Danke für die großartige Unterstützung

Sonnenuntergang in Paris
Sonnenuntergang in Paris

Nach 9498 km endete meine aufregende Reise von Göttingen nach Lissabon, Marokko und wieder zurück.

(Details der Reise unter “Aktuelles -Tour Mai 2019”)

An dieser Stelle möchte ich mich daher herzlichst bei allen Spenderinnen und Spendern bedanken. Gemeinsam haben wir ein tolles Spendenziel erreicht (seht selbst hier was wir erreicht haben) und damit Menschen geholfen.

Um zu sehen, was wir mit unseren Spenden bisher erreicht haben, klicke hier.

Ebenfalls möchte ich mich bei all denjenigen bedanken, die mich auf meiner Reise unterstützt und motiviert haben. Danke, dass Du meinen Blog besuchst, Dir die Zeit nimmst die Beiträge zu lesen. Danke für Dein Interesse an meinen Erlebnissen und die viele lieben Worte und Nachrichten. Diese haben mich unterwegs immer wieder ermutigt, mir zusätzlich Kraft gespendet und ich habe mich jedes Mal sehr darüber gefreut!

Stadtführung im Krisengebiet

Über meine ersten Eindrücke aus der besetzten Stadt Hebron berichtete ich in dem Artikel „Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt“, doch bei meinem 2. Besuch am 21. Dezember nahm ich an einer besonderen Stadtführung teil, welche durch ehemalige, israelische Soldaten geleitet wurde, die u.a. während der 2. Intifada von 2000-2005 in Hebron gedient hatten und nun für die israelische Nichtregierungsorganisation Breaking the Silence (BtS, „Das Schweigen brechen“) tätig sind. Der Tourguide meiner Gruppe hieß Dean, 1,95m groß, durchtrainiert mit freundlichen dunklen Augen, Dreitagebart und krausen Locken. Er entschloss sich einige Jahre nach seinem Militärdienst über die Gräueltaten der israelischen Soldaten an der palästinensischen Zivilbevölkerung öffentlich zu berichten, da ihn das Erlebte und die Frage nach der eigenen Schuld sehr beschäftigten, insbesondere bei seiner späteren Arbeit mit palästinensischen Kindern. Ziel von BtS ist es, die Öffentlichkeit mit der Realität des täglichen Lebens in den besetzen Gebieten zu konfrontieren, indem die Organisation Berichte von Soldaten über ihre Erlebnisse während ihres Dienstes veröffentlicht.

Militärlager in Hebron

Auf der Anfahrt in einem vollen Bus nach Hebron wurde die Gruppe mit wichtigen Hintergrundinformationen versorgt. Die Tatsache, dass die politische Lage in Hebron besonders angespannt ist, beruht darauf, dass einzig in dieser Stadt sich jüdische Siedlungen mitten im Stadtzentrum befinden, was ebenfalls bedeutet, dass nicht die gesamte Stadt unter palästinensische Verwaltung gestellt werden kann, wie es beispielsweise Ramallah, Bethlehem, Nablus oder Jericho sind, sondern in zwei verschiedene Zonen geteilt wurde. Die Zone H2, durch die uns diese Tour führte, besteht zum großen Teil aus jüdischen Siedlungen und einem massiven Aufgebot an israelischen Soldaten, deren Aufgabe es einzig und allein sei, die jüdischen Siedler vor den Palästinensern zu beschützen, so wurde uns erklärt.

Palästinenser auf einer öffentlichen Straße in Hebron (den Bereich den sie hier betreten dürfen ist in diesem Bild nur mit einer äußerst schwach erkennbaren Linie gekennzeichnet)
Tourteilnehmer und Soldaten nahe eines Wachturmes
Gruppe in Begleitung israelischer Soldaten

Das Stadtbild, dass sich uns dieses Mal bot, glich meinem ersten Eindruck. Die Stimmung war düster und es lastete eine unangenehme Stille über der auf den ersten Blick so ruhig wirkenden Stadt. Auch am helllichten Tag waren die Straßen nahezu leergefegt, nur ein paar Kinder huschten ab und zu zwischen schwer bewaffneten Soldaten von einer Straßenseite zur anderen. Um die Sicherheit der im Stadtkern lebenden jüdischen Siedler zu gewährleisten, die umgeben sind von Palästinensern und die inmitten einer Stimmung von gegenseitigem Hass, Feindseligkeit und Verbitterung leben, versuchten die Militärs, diese beiden Personengruppen so weit wie möglich voneinander zu trennen und zu isolieren, erläuterte uns Dean, nachdem wir ausgestiegen waren und uns in Richtung der ehemaligen Haupteinkaufsstraße, der a-Shuhada Street machten. Diese Straße und noch einige weitere sind für Palästinenser komplett gesperrt, sie dürfen weder Läden haben, mit dem dem Auto entlangfahren und nicht einmal zu Fuß diese Straße betreten, was zur Folge hat, dass sie beispielsweise ihre Häuser nicht mehr durch ihre Eingänge betreten dürfen, sondern über die Dächer klettern müssen, oder gezwungen sind, einen neuen Eingang auf der Rückseite ihres Hauses zu erschließen. Die Straße, die vor einigen Jahren noch das Herz der Stadt war wo Handel getrieben wurde und Geschäfte geöffnet wurden, war nun ausgestorben und wirkte menschenfeindlich und düster. Unser Tourguide veranschaulichte uns diesen traurigen Wandel anhand von eindrücklichen Bildern, wie lebhaft es an diesem Ort vor Beginn der Intifada aussah.

Tourguide Dean zeigt uns auf Bildern, wie die Straße einmal ausgesehen haben sollte

77% der palästinensischen Läden wurden in der gesamten Altstadt während der 2. Intifada geschlossen, 62% davon auf Anweisungen des Militärs. Selbst Krankenwagen und Rettungsfahrzeugen war es nicht gestattet, diese Straßen zu benutzen und auch im akuten Notfall brauchen sie immer eine besondere Genehmigung, damit sie den Checkpoint, der die beiden Zonen voneinander trennt, passieren dürfen. Im 2. Teil der Stadtführung erzählt uns Mahmoud, ein magerer, etwa 20 jähriger Palästinenser, von seinen schmerzhaften Erinnerungen. Als er 5 Jahre alt war, starb seine Mutter nach einem Arbeitsunfall unter den Augen ihrer Familie, da der Rettungsdienst aufgrund von uneindeutiger Informationsweiterleitung den Checkpoint nicht passieren konnte. Solche Regelungen belasten alle dort lebenden Menschen, insbesondere die, die auf Hilfe angewiesen sind, wie alte Menschen oder Schwangere. Die Innenstadt verwandelte sich unter der Besatzung in eine Geisterstadt, in der es nur Juden gestattet ist, sich frei zu bewegen. Auf unserem Weg durch die besetzte Zone, abseits der Hauptstraße, sahen wir, wie sich eine Gruppe von palästinensischen Jugendlichen durch einen schmalen, abgetrennten Seitenstreifen der Straße drängelte, da sie nur diesen betreten dürfen. Das Betreten der restlichen Straße ist nur den jüdischen Siedlern und neutralen Personen, wie uns Touristen gestattet. Als wir weiter gingen, sahen wir verrammelte und verriegelte Wohnhäuser, aus denen Stimmen nach außen drangen, was darauf schließen ließ, dass darin noch Menschen lebten.

Vergitterte Häuser

Auf die Frage, warum diese Bewohner ihr Haus komplett isoliert hatten antwortete Dean mit dem Zitat der jungen Palästinenserin Raja‘a Abu‘Ayesha die sagte: „Unser Haus ist wie ein Käfig. Es ist komplett eingezäunt, inbegriffen Fenster und Eingang. Mein Großvater hat es so konstruiert um uns vor den Siedlern zu schützen, nachdem sie bei uns alle Fenster eingeschlagen hatten. Unser Haus sieht aus wie eine Insel in einem Meer von Soldaten, Siedlern und gewaltsamer Stimmung.“. Wie uns beim Weiterlaufen klar wurde, war dieser Fall keine Ausnahme, sondern spiegelte eher den Alltag in der Geisterstadt wieder. Aufgrund dieser massiven Form von Diskriminierung und Einschränkungen haben seit der Intifada auch schon Hunderte Familien ihre Heimat ohne Perspektive verlassen, mit dem letzten Hoffnungsschimmer, einen angenehmeren Ort zum Leben zu finden.

Unbelebte und zerfallene Häuser inmitten des ehemaligen Stadtzentrums
Verlassenen Häuser

Unser Tourguide bewertete genau diesen Mechanismus als Folge extremer Trennungspolitik der israelischen Regierung, die weit über das in seinen Augen notwendige Maß an Sicherheit hinausging, als eine Strategie, um jüdische Siedlungen in der Westbank zu erweitern und die palästinensischen Bewohnern systematisch aus diesen Gebieten zu verdrängen. Zweifelsohne bedürfe es besonderer Maßnahmen um die Sicherheit der jüdischen Siedler in dieser Region sicherzustellen, trotzdem dürfe das Leben für die Palästinenser in dieser Stadt nicht unmöglich und unmenschlich gemacht werden, es müsse ihnen erlaubt bleiben die Straßen mitzubenutzen und zu ihren Häusern und Läden zurückzukehren, die sie gezwungen waren zu verlassen, meint Dean.

Sichtweise der jüdischen Gemeinschaft in Hebron: ,,diese Häuser wurden gebaut und von der Jewish Community 1807 in Hebron gekauft. Dieses Land wurde von Arabern geklaut nach dem Mord an 67 Juden aus Hebron, 1929. Wir fordern Gerechtigkeit! Gebt uns unseren Eigentum zurück!”
Jüdische Sichtweise auf die Ereignisse

Für mich bleibt rätselhaft, wie dieser militärisch kontrollierten Raum gleichzeitig ein scheinbar rechtsfreier Raum für jüdische Siedler sein kann und wie es im Interesse der Menschen sein kann, diese Siedlungen weiter auszubauen. Auf die Frage, warum die Soldaten nicht eingreifen würden, bei Attacken, ausgehend von jüdischen Siedlern, konnte uns Dean aus eigener Erfahrung antworten. Er erklärte, dass die Soldaten sehr wohl diese Angriffe mitbekämen und diese auch keinerlei Geheimnis darstellen würden, den Soldaten während ihres Einsatzes sei aber immer wieder eingeschärft worden, dass sie in Hebron stationiert seien mit dem klaren Auftrag, die jüdischen Siedler zu beschützen und dass es sich bei ihnen um Kampfeinheiten handele und nicht um Polizeioffiziere. Auch schilderte er Beispiele von engen Verhältnissen zwischen Siedlern und des Militärs, in denen beispielsweise Soldaten regelmäßig am Sabbat von ihnen zum Essen eingeladen wurden. Er kommentierte solche Verhältnisse nur mit dem Satz, dass die Menschen, bei denen man noch am Abend esse einen nicht am nächsten Tag inhaftieren würde und das solche Begegnungen sich ganz klar polarisierend auf das Handeln der Soldaten auswirken würde. Natürlich entging den Siedlern nicht, dass Dean heutzutage kritisch über die jüdische Siedlungspolitik und seine Zeit während der Besatzung spricht, was während der Tour immer wieder dazu führten, dass Siedler kamen und mit allen Mitteln versucht haben, für Störung und Ablenkung zu sorgen, u.a. durch Rufe oder das ganz offensive Filmen unseres Tourguides. Die patrouillierenden Soldaten beobachteten das Ganze nur, ohne einzugreifen.

Dean wird von jüdischem Siedler gefilmt, während er uns versucht die Lage zu erklären

Auch in Israel wird die Organisation Breaking the Silence äußerst kritisch gesehen. Die israelische Armee und die Regierung kritisieren, dass es sich nicht um eine Nichtregierungsorganisation (NGO) handele, sondern um eine angeblich von ausländischen Institutionen geförderte Firma, und Premierminister Netanjahu forderte alle ausländischen Regierungen auf, die Organisation nicht weiter finanziell zu unterstützen. Sie arbeite nicht traditionell politisch, sie meide auch den parlamentarischen und juristischen Weg, sondern nähme gezielt Einfluss auf ausländische Medien und Regierungen, von denen sie sich dann wiederum Druck auf Israel erhoffe. Als Sigmar Gabriel im April 2017 während seiner Nahostreise Vertreter von BtS besuchte hatte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu das geplante Treffen mit Gabriel am Dienstag platzen lassen, aufgrund dieser Zusammenkunft. Netanjahu begründete diese Absage mit seinem Grundsatz, er werde keine ausländischen Besucher bei sich empfangen, die auf ihren diplomatischen Reisen Gruppen treffen, welche israelische Soldaten als Kriegsverbrecher deklarieren oder der Organisationen legitimiert, welche die israelischen Soldaten kriminalisiere. Auch gab es immer wieder Kritik über die Transparenz der Organisation, die zum Schutz der Zeugen, die gesammelten Aussagen nur anonym veröffentlichen will. Als ich einige Tage später in der Wüsten, nahe des Toten Meers wandern war wurde ich auf dem Rückweg beim trampen von Michael in seinem glänzenden, nagelneuen SUV mitgenommen.

Wüste
Wüste, totes Meer und Dunst in der Luft

Der etwa 45-jährige, braun gebrannte mit buntem Hawaihemd gekleidete Israeli ist in der Landwirtschaftsbranche offensichtlich recht erfolgreich und unterstützt neue Start-Up-Unternehmen im Land. Er selbst ist viel gereist und zeigte großes Interesse für mich und meine Reisen. Als er erzählte, dass es aufgrund seiner Familiengeschichte auch einen deutschen Pass besitze und daher auch einfacher in die Westbank und in muslimische Länder reisen kann, fragte ich ihn vorsichtig zu seiner Meinung nach Breaking the Silence. Auf meine Frage hin erklärte er mir, dass er sich selber dem linken Parteienspektrum zuordnet und die Arbeit der Organisation durchaus als sinnvoll einstuft, in der Öffentlichkeit über die Besatzung zu berichten. Doch er fügte hinzu, er stufe teilweise die Berichte von BtS als zu radikal, einseitig und übertrieben ein, auch wenn es einen wahren Kern dahinter gebe. Nach all den Vorwürfen und der Kritik, die ich sonst gegenüber BtS auch aus meiner eigenen WG und von Seiten anderer Israelis gehört hatte, überraschte mich diese Einschätzung. Ich persönlich empfand die Tour auf jeden Fall als lohnenswert, da sie mir die politische Lage in Hebron deutlich umfangreicher erläuterte und mir somit eine mir ganz neue Perspektive auf die Umstände eröffnet hat. Außerdem ist es mein Ziel mich während meines Aufenthaltes umfassend mit den verschiedensten Perspektiven und Sichtweisen, die hier kursieren auseinanderzusetzen, unabhängig davon ob ich sie teile oder nicht.

In Heiliger Nacht und Nebel auf dem Weg nach Bethlehem

Nach den unglaublich vielen Eindrücken und Geschichten der Breaking the Silence Tour blieb mir kaum Zeit, das Gesehene richtig zu begreifen, denn es ging auf Weihnachten zu. Dieses Jahr entschied ich mit anderen Freiwilligen an einer Pilgerwanderung von Jerusalem nach Bethlehem teilzunehmen. Die Veranstaltung begann mit einer katholischen Mitternachtsmesse in einem Benediktinerkloster. Während der 2 stündigen Zeremonie in einer bitterkalten Kirche und granitharten Holzbänken begannen die ersten Teilnehmer am Gottesdienst schon an ihrer Entscheidung zu zweifeln und verließen kurz nach Beginn schleunigst die Kirche. Immer wieder wurden die Teilnehmer der Kirche dazu aufgefordert zum Beten aufzustehen oder sich hinzuknien. Auch der feierliche Gesang, wie man ihn normalerweise in einem Weihnachtsgottesdienst erwartet fiel in diesem Falle recht sparsam aus, stattdessen sang der Pfarrer die meiste Zeit alleine, ab und zu begleitet von einer imposanten Orgel im hinteren Teil der Kirche, danach hörte es mit den Instrumenten aber dann auch schon wieder auf.

 

Sehenswürdigkeiten im Kloster
Kirche während des Weihnachtsgottesdienst

Um 2 Uhr morgens, als der Gottesdienst vorbei war, gab es noch einen kleinen Imbiss und warme Getränke, welche die eingefrorenen Teilnehmer wieder aus ihrer Starre auftauen ließen bevor die Gläubigen sich gemeinsam aufmachten, um in einer nächtlichen Prozession bei Wind, Regen und Nebel nach Bethlehem zu pilgern. Schon nach wenigen Gehminuten waren meine Schuhe durch den sintflutartigen Niederschlag komplett durchweicht. Einige Leute trugen anfangs noch Regenschirme mit sich, um sich vor den Wassermassen zu schützen, doch angesichts der starken Windböen, war auch dieses aussichtslos. Als letzten Trost blieb einem dann wohl nur noch übrig, den Anweisungen des Pfarrers Folge zu leisten und während des ca. 10 km langen Fußweges mit zu singen und zu beten. Immer wieder wurde dafür auch im strömenden Regen angehalten und ein schweres Holzkreuz und eine riesige Namensrolle mit Namen von Personen, welche in dieser Nacht alle in Gedanken bei uns seien, hin und her gereicht und abwechselnd von uns durch die finstere Nässe getragen. Als wir dann müde, erschöpft und nass bis auf die Knochen zu früher Stunde in der Geburtskirche Jesu ankamen, hatten wir ausnahmsweise das große Glück, diesen erstaunlichen Ort ganz in Ruhe bewundern zu können, ohne die sonst üblichen Touristenmassen. Dieses Erlebnis verdanken wir der Politik Donald Trumps, dessen Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt die Gefahr von Anschlägen steigen ließ, so dass es zu massenhaften Stornierungen kam. In der Kirche gab es noch eine abschließende, gemeinsame Zeremonie, bevor wir alle mit Bussen wieder nach Jerusalem zurück gebracht wurden. Ein einmaliges und besonderes Erlebnis!

 

Goldschmuggel über die Hochsicherheitsgrenze

An einem freien Tag bin ich gemeinsam mit Antonia, Karim und Lukas aus unserer WG nach Ramallah gefahren, dem Hauptsitz der palästinensischen Autonomieverwaltung. Die Intention des Ausflugs lag ursprünglich darin, einen Eindruck der politischen Lage in dieser Gegend zu erlangen, denn schon mein erster Besuch dort hatte ein bedrückendes Gefühl bei mir hinterlassen, insbesondere beim Durchqueren des Hochsicherheitscheckpoints mit riesiger Sperrmauer, ähnlich wie in Bethlehem mit zahlreichen Graffiti auf der palästinensischen Seite besprüht. Doch als wir recht entspannt in einem doch sehr engen Bus saßen, entschieden wir dann doch noch etwas sitzen zu bleiben und bis in das Stadtzentrum der kunterbunten und pulsierenden Stadt weiterzufahren. Im Zentrum herrschte reges Treiben, dicht an dicht reihen sich Verkäufer mit orientalisch duftenden Gewürzen, Obst, Gemüse ebenso wie zahlreichen Souvenirs und gefälschter Markenkleidung.

Reges Treiben in Ramallah
Arabische Märkte

In dem unüberschaubaren, lauten Gewusel weckte ein kleiner, nur schwer einsehbarer Laden sofort unsere volle Aufmerksamkeit. Vor der Tür türmten sich Gläser und Becken mit Goldfischen und auch noch anderen, in kräftigen Farben schillernden Fischchen. Ohne zu zögern sprachen wir den Ladenbesitzer an, der zu unserer Überraschung sogar ein paar Halbsätze englisch sprach und uns einen Preis nennen konnte. Nach kurzem Verhandeln einigten wir uns auf einen in unseren Augen guten Preis für 4 Goldfische, 2 kleine bunte Fische und noch weitere Behältnisse um die Fische darin zu verstauen. Wir planten schon, dass wir einen der Fische Judith zum Geburtstag schenken wollten, da sie vor einigen Tagen 25 wurde. Überglücklich mit unserem Einkauf, genossen wir noch den Sonnenuntergang in der Stadt, bevor wir mit unserem Schnäppchen wieder in den Bus zurück nach Jerusalem stiegen. Erst dort kamen in uns erste Gedanken auf, was wohl die israelischen Soldaten bei der Kontrolle am Checkpoint zu unserem Einkauf sagen würden, Als wir im Bus in leichtem Aufruhr über die Fische diskutierten und was nun mit ihnen geschehen solle, schalteten sich 2 junge, etwas von unserem Anblick belustigte, palästinensische Männer ein und erklärten uns, dass es offiziell verboten sei, Tiere, ganz gleich ob tot oder lebendig nach Israel einzuführen. Die einzige Möglichkeit bestehe für uns darin, die Fische im Bus zurück zu lassen, während wir ohne sie den Checkpoint durchquerten.

Palästinensische Sicherheitskräfte

Wir taten wie uns empfohlen wurde und hatten Erfolg! Mit großer Erleichterung saßen wir nach kurzer Aufregung auf der anderen Seite des Checkpoints im Bus zurück nach Jerusalem. Trotz der riesigen Freude über die Fische stimmte mich das Erlebte und insbesondere die düstere Stimmung am Checkpoint ausgesprochen nachdenklich. Die einzige Möglichkeit den Checkpoint zu passieren besteht für die Palästinenser in der Regel zu Fuß. Dazu nähert man sich der Kontrollstelle über einen langen, schmalen und zu den Seiten hin abgeschirmten Gang. Auf dem Boden dieses Zuganges befinden sich alle paar Meter hohe Kanten, die an etwas zu hohe Bordsteinkanten erinnern. Worin der Sinn darin liegt, hätte mir sicherlich einer der israelischen Soldaten verraten können, für die Palästinenser machen sie jedoch das Passieren des Sperrwalles mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Ähnlichem quasi unmöglich. Am Ende des videoüberwachten Korridors mussten wir große Drehkreuze mit Metalldetektoren passieren, bevor wir unsere Schuhe ausziehen mussten und alle unsere mitgeführten Gegenstände wie am Flughafen auf ein Band legen mussten und unsere Pässe einem müde und genervt schauendem Soldaten vorzeigen mussten, bevor wir wieder zurück in unserem Bus steigen durften.

Eingang des Checkpointes

Was für uns eine seltene Erfahrung ist, stellt leider den Alltag vieler Palästinenser dar, die in anderen Regionen beispielsweise arbeiten oder studieren. Gerade zu Rushhour-Zeiten, so wurde uns erklärt ist es nicht unüblich weitaus länger als 2 Stunden warten zu müssen, um die Sperranlage zu überqueren. Immerhin vermitteln die Kontrollen und der massive Terrorabwehrzaun ein Gefühl von innerer Sicherheit! Kann ja nur letztlich nicht die Lösung sein.

Klettern am Fels

Neben der Arbeit gehe ich nun regelmäßig Klettern, wo ich schon viele nette Leute kennengelernt habe, darunter eine russischstämmige Familie, die mich einlud des Öfteren am Sabbat mit ihnen am Felsen Klettern zu gehen. Der Vater der Familie heißt Dimitri und kam vor 20 Jahren aus einem Vorort aus Moskau nach Israel in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Hier arbeitet er nun als Stationsleitung und Krankenpfleger in einem nahegelegenen Krankenhaus. Seine Tochter Nicole geht noch zur Schule und klettert schon von Kleinauf, weshalb sie immer wieder mit großem Erfolg an Kletterwettkämpfen teilnimmt. Sein Sohn Michail leistet momentan seinen Wehrdienst in Haifa bei der Marine ab und kommt nur über die Wochenenden zurück nach Jerusalem. Das Klettern mit ihnen in der Natur war bisher immer voller eindrücklicher Erlebnisse, die prächtige Landschaft und umliegende Natur sind ausgesprochen reizvoll und das Klettern am Fels stellt eine ganz andere Herausforderung dar als in der Kletterhalle. Auch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier war etwas ganz besonderes für mich und der reichliche Konsum von schwarzem Tee und zuckrigen Keksen gehörte ebenfalls zu dem Ausflug dazu.

Szenerie am Fels, wo im Vordergrund Nicole zu sehen ist und einige Leute die ebenfalls Klettern waren

Moses, Jesus und Mohammed

Da in Israel bald Chanukka gefeiert wird (Fest der Lichter) und in Deutschland sich alles auf Weihnachten konzentriert, habe ich diese Begebenheiten zum Anlass genutzt den Leuten vom Klettern eine kleine Freude zu machen und mich letztlich dazu entschieden, drei der geschmuggelten Fische zu verschenken, jeweils einen Fisch an die beiden Leiter der Klettergruppe und einen an das Team der Halle. Den Fisch als Zeichen des Christentums in solch einer Situation zu verschenken ist meines Erachtens nach ein wundervolles Symbol für die lebende Freundschaft zwischen Juden und Christen. Außerdem ist Klettern eine Sportart, die viel an gegenseitiger Verantwortung voraussetzt, genauso wie das Umsorgen der kleinen Fische. Die Begeisterung die diese Überraschung auslöste war riesig und auch als ich erklärte, wie die Fische zu mir kamen, trübte es die Freude keinesfalls. Ganz im Gegenteil, es sorgte dafür, dass die Namen der Fische schnell gefunden waren. Nun ziehen Moses, Jesus und Mohammed friedlich gemeinsam ihre Kreise in dem kleinen Aquarium auf dem Tresen der Kletterhalle und schauen die Besucher neugierig aus ihren großen Glupschaugen an.

Übergabe der Fische beim Klettern

Totes Meer und lebendige Begegnungen

Auch mit Jasmin einer hier kennen gelernten, jungen Frau unternahm ich schon eine lustige Tour. Nach der Arbeit trampten wir zum Toten Meer, da wir aufgrund von massivem Rushhour-Stau unseren Bus am Busbahnhof verpassten. Auf der Anfahrt mussten wir insgesamt drei Mal umsteigen. Zuletzt nahm uns ein Mann mit, der uns trotzdem es für ihn ein Umweg sein würde anbot, uns direkt nach Masada zu fahren. Im Auto erzählte er uns, dass er noch zu einem Strand fahre, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und zu grillen und lud uns ein, sich ihm anzuschließen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an. An dem etwas abgelegenen Strand waren nur wenige Menschen, zufälligerweise darunter auch zwei deutsche Touristen. Als wir ankamen, dämmerte es schon und die Lichter des angrenzenden Jordaniens waren gut zu erkennen. Als wir am Strand ausstiegen, waren Jasmin und ich uns sofort einig, dass wir hier die Nacht verbringen würden. Im hellen Lichtstrahl des Jeeps der uns mitgenommen hatte bauten wir unser Zelt auf, während der Mann etwas abseits ein kleines Lagerfeuer errichtete und uns auf unsren Wunsch hin, vegetarische Nudeln und Soße herstellte. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, als wir in dem grauen Jerusalem losgefahren waren, dass wir noch ein warmes Abendessen am Strand bekommen würden.  Am nächsten Morgen klingelte der Wecker schön um halb 6, der die etwas ungemütliche und unerholsame Nacht auf hartem Sandboden und dünner Isomatte beendete, doch beim Anblick des herrlichen Sonnenaufgangs und einem Bad im einzigartigen Salzwasser war die Müdigkeit schnell verflogen.

Sonnenaufgang über dem Toten Meer
Unser Nachtlager

Danach trampten wir weiter nach Masada, diesmal wurden wir von zwei älteren Nonnen mitgenommen, die erst vor einigen Jahren aus Amerika eingewandert waren und jeden Tag in Israel als ein ganz besonderes Abenteuer erlebten. Von dort aus wanderten wir etwas durch die Wüste und entschieden uns für einen sich steil aufwärts schlängelnden Pfad, bis zur hoch gelegenen Felsenfestung, wo wir uns eine wohlverdiente Ruhepause gönnten.

Wüste bei Masada
Rast an einem Wasserfall mitten in der Wüste

Am Nachmittag trampten wir zurück und wurden gleich von einem Lastwagenfahrer mitgenommen, der uns bis direkt nach Jerusalem brachte. Nur die Kommunikation mit ihm ging äußerst schleppend, da er kaum ein Wort englisch sprach.

Bauchtanz am Mittelmeer

Letzte Woche waren Judith und ich auf einem Seminar des DRK in Haifa eingeladen, wo auch schon unser Ankunftsseminar stattgefunden hat. Besonders der Erfahrungsaustausch über die kulturellen Besonderheiten hier im Land und die unterschiedlichen Herausforderungen im Arbeitsalltag war für mich sehr spannend und ließ mich meine momentane Arbeit und mein derzeitiges Umfeld nochmal mehr schätzen. Das Thema des Seminars lautete „Ethnien und religiöse Minderheiten in Israel“. Etwa 1,7 Millionen Menschen, fast 24% der Bevölkerung Israels, sind Nichtjuden. Obwohl sie zusammenfassend als arabische Bürger Israels bezeichnet werden, bestehen sie aus verschiedenen in der Regel arabisch sprechenden Gruppen, mit eigenen Charakteristiken. Ein Großteil der muslimischen Araber lebt im Norden des Landes, die Beduinen, ebenfalls Muslime leben recht verstreut im Süden des Landes. Als traditionelle Nomaden, stehen sie heute im Umbruch von der alten Stammesgesellschaft zur Sesshaftigkeit und nehmen zunehmend mehr am Erwerbsleben Israels teil. Auf dem Seminar bot sich uns die Möglichkeit sich mit einzelnen Vertreter verschiedener Minderheiten auszutauschen und mehr über ihren Glauben, ihre Weltanschauung und ihre Position zum Staate Israel auszutauschen.

Besuch in einem Drusendorf
Ausstellung über die Kultur der Drusen

Auch gab es einen Workshop, für alle Teilnehmer, bei dem uns eine leicht bekleidete arabische Frau, traditionelle Bauchtänze vorführte und uns danach zum Mitmachen versuchte zu animieren. Nach dem Seminar fuhr ich noch mit ein paar weiteren Freiwilligen des Seminars in die kleine Fischerstadt Akko, einige Kilometer nördlich von Haifa gelegen. Trotz der schon früh hereinbrechenden Dunkelheit war der Ausblick vom malerischen Hafen über die Meeresbucht absolut lohnenswert.

Hafen von Akko
Ausblick vom Hafen
Hafen von Akko
Gassen von Akko
Blick von Akko nach Haifa

Jerusalem – Göttingen – Teheran

Die Zeit in Israel ist bisher nur so für mich verflogen, gekennzeichnet durch eine unglaublich hohe Dichte an Begegnungen, Erfahrungen und neuen Eindrücken, die ich alle als eine riesige Bereicherung zu schätzen weiß. Während ich nun in Israel meine Zeit verbringe, ist mein iranischer Austauschschüler Amir Arsalan in Deutschland, wo er bei meinen Eltern und meinem Bruder lebt, tapfer deutsch lernt und das Hainberg-Gymnasium besucht, eine Konstellation, die mit Blick auf die internationale Politik geradezu absurd erscheint.

Amir Arsalan am weihnachtlichen Gänseliesel in Göttingen

Obwohl wir zur Zeit weit voneinander entfernt leben, ist es auch etwas sehr Verbindendes zu sehen, dass wir beide, trotz vieler Unterschiede das Bestreben danach haben, ein neues Land, eine neue Kultur und interessante Menschen kennenzulernen. An dieser Stelle möchte ich Amir Arsalan noch einmal aus der Ferne wünschen, dass seine Zeit in Göttingen für ihn genauso erlebnisreich sein wird, wie mein Aufenthalt hier in Israel.

Über die aktuelle politische Lage in Jerusalem und der Westbank werde ich zeitnah ausführlicher berichten, doch aus Sicherheitsgründen habe ich bei meinen Ausflügen diese Gegenden vorerst gemieden.

Nachtleben in Tel Aviv und Jaffa
Nationalpark im Norden des Landes
Baden in warmen, schwefelhaltigen Quellen

Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem

Im Alyn-Krankenhaus gibt es eine weitere Station die sich „Independant Living Neighbourhood“ nennt in der erwachsenen Menschen mit schweren Behinderungen dauerhaft leben können und ihren Bedürfnissen entsprechend medizinisch und pflegerisch versorgt werden, auch durch die Unterstützung internationaler Freiwilliger. Die beiden Brüder Fares und Maram leben schon seit mehreren Jahren dort, da sie beide an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leiden und somit auf dauerhafte Unterstützung im Alltag angewiesen sind. Freundlicherweise haben die beiden uns Freiwillige auf einen Ausflug nach Bethlehem eingeladen. Bethlehem ist für sie eine besondere Stadt, da sie arabische Christen sind und ihrem Glauben nach die Geburtskirche über der Geburtsstätte Christi errichtet wurde. Die Geburtskirche gehört zudem zu den wenigen Beispielen vollkommen erhaltener frühchristlicher Kirchenbauten. Als wir allesamt nach einer kurzen Busfahrt mit den beiden Brüdern in der imposanten, hell leuchtenden, stark frequentierte Geburtskirche standen, fühlte sich alles so unwirklich an. Um zu ihr zu gelangen, müssen die von Jerusalem kommenden Besucher zunächst durch den stark gesicherten israelischen Checkpoint am Nordrand Bethlehems. Die enorme Sperranlage und Mauer der israelischen Regierung soll verhindern, dass aus Bethlehem palästinensische Terroristen und Selbstmordattentäter ins Kernland Israels vordringen. An der Mauer türmen sich an einigen Stellen Berge von Unrat und Schutt an, es scheint die anliegenden palästinensischen Bewohner nutzen das ungeliebte Bauwerk als Müllhalde. An anderen Stellen ist der Sperrwall nur ein schwer bewachter Zaun aus scharfem Stacheldraht.

Unrat an der Trennmauer
Wachturm des israelischen Militärs

Nach ungehindertem Passieren des Checkpointes war die Innenstadt nicht mehr weit entfernt. Nur leider ist das historische Bauwerk alles andere als behindertengerecht. Schon am Eingang kommt es zu Schwierigkeiten, doch mittels einer improvisierten Rampe schaffen wir es mit vereinten Kräften, Fares und Maram in ihren Rollstühlen in das unglaubliche Bauwerk zu zerren. Während die beiden Brüder, schonungslos starrenden, hemmungslosen Blicken ausgesetzt, durch den beschränkten Teil der Kirche rollten, der ihnen zugänglich war, wurde uns aufgetragen, noch den unteren Teil der Kirche zu besichtigen.

Maram in Begleitung von Freiwilligen in der Geburtskirche Jesu
Maram

Hierfür durften wir uns an den am Eingang tummelnden Touristenscharen vorbei schieben, eine steile Treppe nehmen und dann durch die enge und extrem niedrige Demutspforte das eigentliche Heiligtum betreten. Im Inneren sah man der Geburtskirche deutlich ihr Alter an. Die Säulen waren abgewetzt durch Menschenmassen, die sich seit Jahrhunderten jeden Tag durch das Kirchenschiff drängten. Doch wir ließen uns dort drinnen nur wenig Zeit, da wir unsere Gastgeber nicht länger als nötig in der Hitze am Eingang warten lassen wollten. Dennoch war es ihnen sehr wichtig, dass wir uns diese besondere Kirche ansahen und es hat sich letztlich auch sehr gelohnt.

Heiligtümer
Heiligtümer

Als wir als Gruppe wieder gemeinsam auf dem Vorplatz standen kam ein Palästinenser mit eiligen Schritten auf uns zugerannt, der sehr wohl schon von Weitem sah, dass wir Touristen waren und fragte auf Maram deutend, wo wir denn her kämen und warum wir mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem wären. Völlig perplex und nichtwissend, ob man darüber lachen oder nur wütend sein kann, blieb ich sprachlos. Wenn der Mann sich wenigstens direkt an den vermeintlichen Astrophysiker gewandt hätte, anstatt mit uns über ihn zu reden, wäre mir das Lachen über diese Situation leichter gefallen, so zeigt diese Situation aber doch einiges Bedrückendes über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Noch etwas nachdenklich von der absurden Situation machten wir uns weiter auf in Richtung Marktplatz, wo wir ein typisch arabisch-palästinensisches Gericht in einem Restaurant serviert bekamen. Diese freundliche Einladung durch Maram und Fares war umso bemerkenswerter, als unsere Gastgeber in Folge ihrer Erkrankung selber gar nicht an dem Essen teilnehmen konnten.

Lustiges Zusammensein beim gemeinsamen Essen

Am Nachmittag fuhren alle wieder zurück nach Jerusalem, nur Lukas und ich entschieden uns noch etwas in Bethlehem zu bleiben. Wir machten uns auf in Richtung Mauer, die von palästinensischer Seite aus mit etlichen Graffiti versehen war, viele mit einer politischen Botschaft zum allgegenwärtigen Konflikt.

Lukas auf durgesessenem Sofa vor der Trennmauer
Graffiti des Protests an der Mauer
Erschießung der “palästinensischen Freiheitskämpferin” von israelischen Soldaten
PEACE WILL SET US FREE
Graffiti des Typen dem wir auch beim Sprayen zusehen durften
Abschuss einer Friedenstaube
Lukas vor bemalter Mauer

Bei unserem Spaziergang entlang der erschreckend hohen Trennmauer lernten wir Hamoud kennen, der einen kleinen Laden mit Souvenirs an der Mauer betrieb. Nach einigen Sätzen Smalltalk erklärte uns Hamoud, er müsse kurz etwas erledigen, wir sollten solange bei seinem Laden bleiben und aufpassen. Noch ehe wir irgendeine konkretere Nachfrage stellen konnten, beispielsweise zu den nicht ausgewiesenen Preisen, war er mit seinem Auto verschwunden. Etwas verwundert warteten wir vor dem Laden, bis Hamoud nach einer gefühlten Ewigkeit wieder kam und das Geschäft hastig schloss. Dann wies er uns an, wir sollen bei ihm mitfahren, wir würden noch in ein Restaurant gehen um eine Kleinigkeit zu essen. Neugierig gingen wir mit, ohne geringste Ahnung was uns erwartete. In einem winzigen, völlig verräucherten Lokal mit roten Ledersofas wurden wir dann mit zwei Männern aus Österreich und aus Australien bekannt gemacht, welche hier waren, um heute Abend ein großes Graffiti an die Mauer zu bringen. Wir erhielten die Einladung dabei zu sein, welcher wir ohne zu zögern zustimmten.

Als es dunkel wurde ging es los: erst musste die Mauer zweifach mit weißer Farbe grundiert werden, danach wurde das geplante Motiv mittels eines Projektors (betrieben durch einen Dieselgenerator) auf die Fläche projiziert und nachgespürt. Die Routine bei der Arbeit war den beiden Künstlern anzumerken, doch leider konnten Lukas und ich nicht mehr bis zur Fertigstellung des Kunstwerkes warten. Hamoud selber war es nicht gestattet mit seinem Auto und Pass, ohne spezielle Erlaubnis israelischer Behörden, Bethlehem zu verlassen. Um uns zu so später Stunde noch nach Hause zu schaffen, machte er irgendwie eine junge Frau ausfindig, die bereit war, uns in ihrem Auto mit nach Jerusalem zu nehmen, nachdem sie sich unsere Pässe eindringlich angeschaut und sich mehrfach vergewissert hatte, dass wir ungehindert den Checkpoint passieren dürfen. Als wir schließlich spät nachts in unserer vertrauten Wohnung waren, ließ uns die Fülle von unterschiedlichen Sinneseindrücken kaum in Schlaf kommen.

Erstellung eines Graffitis bei spärlichem Licht

Um nach all den Erlebnissen und Eindrücken meinen Kopf wieder etwas frei zu bekommen und mir etwas Erholung und Entspannung zu gönnen, fuhr ich einige Tage später an meinem freien Tag in den En-Gedi Nationalpark, wo ich durch die Wüste wanderte, die tolle Aussicht aufs Tote Meer und bis nach Jordanien genoss und zum Schluss noch in einer Wasseroase mitten in der Wüste die sich bietende Badegelegenheit ausgiebig ausnutzte. Das war wirklich unglaublich entspannend und gleichzeitig ein extremer Kontrast zu allem, was ich bisher in Israel erlebt hatte. Ich genoss es sehr, zum ersten Mal seit meiner Ankunft etwas Ruhe und Zeit für mich selbst zu haben.

Ausblick während der Wanderung in Richtung Totes Meer
Pflanzen an Wasserstelle mitten in der Wüste
Wasserlauf nahe einer erfrischenden Badestelle
Wasserfall im En Gedi Nationalpark
am Straßenrand stehendes Kamel

Seltsames – Merkwürdiges – Gruseliges

Skurriler Sprachkurs

Anstatt zu verreisen, bin ich an meinen freien Mittwoch ausnahmsweise in Jerusalem geblieben, was nicht bedeutet, dass ich nichts erlebte, denn nicht umsonst heißt es „das Leben schreibt die schönsten Geschichten“. Mittlerweile ist bei uns Freiwilligen eine Art Alltag und Rhythmus entstanden und ich habe mir deshalb vorgenommen, intensiver Hebräisch zu lernen. Obwohl hier die meisten Menschen Englisch sprechen, finde ich es erstrebenswert auch eine einfache Konversation auf Hebräisch führen zu können. Da die offiziellen Sprachkurse alle sehr teuer sind und nur ein Teil der entstehenden Kosten übernommen werden, war ich umso begeisterter, als ich die Anzeige einer Frau fand, die für kleines Geld Sprachkurse anbot und organisierte, sodass ich gleich mein Kommen für den nächstmöglichen Termin ankündigte. Doch dieses Treffen war wohl mit Abstand das Skurrilste meines bisherigen Aufenthaltes. Als die schon etwas älter klingende Frau am Telefon ihre Haushaltshilfe nach der eigenen Wohnungsadresse und Hausnummer fragte, hätte mir das eigentlich schon Anlass zum Zweifel geben sollen, aber angesichts der Vorfreude, sah ich dort zum vorherigen Zeitpunkt ahnungslos drüber hinweg. Als ich am Mittwoch morgen pünktlich um 10h bei ihr erschien, öffnete eine junge asiatisch aussehende Dame die Haustür eines winzigen Appartements nahe der Jerusalemer Altstadt, welche neben mir wohl heute die einzige Schülerin zu sein schien. Ich trat ein und wurde gebeten mich erst einmal ins Wohnzimmer zu setzen, wo eine uralte, runzlige Frau in Decken gewickelt auf ihrer ebenso alten Couch kauerte und wie versteinert auf einen riesigen Flachbildschirm mitten im Raum starrte. Die kleinen Fenster des Raumes waren mit vergilbten Gardinen verhangen und nur ein schwacher Lichtstrahl fiel in den halbdunklen Raum. Angesichts der unheimlichen Szenerie die sich mir bot, holte ich einmal ganz tief Luft, bereute es aber noch im selben Moment, denn die staubig-stickige Luft verursachten bei mir schlagartig einen Hustenanfall. Als ich mich wieder beruhigt hatte, überkam mich ein starkes Gefühl der Übelkeit geschuldet dem süßlichen, muffigen Geruch, der in der Luft lag. Als ich eintrat schien die Alte keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Etwas unsicher, was hier gerade von statten ging, setzte ich mich leise auf einen Stuhl, wartete was passieren würde und musterte die Frau sorgfältig. An den mageren Händen spannte sich ihre grau-blasse Haut wie Papyrus über ihre Knochen. Ihr Gesicht war von tiefen Falten durchfurcht, sodass man ihre Augen in der schrumpeligen Haut kaum noch erkennen konnte. Ihre spröden Lippen hielt sie eng aufeinander gepresst und den leeren Blick aus ihren geröteten, müden und dunkel unterlaufenen Augen starr nach vorne gerichtet. Wahrscheinlichwar sie schon Augenzeugin der Geburt Abrahams. Die asiatische Dame, die sich als Kim bei mir vorstellte, servierte mir ein paar trockene, granitharte Gebäckteilchen auf Plastikeinweggeschirr und etwas chloriges Leitungswasser, bevor sie sich ebenfalls setzte. In diesem Moment begann der Gedanke, den ich mit aller Kraft versucht hatte zu verdrängen, sich zu bewahrheiten, indem mir klar wurde, dass diese uralte, regungslose Frau unsere Hebräischlehrerin war. Ich erwartete, dass sie als nächstes ihre Kristallkugel hervorholen oder mir mittels Karten oder Handlesen nun die Zukunft voraussagen würde, eine gruselige Szene und trotz der zum Schneiden dicken Luft im Raum bekam ich eine Gänsehaut an Arm und Nacken. Doch es kam anders: Ohne irgendeine weitere Frage zu stellen, fing sie an. Sie sagte, wir sollen ihr nachsprechen und wir begännen mit einfachen Sätzen. Das Erste, was sie mir beizubringen versuchte, war die Aussage „Vater ist groß!“. Eine durchaus nachvollziehbare Aussage im religiösen Jerusalem, aber trotzdem nicht das, was ich lernen wollte, zumal ich noch nicht einmal richtig sicher auf Hebräisch schreiben kann. Doch schon im nächsten Moment erfolgte eine weitere Aufforderung, nun sollten die Sätze, „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.“ auf Hebräisch nachgesprochen werden. Daraufhin folgten weitere Sätze zum Nachsprechen. Das ging aber so schnell, dass ich nicht einmal die Zeit dazu hatte, richtig zu begreifen, was ich dort gerade nachsprach. Wohlgemerkt, Irene, so der Name der alten Dame, sprach ausgezeichnetes Englisch, denn sie wuchs in Ohio auf. Als ich anmerkte, dass es etwas verwirrend sei, begann sie in aller Ruhe jedes einzelne Wort des hebräischen Satzes für mich ins Englische zu übersetzen und forderte mich auf Notizen zu machen. Nachdem ich die Wortfetzen die ich vernehmen konnte irgendwie lautgetreu zu Papier gebracht hatte, fragte mich Irene, ob ich denn überhaupt wisse wie man schreibe. Obwohl ich anfangs versucht hatte deutlich zu machen, dass ich das hebräische Alphabet noch nicht mal sicher beherrsche, überraschte sie meine Antwort, die sie nach etlichen Wiederholungen meinerseits schließlich verstanden hatte. Dann nahm sie mir mein Schreibzeug aus der Hand und fragte, wo sie es denn für mich aufschreiben könne. Ich deutete etwas verdutzt dreinblickend auf die leere Stelle unter meinen Aufzeichnungen. Auf meine Reaktion hin lieferte sie die Erklärung, dass sie ihre Brille verloren habe und nichts mehr sehen könne, sie aber nicht beabsichtige, versehentlich über meine Aufzeichnungen zu schreiben. Mit zittrigen Bewegungen hielt sie meinen Kuli wie ein Kleinkind einen Wachsmaler in ihrer Hand und brachte in blattfüllender Größe von rechts nach links eine Reihe mit Mühe zu erkennende Schriftzeichen auf mein Blatt. Dies bereitete ihr größte Mühen, half mir aber letzten Endes nur bedingt weiter. Kim schien das alles ganz locker hinzunehmen und schaute alle 2 Minuten auf ihr Handy. Ich startete noch einen Rettungsversuch und schlug vor,  etwas systematischer vorzugehen, daraufhin wurde mir breit erläutert, dass seitdem sie ihren Hebräischunterricht vom Gemeindehaus zu sich nach Hause verlegt habe, seien alle ihre Lernzettel und Materialien verschwunden und niemand könne ihr dort noch weiterhelfen, sie werde sich aber nochmals darum bemühen, diese ausfindig zu machen. Nachdem sie mir das umständlichst erklärt hatte, tat sie mir fast ein wenig leid. Nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte Irene aber dann auch begriffen, das ich nicht so erpicht darauf war, in diesem Stile den Unterricht fortzuführen. Während im Hintergrund ein Nachrichtensprecher, den Bildern zufolge über das iranische Nuklearabkommen berichtete, begann sie uns dazu zu ermutigen, hebräische Kirchenlieder zu singen. Angefangen mit einer leichten Version von Halleluja. Ob sie hörte oder sah, dass sie alleine sang und wir nicht mit einstimmten, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber danach leitete sie das Ende, meiner ersten und auch gleichzeitig letzten Unterrichtseinheit bei ihr ein. Ich bedankte mich höflich, entrichtete meine Gebühr und ging etwas verwirrt und durcheinander Richtung Ausgang. Doch bevor ich das Haus verließ wendete ich mich nochmal an Kim und fragte sie wie lange sie schon unter diesen Bedingungen hebräisch lerne. Obwohl ich keinerlei Erwartungen hatte, traf mich bei ihrer Antwort dennoch der Schlag, als sie mir sagte, dass sie schon seit einem Jahr in Israel sei und hier hebräisch lerne, faktisch aber keinen einzigen, alltagstauglichen Satz sprechen könne, geschweige denn etwas lesen. Erleichtert trat ich ins Freie und atmete tief durch. Vor mir blickte ich auf die belebten und sonnendurchfluteten Straßen Jerusalems. Aus einem Café,  schallte laute Musik herüber und Kinder spielten auf der Straße. Als ich wieder zurück fuhr, beschäftigte mich die Frage, was diese Frau dazu gebracht haben mag, immer noch öffentlich Unterricht anzubieten. „Der Vater ist groß!“ wird wohl immerhin auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben. Ich werde mich wieder auf die Suche nach einem Hebräischkurs begeben und hoffe, dass demnächst die hebräischen Vokabeln so in meinem Gedächtnis kleben bleiben, wie dieser unvergessliche Vormittag der besonderen Art.

Schädlinge am Sabbat

Am selben Abend ging ich mit meinem Mitbewohner Karim noch in einen öffentlichen Park, um mich noch etwas an den dort öffentlich zur Verfügung stehenden Sportgeräten zu betätigen. An diesem Abend war dem jüdischen Glauben nach „Simchat Torah“, der letzte Feiertag des jüdischen Neujahrsfestes, also das Ende von Sukkot und dem Übergang ins neue Jahr. Es war schon recht spät abends, als ein orthodoxer, junger Mann auf uns zukam und uns fragte ob wir jüdisch sein. Sein Englisch war wirklich sehr schlecht, aber meine zuvor angeeigneten Hebräischkenntnisse konnten da auch nicht weiterhelfen, obwohl er es sich sicherlich bestätigt hätte, wenn ich „Der Vater ist groß!“ gesagt hätte. Nach kurzen Verständigungsproblemen stellte sich heraus, dass er aus Frankreich kam und in Paris lebte. Das hat mich unglaublich gefreut nach so langer Zeit mal wieder etwas Französisch mit jemandem zu sprechen. Auf Französisch erklärte er mir dann, dass er in seinem Haus ein Ameisenproblem habe und bat uns etwas beschämt, ob wir es beseitigen könnten. Ohne zu zögern folgten wir ihm in seine Ferienwohnung und erkannten schon beim Eintreten ins Haus das Problem. Am Schrank und an einer danebenstehenden Lampe krabbelten Tausende kleiner Insekten. Sie saßen so dicht, dass man an einigen Stellen gar nicht mehr den Untergrund sehen konnte. Uns wurden Tücher, Wasser und scharfe Reiniger in die Hand gedrückt, bevor wir uns an die Arbeit machten. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis alle Plagegeister beseitigt waren. Währenddessen erklärte uns Ismael, der Franzose, dass er als Jude heute keine Arbeit verrichten dürfe und wie dankbar er sei, dass wir ihm halfen. Er bot uns noch Schokolade und Limo an, die wir ganz gerne annahmen. Nach getaner Arbeit wollte er uns für unsere Kammerjägertätigkeit auch noch bezahlen, was wir jedoch konsequent ablehnten, obwohl die gebotene Summe nicht unerheblich war.  Begeistert zeigte er sich im Anschluss, als wir ihm von unserem Interesse für Israel erzählten und dass wir hier freiwillig in einem Krankenhaus arbeiteten und sah es als eine große Wertschätzung für Israel an. Mir gefiel der Gedanke, dass die jahrtausendealte Vorschrift, am Sabbat nicht arbeiten zu dürfen, an diesem Abend Menschen zusammengebracht hatte, die sich sonst niemals kennengelernt hätten und die in gegenseitiger Wertschätzung und Dankbarkeit wieder auseinandergegangen sind, aus einem Verbot der Tora ist etwas entstanden. Als wir spät am Abend den Heimweg antraten, wünschte uns Ismael noch einen gesegneten Aufenthalt und alles Gute für unsere Arbeit.

Panik im Salon

Meine folgende Schicht am nächsten Morgen im Krankenhaus begann leider alles andere als gesegnet. Als ich die Station betrat, erklärte mir die Stationsleiterin aufgeregt, dass Mäuse in der Stationsküche seien, was mich zunächst nicht weiter beunruhigte. Doch als wir dann am Vormittag mit allen Kindern im Salon waren und Schwester Natalia die Küche betrat um etwas heißes Wasser zu holen, stieß sie plötzlich einen unerwartet gellenden, spitzen Schrei aus. Mitten in der Küche saß eine Ratte mit den Körpermaßen eines Bibers und musterte, mit einer Mischung aus Neugier und Angriffslust in den schwarzen Augen, die tapfere Schwester Natalia, ohne auch nur die geringsten Anstalten zur Flucht zu machen. In Panik griff die wackere Natalia mit hochrotem Kopf zum Telefon und alarmierte das Reinigungskommando des Krankenhauses, welches trotz des Feiertages in Windeseile in Kompaniestärke einsatzbereit auf die Station stürmte. Unerschrocken schnitten die Hygiene-Helden dem garstigen Nager den Fluchtweg mit einem gelben Bettlaken ab, rückten den Kühlschrank zur Seite, hinter dem das furchteinflößende Ungetüm es nun vorzog, seiner Bestrafung zu entgehen, während ich aufgefordert wurde, einen Eimer zu besorgen. Hastig brachte Schwester Larissa einen Besen mit langem Holzstiel, wahrscheinlich in Ermangelung effektiverer Mordinstrumente, um damit der flauschigen Flohherberge auf den Pelz zu rücken. Nun legte das Einsatzkommando erst richtig los, final sollte es nun dem possierlichen Pestüberträger an den Fellkragen gehen und  endgültig der Garaus gemacht werden. Entschlossen wurde das nun in Todesangst fauchende, haarige Monster unter dem Kühlschrank hervorgejagt und damit war sein Schicksal auch schon besiegelt: Ein dumpfer Knall, ein letztes, jämmrtliches Quieken – Rückgrat und Besenstiel zerbrachen während der Unhold nach kurzer Agonie sein Leben aushauchte. Applaus brandete auf und im gesamten Salon machte sich Erleichterung breit. Ungerührt nahm der Besen-Terminator  den erschlafften Kadaver ohne mit der Wimper zu zucken und warf ihn wortlos in den von mir bereitgestellten Bottich. Dann verschwanden sie, als sei nichts weiter gewesen: Mission accomplished. Die Kinder, denen es möglich war, waren mit ihren Rollstühlen so nah wie möglich an das Geschehen in der Küche herangerollt, um das Spektakel aus nächster Nähe zu verfolgen, denn auch sie erleben so etwas nicht alle Tage. Nur noch eine der Reinigungskräfte stand wie angewurzelt im Eingangsbereich und starrte fassungslos auf das Schlachtfeld, auf dem der schaurige  Schädling sein Leben gelassen hatte und das sie nun zu reinigen hatte. Ihr Widerwillen war nicht zu übersehen, also half ich ihr und brachte den Behälter samt borstigem Bazillenträger nach draußen., während mich dessen Knopfaugen vorwurfsvoll anstarrten. Wenig später stocherte ich lustlos im Mittagessen – mein Appetit war vergangen.

Nachtrag: Nach Durchsicht des letzten Abschnitts möchte ich noch eine Anmerkung machen: Der Text über die Ratte in der Küche möge bitte keinen falschen Eindruck hinterlassen – ich mag Tiere sehr gerne und war auch in diesem Fall sehr mitfühlend, lebe ich doch schon seit Jahren nach dem Credo “Tiere ehren statt verzehren” und umsorge auch häufiger an den Wochenenden den klinikeigenen Streichelzoo, bestehend aus Meerschweinchen, Hasen und anderen, äh, Nagern(!).