Alltag im Ausnahmezustand – Besuch einer Geisterstadt

Hebron ist die größte palästinensische Stadt im südlichen Teil des Westjordanlands und ein religiöser Anziehungspunkt für Muslime, Juden und Christen, denn in der schon geschätzt 5000 Jahre alten Stadt befindet sich das Heilige Grab Abrahams, des Stammvaters der Juden und Araber. Gemeinsam mit Linda bin ich zu diesem Ort gefahren, wo wir erstmals hautnah einen bedrückenden Eindruck des Nahostkonfliktes bekamen. Hebron ist heutzutage geteilt: in H1 leben ca. 120.000 palästinensische Araber unter palästinensischer Verwaltung. Möchten Juden nicht massive Gefahr für Leib oder Leben riskieren halten sie sich besser aus dieser arabischen Zone raus. Das Osloer 2 Abkommen untersagt es Israelis offiziell sich in palästinensisch kontrollierten Gebieten aufzuhalten. In H2 leben ca. 30.000 Palästinenser und 800 fanatische jüdische Siedler, beschützt von mindestens genauso vielen israelischen Soldaten, was vor Ort regelmäßig zu Unruhen führt. Als Linda und ich nach einer etwas rasanten Busfahrt auf staubiger Piste als einzige Passagiere an der Haltestelle in H2 nahe „Haram el-Khali“ („Heiligtum des Freundes“, Abrahams Grabstätte) ausstiegen, beherrschte eine unheimliche Stille das Straßenbild, obwohl es mitten am Tag war.

Abrahams Grabstätte von außen

Die Straßen wirkten in der Morgensonne wie leergefegt. Menschenleere Höfe, lahmgelegte Fabriken, verrammelte Läden und zerfallene Häuser reihten sich in einer bedrückenden, gespenstischen Ruhe dicht aneinander. Die heiße, trockene und staubige Luft machte uns das Atmen schwer und ließ jeden weiteren Schritt zur Qual werden.

Menschenleere Straßen, verlassene Gebäude
Verrammelte Läden, Israelfahnen an jeder Ecke

Ich kam mir zwischen den Häuser auf einmal so klein, einsam und verlassen vor. Warum war niemand auf der Straße? Wo leben die Leute hier in dieser Stadt? Wir überquerten einen kleinen Platz, wo einige Juden mit Kippa und staubigen schwarzen Gewändern Vorbereitungen für die anstehenden Festtage tätigten, auch für sie ist der Zugang zum Heiligtum strengstens geregelt. Juden und Muslime gelangen über getrennte Eingänge in die ihnen zugeteilten Bereiche. Auch wir wurden nach einer Passkontrolle vor dem Eingang von einigen Soldaten kritisch gemustert, bevor wir die Stätte betreten durften, doch als „neutrale Person“ ist es unkompliziert, die verzierten Särge von Abraham und weiteren dort bestatteten Personen bestaunen zu dürfen. Imposant thronte ein pompöser Sarg inmitten eines viereckigen, nur spärlich belichteten Raumes. Doch der eigentliche Körper, so erklärte man uns, befinde sich angeblich in einer Kammer darunter. Im jüdischen Bereich des Heiligtums hielten sich etwa ein Dutzend jüdische Siedler auf, die dort beteten und sich auch nicht von unserem Besuch davon abhalten ließen. Am meisten fasziniert hat mich zu sehen, mit welch Frömmigkeit und Hingabe die orthodoxen Juden an diesem Ort beten. Sie alle haben ihren Gebetsschal, den Tallit über ihren Kopf gelegt und wippen beim sprechen der Gebete mit dem Oberkörper auf und ab.

Hebräische Gebetsbücher in der Machpela
Eingang zum heiligen Sarg

Am frühen Nachmittag machten wir uns dann gemeinsam auf in das in H1 liegende Stadtzentrum, wozu wir die ehemalige Altstadt durchqueren mussten, einer echten „Geisterstadt“. Seit dem Jahr 2000 wurden etwa 1800 Geschäfte geschlossen, mehr als 1000 überwiegend palästinensische Familien sind aus der Innenstadt geflohen und übrig geblieben sind eine Atmosphäre aus Angst, Hass und Repression, sowie ein Straßenbild geprägt durch versiegelte Wohnhäuser, verrostete Scharniere an den einstigen Basartüren und herabhängende Kabel. Die Gebäude am Straßenrand gleichen eher Ruinen als Wohnhäusern. Einige von ihnen sind auch schon komplett eingestürzt und nicht mehr als ein mit Steinen bedeckter Schutthaufen.

Charakteristisches Straßenbild der kleineren Seitenstraßen in H2. Die Autos gehören übrigens alle den jüdischen Siedlern, da den Palästinensern in diesem Bereich das Autofahren komplett untersagt ist (auch erkennbar an den Kennzeichen)

Doch am herausstechensten sind wohl die israelischen Streitkräfte der Zone H2. Alle 20 bis 50 Meter patrouillieren mit Maschinengewehren bewaffnete israelische Soldaten auf und ab. Auf dem kurzen Weg bis zum Checkpoint, um von H2 nach H1 zu gelangen, passieren wir ebenfalls eine Militärstation und einen Wachturm.

Zerfallene Häuser
Ruinen im Vordergrund, eine Militärstation mit gutem Blick über die Stadt im Hintergrund

An nahezu jedem noch stehendem Haus wehen Israelfahnen und Girlanden leicht im Wind der heißen Stadt, sodass die noch gebliebenen Palästinenser die Besatzung bei jedem Schritt sehen und spüren können. Nur in sehr wenigen der maroden Häuser auf der zentralen Straße harren noch immer Palästinenser aus und die Fenster und Balkone, hinter denen trocknende Wäsche und neugierige Kinderaugen zu sehen sind, gleichen Käfigen. Es sind selbst gebaute Gefängnisse, zum Schutz vor steinewerfenden, israelischen Siedlern. Das Militär ist für die Siedler da, nicht für die palästinensischen Familien. Anders als in anderen Städten des Westjordanlandes leben die Juden auch im ehemaligen Stadtzentrum. Daher kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern dieses Stadtteils. Die Bewegungsfreiheit der in H2 lebenden Palästinenser ist stark eingeschränkt. Sie dürfen die Haupt-Durchgangsstraße, Al-Shuhada-Street, und einige weitere Straßenzüge überhaupt nicht benutzen. Auf anderen Straßen dürfen sie nur einige kurze Abschnitte auf extra markierten schmalen Pfaden betreten. Die Haustüren zur Hauptdurchgangsstraße wurden somit versiegelt. Nur wenige Familien sind folglich in dieser Gegend geblieben, die nun ihre Häuser wie Diebe über Leitern und Dächer von der Rückseite aus erklettern müssen, erklärte uns etwas später Mohammed ein etwa 30 jähriger Palästinenser in gebrochenem englisch. Die israelischen Siedler genießen hingegen völlige Bewegungsfreiheit in diesem besetzen Bereich. Das Problem sei, dass Zone H2 quasi ein rechtsfreier Raum ist. Die israelische Armee ist dort zwar für die Sicherheit zuständig, allerdings nur für die der israelischen Siedler. Die Palästinenser werden in diesem Sicherheitskonzept nicht berücksichtigt und die palästinensischen Sicherheitskräfte dürfen in dieser Zone nicht agieren, fährt Mohammed nach einer langen Pause weiter fort.

Palästinaflaggen im arabischen Teil, H1
Moschee in H2, Schilder sind in diesem Teil ausschließlich auf arabisch

Wahrscheinlich gibt es in Hebron niemanden der nicht seine eigene Schreckensgeschichte zu erzählen hat, egal ob jüdisch oder muslimisch, denke ich mir. Die Menschen in dem belebten Stadtgebiet von H1, welches offiziell unter palästinensischer Verwaltung steht, scheinen sich schon über unsere bloße Anwesenheit zu freuen, denn es ist mittlerweile eine Seltenheit für sie geworden, Respekt und Interesse für ihre Umstände und Lebenswirklichkeiten zu erfahren. Je länger Linda und ich uns in der Stadt aufhalten, desto deutlicher wird mir, wie sehr in Hebron der Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist.

Arabischer Basar

Die Kinder die hier aufwachsen kennen kein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Frieden, ohne ständige Waffenpräsenz. Diese Erkenntnis löst in mir eine tiefe Traurigkeit aus und ich möchte allen Menschen vor Ort ein Leben in Frieden und Sicherheit wünschen, frei von der täglichen Schikane, den Erniedrigungen, Einschränkungen und der allzu offensichtlichen Perspektivlosigkeit.

Wo vor der zweiten Intifada bunte Märkte, geschäftiges Treiben und spielende Kinder das Bild der Altstadt bestimmten, findet man heute Straßenblockaden, Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Checkpoints und Militärpatrouillen. Warum sind die Leute aus der Altstadt verschwunden und die Mauern und Soldaten geblieben, geht es mir durch den Kopf?

Am Ende der nahezu ausgestorbenen Straße kreuzen Linda und ich mit einem etwas mulmigen Gefühl ein Militärlager. Dann passieren wir ungehindert das schwer bewachte Drehkreuz mit Metalldetektor, welches einen Durchgang von der H2 Zone in die H1 Zone ermöglicht, die andernorts durch Mauern und Stacheldraht voneinander isoliert sind. Jenseits des Checkpoints sind aus Sicherheitsgründen nur Palästinenser geduldet, keine Israelis. Auf der anderen Seite ist das arabische Leben auf den Straßen deutlich zu spüren. Auf der überdachten Hauptgasse der palästinensischen Innenstadt dringen wir in das Labyrinth der vollgestopften Läden, Werkstätten und Stände ein wo eine wuselige Betriebsamkeit herrscht. Eselskarren, Mopeds, Fußgänger und schreiende Kinder drängen sich durch die Gassen. Von den Bewohnern werden wir gleich als Touristen erkannt und hören auf unserer Querung des Bazars etliche Male „Welcome to Hebron“, „Nice that you come to visit Palestine“. Zwei Mal innerhalb kurzer Zeit kamen einige Kinder im Alter von vielleicht 6 Jahren auf uns zugelaufen, umarmten uns und griffen nach unseren Händen. Vielleicht waren sie neugierig wer wir waren, möglicherweise wollten sie uns etwas zeigen, aber ganz offensichtlich schien, dass es für sie nicht zum Alltag gehörte, westliche Touristen in ihrem Viertel zu sehen. Das änderte aber nichts daran, dass sie Umarmungen der Kinder in mir gleichzeitig etwas befremdliches auslösten, ich hatte so etwas bisher noch nie erlebt und konnte die Geschehnisse vor Ort in diesem Moment nur bedingt einordnen. Aber auch neben den orientalisch duftenden Gewürzen und dem beißendem Benzingeruch in der Luft blieb uns die vorherrschende Armut nicht verborgen. Neben leerstehenden Gebäuden, quoll Müll vielerorts aus Containern, die Straßen sahen dreckig aus und Stacheldraht und meterhohe Zäune begrenzten und trennten verschiedene Areale der Stadt.

ein stillgelegter Laden

Es macht mich traurig zu sehen unter was für menschenunwürdigen Bedingungen die Leute hier zum Teil leben müssen. Die Geschichte zeigt, dass Weltanschauungen und Religion Menschen wirklich zu allem befähigen. Doch welche Macht Ideen, Religion und Glaube haben wurde mir erst in Hebron bewusst. Seit meinem Besuch der geteilten Stadt lässt mich dieser Ort nicht mehr los. Doch es ist nicht nur die Unerträglichkeit der Situation die mich beschäftigt. Es ist vielmehr der Kontrast zwischen den Lebensbedingungen der Menschen einerseits und ihrer unendlichen Fröhlichkeit und Lebensfreude andererseits, die sie wahrscheinlich dazu befähigt, unter diesen Umständen ihre Existenz aufrecht zu erhalten. Schon völlig überflutet von den ganzen Eindrücken und Geschehnissen der Stadt, steigen Linda und ich am späten Nachmittag in einen Minibus, der uns nach Bethlehem bringt, um uns die heilige Geburtskirche Jesus anzuschauen, bevor wir Abends müde, erschöpft und voller Fragen und Gedanken im Kopf nach Jerusalem zurück kehren. Über die Begegnungen und Erlebnisse vor Ort werde ich euch in einem meiner folgenden Einträge berichten.

Einkaufsstraße in Bethlehem

Bei all meinen bisher gesammelten Einblicken bin ich mir sehr wohl bewusst, dass es sich bei meinen Erlebnisse nur um sehr einseitige, erste Eindrücke eines hochkomplexen Konfliktes handelt und hoffe sehr während meines Aufenthaltes noch weitere Perspektiven und Standpunkte nachvollziehen zu dürfen. Doch angesichts des Gesehenen halte ich die Bemühungen meiner Arbeitsstelle zur Verbesserung der israelisch-palästinensischen Beziehungen als absolut wichtig und unterstützenswert.   Letztlich gebe ich meine Hoffnung in Israel, Palästina und die internationale Staatengemeinschaft nicht auf, dass es eines Tages zu einer friedlichen Lösung kommt, welche die Menschenrechte wahrt, den Bewohnern ein würdevolles Leben ermöglicht und die Geisterstadt Hebron wieder zum Leben erwacht.

Zukunft braucht Erinnerung – deutsch-polnische Jugendbegegnung

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 19 Jahre alt und mache zurzeit mein Abitur am Hainberg-Gymnasium in Göttingen. Im Wintersemester 2018 möchte ich mit dem Studium der Humanmedizin beginnen.

In einer Schülerdelegation bestehend aus 13 Jugendlichen (Schülerinnen und Schüler zwischen 16-19 Jahren) nahm ich Ende Februar an einer einwöchigen deutsch-polnischen Jugendbegegnung teil. Geleitet wurde das Projekt maßgeblich von Lydia Höllings und Iwona Domachowska, welche sich damit intensiv an der Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen beteiligen. Gefördert wird das Projekt vom deutsch-polnischen Jugendwerk.
Schon vor Projektbeginn habe ich mich mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen beider Länder auseinandergesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 80 Jahre nachvollzogen, um mich auf die Besichtigungen der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vorzubereiten.
In Polen wurde der deutschen Delegation, neben der Besichtigung der Holocaust-Gedenkstätten ein sehr umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die polnische
Kultur zu erlangen, z.B. durch das Probieren traditioneller Speisen, Stadtbesichtigungen in Krakau und der Stadt Auschwitz und umfangreiche Führungen, aber vor allem durch den direkten Austausch und Kontakt zu den gleichaltrigen pLolnischen Schülerinnen und Schülern.

Krakau – Unterwegs auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit
Während der gemeinsamen Zeit in Krakau stand das jüdische Leben in Krakau, sowie die Besonderheiten der jüdischen Kultur im Vordergrund. Auch eine Besichtigung der mittelalterlichen, historischen Altstadt blieb dabei nicht aus.
Bei einem Workshop im Jüdischen Museum haben wir uns ausführlich mit den Lebenswirklichkeiten der polnischen Juden vor und nach dem Krieg beschäftigt. Besonders schockiert hat mich die Tatsache, wie sehr Juden schon vor dem Krieg unter Vertreibungen, Entrechtungen und Sonderstellungen in der Gesellschaft litten. Bestimmte Berufe durften von ihnen nicht ausgeübt werden, an Wahlen durften sie in der Regel nicht teilnehmen und auch an den Schulen gab es lange Zeit feste Quoten für Juden, die nicht überschritten werden durften. Rund 70.000 Juden lebten vor dem Krieg in der Stadt an der Weichsel, sie machten etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Heute zählt die jüdische Gemeinde genau 176 Mitglieder, insbesondere ältere Menschen.
Dennoch ist die Stadt sehr von jüdischen Denkmälern und Orten geprägt. Das jüdische Viertel Kazimierz umfasst zahlreiche mittelalterliche Synagogen, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind. Ein sehr eindrückliches Erlebnis war zudem das hautnahe Nachempfinden der jüdischen Kultur. Dazu genossen wir ein typisch jüdisches Gericht in einem kleinen Restaurant und hörten uns dabei traditionelle Musik an. Mir haben die knusprig frittierten Gemüsefalafel mit einer würzigen Soße und die Brot-Suppe besonders gut gefallen. Im Anschluss daran spielte eine kleine Band, bestehend aus einem Kontrabassspieler, einem Geiger und einem Akkordeonspieler, mit großer Hingabe traditionell jüdische Musik. Einige Stücke enthielten abwechselnd erstaunlich schnelle Passagen, gefolgt von sehr langsamen und melancholisch wirkenden Teilen. Auch der Tonumfang war bei den gespielten Stücken beachtlich, hohe Töne wechselten sich mit extrem tiefen Tönen ab. Das war wirklich beeindruckend und hat mir gut gefallen. Andererseits führte mir dieses Erlebnis vor Augen, wie wenig ich eigentlich über die jüdische Kultur, ihre Sitten und Bräuche weiß und wie interessant es ist, sich damit zu beschäftigen. Traurig ist außerdem die Tatsache, dass es in meiner Heimatstadt Göttingen vor dem Krieg vielerorts jüdisches Leben gab, von dem nahezu nichts mehr geblieben ist.

Todesfabrik Auschwitz-Birkenau – das Ende der Menschlichkeit

Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen
Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.
Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.
Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende , sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen. Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.
Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.
Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende, sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen, welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

Zyklon B: „ Wir besprachen weiter die Durchführung der Vernichtung. Es käme nur Gas infrage, denn durch Erschießen die zu erwartenden Massen zu beseitigen, wäre schlechterdings unmöglich und auch eine zu große Belastung für die SS-Männer, die dies durchführen müssten im Hinblick auf Frauen und Kinder“ – Rudolf Höß, Sommer 1944 Arbeit oder Tod: Nachdem die Gefangenen in Auschwitz ankamen wurde bestimmt, wer arbeiten sollte und wer direkt ermordet würde. Dr. Joseph Mengele, der als „Todesengel“ bekannt war wählte Opfer für seine grausamen Experimente aus. Die Todgeweihten wurden in Gaskammern geschickt und das in Dosen gelieferte Blausäuregranulat Zyklon B wurde durch die Decke der Gaskammer eingestreut und vergaste die Insassen. Zyklon B war für die Wachen gut zu handhaben. Durch ein Fenster in der Gaskammer konnten sie zusehen, wie die Menschen erstickten und hörten ihre Schreie.

Auschwitz – nicht nur ein Vernichtungslager

Hinter dem Begriff Auschwitz verbirgt sich jedoch nicht nur das Konzentrations- und Vernichtungslager, welches für unsagbares Leid und den Tod von mehr als eine Millionen Menschen steht, sondern auch ein überschaubares Städtchen mit einem Marktplatz, einer Kirche, einer rekonstruierten Synagoge und sogar einem kleinen jüdischen Friedhof. Wir besichtigten auch diesen kleinen Ort. Unglaublich fand ich die Tatsache, dass im Ort Wohnhäuser neu gebaut wurden, mit Blick auf das ehemalige Vernichtungslager. Ich frage mich, wie man dort leben und jeden Tag auf das vergangene Grauen blicken kann? Trotz der einladend wirkenden Gebäude und Sehenswürdigkeiten im Ort Auschwitz konnte ich mich, wie die meisten anderen der Gruppe ebenfalls, hier nicht wohl fühlen.

Jüdisches Leben: Obgleich die Ursprünge des Judentums im Nahen Osten liegen, gibt es heute in vielen Ländern jüdische Gemeinden, die größten in Israel, Nordamerika und Europa. Während der Jahrhunderte wurden Juden immer wieder aus ihren Siedlungen vertrieben und gezwungen sich eine neue Heimat zu suchen. Eine kleine jüdische Gemeinde existiert heutzutage auch nach dem Krieg wieder in Krakau.

Menschen quälen – mit dem Hund kuscheln

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.
Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im “Dritten Reich” hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.
Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Krematorium in Auschwitz: Einige Gefangene wurden in Auschwitz für Sonderkommandos abkommandiert, um die Toten aus den Gaskammern zu holen. Zuerst begrub man die Opfer noch, doch die NS-Führer hielten die Verbrennung für effektiver und hygienischer. Krematorien (Verbrennungsanlagen) wurden gebaut. Es waren riesige Öfen und sie fassten mehrere Leichen. Manchmal versagten die Öfen, weil sie die Vielzahl der Leichen nicht bewältigen konnten. Im Sommer 1944, als täglich bis zu 20 000 Menschen in Auschwitz vergast wurden, hob man zusätzliche Verbrennungsgruben im Freien aus.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.
Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im “Dritten Reich” hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.
Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Deutschland, Polen, aber auch in Frankreich, den USA und vielen weiteren Ländern ist es ausgesprochen wichtig, dass sich junge Menschen mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um zu verhindern, dass sich derart schreckliche Entwicklungen wiederholen und Hass, Rassismus und Gewalt wieder Einzug halten und einen Platz finden in unseren Gesellschaften. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte macht mir noch einmal sehr deutlich, dass Werte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keinesfalls selbstverständlich sind, wie es uns heute oftmals erscheint, sondern ein schützenswertes Gut. Vor diesem erhält Artikel 1 des Grundgesetzes für mich noch einmal eine tiefere Unverrückbarkeit: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Angesichts der deutsch-polnischen Vergangenheit, ist es etwas Besonderes, dass ein solcher Jugendaustausch, wie wir ihn erleben durften, möglich ist. So können wir uns heute neu begegnen und kennen lernen, aber auch miteinander und voneinander lernen. Für mich war es eine tiefe Erfahrung, von der ich mir wünsche, dass auch andere die Möglichkeit haben diese zu erleben. Der Aufenthalt in Polen, einem unserer unmittelbaren Nachbarn und Mitglied der EU, hat mein Interesse an internationaler Politik und der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder intensiviert. Außerdem haben wir alle gelernt, was es bedeutet unser Heimatland im Ausland zu
repräsentieren, auch im Hinblick auf die Geschichte.

Geschichte endet nicht im Museum

Mir ist während dieses Austausches, insbesondere bei dem sehr berührenden Besuch der Gedenkstätte noch einmal deutlich vor Augen geführt worden, wie wichtig es ist, Widerstand gegen Faschismus zu leisten und dabei schon kleinste Anzeichen zu erkennen, um sofort handeln zu können. Außerdem ist mir bewusst geworden, welche Verantwortung jeder von uns hat, dass sich das unsagbare Leid der Menschen damals heute nicht wiederholt. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern wie wir vor Ort gesehen haben, der erste Schritt zu kollektivem Massenmord gegen ganze Völker. Darüber hinaus ist jede Form der Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung Einzelner oder ganzer Gruppen etwas, das es zu erkennen und zu verhindern gilt. Für mich persönlich habe ich auch aufgrund dieser Erfahrungen entschieden, den Zeitraum zwischen Abitur und Studium mit einer Tätigkeit füllen, die es mir ermöglicht, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und mich für Menschen zu engagieren. Deshalb werde ich ab September 2017 für ein Jahr einen medizinischen Freiwilligendienst mit dem Deutschen Roten Kreuz in Jerusalem absolvieren. Dabei erhoffe ich mir nicht nur Einblicke in die medizinischen Bereiche, sondern auch noch mehr über Israel, das Judentum sowie das dortige Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Menschen im Land zu erfahren.