Alltag in unserer W.G. – Bundestagswahlen in Deutschland

Nach meiner Schicht, laufe ich nur wenige Minuten nach Hause in unsere WG., welche aus insgesamt 8 deutschen Freiwilligen besteht, 4 Frauen und 4 Männern. Neben unserem Haus, gibt es auch noch eine internationale WG., nicht weit von unserem Haus entfernt, wo 2 Freiwillige aus Norwegen leben, ein Brasilianer und eine Französin.

Alle aus unserem Haus kommen aus Deutschland und wir können uns als eine lustig-bunte Mischung beschreiben. Mein Zimmer teile ich mit Judith, einer ehemaligen Profibasketballerin. Wenn wir zusammen sind, finden wir immer ein Thema zum Reden, was auch schon die ein- oder andere Nacht hat sehr kurz werden lassen. Insbesondere der rege Austausch über Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen hier im Land sind mit ihr immer sehr fruchtbar, denn sie spricht schon recht gut Hebräisch und hatte auch in Deutschland schon intensiven Kontakt zu Israelis. Auch meine unermüdliche Suche nach etwas Essbarem in unserem Haus hat bei uns schon oft dazu geführt, dass wir aus spärlichen Zutaten noch ein improvisiertes Menü gezaubert haben. Besonders schätze ich an Judith ihre vertrauensvolle Art und ihr Bestreben nach Rechtschaffenheit gegenüber ihren Mitmenschen und Gott, womit sie für mich an vielen Stellen ein Vorbild darstellt.

Ebenfalls sehr gut verstehe ich mich mit Lara, die nach der Schule schon eine Ausbildung als Zahnarthelferin abgeschlossen hat, nachdem sie festgestellt hat, dass der Friseurberuf nicht das Richtige für sie ist. Sie hat eine russischstämmige Familie und ist selber Jüdin, weshalb sie sich dem Land hier besonders verbunden fühlt und auch die jüdischen Feiertage zelebriert. Demzufolge wird man beispielsweise des Öfteren von ihr am Sabbat aufgefordert, das Licht anzuschalten oder etwas Teewasser aufzusetzen, da es sich ihr verbietet zu arbeiten. Nach eigenen Angaben mag sie gerne „Essen und Shoppen“, was sie aber nur unzureichend beschreibt, denn gerade die Art und Weise, wie sie sich das Land und die Kultur auf eigene Weise erschließt, halte ich für ganz besonders.

Am 24. September war Bundestagswahl in Deutschland und mit Entsetzen musste ich das Abschneiden der AFD zur Kenntnis nehmen. Ich weiß, es gibt viele Gründe für dieses Ergebnis, viele Enttäuschungen, die lange zurückliegen, viel auch berechtigte Kritik an der Großen Koalition, viel zu wenig Opposition und Alternativen. Offenbar haben viele vor allem gegen die Regierung protestiert und sicher sind die wenigsten der AFD-Wähler Nazis und dennoch:

Mit ihrem Kreuz bei der AFD billigt auch jeder Protestwähler Äußerungen eines Alexander Gauland, man dürfe „stolz sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, wobei ich ihn sehr gerne gefragt hätte, welche Leistung er damit gemeint habe und ob er das auch Überlebenden von Auschwitz erklären könne. Er billigt auch Äußerungen eines Björn Höcke vorgetragen mit dem Tremor von Joseph Goebbels und das massive, bewusste Schüren von Ängsten. Wohl die Wenigsten dieser Protestwähler haben sich einmal überlegt, wie ein solches Wahlergebnis in anderen Ländern erlebt wird und welchen Begleitschaden ihr Protest dort anrichtet. Ich hoffe jedenfalls, dass ich hier in Israel nicht in die Verlegenheit komme, das Wahlergebnis in Deutschland kommentieren zu müssen oder mit unsägliche Aussagen von AFD-Politikern konfrontiert zu werden, es wäre mir einfach peinlich.

Ankunftsseminar in Haifa

Nach Ankunft auf dem Ben Gurion Airport in Tel Aviv und einigen Sicherheitskontrollen, bei denen immer gleich ein ganzer Fragenkatalog sich über mir ergoss, hatte ich endlich mein Visum für das kommende Jahr in meinem Reisepass und wurde von einem freundlichen, etwas müde dreinblickenden Taxifahrer abgeholt, welcher mich zum Seminarhaus nach Haifa brachte. Dieser erklärte mir seelenruhig während ich gespannt darauf war, die weiteren Freiwilligen wieder zu sehen, dass es in Israel heiße, in Jerusalem werde gebetet, in Tel Aviv gelebt und in Haifa gearbeitet. Haifa sei nicht nur die schönste und sauberste Stadt, sondern auch die modernste Stadt des Landes. Was es mit diesen Aussage auf sich hat, werde ich sicher im kommenden Jahr herausfinden. Voller Vorfreude und Erwartungen traf ich nach einer anstrengenden Anreise auf die weiteren Freiwilligen, die z.T. so wie ich ich mit dem Deutschen Roten Kreuz vor Ort waren, teils mit anderen Entsendeorganisationen.

Das Seminar vor Ort war ausgesprochen informativ und vielfältig. Als Vorbereitung auf unsere künftigen Tätigkeiten standen die Arbeits- und Verhaltensweisen mit Menschen mit besonderen Ansprüchen und Bedürfnissen im Vordergrund sowie der Umgang mit ihren Angehörigen.

Besonders berührte mich der Bericht einer fürsorglichen Mutter, die einen schwerbehinderten Sohn hat, der nach einer komplikationsreichen Geburt unter starken Entwicklungsverzögerungen leidet. Er ist beispielsweise nicht in der Lage vollständige Sätze zu sprechen, Sachzusammenhänge zu erfassen und wird auch bei kleinen Aufgaben in Alltag immer auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sein. Mit erschütternder Offenheit sprach die Mutter mit uns über ihr Leid und strahlte neben ihrem unverkennbarem Schmerz auch eine tiefe Stärke und Willenskraft aus. Auf der einen Seite bekräftigte sie immer wieder, wie sehr sie ihren Sohn liebe und wie viel er ihr bedeute. Auf der anderen Seite kamen aber auch ihre negativen Gefühle zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihrem eigenen Kind „betrogen“ fühlte, da es nicht so normal war wie die anderen und über die große Enttäuschung die Mutter eines behinderten Kindes zu sein. In ihrem Umfeld wurde ihr nach eigener Schilderung oftmals mit Hilfslosigkeit, Gleichgültigkeit und Ablehnung begegnet, denn wer, so fragt sie bitter, wolle denn etwas mit einem Kind zu tun haben, das sich nicht so verhalte wie die anderen? Alle Referenten zusammen haben durch Vorträge und Workshops den Teilnehmern einen Eindruck davon vermitteln können, was für eine Herausforderung es im Alltag darstellt, sich gegenüber körperlich oder psychisch beeinträchtigen Menschen offen und unverstellt zu verhalten, ihre Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und als gleichwertig mit unseren zu behandeln, auch wenn diese Menschen sie womöglich nicht auf dem Wege äußern, wie wir es tun können.

Interessant empfand ich ebenfalls den Vortrag eines israelischen Diplomaten über die Sicherheitslage in Israel und seinen Nachbarstaaten. Spannend war für mich vor allem in welchem Maße der fein zurecht gemachte, ältere Herr, in seinem etwas zu eng sitzendem Anzug die vom Iran ausgehende Gefahr für Israel betonte und über seine Verbindungen und Unterstützungen zur Hamas, Hisbollah und weiteren radikalislamischen Terrororganisationen im bewaffneten Kampf gegen Israel spekulierte. Er erklärte uns sehr sachlich, dass er die Existenzrechte Israels durch die Entwicklung iranischer Atombomben und Langstreckenraketen als stark bedroht ansah und verwies dabei auf zahlreiche Graphiken, die das stetig wachsende Einflussgebiet des Irans illustrieren sollten. Während seines gesamten Auftrittes stellte ich mir heimlich die Frage, was er wohl dazu sagen würde, dass ich vor nicht einmal einem Jahr in Teheran war und mein iranischer Austauschschüler in Kürze meine Familie in Göttingen besuchen wird.

Neben einem freien Nachmittag am weißen Sandstrand und rauschenden Wellen, bot sich uns ebenfalls die Möglichkeit einer Erkundung Haifas bei Nacht, abseits der touristischen Orte. Hannah eine weitere Mitfreiwillige, die ebenfalls sehr gerne Fahrrad fährt und ich zogen gemeinsam los. Auf dem etwas längeren und recht steilen Rückweg zur Unterkunft, legten wir beide eine kurze Verschnaufpause ein, denn an das heiße und tropisch – feuchte Klima vor Ort musste sich Hannah erst noch etwas gewöhnen.

Doch in gerade diesem Moment sprachen uns 2 ältere israelische Herren in Strandkleidung an, welche scheinbar gerade einen langen Arbeitstag hinter sich gebracht hatten und nun ihren Feierabend genossen. Sie erkundigten sich neugierig, was wir hier taten und woher wir kamen. Sie reagierten beide mit offenkundigem Interesse an uns, als wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen. Ehe wir uns versahen blickten wir auch schon von der Dachterrasse, eines kleinen, verwinkelten Hauses mit altem Teppichboden, auf das endlose, bunte Lichtermeer der unter und liegenden Stadt, jede von uns mit einer kalten Limo in der Hand. Die Terrasse erschien uns im Vergleich zur Wohnung ungeahnt groß und nobel zurecht gemacht, mit Stühlen, Hängematte und exotisch wirkenden Pflanzen. Der Besitzer des Hauses war Sportlehrer und Bademeister von Beruf, der andere Herr hatte sein eigenes Restaurant in Haifa eröffnet, in dem die verschiedensten Landesspezialitäten probiert werden können.

Sehr freundlich und großzügig wurde sich um uns gekümmert. Neben dem landestypischen Hummus (eine üppig gewürzte Kichererbsenpaste, die hierzulande häufig zu Falafeln oder Fladenbrot gegessen wird) wurden wir mit zuckersüßen Feigen aus dem Garten und unglaublich frischen Mangos und Datteln versorgt.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile, doch schon nach Kurzem begann ich ein Gefühl dafür zu bekommen, was für eine Aktualität das Thema 2. Weltkrieg in Israel weiterhin hat, während es in Deutschland größtenteils unter den jungen Leuten manchmal schon fast vergessen scheint. Jede jüdische Familie hier hat ihre ganz eigene Geschichte, verbunden mit viel Leid, Unterdrückung, Misshandlung und Tod. Als Erinnerungsstücke und Dokumente zeigte uns einer der beiden Herrn noch einige Bücher seiner Mutter, darunter die gesammelten Werke von Wilhelm Busch, welche zahlreiche antisemitische Äußerungen enthalten und das Buch „Mein Kampf“. Während meiner Zeit in Israel möchte ich so viele Geschichten von Menschen wie möglich hören, ganz gleich ob fröhlich oder traurig. Der Restaurantbesitzer ist überaus begeistert von Deutschland und war bisher auch schon mehrere Male in Berlin. Sein Traum ist es, eines Tages ein Lokal dort zu besitzen, da er das Land und die Leute sehr schätzt und auch das deutsche Klima dem israelischen gegenüber bevorzuge. Angesichts dieser Gastfreundschaft und der Begeisterung für Deutschland schäme ich mich bei der Vorstellung, er könnte erfahren, wie viel Fremdenfeindlichkeit, Populismus und geschichtsverfälschende Äußerungen mittlerweile leider Alltag in Deutschland sind.

Es war schon tief in der Nacht, als wir von unserem Gastgeber verabschiedeten und uns für den interessanten Abend bedankten und sogar noch per Auto zu unserer Unterkunft gefahren wurden.

Am letzten Tag des Seminars wurden wir abgeholt und zu unserer WG. und zukünftigen Einsatzstelle in Westjerusalem gebracht, nahe des Mont Herzls und des Yad Vashems, des bedeutsamsten Holocaustdenkmals und Gedenkstätte Israels. In dem Haus leben insgesamt 8 Freiwillige aus Deutschland, immer zu zweit in einem Zimmer. Ich teile mein Zimmer mit Judith, die schon eine Ausbildung als Arzthelferin abgeschlossen hat und dank ihres Judaistikstudiums schon erstaunlich gut hebräisch spricht. Seit unserer ersten Begegnung verstehen wir uns ausgesprochen gut, können uns über diverse Themen austauschen und kommen auch in unserem Arbeitsalltag gut miteinander zurecht.