Zukunft braucht Erinnerung – deutsch-polnische Jugendbegegnung

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 19 Jahre alt und mache zurzeit mein Abitur am Hainberg-Gymnasium in Göttingen. Im Wintersemester 2018 möchte ich mit dem Studium der Humanmedizin beginnen.

In einer Schülerdelegation bestehend aus 13 Jugendlichen (Schülerinnen und Schüler zwischen 16-19 Jahren) nahm ich Ende Februar an einer einwöchigen deutsch-polnischen Jugendbegegnung teil. Geleitet wurde das Projekt maßgeblich von Lydia Höllings und Iwona Domachowska, welche sich damit intensiv an der Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen beteiligen. Gefördert wird das Projekt vom deutsch-polnischen Jugendwerk.
Schon vor Projektbeginn habe ich mich mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen beider Länder auseinandergesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 80 Jahre nachvollzogen, um mich auf die Besichtigungen der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vorzubereiten.
In Polen wurde der deutschen Delegation, neben der Besichtigung der Holocaust-Gedenkstätten ein sehr umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die polnische
Kultur zu erlangen, z.B. durch das Probieren traditioneller Speisen, Stadtbesichtigungen in Krakau und der Stadt Auschwitz und umfangreiche Führungen, aber vor allem durch den direkten Austausch und Kontakt zu den gleichaltrigen pLolnischen Schülerinnen und Schülern.

Krakau – Unterwegs auf den Spuren der jüdischen Vergangenheit
Während der gemeinsamen Zeit in Krakau stand das jüdische Leben in Krakau, sowie die Besonderheiten der jüdischen Kultur im Vordergrund. Auch eine Besichtigung der mittelalterlichen, historischen Altstadt blieb dabei nicht aus.
Bei einem Workshop im Jüdischen Museum haben wir uns ausführlich mit den Lebenswirklichkeiten der polnischen Juden vor und nach dem Krieg beschäftigt. Besonders schockiert hat mich die Tatsache, wie sehr Juden schon vor dem Krieg unter Vertreibungen, Entrechtungen und Sonderstellungen in der Gesellschaft litten. Bestimmte Berufe durften von ihnen nicht ausgeübt werden, an Wahlen durften sie in der Regel nicht teilnehmen und auch an den Schulen gab es lange Zeit feste Quoten für Juden, die nicht überschritten werden durften. Rund 70.000 Juden lebten vor dem Krieg in der Stadt an der Weichsel, sie machten etwa ein Viertel der Bevölkerung aus. Heute zählt die jüdische Gemeinde genau 176 Mitglieder, insbesondere ältere Menschen.
Dennoch ist die Stadt sehr von jüdischen Denkmälern und Orten geprägt. Das jüdische Viertel Kazimierz umfasst zahlreiche mittelalterliche Synagogen, die größtenteils noch sehr gut erhalten sind. Ein sehr eindrückliches Erlebnis war zudem das hautnahe Nachempfinden der jüdischen Kultur. Dazu genossen wir ein typisch jüdisches Gericht in einem kleinen Restaurant und hörten uns dabei traditionelle Musik an. Mir haben die knusprig frittierten Gemüsefalafel mit einer würzigen Soße und die Brot-Suppe besonders gut gefallen. Im Anschluss daran spielte eine kleine Band, bestehend aus einem Kontrabassspieler, einem Geiger und einem Akkordeonspieler, mit großer Hingabe traditionell jüdische Musik. Einige Stücke enthielten abwechselnd erstaunlich schnelle Passagen, gefolgt von sehr langsamen und melancholisch wirkenden Teilen. Auch der Tonumfang war bei den gespielten Stücken beachtlich, hohe Töne wechselten sich mit extrem tiefen Tönen ab. Das war wirklich beeindruckend und hat mir gut gefallen. Andererseits führte mir dieses Erlebnis vor Augen, wie wenig ich eigentlich über die jüdische Kultur, ihre Sitten und Bräuche weiß und wie interessant es ist, sich damit zu beschäftigen. Traurig ist außerdem die Tatsache, dass es in meiner Heimatstadt Göttingen vor dem Krieg vielerorts jüdisches Leben gab, von dem nahezu nichts mehr geblieben ist.

Todesfabrik Auschwitz-Birkenau – das Ende der Menschlichkeit

Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen
Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.
Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.
Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende , sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen. Nach dem Aufenthalt in Krakau ging es für unsere Gruppe weiter nach Auschwitz. Die Besichtigung der nur ca. 20 min von unserer Unterkunft entfernten Gedenkstätte Auschwitz war für die gesamte Gruppe eine Herausforderung. Trotz gründlicher Vorbereitungen ist das Ausmaß an Unrecht, Leid, Demütigung, Sklaverei und systematischem, industriellem Massenmord, der an diesem Ort von den Nazis begangen wurde für uns nur schwer fassbar gewesen. Nach dem Betreten des Lagers durch den berüchtigten Torbogen mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ wurden wir durch zahlreiche Baracken und Lager der damaligen Inhaftierten geführt. In Statistiken sind die Nazimorde dargestellt, es sind viele Originaldokumente der SS und Briefe von Häftlingen zu sehen, die damals aus dem Lager geschmuggelt wurden.
Am eindrücklichsten und mit am schlimmsten empfanden wir den Block 5 des Stammlagers, denn dort waren viele persönliche Gegenstände der Häftlinge zu sehen, wie z.B. Koffer, Prothesen, Brillen, Schuhe und Geschirr. Daneben befand sich auch ein unbeschreiblich großer Berg an Haaren, die den Menschen vor ihrer Ermordung abrasiert wurden. Aus diesen Haaren wurden dann beispielsweise Teppiche produziert. Diese Anblicke vermitteln einen schockierend greifbaren Eindruck der Zahl von Menschen, die nach Auschwitz gekommen sind und für die es keinen Ausweg gab. Auch die Fotos und Bilder, die die Bedingungen im Lager versuchten darzustellen, haben die gesamte Gruppe sehr berührt. Viele dieser Dokumente zeigen, wie in Auschwitz gesunde, fröhliche Menschen innerhalb von kurzer Zeit gebrochen und zu Gestalten gewandelt wurden, die dem Tod näher als dem Leben waren.
Bei der Besichtigung des einige Kilometer weiter entfernt gelegenen Lagers Auschwitz-Birkenau, wurden wir uns der Größe des Konzentrationslagers erstmals bewusst. Von der sogenannten Todesrampe aus, erstreckten sich auf einem unfassbar weitläufigen Gebiet Baracken, Krematorien, Gaskammern und Seen, gefüllt mit Menschenasche.
Die Besichtigung der Gedenkstätte war für die gesamte Gruppe eine tiefgehende, bewegende, sehr emotionale Erfahrung. Dank der guten Gruppendynamik spendeten wir uns in den Momenten, in denen wir mit unsagbarem Leid konfrontiert wurden Trost, teilten unsere Gefühle miteinander und führten auch danach noch viele Gespräche darüber, was diese Erlebnisse mit uns machen, welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

welche Bedeutung sie für uns und unser jetziges Leben haben, wie sich diese Erfahrungen auf unser zukünftiges Handeln auswirken.

Zyklon B: „ Wir besprachen weiter die Durchführung der Vernichtung. Es käme nur Gas infrage, denn durch Erschießen die zu erwartenden Massen zu beseitigen, wäre schlechterdings unmöglich und auch eine zu große Belastung für die SS-Männer, die dies durchführen müssten im Hinblick auf Frauen und Kinder“ – Rudolf Höß, Sommer 1944 Arbeit oder Tod: Nachdem die Gefangenen in Auschwitz ankamen wurde bestimmt, wer arbeiten sollte und wer direkt ermordet würde. Dr. Joseph Mengele, der als „Todesengel“ bekannt war wählte Opfer für seine grausamen Experimente aus. Die Todgeweihten wurden in Gaskammern geschickt und das in Dosen gelieferte Blausäuregranulat Zyklon B wurde durch die Decke der Gaskammer eingestreut und vergaste die Insassen. Zyklon B war für die Wachen gut zu handhaben. Durch ein Fenster in der Gaskammer konnten sie zusehen, wie die Menschen erstickten und hörten ihre Schreie.

Auschwitz – nicht nur ein Vernichtungslager

Hinter dem Begriff Auschwitz verbirgt sich jedoch nicht nur das Konzentrations- und Vernichtungslager, welches für unsagbares Leid und den Tod von mehr als eine Millionen Menschen steht, sondern auch ein überschaubares Städtchen mit einem Marktplatz, einer Kirche, einer rekonstruierten Synagoge und sogar einem kleinen jüdischen Friedhof. Wir besichtigten auch diesen kleinen Ort. Unglaublich fand ich die Tatsache, dass im Ort Wohnhäuser neu gebaut wurden, mit Blick auf das ehemalige Vernichtungslager. Ich frage mich, wie man dort leben und jeden Tag auf das vergangene Grauen blicken kann? Trotz der einladend wirkenden Gebäude und Sehenswürdigkeiten im Ort Auschwitz konnte ich mich, wie die meisten anderen der Gruppe ebenfalls, hier nicht wohl fühlen.

Jüdisches Leben: Obgleich die Ursprünge des Judentums im Nahen Osten liegen, gibt es heute in vielen Ländern jüdische Gemeinden, die größten in Israel, Nordamerika und Europa. Während der Jahrhunderte wurden Juden immer wieder aus ihren Siedlungen vertrieben und gezwungen sich eine neue Heimat zu suchen. Eine kleine jüdische Gemeinde existiert heutzutage auch nach dem Krieg wieder in Krakau.

Menschen quälen – mit dem Hund kuscheln

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.
Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im “Dritten Reich” hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.
Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Krematorium in Auschwitz: Einige Gefangene wurden in Auschwitz für Sonderkommandos abkommandiert, um die Toten aus den Gaskammern zu holen. Zuerst begrub man die Opfer noch, doch die NS-Führer hielten die Verbrennung für effektiver und hygienischer. Krematorien (Verbrennungsanlagen) wurden gebaut. Es waren riesige Öfen und sie fassten mehrere Leichen. Manchmal versagten die Öfen, weil sie die Vielzahl der Leichen nicht bewältigen konnten. Im Sommer 1944, als täglich bis zu 20 000 Menschen in Auschwitz vergast wurden, hob man zusätzliche Verbrennungsgruben im Freien aus.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Neben den Stadt- und Gedenkstättenbesichtigungen haben weitere Projekte und Workshops das Programm bereichert.
Ein umfangreicher Vortrag über KZ-Aufseherinnen, anhand von zahlreichen Beispielen und Biographien hat uns alle sehr schockiert, denn im “Dritten Reich” hielten über 4000 KZ-Aufseherinnen das Lagersystem der Nazis am Laufen. Viele von ihnen verwandelten sich dort schnell zu gewaltbereiten Täterinnen: Sie prügelten, hetzten Hunde auf Häftlinge und ließen sie stundenlang Appell stehen. Besonders grausam war beispielsweise die Geschichte der Österreicherin Maria Mandl, welche auch lange Zeit in Auschwitz arbeitete. Im KZ- Ravensburg überwachte sie als Oberaufseherin den täglichen Ablauf und den Einsatz der ihr unterstellten Aufseherinnen. Unter ihr waren die Insassen grausamen Misshandlungen wie Schlägen und Auspeitschungen ausgesetzt. Sie suchte zudem Frauen für Menschenversuche aus. Anfang Oktober 1942 wurde Mandl, ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt. Sie leitete im Dienstrang der Oberaufseherin als Arbeitsdienstführerin, von August 1943 bis Januar 1944 gemeinsam mit Schutzhaftlagerführer Franz Hößler, das Frauenlager. Dort wurde sie allgemein bekannt als „die Bestie“. Sie wählte Gefangene für den Tod in den Gaskammern aus und war an Misshandlungen beteiligt.
Allerdings ist diese Geschichte kein Einzelfall, viele Aufseherinnen waren jung und noch unverheiratet. Die meisten gehörten eher zur gesellschaftlichen Unterschicht. Eine Stelle als Aufseherin war für die meisten ein sozialer Aufstieg. Das Gehalt lag weit über dem üblichen Lohn in der Fabrik. Hinzu kamen Vergünstigungen und Privilegien wie Dienstkleidung, Unterkunft und Sicherheit. Manche der grausamen Aufseherinnen hatten selbst Kinder, Familie und Haustiere, um die sie sich liebevoll sorgten. Dies galt nicht nur für die Aufseherinnen, sondern für viele SS-Mitglieder, die solcherart Grausamkeiten ausübten. Es ist unvorstellbar wie Menschen gleichzeitig solch schreckliche Dinge tun und auf der anderen Seite ein ganz normales Leben führen können. Die eindringlichen Schilderungen über die Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, haben mir den Wert von Menschenwürde noch einmal überaus deutlich gemacht.

Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist verdammt sie zu wiederholen

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Deutschland, Polen, aber auch in Frankreich, den USA und vielen weiteren Ländern ist es ausgesprochen wichtig, dass sich junge Menschen mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um zu verhindern, dass sich derart schreckliche Entwicklungen wiederholen und Hass, Rassismus und Gewalt wieder Einzug halten und einen Platz finden in unseren Gesellschaften. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte macht mir noch einmal sehr deutlich, dass Werte wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keinesfalls selbstverständlich sind, wie es uns heute oftmals erscheint, sondern ein schützenswertes Gut. Vor diesem erhält Artikel 1 des Grundgesetzes für mich noch einmal eine tiefere Unverrückbarkeit: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Angesichts der deutsch-polnischen Vergangenheit, ist es etwas Besonderes, dass ein solcher Jugendaustausch, wie wir ihn erleben durften, möglich ist. So können wir uns heute neu begegnen und kennen lernen, aber auch miteinander und voneinander lernen. Für mich war es eine tiefe Erfahrung, von der ich mir wünsche, dass auch andere die Möglichkeit haben diese zu erleben. Der Aufenthalt in Polen, einem unserer unmittelbaren Nachbarn und Mitglied der EU, hat mein Interesse an internationaler Politik und der gemeinsamen Geschichte der beiden Länder intensiviert. Außerdem haben wir alle gelernt, was es bedeutet unser Heimatland im Ausland zu
repräsentieren, auch im Hinblick auf die Geschichte.

Geschichte endet nicht im Museum

Mir ist während dieses Austausches, insbesondere bei dem sehr berührenden Besuch der Gedenkstätte noch einmal deutlich vor Augen geführt worden, wie wichtig es ist, Widerstand gegen Faschismus zu leisten und dabei schon kleinste Anzeichen zu erkennen, um sofort handeln zu können. Außerdem ist mir bewusst geworden, welche Verantwortung jeder von uns hat, dass sich das unsagbare Leid der Menschen damals heute nicht wiederholt. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern wie wir vor Ort gesehen haben, der erste Schritt zu kollektivem Massenmord gegen ganze Völker. Darüber hinaus ist jede Form der Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung Einzelner oder ganzer Gruppen etwas, das es zu erkennen und zu verhindern gilt. Für mich persönlich habe ich auch aufgrund dieser Erfahrungen entschieden, den Zeitraum zwischen Abitur und Studium mit einer Tätigkeit füllen, die es mir ermöglicht, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und mich für Menschen zu engagieren. Deshalb werde ich ab September 2017 für ein Jahr einen medizinischen Freiwilligendienst mit dem Deutschen Roten Kreuz in Jerusalem absolvieren. Dabei erhoffe ich mir nicht nur Einblicke in die medizinischen Bereiche, sondern auch noch mehr über Israel, das Judentum sowie das dortige Zusammenleben der verschiedenen Religionen und Menschen im Land zu erfahren.

Iranaustausch

Mein Name ist Svea Venus, ich bin 18 Jahre alt und besuche zur Zeit die 12. Klasse des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen.
In einer sechsköpfigen Schülerdelegation (Schülerinnen zwischen 15-19 Jahren) nahm ich Anfang Oktober an einem zweiwöchigen Schüleraustausch mit der Islamischen Republik Iran unter der Leitung von Hartmut Niemann teil, der regelmäßig die Region bereist und Reisen in den Iran organisiert. Gefördert und begleitet wird das Projekt vom Pädagogischen Austauschdienst (PAD).
Schon während der Vorbereitungszeit habe ich mich intensiv mit der Geschichte und aktuellen politischen Entwicklungen des Landes auseinander gesetzt. Insbesondere habe ich die Ereignisse der letzten 100 Jahre nachvollzogen, ohne deren Kenntnis man die heutige Situation des Iran nicht verstehen kann.

Austausch mit dem Iran – moralisch vertretbar?
Ich kenne die Amnesty International-Berichte über die Situation der Menschenrechte im Iran und ich weiß um die hohen Hinrichtungszahlen und grausamen Körperstrafen. Ich kenne die Israel verachtenden Äußerungen iranischer Politiker, mir ist bewusst, dass Andersdenkende und Homosexuelle unter permanenter Bedrohung leben müssen und ich weiß um die Benachteiligung von Frauen im Iran. Ich finde, dass diese Umstände dringender Veränderung bedürfen.
Dennoch oder gerade deshalb halte ich es für so wichtig an dem Schüleraustausch in den Iran teilzunehmen.

Ich bin froh und dankbar, dass das Regime einen Austausch überhaupt ermöglicht und sehe in unserem Austauschprogramm eine Unterstützung der gemäßigten Kräfte im Iran. Diese vorsichtige Öffnung scheint mir ein positiver Ansatz. Mir ist es bewusst, dass politische Veränderungen viel Zeit benötigen und dass währenddessen viele Menschen erheblich unter den vorherrschenden Verhältnissen leiden und zu Tode kommen. Die genauere Betrachtung der Krisenherde im nahen Osten (z.B. Syrien, Libyen, Irak), führt mich jedoch zu der schmerzlichen Erkenntnis, dass selbst die Stabilität, die durch ein autoritäres Regime gewährleistet wird, als das geringere Übel erscheint, als die Alternativen Chaos, Anarchie und Bürgerkrieg.

Austausch statt Isolation
Ziel des zweiwöchigen Austauschprogramms in den Iran war es, die jeweils andere Kultur besser kennen zu lernen, das gegenseitige Verständnis zu fördern und die Gegebenheiten im Gastland besser zu begreifen sowie gemeinsame Themen, Ziele, Vorstellungen und Interessen herauszuarbeiten. Zum gegenseitigen Kennenlernen gehört auch von unserer Seite eine Offenheit und Unvoreingenommenheit, die die Iraner keinesfalls auf das Verhalten ihrer menschenfeindlichen Regierung reduziert, sondern neugierig macht auf Begegnung und Verständigung. Die zwischenmenschlichen Erlebnisse muss man dabei klar von den politischen Umständen trennen.
Mir war es daher ein Anliegen, die Menschen in Iran, ihre Kultur und die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort persönlich kennen zu lernen und mir ein eigenes Bild zu verschaffen, ohne Auswahl und Bewertung durch Medien.

Eine zweite Familie

Uns Deutschen wurde in Iran ein außerordentlich umfangreiches und vielseitiges Programm geboten. Während des Austausches lebten immer zwei deutsche Schülerinnen bei einer iranischen Gastfamilie. Die Gastfamilien waren die Familien einiger Lehrkräfte der Gastschule. So begleiteten uns diese Lehrkräfte auch bei den meisten Aktivitäten und sorgten sich um unser Wohlergehen.

Sehr herzlich und zuvorkommend wurden wir aufgenommen und es fehlte uns an nichts. Immer wenn wir nach einem Ausflug wieder zu Hause ankamen, bekamen wir sofort den allgegenwärtigen schwarzen Tee mit ganz viel Zucker, frisches Obst und köstliches Essen, wie z.B. Safranreis serviert. Dies nahmen wir wie üblich auf dem Teppich sitzend ein. Die Gastfreundschaft war überwältigend.

Schwarztee, Shisha, Safranreis
Während der zahlreichen Unternehmungen und Begegnungen hatten wir die Möglichkeit viele Einblicke in die iranische Kultur zu erlangen. Sei es bei Essenszeremonien mit landestypischen Speisen oder bei den zahlreichen Palast- und Moscheebesuchen. Auffallend war, dass die strengen religiösen Regeln, die das Leben in der Öffentlichkeit sehr prägten, im geschützten Privatleben der Iraner aber oft eher eine untergeordnete Rolle hatten. Einige Iraner pflegten z.B. nur sehr wenige religiöse Regeln und Sitten, andere legten stets einen hohen Wert auf Kopftuch und lange Kleidung. Die unterschiedliche Wichtigkeit des Religiösen war selbst innerhalb einer Familie zu beobachten.

Unterschiede gesucht – Gemeinsamkeiten gefunden

In unserer iranischen Partnerschule, eine private Jungenschule mit einem neu eingeführten Mädchenzweig, wurden uns für diese Schule schultypische Fächer gezeigt. Am Unterricht der Jungenschule durften wir jedoch nicht teilnehmen. Statt dessen unterrichteten uns einige Lehrkräfte in Schwerpunktfächern wie Informatik und Handarbeit. Dabei blieben wir stets getrennt von den männlichen Schülern. Eine echte iranische Unterrichtsstunde konnten wir deshalb nicht miterleben. Im Mädchenzweig haben wir lediglich am Gymnastikunterricht teilnehmen können.

Unter den Augen der Revolutionsführer im Bildungsministerium

Bei einem offiziellen Termin im iranischen Bildungsministeriums stellte die deutsche Delegation den Iranaustausch offiziellen Regierungsmitarbeitern vor. Wir wurden gebeten, etwas zur Bedeutung des Austauschprogramms zu sagen. Alle deutschen Delegationsmitglieder sahen den Austausch als etwas sehr Besonderes und Einzigartiges an, was unbedingt erweitert werden sollte, denn um aktiv gegen Rassismus und Vorurteile vorzugehen, braucht es nun mal interkulturelle Begegnungen, zwischen jungen Menschen, die sich gegenseitig kennen und schätzen lernen. Für diese Aussagen erhielten wir sogar Applaus. Dabei blickten uns die Revolutionsführer ernst aus ihren Portraits an der Wand an.

Auf einem der höchsten Fernsehtürme der Welt
In Teheran wurden in Begleitung der Gastfamilien zahlreiche Sehenswürdigkeiten besichtigt, wie beispielsweise der Borjek Milad, der mit 435 Metern einer der größten Fernsehtürme der Welt ist. Teheran von oben zu erleben war etwas ganz besonderes für mich, außer dass die Sicht nicht sehr weit ist, da sich ein dichter, gelb-grauer Smog über der 13 Mio.- Metropole erhebt, welcher viele Stadtteile und die angrenzenden Berge komplett verschluckt.
Außerdem durften wir unter strenger Begleitung auf einen traditionellen Bazar gehen, wo mich besonders die vielen unbekannten, intensiv riechenden Gewürze sehr faszinierten. Zimt, Kurkuma, Curry, Safran, Pfeffer, aber auch für mich noch ganz unbekannte Produkte gab es dort. Auch die frischen Früchte die dort verkauft wurden, wie z.B. Feigen, Datteln oder Granatäpfel hatten einen besonders frischen Geschmack. Doch auch die handwerklichen Arbeiten, die dort zum Teil hergestellt und dann verkauft wurden, darunter Geschirr, Fliesen, Stoffe und Perserteppiche beeindruckten mich so sehr, dass ich gar nicht mehr an die Gepäckbegrenzung beim Rückflug dachte.

Mit der längsten Seilbahn der Welt ins Hochgebirge
Am Wochenende machten die deutschen Schüler mit ihren Gastfamilien einen Ausflug in das Tochal-Gebirge, welches direkt an Teheran grenzt. Die Fahrt mit der 7500 Meter langen Gondel war ein echtes Abenteuer. Nachdem wir uns an das unerwartet frische Klima und die dünne Luft auf 4000 Metern Höhe gewöhnt hatten, unternahmen wir als Gruppe eine Wanderung zu einem Gipfel, nahe unseres Gipfelhotels, wo wir die Nacht verbrachten. Auf dem Gipfel konnte man einen phänomenalen Sonnenuntergang genießen mit Blick auf den Smog, unter dem Teheran lag und aus dem der Fernsehturm heraus ragte. Dem Hotel in dem wir schliefen, wird nachgesagt, dass es das höchst gelegene Hotel der Welt sei.

Überall Regeln außer im Straßenverkehr
Ein besonderes Highlight für uns war der Ausflug in die Wüste. Die Fahrt war lebensgefährlich! Auf iranischen Straßen, erschien es normal, mit eingeschaltetem Warnblinker und weit über der Geschwindigkeitsbegrenzung über die Autobahn zu rasen. Die deutschen Mitreisenden mit Führerschein durften auch mal auch mal ans Steuer, doch der iranische Verkehr ist verglichen mit dem Deutschen eine echte Herausforderung. Das Missachten der Regeln und die zahlreichen Motorradfahrer sorgen für viel Stau und und Unfälle in der Stadt.
Weit außerhalb der Stadt in der Wüste hatten wir einen tollen Blick auf dem Sternhimmel, den man in der Stadt aufgrund der Lichter und des Smogs sonst nie zu sehen bekommt. Naturerleben ist für die Iraner etwas sehr besonderes, da es in Teheran keine naturbelassenen Orte gibt.

Reisen verändert
Beim täglichen Miteinander und den gemeinsamen Programmpunkten standen stets Respekt, Anerkennung und Wertschätzung im Vordergrund. Vor allem die Offenheit und Gastfreundschaft der Gastfamilie hat mich sehr beeindruckt und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen. Das vielfältige Programm, sowie die vielen Begegnungen mit den Menschen haben bei allen Beteiligten ein erkennbar tieferes Interesse an dem Land und der Geschichte entwickelt, welches weit über den Austausch hinaus geht. Der Aufenthalt in Iran, einer der wichtigen Akteure im nahen Osten, hat mein Interesse an internationaler Politik und den vielfältigen Zusammenhängen erweckt. Außerdem haben wir gelernt, was es bedeutet Deutschland im Ausland zu repräsentieren. Auch die Erfahrung, dass Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Gleichberechtigung, keineswegs selbstverständlich sind, so wie es uns hier in Deutschland oftmals erscheint, hat einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen.
Momentan bin ich schon voller Vorfreude, da Ende November der Gegenbesuch der Iraner in Deutschland stattfindet. Bei der Programmgestaltung ist uns bewusst, dass es für viele Iraner sicherlich eine einmalige Chance sein wird nach Deutschland zu kommen. Daher ist es uns ein Anliegen viele und interessante Unternehmungen zu ermöglichen. Ich denke, es handelt sich um ein sehr lohnenswertes Projekt, welches unbedingt erweitert und gefördert werden sollte, da gerade der Austausch mit lange Zeit isolierten Staaten mir sehr wichtig erscheint, denn ich glaube, dass es keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen gibt.