 Juden lebten vor dem Krieg in der Stadt an der Weichsel, sie machten etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Heute zählt die jüdische Gemeinde genau 176 Mitglieder, insbesondere ältere Menschen.
Dennoch ist die Stadt sehr von jüdischen Denkmälern und Orten geprägt. Das jüdische Viertel Kazimierz umfasst zahlreiche mittelalterliche Synagogen, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind. Ein sehr eindrückliches Erlebnis war zudem das hautnahe Nachempfinden der jüdischen Kultur. Dazu genossen wir ein typisch jüdisches Gericht in einem kleinen Restaurant und hörten uns dabei traditionelle Musik an. Mir haben die knusprig frittierten Gemüsefalafel mit einer würzigen Soße und die Brot-Suppe besonders gut gefallen. Im Anschluss daran spielte eine kleine Band, bestehend aus einem Kontrabassspieler, einem Geiger und einem Akkordeonspieler, mit großer Hingabe traditionell jüdische Musik. Einige Stücke enthielten abwechselnd erstaunlich schnelle Passagen, gefolgt von sehr langsamen und melancholisch wirkenden Teilen. Auch der Tonumfang war bei den gespielten Stücken beachtlich, hohe Töne wechselten sich mit extrem tiefen Tönen ab. Das war wirklich beeindruckend und hat mir gut gefallen. Andererseits führte mir dieses Erlebnis vor Augen, wie wenig ich eigentlich über die jüdische Kultur, ihre Sitten und Bräuche weiß und wie interessant es ist, sich damit zu beschäftigen. Traurig ist außerdem die Tatsache, dass es in meiner Heimatstadt Göttingen vor dem Krieg vielerorts jüdisches Leben gab, von dem nahezu nichts mehr geblieben ist.

Todesfabrik Auschwitz-Birkenau – das Ende der Menschlichkeit

Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen
Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.
Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.
Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende , sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen. Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.
Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.
Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende, sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen, welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

Zyklon B: „ Wir besprachen weiter die Durchführung der Vernichtung. Es käme nur Gas infrage, denn durch Erschießen die zu erwartenden Massen zu beseitigen, wäre schlechterdings unmöglich und auch eine zu große Belastung für die SS-Männer, die dies durchführen müssten im Hinblick auf Frauen und Kinder“ – Rudolf Höß, Sommer 1944 Arbeit oder Tod: Nachdem die Gefangenen in Auschwitz ankamen wurde bestimmt, wer arbeiten sollte und wer direkt ermordet würde. Dr. Joseph Mengele, der als „Todesengel“ bekannt war wählte Opfer für seine grausamen Experimente aus. Die Todgeweihten wurden in Gaskammern geschickt und das in Dosen gelieferte Blausäuregranulat Zyklon B wurde durch die Decke der Gaskammer eingestreut und vergaste die Insassen. Zyklon B war für die Wachen gut zu handhaben. Durch ein Fenster in der Gaskammer konnten sie zusehen, wie die Menschen erstickten und hörten ihre Schreie.

Auschwitz – nicht nur ein Vernichtungslager

Hinter dem Begriff Auschwitz verbirgt sich jedoch nicht nur das Konzentrations- und Vernichtungslager, welches für unsagbares Leid und den Tod von mehr als eine Millionen Menschen steht, sondern auch ein überschaubares Städtchen mit einem Marktplatz, einer Kirche, einer rekonstruierten Synagoge und sogar einem kleinen jüdischen Friedhof. Wir besichtigten auch diesen kleinen Ort. Unglaublich fand ich die Tatsache, dass im Ort Wohnhäuser neu gebaut wurden, mit Blick auf das ehemalige Vernichtungslager. Ich frage mich, wie man dort leben und jeden Tag auf das vergangene Grauen blicken kann? Trotz der einladend wirkenden Gebäude und Sehenswürdigkeiten im Ort Auschwitz konnte ich mich, wie die meisten anderen der Gruppe ebenfalls, hier nicht wohl fühlen.

Jüdisches Leben: Obgleich die Ursprünge des Judentums im Nahen Osten liegen, gibt es heute in vielen Ländern jüdische Gemeinden, die größten in Israel, Nordamerika und Europa. Während der Jahrhunderte wurden Juden immer wieder aus ihren Siedlungen vertrieben und gezwungen sich eine neue Heimat zu suchen. Eine kleine jüdische Gemeinde existiert heutzutage auch nach dem Krieg wieder in Krakau.

Menschen quälen – mit dem Hund kuscheln

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.
Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im “Dritten Reich” hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.
Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Krematorium in Auschwitz: Einige Gefangene wurden in Auschwitz für Sonderkommandos abkommandiert, um die Toten aus den Gaskammern zu holen. Zuerst begrub man die Opfer noch, doch die NS-Führer hielten die Verbrennung für effektiver und hygienischer. Krematorien (Verbrennungsanlagen) wurden gebaut. Es waren riesige Öfen und sie fassten mehrere Leichen. Manchmal versagten die Öfen, weil sie die Vielzahl der Leichen nicht bewältigen konnten. Im Sommer 1944, als täglich bis zu 20 000 Menschen in Auschwitz vergast wurden, hob man zusätzliche Verbrennungsgruben im Freien aus.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.
Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im “Dritten Reich” hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.
Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Deutschland, Polen, aber auch in Frankreich, den USA und vielen weiteren Ländern ist es ausgesprochen wichtig, dass sich junge Menschen mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um zu verhindern, dass sich derart schreckliche Entwicklungen wiederholen und Hass, Rassismus und Gewalt wieder Einzug halten und einen Platz finden in unseren Gesellschaften. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte macht mir noch einmal sehr deutlich, dass Werte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keinesfalls selbstverständlich sind, wie es uns heute oftmals erscheint, sondern ein schützenswertes Gut. Vor diesem erhält Artikel 1 des Grundgesetzes für mich noch einmal eine tiefere Unverrückbarkeit: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Angesichts der deutsch-polnischen Vergangenheit, ist es etwas Besonderes, dass ein solcher Jugendaustausch, wie wir ihn erleben durften, möglich ist. So können wir uns heute neu begegnen und kennen lernen, aber auch miteinander und voneinander lernen. Für mich war es eine tiefe Erfahrung, von der ich mir wünsche, dass auch andere die Möglichkeit haben diese zu erleben. Der Aufenthalt in Polen, einem unserer unmittelbaren Nachbarn und Mitglied der EU, hat mein Interesse an internationaler Politik und der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder intensiviert. Außerdem haben wir alle gelernt, was es bedeutet unser Heimatland im Ausland zu
repräsentieren, auch im Hinblick auf die Geschichte.

Geschichte endet nicht im Museum

Mir ist während dieses Austausches, insbesondere bei dem sehr berührenden Besuch der Gedenkstätte noch einmal deutlich vor Augen geführt worden, wie wichtig es ist, Widerstand gegen Faschismus zu leisten und dabei schon kleinste Anzeichen zu erkennen, um sofort handeln zu können. Außerdem ist mir bewusst geworden, welche Verantwortung jeder von uns hat, dass sich das unsagbare Leid der Menschen damals heute nicht wiederholt. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern wie wir vor Ort gesehen haben, der erste Schritt zu kollektivem Massenmord gegen ganze Völker. Darüber hinaus ist jede Form der Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung Einzelner oder ganzer Gruppen etwas, das es zu erkennen und zu verhindern gilt. Für mich persönlich habe ich auch aufgrund dieser Erfahrungen entschieden, den Zeitraum zwischen Abitur und Studium mit einer Tätigkeit füllen, die es mir ermöglicht, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und mich für Menschen zu engagieren. Deshalb werde ich ab September 2017 für ein Jahr einen medizinischen Freiwilligendienst mit dem Deutschen Roten Kreuz in Jerusalem absolvieren. Dabei erhoffe ich mir nicht nur Einblicke in die medizinischen Bereiche, sondern auch noch mehr über Israel, das Judentum sowie das dortige Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Menschen im Land zu erfahren.

Iranaustausch

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 18 Jahre alt und besuche zur Zeit die 12. Klasse des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen.
In einer sechsköpfigen Schülerdelegation (Schülerinnen zwischen 15-19 Jahren) nahm ich Anfang Oktober an einem zweiwöchigen Schüleraustausch mit der Islamischen Republik Iran unter der Leitung von Hartmut Niemann teil, der regelmäßig die Region bereist und Reisen in den Iran organisiert. Gefördert und begleitet wird das Projekt vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD).
Schon während der Vorbereitungszeit habe ich mich intensiv mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen des Landes auseinander gesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 100 Jahre nachvollzogen, ohne deren Kenntnis man die heutige Situation des Iran nicht verstehen kann.

Austausch mit dem Iran – moralisch vertretbar?
Ich kenne die Amnesty International-Berichte über die Situation der Menschenrechte im Iran und ich weiß um die hohen Hinrichtungszahlen und grausamen Körperstrafen. Ich kenne die Israel verachtenden Äußerungen iranischer Politiker, mir ist bewusst, dass Andersdenkende und Homosexuelle unter permanenter Bedrohung leben müssen und ich weiß um die Benachteiligung von Frauen im Iran. Ich finde, dass diese Umstände dringender Veränderung bedürfen.
Dennoch oder gerade deshalb halte ich es für so wichtig an dem Schüleraustausch in den Iran teilzunehmen.

Ich bin froh und dankbar, dass das Regime einen Austausch überhaupt ermöglicht und sehe in unserem Austauschprogramm eine Unterstützung der gemäßigten Kräfte im Iran. Diese vorsichtige Öffnung scheint mir ein positiver Ansatz. Mir ist es bewusst, dass politische Veränderungen viel Zeit benötigen und dass währenddessen viele Menschen erheblich unter den vorherrschenden Verhältnissen leiden und zu Tode kommen. Die genauere Betrachtung der Krisenherde im nahen Osten (z.B. Syrien, Libyen, Irak), führt mich jedoch zu der schmerzlichen Erkenntnis, dass selbst die Stabilität, die durch ein autoritäres Regime gewährleistet wird, als das geringere Übel erscheint, als die Alternativen Chaos, Anarchie und Bürgerkrieg.

Austausch statt Isolation
Ziel des zweiwöchigen Austauschprogramms in den Iran war es, die jeweils andere Kultur besser kennen zu lernen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und die Gegebenheiten im Gastland besser zu begreifen sowie gemeinsame Themen, Ziele, Vorstellungen und Interessen herauszuarbeiten. Zum gegenseitigen Kennenlernen gehört auch von unserer Seite eine Offenheit und Unvoreingenommenheit, die die Iraner keinesfalls auf das Verhalten ihrer menschenfeindlichen Regierung reduziert, sondern neugierig macht auf Begegnung und Verständigung. Die zwischenmenschlichen Erlebnisse muss man dabei klar von den politischen Umständen trennen.
Mir war es daher ein Anliegen, die Menschen in Iran, ihre Kultur und die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort persönlich kennen zu lernen und mir ein eigenes Bild zu verschaffen, ohne Auswahl und Bewertung durch Medien.

Eine zweite Familie

Uns Deutschen wurde in Iran ein außerordentlich umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während des Austausches lebten immer zwei deutsche Schülerinnen bei einer iranischen Gastfamilie. Die Gastfamilien waren die Familien einiger Lehrkräfte der Gastschule. So begleiteten uns diese Lehrkräfte auch bei den meisten Aktivitäten und sorgten sich um unser Wohlergehen.

Sehr herzlich und zuvorkommend wurden wir aufgenommen und es fehlte uns an nichts. Immer wenn wir nach einem Ausflug wieder zu Hause ankamen, bekamen wir sofort den allgegenwärtigen schwarzen Tee mit ganz viel Zucker, frisches Obst und köstliches Essen, wie z.B. Safranreis serviert. Dies nahmen wir wie üblich auf dem Teppich sitzend ein. Die Gastfreundschaft war überwältigend.

Schwarztee, Shisha, Safranreis
Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die iranische Kultur zu erlangen. Sei es bei Essenszeremonien mit landestypischen Speisen oder bei den zahlreichen Palast- und Moscheebesuchen. Auffallend war, dass die strengen religiösen Regeln, die das Leben in der Öffentlichkeit sehr prägten, im geschützten Privatleben der Iraner aber oft eher eine untergeordnete Rolle hatten. Einige Iraner pflegten z.B. nur sehr wenige religiöse Regeln und Sitten, andere legten stets einen hohen Wert auf Kopftuch und lange Kleidung. Die unterschiedliche Wichtigkeit des Religiösen war selbst innerhalb einer Familie zu beobachten.

Unterschiede gesucht – Gemeinsamkeiten gefunden

In unserer iranischen Partnerschule, eine private Jungenschule mit einem neu eingeführten Mädchenzweig, wurden uns für diese Schule schultypische Fächer gezeigt. Am Unterricht der Jungenschule durften wir jedoch nicht teilnehmen. Statt dessen unterrichteten uns einige Lehrkräfte in Schwerpunktfächern wie Informatik und Handarbeit. Dabei blieben wir stets getrennt von den männlichen Schülern. Eine echte iranische Unterrichtsstunde konnten wir deshalb nicht miterleben. Im Mädchenzweig haben wir lediglich am Gymnastikunterricht teilnehmen können.

Unter den Augen der Revolutionsführer im Bildungsministerium

Bei einem offiziellen Termin im iranischen Bildungsministeriums stellte die deutsche Delegation den Iranaustausch offiziellen Regierungsmitarbeitern vor. Wir wurden gebeten, etwas zur Bedeutung des Austauschprogramms zu sagen. Alle deutschen Delegationsmitglieder sahen den Austausch als etwas sehr Besonderes und Einzigartiges an, was unbedingt erweitert werden sollte, denn um aktiv gegen Rassismus und Vorurteile vorzugehen, braucht es nun mal interkulturelle Begegnungen, zwischen jungen Menschen, die sich gegenseitig kennen und schätzen lernen. Für diese Aussagen erhielten wir sogar Applaus. Dabei blickten uns die Revolutionsführer ernst aus ihren Portraits an der Wand an.

Auf einem der höchsten Fernsehtürme der Welt
In Teheran wurden in Begleitung der Gastfamilien zahlreiche Sehenswürdigkeiten besichtigt, wie beispielsweise der Borjek Milad, der mit 435 Metern einer der größten Fernsehtürme der Welt ist. Teheran von oben zu erleben war etwas ganz besonderes für mich, außer dass die Sicht nicht sehr weit ist, da sich ein dichter, gelb-grauer Smog über der 13 Mio.- Metropole erhebt, welcher viele Stadtteile und die angrenzenden Berge komplett verschluckt.
Außerdem durften wir unter strenger Begleitung auf einen traditionellen Bazar gehen, wo mich besonders die vielen unbekannten, intensiv riechenden Gewürze sehr faszinierten. Zimt, Kurkuma, Curry, Safran, Pfeffer, aber auch für mich noch ganz unbekannte Produkte gab es dort. Auch die frischen Früchte die dort verkauft wurden, wie z.B. Feigen, Datteln oder Granatäpfel hatten einen besonders frischen Geschmack. Doch auch die handwerklichen Arbeiten, die dort zum Teil hergestellt und dann verkauft wurden, darunter Geschirr, Fliesen, Stoffe und Perserteppiche beeindruckten mich so sehr, dass ich gar nicht mehr an die Gepäckbegrenzung beim Rückflug dachte.

Mit der längsten Seilbahn der Welt ins Hochgebirge
Am Wochenende machten die deutschen Schüler mit ihren Gastfamilien einen Ausflug in das Tochal-Gebirge, welches direkt an Teheran grenzt. Die Fahrt mit der 7500 Meter langen Gondel war ein echtes Abenteuer. Nachdem wir uns an das unerwartet frische Klima und die dünne Luft auf 4000 Metern Höhe gewöhnt hatten, unternahmen wir als Gruppe eine Wanderung zu einem Gipfel, nahe unseres Gipfelhotels, wo wir die Nacht verbrachten. Auf dem Gipfel konnte man einen phänomenalen Sonnenuntergang genießen mit Blick auf den Smog, unter dem Teheran lag und aus dem der Fernsehturm heraus ragte. Dem Hotel in dem wir schliefen, wird nachgesagt, dass es das höchst gelegene Hotel der Welt sei.

Überall Regeln außer im Straßenverkehr
Ein besonderes Highlight für uns war der Ausflug in die Wüste. Die Fahrt war lebensgefährlich! Auf iranischen Straßen, erschien es normal, mit eingeschaltetem Warnblinker und weit über der Geschwindigkeitsbegrenzung über die Autobahn zu rasen. Die deutschen Mitreisenden mit Führerschein durften auch mal auch mal ans Steuer, doch der iranische Verkehr ist verglichen mit dem Deutschen eine echte Herausforderung. Das Missachten der Regeln und die zahlreichen Motorradfahrer sorgen für viel Stau und und Unfälle in der Stadt.
Weit außerhalb der Stadt in der Wüste hatten wir einen tollen Blick auf dem Sternhimmel, den man in der Stadt aufgrund der Lichter und des Smogs sonst nie zu sehen bekommt. Naturerleben ist für die Iraner etwas sehr besonderes, da es in Teheran keine naturbelassenen Orte gibt.

Reisen verändert
Beim täglichen Miteinander und den gemeinsamen Programmpunkten standen stets Respekt, Anerkennung und Wertschätzung im Vordergrund. Vor allem die Offenheit und Gastfreundschaft der Gastfamilie hat mich sehr beeindruckt und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen. Das vielfältige Programm, sowie die vielen Begegnungen mit den Menschen haben bei allen Beteiligten ein erkennbar tieferes Interesse an dem Land und der Geschichte entwickelt, welches weit über den Austausch hinaus geht. Der Aufenthalt in Iran, einer der wichtigen Akteure im nahen Osten, hat mein Interesse an internationaler Politik und den vielfältigen Zusammenhängen erweckt. Außerdem haben wir gelernt, was es bedeutet Deutschland im Ausland zu repräsentieren. Auch die Erfahrung, dass Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Gleichberechtigung, keineswegs selbstverständlich sind, so wie es uns hier in Deutschland oftmals erscheint, hat einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen.
Momentan bin ich schon voller Vorfreude, da Ende November der Gegenbesuch der Iraner in Deutschland stattfindet. Bei der Programmgestaltung ist uns bewusst, dass es für viele Iraner sicherlich eine einmalige Chance sein wird nach Deutschland zu kommen. Daher ist es uns ein Anliegen viele und interessante Unternehmungen zu ermöglichen. Ich denke, es handelt sich um ein sehr lohnenswertes Projekt, welches unbedingt erweitert und gefördert werden sollte, da gerade der Austausch mit lange Zeit isolierten Staaten mir sehr wichtig erscheint, denn ich glaube, dass es keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen gibt.

Together we can make a change

Frankreich „Erfahrung“

Hallo, ich heiße Svea Venus, bin 18 Jahre alt und besuche zur Zeit die 11. Klasse des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen. Nach meinem einjährigen Auslandsaufenthalt in Irland und bei meiner französischen Gastschwester in der Normandie habe ich begonnen mich verstärkt für internationale Beziehungen und Geschichte zu interessieren. Insbesondere auf meiner Anreise per Fahrrad in die Normandie, vom ehemaligen Eisernen Vorhang, entlang von Soldatenfriedhöfen zweier Weltkriege bis zum Ausgangspunkt des D-Days, ist mir sehr deutlich geworden, dass diese Freundschaft auch 70 Jahre nach Kriegsende nicht selbstverständlich ist. Dadurch habe ich den Wunsch entwickelt, mich für ein friedlicheres Zusammenleben einzusetzen mit mehr Akzeptanz und Respekt füreinander.

Soldatenfriedhof in Belgien
Zwischenstop in Paris auf dem Weg in die Normandie

Mit dem HG zum letzten Diktator Europas

Ein zweiwöchiger Schüleraustausch nach Weißrussland ließ mich unmittelbar den Wert von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erfahren, was uns in Europa so selbstverständlich erscheint. Aufgrund der deutschen Geschichte war es mir auf all meinen Reisen ein Anliegen, eine gute Botschafterin für mein Land zu sein.

Göttingen, Straßburg, Tokio
Durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Gemeinde Gleichen wurde ich auf die Ausschreibungen des Deutschen Bundesjugendringes (DBJR) aufmerksam. So bewarb ich mich auf einen von vier Plätze für eine zehntägige Fahrt nach Japan, um dort auf Einladung des japanischen Außenministeriums, am G7-Jugendgipfel mitzuwirken und auf einen von 20 Plätzen zum European Youth Event (EYE) nach Straßburg.
Das Bewerbungsverfahren erfolgte beide Male ausschließlich schriftlich und bestand aus mehrseitigen Fragebögen. Zu meiner großen Freude erhielt ich Zusagen für beide Veranstaltungen.

Dekoration statt Delegation

Bald darauf nahm unsere Teamleiterin für den G7-Jugendgipfel, Jasmin Burgermeister, UN-Jugenddeligierte für nachhaltige Entwicklung, als Leiterin unserer Delegation Kontakt zu uns auf um mit uns Details für den Gipfel zu planen. In der folgenden Zeit arbeiteten wir uns intensiv in verschiedene Themen ein und referierten gegenseitig darüber in stundenlangen Telefonkonferenzen. In Japan sollte unsere Aufgabe darin bestehen, gemeinsam mit den anderen Delegationsteilnehmern aus den G7-Staaten (Frankreich, Italien, Großbritannien, USA, Kanada, Japan, Deutschland) Forderungen an die Staatschefs zu erarbeiten, die drei Wochen nach dem Juniorgipfel in Japan tagen. Der G7-Gipfel ist ein Format in dem sich die Regierungschefs wichtiger Industrienationen treffen, um dort u.a. über Themen, wie Umweltschutz, Weltwirtschaft und Menschenrechte zu verhandeln. Das Motto des diesjährigen Juniorgipfels lautete „the planet for the next generation – environment and a sustainable society“.

Als Gastgeberland hat Japan ein perfekt organisiertes Event mit vielen unterschiedlichen Erlebnissen und Aktivitäten geboten, die dazu beigetragen haben, unser Interesse für dieses vielfältige Land zu wecken und zu verstärken. Wir durften u.a. die tollsten Köstlichkeiten der japanischen Küche probieren, konnten alte Tempel und Dörfer besichtigen und uns wurden eindrückliche, aufwändige Aufführungen geboten. Besonders gelungen fanden wir auch die Idee der Gastgeber, uns den Aufenthalt in einer japanischen Gastfamilie zu ermöglichen.

Ausflug in Tokyo mit Gastfamilie

Unsere Arbeit in Expertengruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten, darunter Geschlechtergleichheit, Bildung, Wirtschaft und Klimawandel fiel hingegen vergleichsweise kurz und oberflächlich aus. Zudem wurde das von uns erarbeitete Outcomedokument für die Regierungschefs noch von zwei Betreuern („facilitators“) und Regierungsmitarbeitern überarbeitet, ohne, dass die vorgenommenen Änderungen vor der Veröffentlichung mit uns abgesprochen wurden. Dieses Vorgehen hält die deutsche Delegation für absolut inakzeptabel und werten es als Geringschätzung unserer Arbeit.

Attention Mr. Prime Minister

Das so rundgeschliffene, überarbeitete Dokument stellten wir verschiedenen japanischen Regierungsmitgliedern vor und überreichten es symbolisch Shinzo Abe, dem japanischen Premierminister, nach Abhaltung einer einminütigen Rede pro Delegation. Ein Gespräch darüber fand enttäuschenderweise nicht statt.

Spätestens jetzt wurde jedem klar, dass perfekte Organisation mit wenig individuellen Freiräumen gleichzeitig maximale Kontrolle bedeutete. Die Delegationen wurden zur Dekoration. Aus unseren Augen bleibt es fraglich, wie ernst die Jugendbeteiligung in Japan tatsächlich genommen wird und welche Bedeutung ihr zukommt. Einen fundierten Austausch bzw. Dialog über die bearbeiteten Themen mit dem Premier oder anderen politischen Entscheidungsträgern gab es nicht, anders als bei dem letzten G7-Jugendgipfel in Deutschland, auf dem sich Teilnehmer mit der Bundeskanzlerin austauschen konnten.

Der japanische Premier, Shinzo Abe

Die Erkenntnis, dass das Selbstverständnis von Jugendbeteiligung in der Politik noch kein einheitlich durchgesetztes Gut der G7-Staaten ist, verdeutlichte uns noch einmal, wie wichtig es ist, sich für weitere Partizipationsmöglichkeiten der Jugend stark zu machen, Jugendbeteiligung klar zu definieren und ihre Forderungen ernst zu nehmen, denn schließlich repräsentiert die Jugend ein Viertel der Weltbevölkerung. Es wird daran auch deutlich, wie wichtig der direkte Austausch mit anderen Jugendlichen ist. Auf diese Weise können gute, nachhaltige und zukunftsweisende Ideen und Anregungen weitergegeben werden und für Veränderung und Entwicklung sorgen, denn in dem, was wir mit den anderen Delegationsteilnehmern und auch unseren Gastgeschwistern besprachen waren wir tatsächlich völlig frei! Letztlich halte ich die Begegnung und den wechselseitigen Austausch für einen wichtigen Aspekt einer langfristigen Friedenssicherung. Meine Überzeugung ist: es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen.

Auch haben wir unsere Kritik schon weiter gegeben, u.a. an die deutsche Botschaft in Japan. Jasmin, unsere Begleiterin wird als UN Jugenddelegierte auch in Zukunft die mangelnde Einflussnahme der Jugenddelegationen bei den Vereinten Nationen offen äußern, schließlich ist eine nachhaltige Entwicklung in vielen Bereichen gerade für die jüngeren Generationen entscheidend.

Vorstellung der Arbeitsergebnisse in der deutschen Botschaft in Tokyo

European Youth Event: reingekommen – rausgeflogen

Zwei Wochen nach meiner Rückkehr aus Japan fuhr ich gemeinsam mit Jon Klockow, welcher auch Teil der deutschen Delegation beim G7-Juniorgipfel war, und 13 weiteren Jugendlichen aus Deutschland zum European Youth Event nach Straßburg. Unter dem Motto „together we can make a change“ wurden 8000 Jugendliche aus Europa eingeladen, um gemeinsam an verschiedenen Workshops im europäischen Parlament teil zu nehmen und über aktuelle Problematiken zu diskutieren.

Jugendliche vor dem Europaparlament in Straßburg

Ich habe mit vielen Jugendlichen aus verschiedenen Ländern Europas diskutiert und einige unserer Forderungen werden sogar an die europäische Regierung weiter gereicht.

Europaparlament in Straßburg

„Lobbys und Konzerne haben TTIP gerne: Demokratieabbau im ganzen Land, Leute leistet Widerstand!

Gerade in aktuellen Krisenzeiten ist es notwendig und lohnend, dass sich junge Menschen politisch engagieren, für gemeinschaftliche Interessen kämpfen und versuchen sich Gehör in der Politik und Gesellschaft zu verschaffen. Zudem ist es fast nirgendwo sonst auf der Welt so ungefährlich seine Meinungen lautstark zu äußern. Aus aktuellem Anlass war es Jon und mir ein wichtiges Anliegen, davon noch einmal Gebrauch zu machen: auf der Abschlussveranstaltung, bei der viele Parlamentarier anwesend waren, darunter auch die Vizepräsidentin des EU-Parlaments ließen wir von einer Empore oberhalb der EU-Flagge im Plenarsaal ein auf die schnelle selbstgebasteltes Banner, mit der Aufschrift „Stop TTIP“ herab. Diese Aktion löste bei einigen der Versammelten Zustimmung und Applaus, bei den herbeieilenden Sicherheitskräften jedoch Nervosität aus. Nach kurzer Diskussion wurden wir aus dem Plenarsaal gebracht und von mehreren Sicherheitsleuten befragt. Nachdem unsere Personalien aufgenommen wurden fragten wir nach dem weiteren Vorgehen, diese Frage blieb aber unbeantwortet. Stattdessen wurden wir ohne weitere Aussage aus dem Gebäude begleitet. Dennoch waren wir mit dieser spontanen Aktion zufrieden Konsequenzen fürchten wir nicht.

“The world should play by the rules made by the USA”

Das Vertragswerk zum Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) wird jetzt aktuell unter großem Zeitdruck verhandelt. Dieses Freihandelsabkommen ist dazu geeignet in sehr viele unserer Lebensbereiche einzugreifen. Vor allem Großkonzerne haben erhebliches Interesse an dem Vertrag. Sie möchten schon im Vorfeld Handelshemmnisse (wie z.B. geplante Gesetzte zum Verbraucherschutz) verhindern und stellen somit eine ernsthafte Bedrohung für unsere Demokratie und unsere Qualitätsstandards dar. Sollten die Amerikaner sich mit ihren Verhandlungspositionen durchsetzen, sind Klagen von Firmen gegen den Staat möglich, in denen durch „Handelshemmnisse“ entgangene Einnahmen eingeklagt werden können. Diese Prozesse sollen vor undurchsichtigen Schiedsgerichten stattfinden, die im Geheimen tagen. Trotz der Brisanz des Themas muss man leider feststellen, dass sich viele Menschen noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Demokratie kann nur mit informierten und interessierten Bürgern funktionieren.

Ich würde mich freuen, wenn ich euch auf die Wichtigkeit von globaler Politik aufmerksam gemacht, und euer Interesse daran geweckt habe.

Links
G7-Jugendgipfel:http://g7juniorgipfeljapan2016.blogspot.de/
Outcomedocument: https://www.unicef.it/Allegati/Kuwana%20Junior%20Communique_final.pdf