Die Schere zwischen Arm und Reich

Auf meiner gesamten Reise ist mir die beachtliche Schere zwischen Arm und Reich aufgefallen, insbesondere in der Stadt Casablanca, wo sich unzählige Slums zwischen Luxusvillen, noblen Hochhäuser und edlen Geschäften befinden. Besonders eindrucksvoll waren für mich zwei völlig verschiedene Begegnungen auf meiner Reise, die ich mit Menschen in Agadir und Marrakesch hatte.

Ankunft in Agadir

Etwa gegen Mittag kam ich in Agadir an. Ich war etwas gestresst von der Einfahrt in das Stadtzentrum, sodass ich mich gleich auf die Suche nach einem ruhigen Strandabschnitt machte, als ein weißer, großer Geländewagen neben mir hielt. Darin saßen ein Mann mit Hemd und Anzug und seine Frau, gekleidet in Top und Hotpants. Sie fragten mich, wohin ich unterwegs sei und ich erzählte ihnen von meiner Reise per Rad.

Blick auf Agadir
Blick auf Agadir
die bergige, steile Straße nach Agadir
die bergige, steile Straße nach Agadir
Küstenstraße
Küstenstraße

Nach einem sehr kurzen Gespräch forderten sie mich überraschend auf ihnen zu folgen und boten mir an, mich bei ihnen zu Hause etwas auszuruhen. Angesichts meines Erschöpfungszustands nahm ich das Angebot dankbar an und wenige Minuten später befand ich mich in einer der teuersten Wohngegenden der Stadt. Mein Fahrrad und ich standen völlig unerwartet in einer modern eingerichteten Designerwohnung und mit Balkon und Blick über das Meer. Ich duschte, stopfte meine Wäsche in die Waschmaschine und wenige Minuten später klingelte ein Lieferservice an der Tür, der unser Mittagessen brachte. Mit dieser Art der Verpflegung hatte ich in diesem Moment wohl am wenigsten gerechnet.

Fassungslosigkeit über meine Reise

Nachdem ich etwas auf dem Klappsofa im Wohnzimmer geschlafen hatte, wurde ich von meinen Gastgebern Ibrahim und Nina nach meinen ursprünglichen Plänen befragt.

mein Schlafplatz im Wohnzimmer
mein Schlafplatz im Wohnzimmer

Ich erwiderte, dass ich zum Strand gehen wollte, woraufhin sich die beiden nur ungläubig anschauten. Offensichtlich würden sie niemals zur Erholung an den Strand gehen. Sie schlugen mir deshalb vor mich in ein Hotel mit einem Wellness-Spa-Saunabereich zu bringen, was ich dankend ablehnte. Ibrahim erklärte seinen Beruf einzig als „Businessman“, was auch immer dies heißen mochte. Nina arbeitete selbständig als „Makeupartistin“ und hatte ihre Ausbildung in den USA absolviert.

Frühstück in einem Luxushotel in Agadir
Frühstück in einem Luxushotel in Agadir

Wir unterhielten uns sehr angeregt und sie stellten äußerst viele Fragen – ich hatte das Gefühl sie wollten wirklich begreifen was für eine Reise ich machte und wie ich das ganze anging. Andererseits brachten sie trotz einer offensichtlichen Vertrautheit mit der westlichen Welt deutlich zum Ausdruck wie unvorstellbar diese Reiseform für eine Frau auf die Marokkaner wirkte.

Marokkanisches Outfit und wunderbare Aussicht über Agadir
Marokkanisches Outfit und wunderbare Aussicht über Agadir

Der leere Kühlschrank

Am späten Nachmittag hatte Nina noch einen Termin in der Stadt und Ibrahim sein regelmäßiges Fußballtraining. Mir wurde freigestellt was ich tat und somit entschied ich zu Hause zu bleiben und nach Langem mal wieder Tagebuch zu schreiben. „Fühl dich bei uns wie bei dir zu Hause“, war der Satz der mir noch zum Abschied mitgegeben wurde, bevor die zwei das Haus eilig verließen. Als mich eine Weile später der Hunger überkam, warf ich einen hoffnungsvollen Blick in den Kühlschrank und zu meinem großen Entsetzen war der riesige Eisschrank nahezu leer. Ganz hinten stand ein Glas alter Honig und einige Joghurttöpfe; mehr nicht. Damit hatte ich in diesem Moment nicht gerechnet, wie ich später erfahren sollte wurde die Ernährung der Familie nahezu ausschließlich durch Lieferdienste und Restaurants gewährleistet.

Arabische Bars

Am Abend, als Nina und Ibrahim wieder zurück waren, luden sie mich in eine Bar ein. Dazu wurde mir ein schwarzes Kleid geliehen und ich wurde geschminkt. Mein marokkanisches Outfit belächelten sie etwas und erachteten es nicht als repräsentative Kleidung ihres Landes, entgegen aller Meinungen, die ich bisher von Marokkanern gehört hatte. Offenbar wollten sie sich erkennbar von den traditionellen und konservativen Werten und Tugenden ihres Landes distanzieren.

edler Nachtclub in Agadir
edler Nachtclub in Agadir
edler Nachtclub in Agadir
edler Nachtclub in Agadir

.In der Bar gab es unglaublich teures Essen, eine landesweit sehr bekannte Band spielte laute Musik und neben Saft und Wasser wurden Wein und Champagner mit weißen Handschuhen serviert. Freunde und Bekannte kamen vorbei, die teilweise selbst eigene Unternehmen besaßen oder wichtige Positionen in der Regierung hatten. Alle waren fassungslos angesichts meiner Reise und daraufhin verhalfen sie mir im Nu zu einem Presseinterview am folgenden Tag.

Trotz der vielen freundlichen und sehr großzügigen Einladungen und dem Angebot auch für längere Zeit bei ihnen zu wohnen, fühlte ich mich nicht gänzlich wohl. Ich wurde immer wieder stolz den Menschen die wir trafen vorgestellt. Gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl nicht wirklich ich selbst sein zu können. Ich fühlte, als müsste ich mich ständig anpassen und eine entsprechende Maske tragen, als ginge es lediglich darum sich gut zu präsentieren, nicht wirklich darum wer man war.

Kochabend zu Hause

Drei Nächte verbrachte ich insgesamt bei ihnen, alle gemeinsamen Mahlzeiten nahmen wir außer Haus zu uns, was auch den leeren Kühlschrank erklärte, bis auf den letzten Abend. An diesem Tag kamen 3 Köchinnen vorbei um für die Familie und einige Gäste zu kochen. Aber bevor es losgehen konnte wurde gemeinsam eingekauft in einem recht großen und noblen Kaufhaus mit europäischen Preisen. Es wurde wirklich alles Erdenkliche gekauft, neben Lebensmitteln und Gewürzen kauften wir noch diverses Küchenequipment, einen Grill und eine riesige Tonform um Gemüse darin zu garen. Wieder zurück wurde der Großeinkauf auch nicht von uns ins Haus getragen sondern von einem hauseigenen Service.

Blick vom Balkon über das Meer
Blick vom Balkon über das Meer

Danach machten sich die Köchinnen gleich ans Werk ein 3-Gänge-Menu zu fabrizieren. Es gab Fisch und Meeresfrüchte für mich gab es Salat, Reis und gegrilltes Gemüse sowie würzigen Schafkäse. Als der Abend vorbei war, sah es in der Küche aus wie auf einem Schlachtfeld. Reste vom Fisch, Gemüse und Reis waren überall verteilt, selbst auf dem Fußboden. Schmutziges Geschirr türmte sich auf der Spüle neben Pfannen und Töpfen. Seltsamerweise schien sich niemand dafür in der Verantwortung zu sehen oder gar daran zu denken hier aufräumen zu wollen. Als hätte er meine Gedanken erraten, erklärte mit Ibrahim, dass dies morgen von der Putzfrau sauber gemacht werden würde. Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu, dass diese jeden Tag kommen würde, um sich um den Haushalt zu kümmern.

Einkaufszentrum in Agadir
Einkaufszentrum in Agadir

Obwohl sie mich gerne noch viel länger bei sich beherbergt hätten, entschied ich die letzte Nacht in Agadir auf einem Campingplatz zu verbringen um morgens ganz früh starten zu können, mit einer äußerst anstrengenden Etappe.

Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Stausee in der Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Stausee in der Wüste zwischen Agadir und Marrakesch

Zurück in Marrakesch – wie aber sieht ein gutes Leben nun aus?

Zwei Tage später kam ich nachmittags in einem kleinen Dorf an, ca. 20 km östlich von Marrakesch gelegen. Der 24-jährige Mhido hatte mich bei meinem ersten Besuch in der Stadt eingeladen zu seiner Familie in das Dorf Choiter vorbei zu kommen. Es war eine ärmliche Wohngegend. Das Haus in dem er mit seinen beiden Eltern und seinem größeren Bruder Raschid lebte war recht klein und aus Beton selbst gebaut.

Im Haus gab es im Wohnzimmer eine elektrische Lampe und in der Küche einen Gasherd und einen Wasserhahn. Eine einfache Toilette befand sich hinter dem Haus, wo es ebenfalls einen Wasseranschluss gab, um sich zu waschen und die Wäsche zu machen. Ebenfalls besaßen sie einige Schafe und Hühner die in einem kleinen Stall lebten.

Als ich ankam wurde ich schon erwartet und mit großer Freude und Herzlichkeit empfangen. Vor meiner Ankunft hatte ich noch etwas frisches Obst und getrocknete Datteln für sie gekauft. Ich glaube ich habe noch nie zuvor in meinem Leben Menschen durch so eine einfache Geste eine so unglaublich große Freude gemacht. Es war für mich erstaunlich zu sehen, wie sehr sie die kleinen und lebensnotwendigen Dinge immer wieder schätzten und sich daran erfreuten.

Ankunft in der Gastfamilie
Ankunft in der Gastfamilie

Es war mir fast etwas unangenehm mit anzusehen, welche Mühen sie auf sich nahmen, um mir für die Zeit meines Aufenthaltes ein eigenes Zimmer in ihrer Wohnung bereit zu stellen. Alles was sie hatten wurde ausnahmslos mit mir geteilt.

Ausflug in die Berge

Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs: Besuch eines kleinen Cafés, welches direkt in einen eiskalten Fluss hineingebaut wurde
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Wasserfall: Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs

Gastfreundschaft trotz Schwierigkeiten

Schon früh morgens stand die Mutter Maisha nach Sonnenaufgang auf, betete und bereitete das Essen für den Tag vor aus dem was sie hatten. Morgens gab es immer Haferbrei und dazu eine Tasse schwarzen Kaffee, abends aßen wir gemeinsam selbstgebackenes Fladenbrot, welches wir in Olivenöl tunkten. Hassan, der Vater der Familie arbeitete den ganzen Tag etwas außerhalb auf dem Feld und kam immer erst spät Heim. Raschid hatte gerade sein Studium in Betriebswirtschaft beendet und klagte über die Probleme auf dem marokkanischen Arbeitsmarkt. Sein Fazit war, dass man ohne gute Beziehungen keinerlei Aussichten auf einen sicheren Job hatte und er bisher keine positiven Rückmeldungen hatte, trotz zahlreicher Bewerbungen.

Abreise aus Marrakesch
Abreise aus Marrakesch

Besonders berührend fand ich aber vor allem zu sehen, wie offen sie über ihre Situation sprachen und wie eng die Familie zusammen hielt. Sie zeigten sich so ehrlich und verletzlich. Ich hatte bei ihnen den Eindruck bedingungslos angenommen zu werden und von ihnen wertgeschätzt zu werden, ohne das ich etwas für sie tat. Für mich war es keine einfache Erfahrung von einem Extrem ins Andere zu kommen. Ich musste feststellen, dass ich mich in der Familie von Maisha und Hassan deutlich wohler fühlte als bei Nina und Ibrahim, auch wenn dort süßer Tee statt Champagner serviert wurde.

Choiter
Choiter
Choiter
Choiter

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