Goldschmuggel über die Hochsicherheitsgrenze

An einem freien Tag bin ich gemeinsam mit Antonia, Karim und Lukas aus unserer WG nach Ramallah gefahren, dem Hauptsitz der palästinensischen Autonomieverwaltung. Die Intention des Ausflugs lag ursprünglich darin, einen Eindruck der politischen Lage in dieser Gegend zu erlangen, denn schon mein erster Besuch dort hatte ein bedrückendes Gefühl bei mir hinterlassen, insbesondere beim Durchqueren des Hochsicherheitscheckpoints mit riesiger Sperrmauer, ähnlich wie in Bethlehem mit zahlreichen Graffiti auf der palästinensischen Seite besprüht. Doch als wir recht entspannt in einem doch sehr engen Bus saßen, entschieden wir dann doch noch etwas sitzen zu bleiben und bis in das Stadtzentrum der kunterbunten und pulsierenden Stadt weiterzufahren. Im Zentrum herrschte reges Treiben, dicht an dicht reihen sich Verkäufer mit orientalisch duftenden Gewürzen, Obst, Gemüse ebenso wie zahlreichen Souvenirs und gefälschter Markenkleidung.

Reges Treiben in Ramallah
Arabische Märkte

In dem unüberschaubaren, lauten Gewusel weckte ein kleiner, nur schwer einsehbarer Laden sofort unsere volle Aufmerksamkeit. Vor der Tür türmten sich Gläser und Becken mit Goldfischen und auch noch anderen, in kräftigen Farben schillernden Fischchen. Ohne zu zögern sprachen wir den Ladenbesitzer an, der zu unserer Überraschung sogar ein paar Halbsätze englisch sprach und uns einen Preis nennen konnte. Nach kurzem Verhandeln einigten wir uns auf einen in unseren Augen guten Preis für 4 Goldfische, 2 kleine bunte Fische und noch weitere Behältnisse um die Fische darin zu verstauen. Wir planten schon, dass wir einen der Fische Judith zum Geburtstag schenken wollten, da sie vor einigen Tagen 25 wurde. Überglücklich mit unserem Einkauf, genossen wir noch den Sonnenuntergang in der Stadt, bevor wir mit unserem Schnäppchen wieder in den Bus zurück nach Jerusalem stiegen. Erst dort kamen in uns erste Gedanken auf, was wohl die israelischen Soldaten bei der Kontrolle am Checkpoint zu unserem Einkauf sagen würden, Als wir im Bus in leichtem Aufruhr über die Fische diskutierten und was nun mit ihnen geschehen solle, schalteten sich 2 junge, etwas von unserem Anblick belustigte, palästinensische Männer ein und erklärten uns, dass es offiziell verboten sei, Tiere, ganz gleich ob tot oder lebendig nach Israel einzuführen. Die einzige Möglichkeit bestehe für uns darin, die Fische im Bus zurück zu lassen, während wir ohne sie den Checkpoint durchquerten.

Palästinensische Sicherheitskräfte

Wir taten wie uns empfohlen wurde und hatten Erfolg! Mit großer Erleichterung saßen wir nach kurzer Aufregung auf der anderen Seite des Checkpoints im Bus zurück nach Jerusalem. Trotz der riesigen Freude über die Fische stimmte mich das Erlebte und insbesondere die düstere Stimmung am Checkpoint ausgesprochen nachdenklich. Die einzige Möglichkeit den Checkpoint zu passieren besteht für die Palästinenser in der Regel zu Fuß. Dazu nähert man sich der Kontrollstelle über einen langen, schmalen und zu den Seiten hin abgeschirmten Gang. Auf dem Boden dieses Zuganges befinden sich alle paar Meter hohe Kanten, die an etwas zu hohe Bordsteinkanten erinnern. Worin der Sinn darin liegt, hätte mir sicherlich einer der israelischen Soldaten verraten können, für die Palästinenser machen sie jedoch das Passieren des Sperrwalles mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Ähnlichem quasi unmöglich. Am Ende des videoüberwachten Korridors mussten wir große Drehkreuze mit Metalldetektoren passieren, bevor wir unsere Schuhe ausziehen mussten und alle unsere mitgeführten Gegenstände wie am Flughafen auf ein Band legen mussten und unsere Pässe einem müde und genervt schauendem Soldaten vorzeigen mussten, bevor wir wieder zurück in unserem Bus steigen durften.

Eingang des Checkpointes

Was für uns eine seltene Erfahrung ist, stellt leider den Alltag vieler Palästinenser dar, die in anderen Regionen beispielsweise arbeiten oder studieren. Gerade zu Rushhour-Zeiten, so wurde uns erklärt ist es nicht unüblich weitaus länger als 2 Stunden warten zu müssen, um die Sperranlage zu überqueren. Immerhin vermitteln die Kontrollen und der massive Terrorabwehrzaun ein Gefühl von innerer Sicherheit! Kann ja nur letztlich nicht die Lösung sein.

Klettern am Fels

Neben der Arbeit gehe ich nun regelmäßig Klettern, wo ich schon viele nette Leute kennengelernt habe, darunter eine russischstämmige Familie, die mich einlud des Öfteren am Sabbat mit ihnen am Felsen Klettern zu gehen. Der Vater der Familie heißt Dimitri und kam vor 20 Jahren aus einem Vorort aus Moskau nach Israel in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Hier arbeitet er nun als Stationsleitung und Krankenpfleger in einem nahegelegenen Krankenhaus. Seine Tochter Nicole geht noch zur Schule und klettert schon von Kleinauf, weshalb sie immer wieder mit großem Erfolg an Kletterwettkämpfen teilnimmt. Sein Sohn Michail leistet momentan seinen Wehrdienst in Haifa bei der Marine ab und kommt nur über die Wochenenden zurück nach Jerusalem. Das Klettern mit ihnen in der Natur war bisher immer voller eindrücklicher Erlebnisse, die prächtige Landschaft und umliegende Natur sind ausgesprochen reizvoll und das Klettern am Fels stellt eine ganz andere Herausforderung dar als in der Kletterhalle. Auch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier war etwas ganz besonderes für mich und der reichliche Konsum von schwarzem Tee und zuckrigen Keksen gehörte ebenfalls zu dem Ausflug dazu.

Szenerie am Fels, wo im Vordergrund Nicole zu sehen ist und einige Leute die ebenfalls Klettern waren

Moses, Jesus und Mohammed

Da in Israel bald Chanukka gefeiert wird (Fest der Lichter) und in Deutschland sich alles auf Weihnachten konzentriert, habe ich diese Begebenheiten zum Anlass genutzt den Leuten vom Klettern eine kleine Freude zu machen und mich letztlich dazu entschieden, drei der geschmuggelten Fische zu verschenken, jeweils einen Fisch an die beiden Leiter der Klettergruppe und einen an das Team der Halle. Den Fisch als Zeichen des Christentums in solch einer Situation zu verschenken ist meines Erachtens nach ein wundervolles Symbol für die lebende Freundschaft zwischen Juden und Christen. Außerdem ist Klettern eine Sportart, die viel an gegenseitiger Verantwortung voraussetzt, genauso wie das Umsorgen der kleinen Fische. Die Begeisterung die diese Überraschung auslöste war riesig und auch als ich erklärte, wie die Fische zu mir kamen, trübte es die Freude keinesfalls. Ganz im Gegenteil, es sorgte dafür, dass die Namen der Fische schnell gefunden waren. Nun ziehen Moses, Jesus und Mohammed friedlich gemeinsam ihre Kreise in dem kleinen Aquarium auf dem Tresen der Kletterhalle und schauen die Besucher neugierig aus ihren großen Glupschaugen an.

Übergabe der Fische beim Klettern

Totes Meer und lebendige Begegnungen

Auch mit Jasmin einer hier kennen gelernten, jungen Frau unternahm ich schon eine lustige Tour. Nach der Arbeit trampten wir zum Toten Meer, da wir aufgrund von massivem Rushhour-Stau unseren Bus am Busbahnhof verpassten. Auf der Anfahrt mussten wir insgesamt drei Mal umsteigen. Zuletzt nahm uns ein Mann mit, der uns trotzdem es für ihn ein Umweg sein würde anbot, uns direkt nach Masada zu fahren. Im Auto erzählte er uns, dass er noch zu einem Strand fahre, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und zu grillen und lud uns ein, sich ihm anzuschließen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an. An dem etwas abgelegenen Strand waren nur wenige Menschen, zufälligerweise darunter auch zwei deutsche Touristen. Als wir ankamen, dämmerte es schon und die Lichter des angrenzenden Jordaniens waren gut zu erkennen. Als wir am Strand ausstiegen, waren Jasmin und ich uns sofort einig, dass wir hier die Nacht verbringen würden. Im hellen Lichtstrahl des Jeeps der uns mitgenommen hatte bauten wir unser Zelt auf, während der Mann etwas abseits ein kleines Lagerfeuer errichtete und uns auf unsren Wunsch hin, vegetarische Nudeln und Soße herstellte. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, als wir in dem grauen Jerusalem losgefahren waren, dass wir noch ein warmes Abendessen am Strand bekommen würden.  Am nächsten Morgen klingelte der Wecker schön um halb 6, der die etwas ungemütliche und unerholsame Nacht auf hartem Sandboden und dünner Isomatte beendete, doch beim Anblick des herrlichen Sonnenaufgangs und einem Bad im einzigartigen Salzwasser war die Müdigkeit schnell verflogen.

Sonnenaufgang über dem Toten Meer
Unser Nachtlager

Danach trampten wir weiter nach Masada, diesmal wurden wir von zwei älteren Nonnen mitgenommen, die erst vor einigen Jahren aus Amerika eingewandert waren und jeden Tag in Israel als ein ganz besonderes Abenteuer erlebten. Von dort aus wanderten wir etwas durch die Wüste und entschieden uns für einen sich steil aufwärts schlängelnden Pfad, bis zur hoch gelegenen Felsenfestung, wo wir uns eine wohlverdiente Ruhepause gönnten.

Wüste bei Masada
Rast an einem Wasserfall mitten in der Wüste

Am Nachmittag trampten wir zurück und wurden gleich von einem Lastwagenfahrer mitgenommen, der uns bis direkt nach Jerusalem brachte. Nur die Kommunikation mit ihm ging äußerst schleppend, da er kaum ein Wort englisch sprach.

Bauchtanz am Mittelmeer

Letzte Woche waren Judith und ich auf einem Seminar des DRK in Haifa eingeladen, wo auch schon unser Ankunftsseminar stattgefunden hat. Besonders der Erfahrungsaustausch über die kulturellen Besonderheiten hier im Land und die unterschiedlichen Herausforderungen im Arbeitsalltag war für mich sehr spannend und ließ mich meine momentane Arbeit und mein derzeitiges Umfeld nochmal mehr schätzen. Das Thema des Seminars lautete „Ethnien und religiöse Minderheiten in Israel“. Etwa 1,7 Millionen Menschen, fast 24% der Bevölkerung Israels, sind Nichtjuden. Obwohl sie zusammenfassend als arabische Bürger Israels bezeichnet werden, bestehen sie aus verschiedenen in der Regel arabisch sprechenden Gruppen, mit eigenen Charakteristiken. Ein Großteil der muslimischen Araber lebt im Norden des Landes, die Beduinen, ebenfalls Muslime leben recht verstreut im Süden des Landes. Als traditionelle Nomaden, stehen sie heute im Umbruch von der alten Stammesgesellschaft zur Sesshaftigkeit und nehmen zunehmend mehr am Erwerbsleben Israels teil. Auf dem Seminar bot sich uns die Möglichkeit sich mit einzelnen Vertreter verschiedener Minderheiten auszutauschen und mehr über ihren Glauben, ihre Weltanschauung und ihre Position zum Staate Israel auszutauschen.

Besuch in einem Drusendorf
Ausstellung über die Kultur der Drusen

Auch gab es einen Workshop, für alle Teilnehmer, bei dem uns eine leicht bekleidete arabische Frau, traditionelle Bauchtänze vorführte und uns danach zum Mitmachen versuchte zu animieren. Nach dem Seminar fuhr ich noch mit ein paar weiteren Freiwilligen des Seminars in die kleine Fischerstadt Akko, einige Kilometer nördlich von Haifa gelegen. Trotz der schon früh hereinbrechenden Dunkelheit war der Ausblick vom malerischen Hafen über die Meeresbucht absolut lohnenswert.

Hafen von Akko
Ausblick vom Hafen
Hafen von Akko
Gassen von Akko
Blick von Akko nach Haifa

Jerusalem – Göttingen – Teheran

Die Zeit in Israel ist bisher nur so für mich verflogen, gekennzeichnet durch eine unglaublich hohe Dichte an Begegnungen, Erfahrungen und neuen Eindrücken, die ich alle als eine riesige Bereicherung zu schätzen weiß. Während ich nun in Israel meine Zeit verbringe, ist mein iranischer Austauschschüler Amir Arsalan in Deutschland, wo er bei meinen Eltern und meinem Bruder lebt, tapfer deutsch lernt und das Hainberg-Gymnasium besucht, eine Konstellation, die mit Blick auf die internationale Politik geradezu absurd erscheint.

Amir Arsalan am weihnachtlichen Gänseliesel in Göttingen

Obwohl wir zur Zeit weit voneinander entfernt leben, ist es auch etwas sehr Verbindendes zu sehen, dass wir beide, trotz vieler Unterschiede das Bestreben danach haben, ein neues Land, eine neue Kultur und interessante Menschen kennenzulernen. An dieser Stelle möchte ich Amir Arsalan noch einmal aus der Ferne wünschen, dass seine Zeit in Göttingen für ihn genauso erlebnisreich sein wird, wie mein Aufenthalt hier in Israel.

Über die aktuelle politische Lage in Jerusalem und der Westbank werde ich zeitnah ausführlicher berichten, doch aus Sicherheitsgründen habe ich bei meinen Ausflügen diese Gegenden vorerst gemieden.

Nachtleben in Tel Aviv und Jaffa
Nationalpark im Norden des Landes
Baden in warmen, schwefelhaltigen Quellen

Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem

Im Alyn-Krankenhaus gibt es eine weitere Station die sich „Independant Living Neighbourhood“ nennt in der erwachsenen Menschen mit schweren Behinderungen dauerhaft leben können und ihren Bedürfnissen entsprechend medizinisch und pflegerisch versorgt werden, auch durch die Unterstützung internationaler Freiwilliger. Die beiden Brüder Fares und Maram leben schon seit mehreren Jahren dort, da sie beide an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leiden und somit auf dauerhafte Unterstützung im Alltag angewiesen sind. Freundlicherweise haben die beiden uns Freiwillige auf einen Ausflug nach Bethlehem eingeladen. Bethlehem ist für sie eine besondere Stadt, da sie arabische Christen sind und ihrem Glauben nach die Geburtskirche über der Geburtsstätte Christi errichtet wurde. Die Geburtskirche gehört zudem zu den wenigen Beispielen vollkommen erhaltener frühchristlicher Kirchenbauten. Als wir allesamt nach einer kurzen Busfahrt mit den beiden Brüdern in der imposanten, hell leuchtenden, stark frequentierte Geburtskirche standen, fühlte sich alles so unwirklich an. Um zu ihr zu gelangen, müssen die von Jerusalem kommenden Besucher zunächst durch den stark gesicherten israelischen Checkpoint am Nordrand Bethlehems. Die enorme Sperranlage und Mauer der israelischen Regierung soll verhindern, dass aus Bethlehem palästinensische Terroristen und Selbstmordattentäter ins Kernland Israels vordringen. An der Mauer türmen sich an einigen Stellen Berge von Unrat und Schutt an, es scheint die anliegenden palästinensischen Bewohner nutzen das ungeliebte Bauwerk als Müllhalde. An anderen Stellen ist der Sperrwall nur ein schwer bewachter Zaun aus scharfem Stacheldraht.

Unrat an der Trennmauer
Wachturm des israelischen Militärs

Nach ungehindertem Passieren des Checkpointes war die Innenstadt nicht mehr weit entfernt. Nur leider ist das historische Bauwerk alles andere als behindertengerecht. Schon am Eingang kommt es zu Schwierigkeiten, doch mittels einer improvisierten Rampe schaffen wir es mit vereinten Kräften, Fares und Maram in ihren Rollstühlen in das unglaubliche Bauwerk zu zerren. Während die beiden Brüder, schonungslos starrenden, hemmungslosen Blicken ausgesetzt, durch den beschränkten Teil der Kirche rollten, der ihnen zugänglich war, wurde uns aufgetragen, noch den unteren Teil der Kirche zu besichtigen.

Maram in Begleitung von Freiwilligen in der Geburtskirche Jesu
Maram

Hierfür durften wir uns an den am Eingang tummelnden Touristenscharen vorbei schieben, eine steile Treppe nehmen und dann durch die enge und extrem niedrige Demutspforte das eigentliche Heiligtum betreten. Im Inneren sah man der Geburtskirche deutlich ihr Alter an. Die Säulen waren abgewetzt durch Menschenmassen, die sich seit Jahrhunderten jeden Tag durch das Kirchenschiff drängten. Doch wir ließen uns dort drinnen nur wenig Zeit, da wir unsere Gastgeber nicht länger als nötig in der Hitze am Eingang warten lassen wollten. Dennoch war es ihnen sehr wichtig, dass wir uns diese besondere Kirche ansahen und es hat sich letztlich auch sehr gelohnt.

Heiligtümer
Heiligtümer

Als wir als Gruppe wieder gemeinsam auf dem Vorplatz standen kam ein Palästinenser mit eiligen Schritten auf uns zugerannt, der sehr wohl schon von Weitem sah, dass wir Touristen waren und fragte auf Maram deutend, wo wir denn her kämen und warum wir mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem wären. Völlig perplex und nichtwissend, ob man darüber lachen oder nur wütend sein kann, blieb ich sprachlos. Wenn der Mann sich wenigstens direkt an den vermeintlichen Astrophysiker gewandt hätte, anstatt mit uns über ihn zu reden, wäre mir das Lachen über diese Situation leichter gefallen, so zeigt diese Situation aber doch einiges Bedrückendes über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Noch etwas nachdenklich von der absurden Situation machten wir uns weiter auf in Richtung Marktplatz, wo wir ein typisch arabisch-palästinensisches Gericht in einem Restaurant serviert bekamen. Diese freundliche Einladung durch Maram und Fares war umso bemerkenswerter, als unsere Gastgeber in Folge ihrer Erkrankung selber gar nicht an dem Essen teilnehmen konnten.

Lustiges Zusammensein beim gemeinsamen Essen

Am Nachmittag fuhren alle wieder zurück nach Jerusalem, nur Lukas und ich entschieden uns noch etwas in Bethlehem zu bleiben. Wir machten uns auf in Richtung Mauer, die von palästinensischer Seite aus mit etlichen Graffiti versehen war, viele mit einer politischen Botschaft zum allgegenwärtigen Konflikt.

Lukas auf durgesessenem Sofa vor der Trennmauer
Graffiti des Protests an der Mauer
Erschießung der “palästinensischen Freiheitskämpferin” von israelischen Soldaten
PEACE WILL SET US FREE
Graffiti des Typen dem wir auch beim Sprayen zusehen durften
Abschuss einer Friedenstaube
Lukas vor bemalter Mauer

Bei unserem Spaziergang entlang der erschreckend hohen Trennmauer lernten wir Hamoud kennen, der einen kleinen Laden mit Souvenirs an der Mauer betrieb. Nach einigen Sätzen Smalltalk erklärte uns Hamoud, er müsse kurz etwas erledigen, wir sollten solange bei seinem Laden bleiben und aufpassen. Noch ehe wir irgendeine konkretere Nachfrage stellen konnten, beispielsweise zu den nicht ausgewiesenen Preisen, war er mit seinem Auto verschwunden. Etwas verwundert warteten wir vor dem Laden, bis Hamoud nach einer gefühlten Ewigkeit wieder kam und das Geschäft hastig schloss. Dann wies er uns an, wir sollen bei ihm mitfahren, wir würden noch in ein Restaurant gehen um eine Kleinigkeit zu essen. Neugierig gingen wir mit, ohne geringste Ahnung was uns erwartete. In einem winzigen, völlig verräucherten Lokal mit roten Ledersofas wurden wir dann mit zwei Männern aus Österreich und aus Australien bekannt gemacht, welche hier waren, um heute Abend ein großes Graffiti an die Mauer zu bringen. Wir erhielten die Einladung dabei zu sein, welcher wir ohne zu zögern zustimmten.

Als es dunkel wurde ging es los: erst musste die Mauer zweifach mit weißer Farbe grundiert werden, danach wurde das geplante Motiv mittels eines Projektors (betrieben durch einen Dieselgenerator) auf die Fläche projiziert und nachgespürt. Die Routine bei der Arbeit war den beiden Künstlern anzumerken, doch leider konnten Lukas und ich nicht mehr bis zur Fertigstellung des Kunstwerkes warten. Hamoud selber war es nicht gestattet mit seinem Auto und Pass, ohne spezielle Erlaubnis israelischer Behörden, Bethlehem zu verlassen. Um uns zu so später Stunde noch nach Hause zu schaffen, machte er irgendwie eine junge Frau ausfindig, die bereit war, uns in ihrem Auto mit nach Jerusalem zu nehmen, nachdem sie sich unsere Pässe eindringlich angeschaut und sich mehrfach vergewissert hatte, dass wir ungehindert den Checkpoint passieren dürfen. Als wir schließlich spät nachts in unserer vertrauten Wohnung waren, ließ uns die Fülle von unterschiedlichen Sinneseindrücken kaum in Schlaf kommen.

Erstellung eines Graffitis bei spärlichem Licht

Um nach all den Erlebnissen und Eindrücken meinen Kopf wieder etwas frei zu bekommen und mir etwas Erholung und Entspannung zu gönnen, fuhr ich einige Tage später an meinem freien Tag in den En-Gedi Nationalpark, wo ich durch die Wüste wanderte, die tolle Aussicht aufs Tote Meer und bis nach Jordanien genoss und zum Schluss noch in einer Wasseroase mitten in der Wüste die sich bietende Badegelegenheit ausgiebig ausnutzte. Das war wirklich unglaublich entspannend und gleichzeitig ein extremer Kontrast zu allem, was ich bisher in Israel erlebt hatte. Ich genoss es sehr, zum ersten Mal seit meiner Ankunft etwas Ruhe und Zeit für mich selbst zu haben.

Ausblick während der Wanderung in Richtung Totes Meer
Pflanzen an Wasserstelle mitten in der Wüste
Wasserlauf nahe einer erfrischenden Badestelle
Wasserfall im En Gedi Nationalpark
am Straßenrand stehendes Kamel

Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt

Hebron ist die größte palästinensische Stadt im südlichen Teil des Westjordanlands und ein religiöser Anziehungspunkt für Muslime, Juden und Christen, denn in der schon geschätzt 5000 Jahre alten Stadt befindet sich das Heilige Grab Abrahams, des Stammvaters der Juden und Araber. Gemeinsam mit Linda bin ich zu diesem Ort gefahren, wo wir erstmals hautnah einen bedrückenden Eindruck des Nahostkonfliktes bekamen. Hebron ist heutzutage geteilt: in H1 leben ca. 120.000 palästinensische Araber unter palästinensischer Verwaltung. Möchten Juden nicht massive Gefahr für Leib oder Leben riskieren halten sie sich besser aus dieser arabischen Zone raus. Das Osloer 2 Abkommen untersagt es Israelis offiziell sich in palästinensisch kontrollierten Gebieten aufzuhalten. In H2 leben ca. 30.000 Palästinenser und 800 fanatische jüdische Siedler, beschützt von mindestens genauso vielen israelischen Soldaten, was vor Ort regelmäßig zu Unruhen führt. Als Linda und ich nach einer etwas rasanten Busfahrt auf staubiger Piste als einzige Passagiere an der Haltestelle in H2 nahe „Haram el-Khali“ („Heiligtum des Freundes“, Abrahams Grabstätte) ausstiegen, beherrschte eine unheimliche Stille das Straßenbild, obwohl es mitten am Tag war.

Abrahams Grabstätte von außen

Die Straßen wirkten in der Morgensonne wie leergefegt. Menschenleere Höfe, lahmgelegte Fabriken, verrammelte Läden und zerfallene Häuser reihten sich in einer bedrückenden, gespenstischen Ruhe dicht aneinander. Die heiße, trockene und staubige Luft machte uns das Atmen schwer und ließ jeden weiteren Schritt zur Qual werden.

Menschenleere Straßen, verlassene Gebäude
Verrammelte Läden, Israelfahnen an jeder Ecke

Ich kam mir zwischen den Häuser auf einmal so klein, einsam und verlassen vor. Warum war niemand auf der Straße? Wo leben die Leute hier in dieser Stadt? Wir überquerten einen kleinen Platz, wo einige Juden mit Kippa und staubigen schwarzen Gewändern Vorbereitungen für die anstehenden Festtage tätigten, auch für sie ist der Zugang zum Heiligtum strengstens geregelt. Juden und Muslime gelangen über getrennte Eingänge in die ihnen zugeteilten Bereiche. Auch wir wurden nach einer Passkontrolle vor dem Eingang von einigen Soldaten kritisch gemustert, bevor wir die Stätte betreten durften, doch als „neutrale Person“ ist es unkompliziert, die verzierten Särge von Abraham und weiteren dort bestatteten Personen bestaunen zu dürfen. Imposant thronte ein pompöser Sarg inmitten eines viereckigen, nur spärlich belichteten Raumes. Doch der eigentliche Körper, so erklärte man uns, befinde sich angeblich in einer Kammer darunter. Im jüdischen Bereich des Heiligtums hielten sich etwa ein Dutzend jüdische Siedler auf, die dort beteten und sich auch nicht von unserem Besuch davon abhalten ließen. Am meisten fasziniert hat mich zu sehen, mit welch Frömmigkeit und Hingabe die orthodoxen Juden an diesem Ort beten. Sie alle haben ihren Gebetsschal, den Tallit über ihren Kopf gelegt und wippen beim sprechen der Gebete mit dem Oberkörper auf und ab.

Hebräische Gebetsbücher in der Machpela
Eingang zum heiligen Sarg

Am frühen Nachmittag machten wir uns dann gemeinsam auf in das in H1 liegende Stadtzentrum, wozu wir die ehemalige Altstadt durchqueren mussten, einer echten „Geisterstadt“. Seit dem Jahr 2000 wurden etwa 1800 Geschäfte geschlossen, mehr als 1000 überwiegend palästinensische Familien sind aus der Innenstadt geflohen und übrig geblieben sind eine Atmosphäre aus Angst, Hass und Repression, sowie ein Straßenbild geprägt durch versiegelte Wohnhäuser, verrostete Scharniere an den einstigen Basartüren und herabhängende Kabel. Die Gebäude am Straßenrand gleichen eher Ruinen als Wohnhäusern. Einige von ihnen sind auch schon komplett eingestürzt und nicht mehr als ein mit Steinen bedeckter Schutthaufen.

Charakteristisches Straßenbild der kleineren Seitenstraßen in H2. Die Autos gehören übrigens alle den jüdischen Siedlern, da den Palästinensern in diesem Bereich das Autofahren komplett untersagt ist (auch erkennbar an den Kennzeichen)

Doch am herausstechensten sind wohl die israelischen Streitkräfte der Zone H2. Alle 20 bis 50 Meter patrouillieren mit Maschinengewehren bewaffnete israelische Soldaten auf und ab. Auf dem kurzen Weg bis zum Checkpoint, um von H2 nach H1 zu gelangen, passieren wir ebenfalls eine Militärstation und einen Wachturm.

Zerfallene Häuser
Ruinen im Vordergrund, eine Militärstation mit gutem Blick über die Stadt im Hintergrund

An nahezu jedem noch stehendem Haus wehen Israelfahnen und Girlanden leicht im Wind der heißen Stadt, sodass die noch gebliebenen Palästinenser die Besatzung bei jedem Schritt sehen und spüren können. Nur in sehr wenigen der maroden Häuser auf der zentralen Straße harren noch immer Palästinenser aus und die Fenster und Balkone, hinter denen trocknende Wäsche und neugierige Kinderaugen zu sehen sind, gleichen Käfigen. Es sind selbst gebaute Gefängnisse, zum Schutz vor steinewerfenden, israelischen Siedlern. Das Militär ist für die Siedler da, nicht für die palästinensischen Familien. Anders als in anderen Städten des Westjordanlandes leben die Juden auch im ehemaligen Stadtzentrum. Daher kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern dieses Stadtteils. Die Bewegungsfreiheit der in H2 lebenden Palästinenser ist stark eingeschränkt. Sie dürfen die Haupt-Durchgangsstraße, Al-Shuhada-Street, und einige weitere Straßenzüge überhaupt nicht benutzen. Auf anderen Straßen dürfen sie nur einige kurze Abschnitte auf extra markierten schmalen Pfaden betreten. Die Haustüren zur Hauptdurchgangsstraße wurden somit versiegelt. Nur wenige Familien sind folglich in dieser Gegend geblieben, die nun ihre Häuser wie Diebe über Leitern und Dächer von der Rückseite aus erklettern müssen, erklärte uns etwas später Mohammed ein etwa 30 jähriger Palästinenser in gebrochenem englisch. Die israelischen Siedler genießen hingegen völlige Bewegungsfreiheit in diesem besetzen Bereich. Das Problem sei, dass Zone H2 quasi ein rechtsfreier Raum ist. Die israelische Armee ist dort zwar für die Sicherheit zuständig, allerdings nur für die der israelischen Siedler. Die Palästinenser werden in diesem Sicherheitskonzept nicht berücksichtigt und die palästinensischen Sicherheitskräfte dürfen in dieser Zone nicht agieren, fährt Mohammed nach einer langen Pause weiter fort.

Palästinaflaggen im arabischen Teil, H1
Moschee in H2, Schilder sind in diesem Teil ausschließlich auf arabisch

Wahrscheinlich gibt es in Hebron niemanden der nicht seine eigene Schreckensgeschichte zu erzählen hat, egal ob jüdisch oder muslimisch, denke ich mir. Die Menschen in dem belebten Stadtgebiet von H1, welches offiziell unter palästinensischer Verwaltung steht, scheinen sich schon über unsere bloße Anwesenheit zu freuen, denn es ist mittlerweile eine Seltenheit für sie geworden, Respekt und Interesse für ihre Umstände und Lebenswirklichkeiten zu erfahren. Je länger Linda und ich uns in der Stadt aufhalten, desto deutlicher wird mir, wie sehr in Hebron der Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist.

Arabischer Basar

Die Kinder die hier aufwachsen kennen kein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Frieden, ohne ständige Waffenpräsenz. Diese Erkenntnis löst in mir eine tiefe Traurigkeit aus und ich möchte allen Menschen vor Ort ein Leben in Frieden und Sicherheit wünschen, frei von der täglichen Schikane, den Erniedrigungen, Einschränkungen und der allzu offensichtlichen Perspektivlosigkeit.

Wo vor der zweiten Intifada bunte Märkte, geschäftiges Treiben und spielende Kinder das Bild der Altstadt bestimmten, findet man heute Straßenblockaden, Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Checkpoints und Militärpatrouillen. Warum sind die Leute aus der Altstadt verschwunden und die Mauern und Soldaten geblieben, geht es mir durch den Kopf?

Am Ende der nahezu ausgestorbenen Straße kreuzen Linda und ich mit einem etwas mulmigen Gefühl ein Militärlager. Dann passieren wir ungehindert das schwer bewachte Drehkreuz mit Metalldetektor, welches einen Durchgang von der H2 Zone in die H1 Zone ermöglicht, die andernorts durch Mauern und Stacheldraht voneinander isoliert sind. Jenseits des Checkpoints sind aus Sicherheitsgründen nur Palästinenser geduldet, keine Israelis. Auf der anderen Seite ist das arabische Leben auf den Straßen deutlich zu spüren. Auf der überdachten Hauptgasse der palästinensischen Innenstadt dringen wir in das Labyrinth der vollgestopften Läden, Werkstätten und Stände ein wo eine wuselige Betriebsamkeit herrscht. Eselskarren, Mopeds, Fußgänger und schreiende Kinder drängen sich durch die Gassen. Von den Bewohnern werden wir gleich als Touristen erkannt und hören auf unserer Querung des Bazars etliche Male „Welcome to Hebron“, „Nice that you come to visit Palestine“. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit kamen einige Kinder im Alter von vielleicht 6 Jahren auf uns zugelaufen, umarmten uns und griffen nach unseren Händen. Vielleicht waren sie neugierig wer wir waren, möglicherweise wollten sie uns etwas zeigen, aber ganz offensichtlich schien, dass es für sie nicht zum Alltag gehörte, westliche Touristen in ihrem Viertel zu sehen. Das änderte aber nichts daran, dass sie Umarmungen der Kinder in mir gleichzeitig etwas befremdliches auslösten, ich hatte so etwas bisher noch nie erlebt und konnte die Geschehnisse vor Ort in diesem Moment nur bedingt einordnen. Aber auch neben den orientalisch duftenden Gewürzen und dem beißendem Benzingeruch in der Luft blieb uns die vorherrschende Armut nicht verborgen. Neben leerstehenden Gebäuden, quoll Müll vielerorts aus Containern, die Straßen sahen dreckig aus und Stacheldraht und meterhohe Zäune begrenzten und trennten verschiedene Areale der Stadt.

ein stillgelegter Laden

Es macht mich traurig zu sehen unter was für menschenunwürdigen Bedingungen die Leute hier zum Teil leben müssen. Die Geschichte zeigt, dass Weltanschauungen und Religion Menschen wirklich zu allem befähigen. Doch welche Macht Ideen, Religion und Glaube haben wurde mir erst in Hebron bewusst. Seit meinem Besuch der geteilten Stadt lässt mich dieser Ort nicht mehr los. Doch es ist nicht nur die Unerträglichkeit der Situation die mich beschäftigt. Es ist vielmehr der Kontrast zwischen den Lebensbedingungen der Menschen einerseits und ihrer unendlichen Fröhlichkeit und Lebensfreude andererseits, die sie wahrscheinlich dazu befähigt, unter diesen Umständen ihre Existenz aufrecht zu erhalten. Schon völlig überflutet von den ganzen Eindrücken und Geschehnissen der Stadt, steigen Linda und ich am späten Nachmittag in einen Minibus, der uns nach Bethlehem bringt, um uns die heilige Geburtskirche Jesus anzuschauen, bevor wir Abends müde, erschöpft und voller Fragen und Gedanken im Kopf nach Jerusalem zurück kehren. Über die Begegnungen und Erlebnisse vor Ort werde ich euch in einem meiner folgenden Einträge berichten.

Einkaufsstraße in Bethlehem

Bei all meinen bisher gesammelten Einblicken bin ich mir sehr wohl bewusst, dass es sich bei meinen Erlebnisse nur um sehr einseitige, erste Eindrücke eines hochkomplexen Konfliktes handelt und hoffe sehr während meines Aufenthaltes noch weitere Perspektiven und Standpunkte nachvollziehen zu dürfen. Doch angesichts des Gesehenen halte ich die Bemühungen meiner Arbeitsstelle zur Verbesserung der israelisch-palästinensischen Beziehungen als absolut wichtig und unterstützenswert.   Letztlich gebe ich meine Hoffnung in Israel, Palästina und die internationale Staatengemeinschaft nicht auf, dass es eines Tages zu einer friedlichen Lösung kommt, welche die Menschenrechte wahrt, den Bewohnern ein würdevolles Leben ermöglicht und die Geisterstadt Hebron wieder zum Leben erwacht.