Mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem

Im Alyn-Krankenhaus gibt es eine weitere Station die sich „Independant Living Neighbourhood“ nennt in der erwachsenen Menschen mit schweren Behinderungen dauerhaft leben können und ihren Bedürfnissen entsprechend medizinisch und pflegerisch versorgt werden, auch durch die Unterstützung internationaler Freiwilliger. Die beiden Brüder Fares und Maram leben schon seit mehreren Jahren dort, da sie beide an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne leiden und somit auf dauerhafte Unterstützung im Alltag angewiesen sind. Freundlicherweise haben die beiden uns Freiwillige auf einen Ausflug nach Bethlehem eingeladen. Bethlehem ist für sie eine besondere Stadt, da sie arabische Christen sind und ihrem Glauben nach die Geburtskirche über der Geburtsstätte Christi errichtet wurde. Die Geburtskirche gehört zudem zu den wenigen Beispielen vollkommen erhaltener frühchristlicher Kirchenbauten. Als wir allesamt nach einer kurzen Busfahrt mit den beiden Brüdern in der imposanten, hell leuchtenden, stark frequentierte Geburtskirche standen, fühlte sich alles so unwirklich an. Um zu ihr zu gelangen, müssen die von Jerusalem kommenden Besucher zunächst durch den stark gesicherten israelischen Checkpoint am Nordrand Bethlehems. Die enorme Sperranlage und Mauer der israelischen Regierung soll verhindern, dass aus Bethlehem palästinensische Terroristen und Selbstmordattentäter ins Kernland Israels vordringen. An der Mauer türmen sich an einigen Stellen Berge von Unrat und Schutt an, es scheint die anliegenden palästinensischen Bewohner nutzen das ungeliebte Bauwerk als Müllhalde. An anderen Stellen ist der Sperrwall nur ein schwer bewachter Zaun aus scharfem Stacheldraht.

Unrat an der Trennmauer
Wachturm des israelischen Militärs

Nach ungehindertem Passieren des Checkpointes war die Innenstadt nicht mehr weit entfernt. Nur leider ist das historische Bauwerk alles andere als behindertengerecht. Schon am Eingang kommt es zu Schwierigkeiten, doch mittels einer improvisierten Rampe schaffen wir es mit vereinten Kräften, Fares und Maram in ihren Rollstühlen in das unglaubliche Bauwerk zu zerren. Während die beiden Brüder, schonungslos starrenden, hemmungslosen Blicken ausgesetzt, durch den beschränkten Teil der Kirche rollten, der ihnen zugänglich war, wurde uns aufgetragen, noch den unteren Teil der Kirche zu besichtigen.

Maram in Begleitung von Freiwilligen in der Geburtskirche Jesu
Maram

Hierfür durften wir uns an den am Eingang tummelnden Touristenscharen vorbei schieben, eine steile Treppe nehmen und dann durch die enge und extrem niedrige Demutspforte das eigentliche Heiligtum betreten. Im Inneren sah man der Geburtskirche deutlich ihr Alter an. Die Säulen waren abgewetzt durch Menschenmassen, die sich seit Jahrhunderten jeden Tag durch das Kirchenschiff drängten. Doch wir ließen uns dort drinnen nur wenig Zeit, da wir unsere Gastgeber nicht länger als nötig in der Hitze am Eingang warten lassen wollten. Dennoch war es ihnen sehr wichtig, dass wir uns diese besondere Kirche ansahen und es hat sich letztlich auch sehr gelohnt.

Heiligtümer
Heiligtümer

Als wir als Gruppe wieder gemeinsam auf dem Vorplatz standen kam ein Palästinenser mit eiligen Schritten auf uns zugerannt, der sehr wohl schon von Weitem sah, dass wir Touristen waren und fragte auf Maram deutend, wo wir denn her kämen und warum wir mit Stephen Hawking unterwegs in Bethlehem wären. Völlig perplex und nichtwissend, ob man darüber lachen oder nur wütend sein kann, blieb ich sprachlos. Wenn der Mann sich wenigstens direkt an den vermeintlichen Astrophysiker gewandt hätte, anstatt mit uns über ihn zu reden, wäre mir das Lachen über diese Situation leichter gefallen, so zeigt diese Situation aber doch einiges Bedrückendes über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Noch etwas nachdenklich von der absurden Situation machten wir uns weiter auf in Richtung Marktplatz, wo wir ein typisch arabisch-palästinensisches Gericht in einem Restaurant serviert bekamen. Diese freundliche Einladung durch Maram und Fares war umso bemerkenswerter, als unsere Gastgeber in Folge ihrer Erkrankung selber gar nicht an dem Essen teilnehmen konnten.

Lustiges Zusammensein beim gemeinsamen Essen

Am Nachmittag fuhren alle wieder zurück nach Jerusalem, nur Lukas und ich entschieden uns noch etwas in Bethlehem zu bleiben. Wir machten uns auf in Richtung Mauer, die von palästinensischer Seite aus mit etlichen Graffiti versehen war, viele mit einer politischen Botschaft zum allgegenwärtigen Konflikt.

Lukas auf durgesessenem Sofa vor der Trennmauer
Graffiti des Protests an der Mauer
Erschießung der “palästinensischen Freiheitskämpferin” von israelischen Soldaten
PEACE WILL SET US FREE
Graffiti des Typen dem wir auch beim Sprayen zusehen durften
Abschuss einer Friedenstaube
Lukas vor bemalter Mauer

Bei unserem Spaziergang entlang der erschreckend hohen Trennmauer lernten wir Hamoud kennen, der einen kleinen Laden mit Souvenirs an der Mauer betrieb. Nach einigen Sätzen Smalltalk erklärte uns Hamoud, er müsse kurz etwas erledigen, wir sollten solange bei seinem Laden bleiben und aufpassen. Noch ehe wir irgendeine konkretere Nachfrage stellen konnten, beispielsweise zu den nicht ausgewiesenen Preisen, war er mit seinem Auto verschwunden. Etwas verwundert warteten wir vor dem Laden, bis Hamoud nach einer gefühlten Ewigkeit wieder kam und das Geschäft hastig schloss. Dann wies er uns an, wir sollen bei ihm mitfahren, wir würden noch in ein Restaurant gehen um eine Kleinigkeit zu essen. Neugierig gingen wir mit, ohne geringste Ahnung was uns erwartete. In einem winzigen, völlig verräucherten Lokal mit roten Ledersofas wurden wir dann mit zwei Männern aus Österreich und aus Australien bekannt gemacht, welche hier waren, um heute Abend ein großes Graffiti an die Mauer zu bringen. Wir erhielten die Einladung dabei zu sein, welcher wir ohne zu zögern zustimmten.

Als es dunkel wurde ging es los: erst musste die Mauer zweifach mit weißer Farbe grundiert werden, danach wurde das geplante Motiv mittels eines Projektors (betrieben durch einen Dieselgenerator) auf die Fläche projiziert und nachgespürt. Die Routine bei der Arbeit war den beiden Künstlern anzumerken, doch leider konnten Lukas und ich nicht mehr bis zur Fertigstellung des Kunstwerkes warten. Hamoud selber war es nicht gestattet mit seinem Auto und Pass, ohne spezielle Erlaubnis israelischer Behörden, Bethlehem zu verlassen. Um uns zu so später Stunde noch nach Hause zu schaffen, machte er irgendwie eine junge Frau ausfindig, die bereit war, uns in ihrem Auto mit nach Jerusalem zu nehmen, nachdem sie sich unsere Pässe eindringlich angeschaut und sich mehrfach vergewissert hatte, dass wir ungehindert den Checkpoint passieren dürfen. Als wir schließlich spät nachts in unserer vertrauten Wohnung waren, ließ uns die Fülle von unterschiedlichen Sinneseindrücken kaum in Schlaf kommen.

Erstellung eines Graffitis bei spärlichem Licht

Um nach all den Erlebnissen und Eindrücken meinen Kopf wieder etwas frei zu bekommen und mir etwas Erholung und Entspannung zu gönnen, fuhr ich einige Tage später an meinem freien Tag in den En-Gedi Nationalpark, wo ich durch die Wüste wanderte, die tolle Aussicht aufs Tote Meer und bis nach Jordanien genoss und zum Schluss noch in einer Wasseroase mitten in der Wüste die sich bietende Badegelegenheit ausgiebig ausnutzte. Das war wirklich unglaublich entspannend und gleichzeitig ein extremer Kontrast zu allem, was ich bisher in Israel erlebt hatte. Ich genoss es sehr, zum ersten Mal seit meiner Ankunft etwas Ruhe und Zeit für mich selbst zu haben.

Ausblick während der Wanderung in Richtung Totes Meer
Pflanzen an Wasserstelle mitten in der Wüste
Wasserlauf nahe einer erfrischenden Badestelle
Wasserfall im En Gedi Nationalpark
am Straßenrand stehendes Kamel

Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt

Hebron ist die größte palästinensische Stadt im südlichen Teil des Westjordanlands und ein religiöser Anziehungspunkt für Muslime, Juden und Christen, denn in der schon geschätzt 5000 Jahre alten Stadt befindet sich das Heilige Grab Abrahams, des Stammvaters der Juden und Araber. Gemeinsam mit Linda bin ich zu diesem Ort gefahren, wo wir erstmals hautnah einen bedrückenden Eindruck des Nahostkonfliktes bekamen. Hebron ist heutzutage geteilt: in H1 leben ca. 120.000 palästinensische Araber unter palästinensischer Verwaltung. Möchten Juden nicht massive Gefahr für Leib oder Leben riskieren halten sie sich besser aus dieser arabischen Zone raus. Das Osloer 2 Abkommen untersagt es Israelis offiziell sich in palästinensisch kontrollierten Gebieten aufzuhalten. In H2 leben ca. 30.000 Palästinenser und 800 fanatische jüdische Siedler, beschützt von mindestens genauso vielen israelischen Soldaten, was vor Ort regelmäßig zu Unruhen führt. Als Linda und ich nach einer etwas rasanten Busfahrt auf staubiger Piste als einzige Passagiere an der Haltestelle in H2 nahe „Haram el-Khali“ („Heiligtum des Freundes“, Abrahams Grabstätte) ausstiegen, beherrschte eine unheimliche Stille das Straßenbild, obwohl es mitten am Tag war.

Abrahams Grabstätte von außen

Die Straßen wirkten in der Morgensonne wie leergefegt. Menschenleere Höfe, lahmgelegte Fabriken, verrammelte Läden und zerfallene Häuser reihten sich in einer bedrückenden, gespenstischen Ruhe dicht aneinander. Die heiße, trockene und staubige Luft machte uns das Atmen schwer und ließ jeden weiteren Schritt zur Qual werden.

Menschenleere Straßen, verlassene Gebäude
Verrammelte Läden, Israelfahnen an jeder Ecke

Ich kam mir zwischen den Häuser auf einmal so klein, einsam und verlassen vor. Warum war niemand auf der Straße? Wo leben die Leute hier in dieser Stadt? Wir überquerten einen kleinen Platz, wo einige Juden mit Kippa und staubigen schwarzen Gewändern Vorbereitungen für die anstehenden Festtage tätigten, auch für sie ist der Zugang zum Heiligtum strengstens geregelt. Juden und Muslime gelangen über getrennte Eingänge in die ihnen zugeteilten Bereiche. Auch wir wurden nach einer Passkontrolle vor dem Eingang von einigen Soldaten kritisch gemustert, bevor wir die Stätte betreten durften, doch als „neutrale Person“ ist es unkompliziert, die verzierten Särge von Abraham und weiteren dort bestatteten Personen bestaunen zu dürfen. Imposant thronte ein pompöser Sarg inmitten eines viereckigen, nur spärlich belichteten Raumes. Doch der eigentliche Körper, so erklärte man uns, befinde sich angeblich in einer Kammer darunter. Im jüdischen Bereich des Heiligtums hielten sich etwa ein Dutzend jüdische Siedler auf, die dort beteten und sich auch nicht von unserem Besuch davon abhalten ließen. Am meisten fasziniert hat mich zu sehen, mit welch Frömmigkeit und Hingabe die orthodoxen Juden an diesem Ort beten. Sie alle haben ihren Gebetsschal, den Tallit über ihren Kopf gelegt und wippen beim sprechen der Gebete mit dem Oberkörper auf und ab.

Hebräische Gebetsbücher in der Machpela
Eingang zum heiligen Sarg

Am frühen Nachmittag machten wir uns dann gemeinsam auf in das in H1 liegende Stadtzentrum, wozu wir die ehemalige Altstadt durchqueren mussten, einer echten „Geisterstadt“. Seit dem Jahr 2000 wurden etwa 1800 Geschäfte geschlossen, mehr als 1000 überwiegend palästinensische Familien sind aus der Innenstadt geflohen und übrig geblieben sind eine Atmosphäre aus Angst, Hass und Repression, sowie ein Straßenbild geprägt durch versiegelte Wohnhäuser, verrostete Scharniere an den einstigen Basartüren und herabhängende Kabel. Die Gebäude am Straßenrand gleichen eher Ruinen als Wohnhäusern. Einige von ihnen sind auch schon komplett eingestürzt und nicht mehr als ein mit Steinen bedeckter Schutthaufen.

Charakteristisches Straßenbild der kleineren Seitenstraßen in H2. Die Autos gehören übrigens alle den jüdischen Siedlern, da den Palästinensern in diesem Bereich das Autofahren komplett untersagt ist (auch erkennbar an den Kennzeichen)

Doch am herausstechensten sind wohl die israelischen Streitkräfte der Zone H2. Alle 20 bis 50 Meter patrouillieren mit Maschinengewehren bewaffnete israelische Soldaten auf und ab. Auf dem kurzen Weg bis zum Checkpoint, um von H2 nach H1 zu gelangen, passieren wir ebenfalls eine Militärstation und einen Wachturm.

Zerfallene Häuser
Ruinen im Vordergrund, eine Militärstation mit gutem Blick über die Stadt im Hintergrund

An nahezu jedem noch stehendem Haus wehen Israelfahnen und Girlanden leicht im Wind der heißen Stadt, sodass die noch gebliebenen Palästinenser die Besatzung bei jedem Schritt sehen und spüren können. Nur in sehr wenigen der maroden Häuser auf der zentralen Straße harren noch immer Palästinenser aus und die Fenster und Balkone, hinter denen trocknende Wäsche und neugierige Kinderaugen zu sehen sind, gleichen Käfigen. Es sind selbst gebaute Gefängnisse, zum Schutz vor steinewerfenden, israelischen Siedlern. Das Militär ist für die Siedler da, nicht für die palästinensischen Familien. Anders als in anderen Städten des Westjordanlandes leben die Juden auch im ehemaligen Stadtzentrum. Daher kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern dieses Stadtteils. Die Bewegungsfreiheit der in H2 lebenden Palästinenser ist stark eingeschränkt. Sie dürfen die Haupt-Durchgangsstraße, Al-Shuhada-Street, und einige weitere Straßenzüge überhaupt nicht benutzen. Auf anderen Straßen dürfen sie nur einige kurze Abschnitte auf extra markierten schmalen Pfaden betreten. Die Haustüren zur Hauptdurchgangsstraße wurden somit versiegelt. Nur wenige Familien sind folglich in dieser Gegend geblieben, die nun ihre Häuser wie Diebe über Leitern und Dächer von der Rückseite aus erklettern müssen, erklärte uns etwas später Mohammed ein etwa 30 jähriger Palästinenser in gebrochenem englisch. Die israelischen Siedler genießen hingegen völlige Bewegungsfreiheit in diesem besetzen Bereich. Das Problem sei, dass Zone H2 quasi ein rechtsfreier Raum ist. Die israelische Armee ist dort zwar für die Sicherheit zuständig, allerdings nur für die der israelischen Siedler. Die Palästinenser werden in diesem Sicherheitskonzept nicht berücksichtigt und die palästinensischen Sicherheitskräfte dürfen in dieser Zone nicht agieren, fährt Mohammed nach einer langen Pause weiter fort.

Palästinaflaggen im arabischen Teil, H1
Moschee in H2, Schilder sind in diesem Teil ausschließlich auf arabisch

Wahrscheinlich gibt es in Hebron niemanden der nicht seine eigene Schreckensgeschichte zu erzählen hat, egal ob jüdisch oder muslimisch, denke ich mir. Die Menschen in dem belebten Stadtgebiet von H1, welches offiziell unter palästinensischer Verwaltung steht, scheinen sich schon über unsere bloße Anwesenheit zu freuen, denn es ist mittlerweile eine Seltenheit für sie geworden, Respekt und Interesse für ihre Umstände und Lebenswirklichkeiten zu erfahren. Je länger Linda und ich uns in der Stadt aufhalten, desto deutlicher wird mir, wie sehr in Hebron der Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist.

Arabischer Basar

Die Kinder die hier aufwachsen kennen kein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Frieden, ohne ständige Waffenpräsenz. Diese Erkenntnis löst in mir eine tiefe Traurigkeit aus und ich möchte allen Menschen vor Ort ein Leben in Frieden und Sicherheit wünschen, frei von der täglichen Schikane, den Erniedrigungen, Einschränkungen und der allzu offensichtlichen Perspektivlosigkeit.

Wo vor der zweiten Intifada bunte Märkte, geschäftiges Treiben und spielende Kinder das Bild der Altstadt bestimmten, findet man heute Straßenblockaden, Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Checkpoints und Militärpatrouillen. Warum sind die Leute aus der Altstadt verschwunden und die Mauern und Soldaten geblieben, geht es mir durch den Kopf?

Am Ende der nahezu ausgestorbenen Straße kreuzen Linda und ich mit einem etwas mulmigen Gefühl ein Militärlager. Dann passieren wir ungehindert das schwer bewachte Drehkreuz mit Metalldetektor, welches einen Durchgang von der H2 Zone in die H1 Zone ermöglicht, die andernorts durch Mauern und Stacheldraht voneinander isoliert sind. Jenseits des Checkpoints sind aus Sicherheitsgründen nur Palästinenser geduldet, keine Israelis. Auf der anderen Seite ist das arabische Leben auf den Straßen deutlich zu spüren. Auf der überdachten Hauptgasse der palästinensischen Innenstadt dringen wir in das Labyrinth der vollgestopften Läden, Werkstätten und Stände ein wo eine wuselige Betriebsamkeit herrscht. Eselskarren, Mopeds, Fußgänger und schreiende Kinder drängen sich durch die Gassen. Von den Bewohnern werden wir gleich als Touristen erkannt und hören auf unserer Querung des Bazars etliche Male „Welcome to Hebron“, „Nice that you come to visit Palestine“. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit kamen einige Kinder im Alter von vielleicht 6 Jahren auf uns zugelaufen, umarmten uns und griffen nach unseren Händen. Vielleicht waren sie neugierig wer wir waren, möglicherweise wollten sie uns etwas zeigen, aber ganz offensichtlich schien, dass es für sie nicht zum Alltag gehörte, westliche Touristen in ihrem Viertel zu sehen. Das änderte aber nichts daran, dass sie Umarmungen der Kinder in mir gleichzeitig etwas befremdliches auslösten, ich hatte so etwas bisher noch nie erlebt und konnte die Geschehnisse vor Ort in diesem Moment nur bedingt einordnen. Aber auch neben den orientalisch duftenden Gewürzen und dem beißendem Benzingeruch in der Luft blieb uns die vorherrschende Armut nicht verborgen. Neben leerstehenden Gebäuden, quoll Müll vielerorts aus Containern, die Straßen sahen dreckig aus und Stacheldraht und meterhohe Zäune begrenzten und trennten verschiedene Areale der Stadt.

ein stillgelegter Laden

Es macht mich traurig zu sehen unter was für menschenunwürdigen Bedingungen die Leute hier zum Teil leben müssen. Die Geschichte zeigt, dass Weltanschauungen und Religion Menschen wirklich zu allem befähigen. Doch welche Macht Ideen, Religion und Glaube haben wurde mir erst in Hebron bewusst. Seit meinem Besuch der geteilten Stadt lässt mich dieser Ort nicht mehr los. Doch es ist nicht nur die Unerträglichkeit der Situation die mich beschäftigt. Es ist vielmehr der Kontrast zwischen den Lebensbedingungen der Menschen einerseits und ihrer unendlichen Fröhlichkeit und Lebensfreude andererseits, die sie wahrscheinlich dazu befähigt, unter diesen Umständen ihre Existenz aufrecht zu erhalten. Schon völlig überflutet von den ganzen Eindrücken und Geschehnissen der Stadt, steigen Linda und ich am späten Nachmittag in einen Minibus, der uns nach Bethlehem bringt, um uns die heilige Geburtskirche Jesus anzuschauen, bevor wir Abends müde, erschöpft und voller Fragen und Gedanken im Kopf nach Jerusalem zurück kehren. Über die Begegnungen und Erlebnisse vor Ort werde ich euch in einem meiner folgenden Einträge berichten.

Einkaufsstraße in Bethlehem

Bei all meinen bisher gesammelten Einblicken bin ich mir sehr wohl bewusst, dass es sich bei meinen Erlebnisse nur um sehr einseitige, erste Eindrücke eines hochkomplexen Konfliktes handelt und hoffe sehr während meines Aufenthaltes noch weitere Perspektiven und Standpunkte nachvollziehen zu dürfen. Doch angesichts des Gesehenen halte ich die Bemühungen meiner Arbeitsstelle zur Verbesserung der israelisch-palästinensischen Beziehungen als absolut wichtig und unterstützenswert.   Letztlich gebe ich meine Hoffnung in Israel, Palästina und die internationale Staatengemeinschaft nicht auf, dass es eines Tages zu einer friedlichen Lösung kommt, welche die Menschenrechte wahrt, den Bewohnern ein würdevolles Leben ermöglicht und die Geisterstadt Hebron wieder zum Leben erwacht.

ALYN – All the Love You Need

Die gemeinsame Einsatzstelle der Freiwilligen aus unserer WG. stellt das Alyn-Hospital dar, ein Kinder- und Jugendkrankenhaus, welches insbesondere auf die Rehabilitation und Krankheitsbegleitung von jungen Menschen spezialisiert ist. Dazu zählen z.B. Kinder mit chronischen Krankheitsbildern durch Gehirn und Wirbelsäulenverletzungen, schwere Brandverletzungen oder progressive Muskelerkrankungen (Muskelschwund).

Je nach Krankheitsbild kommen manche Kinder nur zu bestimmten Untersuchungen ins Krankenhaus, anderen ist es leider schon von klein auf nicht möglich zu Hause zu leben, da sie zum Leben auf zahlreiche Maschinen angewiesen sind. Auch für diese Kinder wird im Alyn-Hospital rund um die Uhr gesorgt. Das meines Erachtens nach Besondere an der Einrichtung ist das Maß in dem sich bemüht wird, die israelisch-palästinensischen Beziehungen im Kleinen zu verbessern, so werden dort alle Kinder, unabhängig von Glaube, Nationalität oder Herkunft gleichwertig behandelt und in dem Krankenhaus gibt es neben einer Synagoge auch einen muslimischen Gebetsraum. Schilder und Informationen werden neben hebräisch, auch in englisch und arabisch ausgewiesen. All das scheint in anderen Einrichtungen leider keineswegs selbstverständlich zu sein, ebenso wie der beachtliche Anteil an dort arbeitendem muslimischen Personal.

Das was mich jedoch am meisten an der Einrichtung beeindruckt hat, ist das es sich dabei um ein gemeinnütziges Krankenhaus handelt, welches neben Spendengeldern auch sehr auf die Unterstützung von freiwilligen Helfern angewiesen ist.

Ankunftsseminar in Haifa

Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich über mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum für das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas müde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. Dieser erklärte mir seelenruhig während ich gespannt darauf war, die weiteren Freiwilligen wieder zu sehen, dass es in Israel heiße, in Jerusalem werde gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet. Haifa sei nicht nur die schönste und sauberste Stadt, sondern auch die modernste Stadt des Landes. Was es mit diesen Aussage auf sich hat, werde ich sicher im kommenden Jahr herausfinden. Voller Vorfreude und Erwartungen traf ich nach einer anstrengenden Anreise auf die weiteren Freiwilligen, die z.T. so wie ich ich mit dem Deutschen Roten Kreuz vor Ort waren, teils mit anderen Entsendeorganisationen.

Das Seminar vor Ort war ausgesprochen informativ und vielfältig. Als Vorbereitung auf unsere künftigen Tätigkeiten standen die Arbeits- und Verhaltensweisen mit Menschen mit besonderen Ansprüchen und Bedürfnissen im Vordergrund sowie der Umgang mit ihren Angehörigen.

Besonders berührte mich der Bericht einer fürsorglichen Mutter, die einen schwerbehinderten Sohn hat, der nach einer komplikationsreichen Geburt unter starken Entwicklungsverzögerungen leidet. Er ist beispielsweise nicht in der Lage vollständige Sätze zu sprechen, Sachzusammenhänge zu erfassen und wird auch bei kleinen Aufgaben in Alltag immer auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Mit erschütternder Offenheit sprach die Mutter mit uns über ihr Leid und strahlte neben ihrem unverkennbarem Schmerz auch eine tiefe Stärke und Willenskraft aus. Auf der einen Seite bekräftigte sie immer wieder, wie sehr sie ihren Sohn liebe und wie viel er ihr bedeute. Auf der anderen Seite kamen aber auch ihre negativen Gefühle zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihrem eigenen Kind „betrogen“ fühlte, da es nicht so normal war wie die anderen und über die große Enttäuschung die Mutter eines behinderten Kindes zu sein. In ihrem Umfeld wurde ihr nach eigener Schilderung oftmals mit Hilfslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ablehnung begegnet, denn wer, so fragt sie bitter, wolle denn etwas mit einem Kind zu tun haben, das sich nicht so verhalte wie die anderen? Alle Referenten zusammen haben durch Vorträge und Workshops den Teilnehmern einen Eindruck davon vermitteln können, was für eine Herausforderung es im Alltag darstellt, sich gegenüber körperlich oder psychisch beeinträchtigen Menschen offen und unverstellt zu verhalten, ihre Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und als gleichwertig mit unseren zu behandeln, auch wenn diese Menschen sie womöglich nicht auf dem Wege äußern, wie wir es tun können.

Interessant empfand ich ebenfalls den Vortrag eines israelischen Diplomaten über die Sicherheitslage in Israel und seinen Nachbarstaaten. Spannend war für mich vor allem in welchem Maße der fein zurecht gemachte, ältere Herr, in seinem etwas zu eng sitzendem Anzug die vom Iran ausgehende Gefahr für Israel betonte und über seine Verbindungen und Unterstützungen zur Hamas, Hisbollah und weiteren radikalislamischen Terrororganisationen im bewaffneten Kampf gegen Israel spekulierte. Er erklärte uns sehr sachlich, dass er die Existenzrechte Israels durch die Entwicklung iranischer Atombomben und Langstreckenraketen als stark bedroht ansah und verwies dabei auf zahlreiche Graphiken, die das stetig wachsende Einflussgebiet des Irans illustrieren sollten. Während seines gesamten Auftrittes stellte ich mir heimlich die Frage, was er wohl dazu sagen würde, dass ich vor nicht einmal einem Jahr in Teheran war und mein iranischer Austauschschüler in Kürze meine Familie in Göttingen besuchen wird.

Neben einem freien Nachmittag am weißen Sandstrand und rauschenden Wellen, bot sich uns ebenfalls die Möglichkeit einer Erkundung Haifas bei Nacht, abseits der touristischen Orte. Hannah eine weitere Mitfreiwillige, die ebenfalls sehr gerne Fahrrad fährt und ich zogen gemeinsam los. Auf dem etwas längeren und recht steilen Rückweg zur Unterkunft, legten wir beide eine kurze Verschnaufpause ein, denn an das heiße und tropisch – feuchte Klima vor Ort musste sich Hannah erst noch etwas gewöhnen.

Doch in gerade diesem Moment sprachen uns 2 ältere israelische Herren in Strandkleidung an, welche scheinbar gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten und nun ihren Feierabend genossen. Sie erkundigten sich neugierig, was wir hier taten und woher wir kamen. Sie reagierten beide mit offenkundigem Interesse an uns, als wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen. Ehe wir uns versahen blickten wir auch schon von der Dachterrasse, eines kleinen, verwinkelten Hauses mit altem Teppichboden, auf das endlose, bunte Lichtermeer der unter und liegenden Stadt, jede von uns mit einer kalten Limo in der Hand. Die Terrasse erschien uns im Vergleich zur Wohnung ungeahnt groß und nobel zurecht gemacht, mit Stühlen, Hängematte und exotisch wirkenden Pflanzen. Der Besitzer des Hauses war Sportlehrer und Bademeister von Beruf, der andere Herr hatte sein eigenes Restaurant in Haifa eröffnet, in dem die verschiedensten Landesspezialitäten probiert werden können.

Sehr freundlich und großzügig wurde sich um uns gekümmert. Neben dem landestypischen Hummus (eine üppig gewürzte Kichererbsenpaste, die hierzulande häufig zu Falafeln oder Fladenbrot gegessen wird) wurden wir mit zuckersüßen Feigen aus dem Garten und unglaublich frischen Mangos und Datteln versorgt.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile, doch schon nach Kurzem begann ich ein Gefühl dafür zu bekommen, was für eine Aktualität das Thema 2. Weltkrieg in Israel weiterhin hat, während es in Deutschland größtenteils unter den jungen Leuten manchmal schon fast vergessen scheint. Jede jüdische Familie hier hat ihre ganz eigene Geschichte, verbunden mit viel Leid, Unterdrückung, Misshandlung und Tod. Als Erinnerungsstücke und Dokumente zeigte uns einer der beiden Herrn noch einige Bücher seiner Mutter, darunter die gesammelten Werke von Wilhelm Busch, welche zahlreiche antisemitische Äußerungen enthalten und das Buch „Mein Kampf“. Während meiner Zeit in Israel möchte ich so viele Geschichten von Menschen wie möglich hören, ganz gleich ob fröhlich oder traurig. Der Restaurantbesitzer ist überaus begeistert von Deutschland und war bisher auch schon mehrere Male in Berlin. Sein Traum ist es, eines Tages ein Lokal dort zu besitzen, da er das Land und die Leute sehr schätzt und auch das deutsche Klima dem israelischen gegenüber bevorzuge. Angesichts dieser Gastfreundschaft und der Begeisterung für Deutschland schäme ich mich bei der Vorstellung, er könnte erfahren, wie viel Fremdenfeindlichkeit, Populismus und geschichtsverfälschende Äußerungen mittlerweile leider Alltag in Deutschland sind.

Es war schon tief in der Nacht, als wir von unserem Gastgeber verabschiedeten und uns für den interessanten Abend bedankten und sogar noch per Auto zu unserer Unterkunft gefahren wurden.

Am letzten Tag des Seminars wurden wir abgeholt und zu unserer WG. und zukünftigen Einsatzstelle in Westjerusalem gebracht, nahe des Mont Herzls und des Yad Vashems, des bedeutsamsten Holocaustdenkmals und Gedenkstätte Israels. In dem Haus leben insgesamt 8 Freiwillige aus Deutschland, immer zu zweit in einem Zimmer. Ich teile mein Zimmer mit Judith, die schon eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hat und dank ihres Judaistikstudiums schon erstaunlich gut hebräisch spricht. Seit unserer ersten Begegnung verstehen wir uns ausgesprochen gut, können uns über diverse Themen austauschen und kommen auch in unserem Arbeitsalltag gut miteinander zurecht.