Goldschmuggel über die Hochsicherheitsgrenze

An einem freien Tag bin ich gemeinsam mit Antonia, Karim und Lukas aus unserer WG nach Ramallah gefahren, dem Hauptsitz der palästinensischen Autonomieverwaltung. Die Intention des Ausflugs lag ursprünglich darin, einen Eindruck der politischen Lage in dieser Gegend zu erlangen, denn schon mein erster Besuch dort hatte ein bedrückendes Gefühl bei mir hinterlassen, insbesondere beim Durchqueren des Hochsicherheitscheckpoints mit riesiger Sperrmauer, ähnlich wie in Bethlehem mit zahlreichen Graffiti auf der palästinensischen Seite besprüht. Doch als wir recht entspannt in einem doch sehr engen Bus saßen, entschieden wir dann doch noch etwas sitzen zu bleiben und bis in das Stadtzentrum der kunterbunten und pulsierenden Stadt weiterzufahren. Im Zentrum herrschte reges Treiben, dicht an dicht reihen sich Verkäufer mit orientalisch duftenden Gewürzen, Obst, Gemüse ebenso wie zahlreichen Souvenirs und gefälschter Markenkleidung.

Reges Treiben in Ramallah
Arabische Märkte

In dem unüberschaubaren, lauten Gewusel weckte ein kleiner, nur schwer einsehbarer Laden sofort unsere volle Aufmerksamkeit. Vor der Tür türmten sich Gläser und Becken mit Goldfischen und auch noch anderen, in kräftigen Farben schillernden Fischchen. Ohne zu zögern sprachen wir den Ladenbesitzer an, der zu unserer Überraschung sogar ein paar Halbsätze englisch sprach und uns einen Preis nennen konnte. Nach kurzem Verhandeln einigten wir uns auf einen in unseren Augen guten Preis für 4 Goldfische, 2 kleine bunte Fische und noch weitere Behältnisse um die Fische darin zu verstauen. Wir planten schon, dass wir einen der Fische Judith zum Geburtstag schenken wollten, da sie vor einigen Tagen 25 wurde. Überglücklich mit unserem Einkauf, genossen wir noch den Sonnenuntergang in der Stadt, bevor wir mit unserem Schnäppchen wieder in den Bus zurück nach Jerusalem stiegen. Erst dort kamen in uns erste Gedanken auf, was wohl die israelischen Soldaten bei der Kontrolle am Checkpoint zu unserem Einkauf sagen würden, Als wir im Bus in leichtem Aufruhr über die Fische diskutierten und was nun mit ihnen geschehen solle, schalteten sich 2 junge, etwas von unserem Anblick belustigte, palästinensische Männer ein und erklärten uns, dass es offiziell verboten sei, Tiere, ganz gleich ob tot oder lebendig nach Israel einzuführen. Die einzige Möglichkeit bestehe für uns darin, die Fische im Bus zurück zu lassen, während wir ohne sie den Checkpoint durchquerten.

Palästinensische Sicherheitskräfte

Wir taten wie uns empfohlen wurde und hatten Erfolg! Mit großer Erleichterung saßen wir nach kurzer Aufregung auf der anderen Seite des Checkpoints im Bus zurück nach Jerusalem. Trotz der riesigen Freude über die Fische stimmte mich das Erlebte und insbesondere die düstere Stimmung am Checkpoint ausgesprochen nachdenklich. Die einzige Möglichkeit den Checkpoint zu passieren besteht für die Palästinenser in der Regel zu Fuß. Dazu nähert man sich der Kontrollstelle über einen langen, schmalen und zu den Seiten hin abgeschirmten Gang. Auf dem Boden dieses Zuganges befinden sich alle paar Meter hohe Kanten, die an etwas zu hohe Bordsteinkanten erinnern. Worin der Sinn darin liegt, hätte mir sicherlich einer der israelischen Soldaten verraten können, für die Palästinenser machen sie jedoch das Passieren des Sperrwalles mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Ähnlichem quasi unmöglich. Am Ende des videoüberwachten Korridors mussten wir große Drehkreuze mit Metalldetektoren passieren, bevor wir unsere Schuhe ausziehen mussten und alle unsere mitgeführten Gegenstände wie am Flughafen auf ein Band legen mussten und unsere Pässe einem müde und genervt schauendem Soldaten vorzeigen mussten, bevor wir wieder zurück in unserem Bus steigen durften.

Eingang des Checkpointes

Was für uns eine seltene Erfahrung ist, stellt leider den Alltag vieler Palästinenser dar, die in anderen Regionen beispielsweise arbeiten oder studieren. Gerade zu Rushhour-Zeiten, so wurde uns erklärt ist es nicht unüblich weitaus länger als 2 Stunden warten zu müssen, um die Sperranlage zu überqueren. Immerhin vermitteln die Kontrollen und der massive Terrorabwehrzaun ein Gefühl von innerer Sicherheit! Kann ja nur letztlich nicht die Lösung sein.

Klettern am Fels

Neben der Arbeit gehe ich nun regelmäßig Klettern, wo ich schon viele nette Leute kennengelernt habe, darunter eine russischstämmige Familie, die mich einlud des Öfteren am Sabbat mit ihnen am Felsen Klettern zu gehen. Der Vater der Familie heißt Dimitri und kam vor 20 Jahren aus einem Vorort aus Moskau nach Israel in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Hier arbeitet er nun als Stationsleitung und Krankenpfleger in einem nahegelegenen Krankenhaus. Seine Tochter Nicole geht noch zur Schule und klettert schon von Kleinauf, weshalb sie immer wieder mit großem Erfolg an Kletterwettkämpfen teilnimmt. Sein Sohn Michail leistet momentan seinen Wehrdienst in Haifa bei der Marine ab und kommt nur über die Wochenenden zurück nach Jerusalem. Das Klettern mit ihnen in der Natur war bisher immer voller eindrücklicher Erlebnisse, die prächtige Landschaft und umliegende Natur sind ausgesprochen reizvoll und das Klettern am Fels stellt eine ganz andere Herausforderung dar als in der Kletterhalle. Auch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier war etwas ganz besonderes für mich und der reichliche Konsum von schwarzem Tee und zuckrigen Keksen gehörte ebenfalls zu dem Ausflug dazu.

Szenerie am Fels, wo im Vordergrund Nicole zu sehen ist und einige Leute die ebenfalls Klettern waren

Moses, Jesus und Mohammed

Da in Israel bald Chanukka gefeiert wird (Fest der Lichter) und in Deutschland sich alles auf Weihnachten konzentriert, habe ich diese Begebenheiten zum Anlass genutzt den Leuten vom Klettern eine kleine Freude zu machen und mich letztlich dazu entschieden, drei der geschmuggelten Fische zu verschenken, jeweils einen Fisch an die beiden Leiter der Klettergruppe und einen an das Team der Halle. Den Fisch als Zeichen des Christentums in solch einer Situation zu verschenken ist meines Erachtens nach ein wundervolles Symbol für die lebende Freundschaft zwischen Juden und Christen. Außerdem ist Klettern eine Sportart, die viel an gegenseitiger Verantwortung voraussetzt, genauso wie das Umsorgen der kleinen Fische. Die Begeisterung die diese Überraschung auslöste war riesig und auch als ich erklärte, wie die Fische zu mir kamen, trübte es die Freude keinesfalls. Ganz im Gegenteil, es sorgte dafür, dass die Namen der Fische schnell gefunden waren. Nun ziehen Moses, Jesus und Mohammed friedlich gemeinsam ihre Kreise in dem kleinen Aquarium auf dem Tresen der Kletterhalle und schauen die Besucher neugierig aus ihren großen Glupschaugen an.

Übergabe der Fische beim Klettern

Totes Meer und lebendige Begegnungen

Auch mit Jasmin einer hier kennen gelernten, jungen Frau unternahm ich schon eine lustige Tour. Nach der Arbeit trampten wir zum Toten Meer, da wir aufgrund von massivem Rushhour-Stau unseren Bus am Busbahnhof verpassten. Auf der Anfahrt mussten wir insgesamt drei Mal umsteigen. Zuletzt nahm uns ein Mann mit, der uns trotzdem es für ihn ein Umweg sein würde anbot, uns direkt nach Masada zu fahren. Im Auto erzählte er uns, dass er noch zu einem Strand fahre, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und zu grillen und lud uns ein, sich ihm anzuschließen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an. An dem etwas abgelegenen Strand waren nur wenige Menschen, zufälligerweise darunter auch zwei deutsche Touristen. Als wir ankamen, dämmerte es schon und die Lichter des angrenzenden Jordaniens waren gut zu erkennen. Als wir am Strand ausstiegen, waren Jasmin und ich uns sofort einig, dass wir hier die Nacht verbringen würden. Im hellen Lichtstrahl des Jeeps der uns mitgenommen hatte bauten wir unser Zelt auf, während der Mann etwas abseits ein kleines Lagerfeuer errichtete und uns auf unsren Wunsch hin, vegetarische Nudeln und Soße herstellte. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, als wir in dem grauen Jerusalem losgefahren waren, dass wir noch ein warmes Abendessen am Strand bekommen würden.  Am nächsten Morgen klingelte der Wecker schön um halb 6, der die etwas ungemütliche und unerholsame Nacht auf hartem Sandboden und dünner Isomatte beendete, doch beim Anblick des herrlichen Sonnenaufgangs und einem Bad im einzigartigen Salzwasser war die Müdigkeit schnell verflogen.

Sonnenaufgang über dem Toten Meer
Unser Nachtlager

Danach trampten wir weiter nach Masada, diesmal wurden wir von zwei älteren Nonnen mitgenommen, die erst vor einigen Jahren aus Amerika eingewandert waren und jeden Tag in Israel als ein ganz besonderes Abenteuer erlebten. Von dort aus wanderten wir etwas durch die Wüste und entschieden uns für einen sich steil aufwärts schlängelnden Pfad, bis zur hoch gelegenen Felsenfestung, wo wir uns eine wohlverdiente Ruhepause gönnten.

Wüste bei Masada
Rast an einem Wasserfall mitten in der Wüste

Am Nachmittag trampten wir zurück und wurden gleich von einem Lastwagenfahrer mitgenommen, der uns bis direkt nach Jerusalem brachte. Nur die Kommunikation mit ihm ging äußerst schleppend, da er kaum ein Wort englisch sprach.

Bauchtanz am Mittelmeer

Letzte Woche waren Judith und ich auf einem Seminar des DRK in Haifa eingeladen, wo auch schon unser Ankunftsseminar stattgefunden hat. Besonders der Erfahrungsaustausch über die kulturellen Besonderheiten hier im Land und die unterschiedlichen Herausforderungen im Arbeitsalltag war für mich sehr spannend und ließ mich meine momentane Arbeit und mein derzeitiges Umfeld nochmal mehr schätzen. Das Thema des Seminars lautete „Ethnien und religiöse Minderheiten in Israel“. Etwa 1,7 Millionen Menschen, fast 24% der Bevölkerung Israels, sind Nichtjuden. Obwohl sie zusammenfassend als arabische Bürger Israels bezeichnet werden, bestehen sie aus verschiedenen in der Regel arabisch sprechenden Gruppen, mit eigenen Charakteristiken. Ein Großteil der muslimischen Araber lebt im Norden des Landes, die Beduinen, ebenfalls Muslime leben recht verstreut im Süden des Landes. Als traditionelle Nomaden, stehen sie heute im Umbruch von der alten Stammesgesellschaft zur Sesshaftigkeit und nehmen zunehmend mehr am Erwerbsleben Israels teil. Auf dem Seminar bot sich uns die Möglichkeit sich mit einzelnen Vertreter verschiedener Minderheiten auszutauschen und mehr über ihren Glauben, ihre Weltanschauung und ihre Position zum Staate Israel auszutauschen.

Besuch in einem Drusendorf
Ausstellung über die Kultur der Drusen

Auch gab es einen Workshop, für alle Teilnehmer, bei dem uns eine leicht bekleidete arabische Frau, traditionelle Bauchtänze vorführte und uns danach zum Mitmachen versuchte zu animieren. Nach dem Seminar fuhr ich noch mit ein paar weiteren Freiwilligen des Seminars in die kleine Fischerstadt Akko, einige Kilometer nördlich von Haifa gelegen. Trotz der schon früh hereinbrechenden Dunkelheit war der Ausblick vom malerischen Hafen über die Meeresbucht absolut lohnenswert.

Hafen von Akko
Ausblick vom Hafen
Hafen von Akko
Gassen von Akko
Blick von Akko nach Haifa

Jerusalem – Göttingen – Teheran

Die Zeit in Israel ist bisher nur so für mich verflogen, gekennzeichnet durch eine unglaublich hohe Dichte an Begegnungen, Erfahrungen und neuen Eindrücken, die ich alle als eine riesige Bereicherung zu schätzen weiß. Während ich nun in Israel meine Zeit verbringe, ist mein iranischer Austauschschüler Amir Arsalan in Deutschland, wo er bei meinen Eltern und meinem Bruder lebt, tapfer deutsch lernt und das Hainberg-Gymnasium besucht, eine Konstellation, die mit Blick auf die internationale Politik geradezu absurd erscheint.

Amir Arsalan am weihnachtlichen Gänseliesel in Göttingen

Obwohl wir zur Zeit weit voneinander entfernt leben, ist es auch etwas sehr Verbindendes zu sehen, dass wir beide, trotz vieler Unterschiede das Bestreben danach haben, ein neues Land, eine neue Kultur und interessante Menschen kennenzulernen. An dieser Stelle möchte ich Amir Arsalan noch einmal aus der Ferne wünschen, dass seine Zeit in Göttingen für ihn genauso erlebnisreich sein wird, wie mein Aufenthalt hier in Israel.

Über die aktuelle politische Lage in Jerusalem und der Westbank werde ich zeitnah ausführlicher berichten, doch aus Sicherheitsgründen habe ich bei meinen Ausflügen diese Gegenden vorerst gemieden.

Nachtleben in Tel Aviv und Jaffa
Nationalpark im Norden des Landes
Baden in warmen, schwefelhaltigen Quellen

Ankunftsseminar in Haifa

Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich über mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum für das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas müde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. Dieser erklärte mir seelenruhig während ich gespannt darauf war, die weiteren Freiwilligen wieder zu sehen, dass es in Israel heiße, in Jerusalem werde gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet. Haifa sei nicht nur die schönste und sauberste Stadt, sondern auch die modernste Stadt des Landes. Was es mit diesen Aussage auf sich hat, werde ich sicher im kommenden Jahr herausfinden. Voller Vorfreude und Erwartungen traf ich nach einer anstrengenden Anreise auf die weiteren Freiwilligen, die z.T. so wie ich ich mit dem Deutschen Roten Kreuz vor Ort waren, teils mit anderen Entsendeorganisationen.

Das Seminar vor Ort war ausgesprochen informativ und vielfältig. Als Vorbereitung auf unsere künftigen Tätigkeiten standen die Arbeits- und Verhaltensweisen mit Menschen mit besonderen Ansprüchen und Bedürfnissen im Vordergrund sowie der Umgang mit ihren Angehörigen.

Besonders berührte mich der Bericht einer fürsorglichen Mutter, die einen schwerbehinderten Sohn hat, der nach einer komplikationsreichen Geburt unter starken Entwicklungsverzögerungen leidet. Er ist beispielsweise nicht in der Lage vollständige Sätze zu sprechen, Sachzusammenhänge zu erfassen und wird auch bei kleinen Aufgaben in Alltag immer auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Mit erschütternder Offenheit sprach die Mutter mit uns über ihr Leid und strahlte neben ihrem unverkennbarem Schmerz auch eine tiefe Stärke und Willenskraft aus. Auf der einen Seite bekräftigte sie immer wieder, wie sehr sie ihren Sohn liebe und wie viel er ihr bedeute. Auf der anderen Seite kamen aber auch ihre negativen Gefühle zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihrem eigenen Kind „betrogen“ fühlte, da es nicht so normal war wie die anderen und über die große Enttäuschung die Mutter eines behinderten Kindes zu sein. In ihrem Umfeld wurde ihr nach eigener Schilderung oftmals mit Hilfslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ablehnung begegnet, denn wer, so fragt sie bitter, wolle denn etwas mit einem Kind zu tun haben, das sich nicht so verhalte wie die anderen? Alle Referenten zusammen haben durch Vorträge und Workshops den Teilnehmern einen Eindruck davon vermitteln können, was für eine Herausforderung es im Alltag darstellt, sich gegenüber körperlich oder psychisch beeinträchtigen Menschen offen und unverstellt zu verhalten, ihre Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und als gleichwertig mit unseren zu behandeln, auch wenn diese Menschen sie womöglich nicht auf dem Wege äußern, wie wir es tun können.

Interessant empfand ich ebenfalls den Vortrag eines israelischen Diplomaten über die Sicherheitslage in Israel und seinen Nachbarstaaten. Spannend war für mich vor allem in welchem Maße der fein zurecht gemachte, ältere Herr, in seinem etwas zu eng sitzendem Anzug die vom Iran ausgehende Gefahr für Israel betonte und über seine Verbindungen und Unterstützungen zur Hamas, Hisbollah und weiteren radikalislamischen Terrororganisationen im bewaffneten Kampf gegen Israel spekulierte. Er erklärte uns sehr sachlich, dass er die Existenzrechte Israels durch die Entwicklung iranischer Atombomben und Langstreckenraketen als stark bedroht ansah und verwies dabei auf zahlreiche Graphiken, die das stetig wachsende Einflussgebiet des Irans illustrieren sollten. Während seines gesamten Auftrittes stellte ich mir heimlich die Frage, was er wohl dazu sagen würde, dass ich vor nicht einmal einem Jahr in Teheran war und mein iranischer Austauschschüler in Kürze meine Familie in Göttingen besuchen wird.

Neben einem freien Nachmittag am weißen Sandstrand und rauschenden Wellen, bot sich uns ebenfalls die Möglichkeit einer Erkundung Haifas bei Nacht, abseits der touristischen Orte. Hannah eine weitere Mitfreiwillige, die ebenfalls sehr gerne Fahrrad fährt und ich zogen gemeinsam los. Auf dem etwas längeren und recht steilen Rückweg zur Unterkunft, legten wir beide eine kurze Verschnaufpause ein, denn an das heiße und tropisch – feuchte Klima vor Ort musste sich Hannah erst noch etwas gewöhnen.

Doch in gerade diesem Moment sprachen uns 2 ältere israelische Herren in Strandkleidung an, welche scheinbar gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten und nun ihren Feierabend genossen. Sie erkundigten sich neugierig, was wir hier taten und woher wir kamen. Sie reagierten beide mit offenkundigem Interesse an uns, als wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen. Ehe wir uns versahen blickten wir auch schon von der Dachterrasse, eines kleinen, verwinkelten Hauses mit altem Teppichboden, auf das endlose, bunte Lichtermeer der unter und liegenden Stadt, jede von uns mit einer kalten Limo in der Hand. Die Terrasse erschien uns im Vergleich zur Wohnung ungeahnt groß und nobel zurecht gemacht, mit Stühlen, Hängematte und exotisch wirkenden Pflanzen. Der Besitzer des Hauses war Sportlehrer und Bademeister von Beruf, der andere Herr hatte sein eigenes Restaurant in Haifa eröffnet, in dem die verschiedensten Landesspezialitäten probiert werden können.

Sehr freundlich und großzügig wurde sich um uns gekümmert. Neben dem landestypischen Hummus (eine üppig gewürzte Kichererbsenpaste, die hierzulande häufig zu Falafeln oder Fladenbrot gegessen wird) wurden wir mit zuckersüßen Feigen aus dem Garten und unglaublich frischen Mangos und Datteln versorgt.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile, doch schon nach Kurzem begann ich ein Gefühl dafür zu bekommen, was für eine Aktualität das Thema 2. Weltkrieg in Israel weiterhin hat, während es in Deutschland größtenteils unter den jungen Leuten manchmal schon fast vergessen scheint. Jede jüdische Familie hier hat ihre ganz eigene Geschichte, verbunden mit viel Leid, Unterdrückung, Misshandlung und Tod. Als Erinnerungsstücke und Dokumente zeigte uns einer der beiden Herrn noch einige Bücher seiner Mutter, darunter die gesammelten Werke von Wilhelm Busch, welche zahlreiche antisemitische Äußerungen enthalten und das Buch „Mein Kampf“. Während meiner Zeit in Israel möchte ich so viele Geschichten von Menschen wie möglich hören, ganz gleich ob fröhlich oder traurig. Der Restaurantbesitzer ist überaus begeistert von Deutschland und war bisher auch schon mehrere Male in Berlin. Sein Traum ist es, eines Tages ein Lokal dort zu besitzen, da er das Land und die Leute sehr schätzt und auch das deutsche Klima dem israelischen gegenüber bevorzuge. Angesichts dieser Gastfreundschaft und der Begeisterung für Deutschland schäme ich mich bei der Vorstellung, er könnte erfahren, wie viel Fremdenfeindlichkeit, Populismus und geschichtsverfälschende Äußerungen mittlerweile leider Alltag in Deutschland sind.

Es war schon tief in der Nacht, als wir von unserem Gastgeber verabschiedeten und uns für den interessanten Abend bedankten und sogar noch per Auto zu unserer Unterkunft gefahren wurden.

Am letzten Tag des Seminars wurden wir abgeholt und zu unserer WG. und zukünftigen Einsatzstelle in Westjerusalem gebracht, nahe des Mont Herzls und des Yad Vashems, des bedeutsamsten Holocaustdenkmals und Gedenkstätte Israels. In dem Haus leben insgesamt 8 Freiwillige aus Deutschland, immer zu zweit in einem Zimmer. Ich teile mein Zimmer mit Judith, die schon eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hat und dank ihres Judaistikstudiums schon erstaunlich gut hebräisch spricht. Seit unserer ersten Begegnung verstehen wir uns ausgesprochen gut, können uns über diverse Themen austauschen und kommen auch in unserem Arbeitsalltag gut miteinander zurecht.