Die Schere zwischen Arm und Reich

Auf meiner gesamten Reise ist mir die beachtliche Schere zwischen Arm und Reich aufgefallen, insbesondere in der Stadt Casablanca, wo sich unzählige Slums zwischen Luxusvillen, noblen Hochhäuser und edlen Geschäften befinden. Besonders eindrucksvoll waren für mich zwei völlig verschiedene Begegnungen auf meiner Reise, die ich mit Menschen in Agadir und Marrakesch hatte.

Ankunft in Agadir

Etwa gegen Mittag kam ich in Agadir an. Ich war etwas gestresst von der Einfahrt in das Stadtzentrum, sodass ich mich gleich auf die Suche nach einem ruhigen Strandabschnitt machte, als ein weißer, großer Geländewagen neben mir hielt. Darin saßen ein Mann mit Hemd und Anzug und seine Frau, gekleidet in Top und Hotpants. Sie fragten mich, wohin ich unterwegs sei und ich erzählte ihnen von meiner Reise per Rad.

Blick auf Agadir
Blick auf Agadir
die bergige, steile Straße nach Agadir
die bergige, steile Straße nach Agadir
Küstenstraße
Küstenstraße

Nach einem sehr kurzen Gespräch forderten sie mich überraschend auf ihnen zu folgen und boten mir an, mich bei ihnen zu Hause etwas auszuruhen. Angesichts meines Erschöpfungszustands nahm ich das Angebot dankbar an und wenige Minuten später befand ich mich in einer der teuersten Wohngegenden der Stadt. Mein Fahrrad und ich standen völlig unerwartet in einer modern eingerichteten Designerwohnung und mit Balkon und Blick über das Meer. Ich duschte, stopfte meine Wäsche in die Waschmaschine und wenige Minuten später klingelte ein Lieferservice an der Tür, der unser Mittagessen brachte. Mit dieser Art der Verpflegung hatte ich in diesem Moment wohl am wenigsten gerechnet.

Fassungslosigkeit über meine Reise

Nachdem ich etwas auf dem Klappsofa im Wohnzimmer geschlafen hatte, wurde ich von meinen Gastgebern Ibrahim und Nina nach meinen ursprünglichen Plänen befragt.

mein Schlafplatz im Wohnzimmer
mein Schlafplatz im Wohnzimmer

Ich erwiderte, dass ich zum Strand gehen wollte, woraufhin sich die beiden nur ungläubig anschauten. Offensichtlich würden sie niemals zur Erholung an den Strand gehen. Sie schlugen mir deshalb vor mich in ein Hotel mit einem Wellness-Spa-Saunabereich zu bringen, was ich dankend ablehnte. Ibrahim erklärte seinen Beruf einzig als „Businessman“, was auch immer dies heißen mochte. Nina arbeitete selbständig als „Makeupartistin“ und hatte ihre Ausbildung in den USA absolviert.

Frühstück in einem Luxushotel in Agadir
Frühstück in einem Luxushotel in Agadir

Wir unterhielten uns sehr angeregt und sie stellten äußerst viele Fragen – ich hatte das Gefühl sie wollten wirklich begreifen was für eine Reise ich machte und wie ich das ganze anging. Andererseits brachten sie trotz einer offensichtlichen Vertrautheit mit der westlichen Welt deutlich zum Ausdruck wie unvorstellbar diese Reiseform für eine Frau auf die Marokkaner wirkte.

Marokkanisches Outfit und wunderbare Aussicht über Agadir
Marokkanisches Outfit und wunderbare Aussicht über Agadir

Der leere Kühlschrank

Am späten Nachmittag hatte Nina noch einen Termin in der Stadt und Ibrahim sein regelmäßiges Fußballtraining. Mir wurde freigestellt was ich tat und somit entschied ich zu Hause zu bleiben und nach Langem mal wieder Tagebuch zu schreiben. „Fühl dich bei uns wie bei dir zu Hause“, war der Satz der mir noch zum Abschied mitgegeben wurde, bevor die zwei das Haus eilig verließen. Als mich eine Weile später der Hunger überkam, warf ich einen hoffnungsvollen Blick in den Kühlschrank und zu meinem großen Entsetzen war der riesige Eisschrank nahezu leer. Ganz hinten stand ein Glas alter Honig und einige Joghurttöpfe; mehr nicht. Damit hatte ich in diesem Moment nicht gerechnet, wie ich später erfahren sollte wurde die Ernährung der Familie nahezu ausschließlich durch Lieferdienste und Restaurants gewährleistet.

Arabische Bars

Am Abend, als Nina und Ibrahim wieder zurück waren, luden sie mich in eine Bar ein. Dazu wurde mir ein schwarzes Kleid geliehen und ich wurde geschminkt. Mein marokkanisches Outfit belächelten sie etwas und erachteten es nicht als repräsentative Kleidung ihres Landes, entgegen aller Meinungen, die ich bisher von Marokkanern gehört hatte. Offenbar wollten sie sich erkennbar von den traditionellen und konservativen Werten und Tugenden ihres Landes distanzieren.

edler Nachtclub in Agadir
edler Nachtclub in Agadir
edler Nachtclub in Agadir
edler Nachtclub in Agadir

.In der Bar gab es unglaublich teures Essen, eine landesweit sehr bekannte Band spielte laute Musik und neben Saft und Wasser wurden Wein und Champagner mit weißen Handschuhen serviert. Freunde und Bekannte kamen vorbei, die teilweise selbst eigene Unternehmen besaßen oder wichtige Positionen in der Regierung hatten. Alle waren fassungslos angesichts meiner Reise und daraufhin verhalfen sie mir im Nu zu einem Presseinterview am folgenden Tag.

Trotz der vielen freundlichen und sehr großzügigen Einladungen und dem Angebot auch für längere Zeit bei ihnen zu wohnen, fühlte ich mich nicht gänzlich wohl. Ich wurde immer wieder stolz den Menschen die wir trafen vorgestellt. Gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl nicht wirklich ich selbst sein zu können. Ich fühlte, als müsste ich mich ständig anpassen und eine entsprechende Maske tragen, als ginge es lediglich darum sich gut zu präsentieren, nicht wirklich darum wer man war.

Kochabend zu Hause

Drei Nächte verbrachte ich insgesamt bei ihnen, alle gemeinsamen Mahlzeiten nahmen wir außer Haus zu uns, was auch den leeren Kühlschrank erklärte, bis auf den letzten Abend. An diesem Tag kamen 3 Köchinnen vorbei um für die Familie und einige Gäste zu kochen. Aber bevor es losgehen konnte wurde gemeinsam eingekauft in einem recht großen und noblen Kaufhaus mit europäischen Preisen. Es wurde wirklich alles Erdenkliche gekauft, neben Lebensmitteln und Gewürzen kauften wir noch diverses Küchenequipment, einen Grill und eine riesige Tonform um Gemüse darin zu garen. Wieder zurück wurde der Großeinkauf auch nicht von uns ins Haus getragen sondern von einem hauseigenen Service.

Blick vom Balkon über das Meer
Blick vom Balkon über das Meer

Danach machten sich die Köchinnen gleich ans Werk ein 3-Gänge-Menu zu fabrizieren. Es gab Fisch und Meeresfrüchte für mich gab es Salat, Reis und gegrilltes Gemüse sowie würzigen Schafkäse. Als der Abend vorbei war, sah es in der Küche aus wie auf einem Schlachtfeld. Reste vom Fisch, Gemüse und Reis waren überall verteilt, selbst auf dem Fußboden. Schmutziges Geschirr türmte sich auf der Spüle neben Pfannen und Töpfen. Seltsamerweise schien sich niemand dafür in der Verantwortung zu sehen oder gar daran zu denken hier aufräumen zu wollen. Als hätte er meine Gedanken erraten, erklärte mit Ibrahim, dass dies morgen von der Putzfrau sauber gemacht werden würde. Nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu, dass diese jeden Tag kommen würde, um sich um den Haushalt zu kümmern.

Einkaufszentrum in Agadir
Einkaufszentrum in Agadir

Obwohl sie mich gerne noch viel länger bei sich beherbergt hätten, entschied ich die letzte Nacht in Agadir auf einem Campingplatz zu verbringen um morgens ganz früh starten zu können, mit einer äußerst anstrengenden Etappe.

Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Stausee in der Wüste zwischen Agadir und Marrakesch
Stausee in der Wüste zwischen Agadir und Marrakesch

Zurück in Marrakesch – wie aber sieht ein gutes Leben nun aus?

Zwei Tage später kam ich nachmittags in einem kleinen Dorf an, ca. 20 km östlich von Marrakesch gelegen. Der 24-jährige Mhido hatte mich bei meinem ersten Besuch in der Stadt eingeladen zu seiner Familie in das Dorf Choiter vorbei zu kommen. Es war eine ärmliche Wohngegend. Das Haus in dem er mit seinen beiden Eltern und seinem größeren Bruder Raschid lebte war recht klein und aus Beton selbst gebaut.

Im Haus gab es im Wohnzimmer eine elektrische Lampe und in der Küche einen Gasherd und einen Wasserhahn. Eine einfache Toilette befand sich hinter dem Haus, wo es ebenfalls einen Wasseranschluss gab, um sich zu waschen und die Wäsche zu machen. Ebenfalls besaßen sie einige Schafe und Hühner die in einem kleinen Stall lebten.

Als ich ankam wurde ich schon erwartet und mit großer Freude und Herzlichkeit empfangen. Vor meiner Ankunft hatte ich noch etwas frisches Obst und getrocknete Datteln für sie gekauft. Ich glaube ich habe noch nie zuvor in meinem Leben Menschen durch so eine einfache Geste eine so unglaublich große Freude gemacht. Es war für mich erstaunlich zu sehen, wie sehr sie die kleinen und lebensnotwendigen Dinge immer wieder schätzten und sich daran erfreuten.

Ankunft in der Gastfamilie
Ankunft in der Gastfamilie

Es war mir fast etwas unangenehm mit anzusehen, welche Mühen sie auf sich nahmen, um mir für die Zeit meines Aufenthaltes ein eigenes Zimmer in ihrer Wohnung bereit zu stellen. Alles was sie hatten wurde ausnahmslos mit mir geteilt.

Ausflug in die Berge

Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs: Besuch eines kleinen Cafés, welches direkt in einen eiskalten Fluss hineingebaut wurde
Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs
Wasserfall: Ausflug in die Berge nahe Marrakeschs

Gastfreundschaft trotz Schwierigkeiten

Schon früh morgens stand die Mutter Maisha nach Sonnenaufgang auf, betete und bereitete das Essen für den Tag vor aus dem was sie hatten. Morgens gab es immer Haferbrei und dazu eine Tasse schwarzen Kaffee, abends aßen wir gemeinsam selbstgebackenes Fladenbrot, welches wir in Olivenöl tunkten. Hassan, der Vater der Familie arbeitete den ganzen Tag etwas außerhalb auf dem Feld und kam immer erst spät Heim. Raschid hatte gerade sein Studium in Betriebswirtschaft beendet und klagte über die Probleme auf dem marokkanischen Arbeitsmarkt. Sein Fazit war, dass man ohne gute Beziehungen keinerlei Aussichten auf einen sicheren Job hatte und er bisher keine positiven Rückmeldungen hatte, trotz zahlreicher Bewerbungen.

Abreise aus Marrakesch
Abreise aus Marrakesch

Besonders berührend fand ich aber vor allem zu sehen, wie offen sie über ihre Situation sprachen und wie eng die Familie zusammen hielt. Sie zeigten sich so ehrlich und verletzlich. Ich hatte bei ihnen den Eindruck bedingungslos angenommen zu werden und von ihnen wertgeschätzt zu werden, ohne das ich etwas für sie tat. Für mich war es keine einfache Erfahrung von einem Extrem ins Andere zu kommen. Ich musste feststellen, dass ich mich in der Familie von Maisha und Hassan deutlich wohler fühlte als bei Nina und Ibrahim, auch wenn dort süßer Tee statt Champagner serviert wurde.

Choiter
Choiter
Choiter
Choiter

Radreise nach Rom und Retour

Radreisen liegt im Blut

Schon solange ich zurückdenken kann, bin ich mit dem Fahrrad verreist – Paris, Prag, Berlin, Amsterdam, … – und daraus entstand der Wunsch, nach dem Abitur eine längere Fahrradreise alleine zu unternehmen. Mein Papa unternahm vor 30 Jahren seine erste längere Fahrradtour nach Venedig und zurück, sodass es für mich nahelag, ebenfalls Venedig als Ziel zu wählen.

Rom will erobert werden

Am Morgen des 5. Juli 2017 ging es für mich auf in Richtung Süden. Die Durchquerung Deutschlands gestaltete sich etwas beschwerlich, aufgrund der schwülen Temperaturen und permanenten Gewitter- und Unwettergefahr. Schon während der Fahrt durch Deutschland kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch, welche meine Tour oftmals belächelten oder für unmöglich erklärten.

Herausforderungen der Alpen

Am 7. Tag der Tour stand mir die Alpenüberquerung bevor. Ich entschied über das Timmelsjoch zu fahren. Nach einem mäßig steilen Anstieg durch das Ötztal, wurde die Sicht auf die angrenzenden Bergketten mit z.T. noch schneebedeckten Gipfeln immer großartiger, obwohl gegen Nachmittag eine dichte Wolkenfront über die Passstraße herzog und ein eisiger Wind aufkam. Nach einem anstrengenden Schlussanstieg, mit Steigungen von über 13%, kam ich überglücklich ich es geschafft zu haben auf der 2509 Meter hohen Passhöhe an.

Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs im Nebel
Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs im Nebel

Nach einer kurzen Pause wollte ich gerade meine Abfahrt in Richtung Südtirol starten, als mich 2 italienische Rennradfahrer anhielten und befragten, weshalb ich mich mit meinem „gesamten Hausstand“ auf dem Timmelsjoch befände. Als ich ihnen von meinen Plänen und Reisezielen erzählte, fanden sie es so tapfer und mutig, dass noch schnell ein gemeinsames Selfie geschossen werden musste, bevor ich meine Abfahrt fortsetzen konnte.

Die Straße führte steil und kurvig talwärts, sodass ein regelmäßiges Überprüfen der Bremsen und Felgen notwendig war, um ein gefährliches Überhitzen noch rechtzeitig vermeiden zu können. Zum Glück erreichte ich am späten Nachmittag sicher die italienische Stadt Meran.

Svea Venus mit Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs
Geschafft und glücklich lasse ich mich von einem Motorradfahrer auf der Passhöhe des Timmelsjochs fotografieren

Durch die Fahrt übers Timmelsjoch auf den Geschmack gekommen, entschied ich, noch einen Abstecher über das Stilfserjoch zu machen, das mit insgesamt 48 Kehren eine der höchsten und anspruchsvollsten Alpenpassstraßen darstellt. Von Meran aus fuhr ich bis zu einem winzigen Campingplatz, der nur kurz unterhalb des herausfordernden Anstieges lag.

Zelten unterhalb der Passhöhe des Stilfserjochs
Campingplatz unterhalb der Passhöhe des Stilfserjochs (mein Zelt ist das kleine grüne;)

Reisen verbindet

Dort traf ich ein sehr nettes Ehepaar aus Ungarn, das in der Gegend seinen Urlaub verbrachte. Bei einer Tasse Tee tauschten wir uns über viele politische und persönliche Themen aus und kamen gemeinsam zu dem Schluss, wie wichtig der interkulturelle Austausch und die Auseinandersetzung mit der Geschichte seines eigenen Landes für ein langfristiges, friedliches Fortbestehen Europas ist.

Gerade wenn man bedenkt, dass unsere Väter und Großväter noch gemeinsam in den Krieg zogen und wir nun friedlich hier zusammensitzen können, wird einem bewusst in was für einem Luxus wir heutzutage leben, den europäischen Nachbarn vertrauen zu können.

Ein Krieg innerhalb der EU ist unvorstellbar, Ost- und Westeuropa sind vereint. Darüber hinaus sorgt die EU nicht nur für billigere Telefonkosten in weitere Mitgliedsstaaten und Reisefreiheit, sondern macht es auch möglich und unkompliziert in jedem ihrer Länder zu leben und zu arbeiten. Aktuelle Entwicklungen und zunehmende Akzeptanz rechtspopulistischer Äußerungen machen es aber unerlässlich, diese Errungenschaften nicht für selbstverständlich hinzunehmen, sondern fordern dazu auf, sich aktiv für die in „Vielfalt geeinte Union“ einzusetzen. Durch die vielen Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft merkte ich, dass sie mir viel schneller vertraut wurden, als dies manchmal zu Hause der Fall war, schließlich waren wir ja beide gerade Fremde. Reisen hat also etwas sehr Verbindendes.

Berauschende Auffahrt zum Stilfserjoch

Da mir bewusst war, wie sehr das Stilfserjoch mit seiner steilen Passstraße, den vielen Kehren und phänomenaler Aussicht auch Motorrad- und Sportwagenfahrer magisch anzog, entschied ich mich noch vor dem Motorverkehr hinauf zu fahren.
Morgens um halb 5 ging es also im ersten Sonnenlicht los. In der frischen, kühlen jedoch merklich dünneren Morgenluft konnte ich also ungestört passaufwärts fahren.

Serpentinen des Stilfserjochs in morgendlicher Frühe, glücklicherweise ohne Verkehr
Serpentinen des Stilfserjochs in morgendlicher Frühe, glücklicherweise ohne Verkehr

Mit jeder weiteren Kehre sah ich, wie ich an Höhe gewann und die Passhöhe langsam näherkam, was mich absolut begeisterte. Um halb 8 Uhr stand ich auf 2757 Metern über dem Meer. Kurze Zeit nach mir trudelten auch schon die ersten Rennradfahrer, Motorrad- und Sportwagenfahrer oben ein. Nachdem ich völlig euphorisiert und bester Laune in kurzer Fahrradhose durch ein Schneefeld tappte, lud mich ein österreichischer Rennradfahrer ganz unerwartet zu einem heißen Kakao ein.

Serpentinen des Stilfserjochs
stolzer Rückblick auf die überwunden Steigungen

Dank der Endorphine war die Auffahrt zum Stilfserjoch schon fast zum Trip geworden.

Autogrammkarte bitte!

Vor Beginn meiner Reise hätte ich nicht im Traum damit gerechnet, welche Fülle an lustigen, warmherzigen und auch skurrilen Begegnungen mit Menschen sich unterwegs ereignen würde und wie viel Anerkennung, Zuspruch, Wertschätzung und Anteilnahme ich von fremden Menschen erhalten würde.

Auf der Passhöhe wurde ich beispielsweise gefragt, ob ich berühmt sei, worauf hin ich nur scherzhaft erwidern konnte, dass ich es momentan leider noch nicht sei, jedoch kontinuierlich daran arbeite. Darauf bat mich der Herr freundlich um eine Autogrammkarte, mit der Aussicht darauf, dass diese eines Tages womöglich von immensem Wert sein könnte.

Zielfoto am Stilfserjoch
Fotoshooting auf der Passhöhe

Diese oftmals kleinen und kurzen Begegnungen verleihen der Reise einen ganz eigenen und individuellen Charme und machen sie zu etwas Unvergesslichem und Einmaligem für mich. All diese ungeplanten Erlebnisse lassen sich natürlich nicht wiederholen. Oftmals waren es aber auch die einfachen, warmherzigen Gesten der Menschen, die mir positiv in Erinnerung blieben.

Einmal als ich im Schatten eines Baumes, nahe eines Wohnhauses eine kurze Rast einlegte, kam ein freundlicher älterer Herr, der offensichtlich gerade seine Gartenarbeit unterbrochen hatte, auf mich zu und drückte mir ungefragt ein paar Bananen in die Hand. Ich habe unterwegs viele solcher Geschenke in Form von Übernachtungsangeboten, Zuspruch oder Essbarem erhalten und diese Erlebnisse zum Anlass genommen, bei sich bietender Gelegenheit auch für Andere ein ähnliches, bedingungsloses Geschenk zu machen.

Elterliche Fürsorge in Tirol

Es überraschte mich, dass ich als allein reisende junge Frau offenbar eine ziemliche Rarität darstellte. So ist es wohl auch zu erklären, dass ich bei vielen Menschen so etwas wie „ein elterliches Fürsorgegefühl“ auslöste und vielmals das Bedürfnis erweckte, sich sorgsamst um mich zu kümmern. So wurde ich bei einem herannahenden Gewitter in Tirol von einer liebevollen Familie, nach einer kurzen Unterhaltung ins Haus gebeten, wo sich aufwändig um mich gekümmert wurde. Trotz der eingeschränkten Verständigung, die mehr über „Hände und Füße“ funktionierte als über Sprache, entstand unglaublich schnell ein Gefühl von Vertrautheit, Anteilnahme, Respekt und Verbundenheit was mich sehr erstaunte.

Noch während ich die Dusche im Haus genoss, wurde mein Bett bereitet und ein üppiges Essen gekocht. Natürlich gab es neben frischem Obst und Gemüse aus dem Garten, Nudeln mit Tomatensoße, wie eigentlich immer in Italien. Bei jeder Form von Begegnungen war ich mir stets bewusst, dass ich nicht nur einen Eindruck von den Menschen mitnahm, sondern ebenfalls auch einen hinterließ, weshalb ich mich stets auch als Repräsentantin meines Landes empfand.

Vom Stilfserjoch aus führte mich meine Route über den Gaviapass, entlang des Gardasees nach Venedig. Nach über 1500 km stand ich endlich in der atemberaubenden, unbeschreiblich schönen Stadt.

I DID THE PASSO GAVIA!
Gaviapass
Stadtbild von Venedig
Stadtbild von Venedig

Ankunft in Venedig

Um zu meinem Hostel zu gelangen, musste ich nun mein bepacktes Fahrrad durch die vielen engen Gassen, über Brücken und Treppen zerren, vorbei an großen Strömen von Touristen. In meinem Hostel mit Meerblick traf ich Jugendliche aus aller Welt, mit denen ich in den folgenden Tagen gemeinsam die beeindruckende Stadt besichtigte.

Besonders fasziniert hat mich der starke Kontrast von großen prunkvollen Gebäuden und Plätzen auf der einen Seite im Gegensatz zu maroden, morschen und teilweise schon verfallenen Häuser, die direkt ans Wasser gebaut wurden. Es gibt dort bunte Obst- und Fischmärkte, belebte Plätze, volle Cafés, prunkvolle Paläste mit prächtigen Sälen und elegante Gondeln. Doch überall in der Stadt herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, die ich gerne in Ruhe genossen habe.

Svea Venus mit Fahrrad auf kleiner Brücke in Venedig
Zielfoto in Venedig

Weiterreise nach Rom

In dieser unvergleichlichen Stadt fühlte ich mich so wohl und ich war insgesamt bisher so zufrieden beim Reisen, dass ich den spontanen Entschluss fasste, noch nach Rom weiter zu fahren und die Tour damit um weitere 1200 km zu verlängern.
Die folgenden 3 Etappen, über jeweils 200 km von Venedig bis nach Rom bei Temperaturen von über 45°C gehören mit zu den anstrengendsten Erlebnissen, die ich je hatte.
Davon zeugen auch ein täglicher Wasserbedarf von über 10 Litern, eine schwarz gewordene Silberhalskette, und von Sonne und Schweiß entfärbte Kleidung. Nach meiner Ankunft spät abends in der heißen und staubigen Stadt musste ich erstmals meinen Ankunftsrausch beim Kolosseum ausleben, bevor ich mich in den sehr frühen Morgenstunden in Richtung Hostel begab, welches ich vorab mit vermeintlicher 24-Stunden-Rezeption gebucht hatte. Als ich dort erschöpft ankam war dort jedoch alles düster und wirkte wie ausgestorben. Es bestand somit keine Chance für eine Übernachtungsmöglichkeit. Somit fasste ich etwas genervt den Entschluss, mich die noch verbleibende Nacht in einem durchgehend geöffneten Imbiss etwas zu regenerieren, um mir dann am nächsten Morgen eine vernünftige Unterkunft zu beschaffen.

Hilfe in der Not

Nachdem ich mir eine Pizza Margarita bestellt hatte, kam ich mit einem freundlichen, jungen Mann und seiner Schwester ins Gespräch. Wir konnten uns gut auf Französisch verständigen. Der Mann war Archäologe und arbeitete als Museumsführer in der Vatikanstadt. Er befragte mich zu meiner Tour und ich schilderte ihm meine missliche Lage. Unverzüglich bot er an, dass ich bei ihm in seiner sehr kleinen Wohnung übernachten könne, wo ebenfalls seine Schwester zu Besuch sei. Das ließ ich mir nicht 2 Mal sagen, schlang hastig meine Pizza herunter, da mir die Aussicht auf etwas Schlaf in dieser Nacht sehr wichtig erschien, auch wenn der Pizzabäcker etwas ungläubig dreinblickte, als er sein Werk so schnell wie selten zuvor hatte verschwinden sehen.

Die Wohnung in der Innenstadt von Rom war wirklich winzig, aber das änderte nichts daran, dass ich bald erschöpft auf meiner Isomatte einschlief. Als ich mich nach einem dürftigen Frühstück auf den Weg machte, um die Stadt zu erkunden, bot mir mein Gastgeber sogar noch sein Auto an. Aber in dem hektischen, ungeregelten Verkehr der Stadt hätte ich damit nicht viel anzufangen gewusst.

Die darauffolgenden Nächte verbrachte ich wie in Venedig in einem Hostel, wo ich mir etwas Erholung gönnte und meiner Kleidung eine ebenso wohlverdiente Waschmaschine. Die Erkundung der brüllend heißen Stadt war ausgesprochen spannend, denn der Einfluss der Antike ist bis heute prägend für die Erscheinung der italienischen Metropole und die Stadt als Ganzes erinnert wirklich an ein Museum, angesichts der unzähligen historischen Bauwerke.

Svea Venus mit Fahrrad am Kolosseum in Rom
Abschiedsfoto am Kolosseum in Rom

Beginn einer anstrengenden Rückreise

Zudem musste ich meine insgesamt ca. 2000 km lange Rückwegroute planen, wobei ich entschloss, noch einen kleinen Zwischenhalt in Pisa und Florenz vorzunehmen.
Doch bevor ich Rom wieder verlassen konnte, musste ich meinen, während der Reise durchgehend präsenten Heißhunger irgendwie in den Griff bekommen. Da mir mehrere Verwandte freundlicherweise noch etwas Geld zuschickten, denen ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich danken möchte, um die nun etwas verlängerte Reise finanzieren zu können, leistete ich mir in einem preiswerten Restaurant erst eine Pizza und bestellte dann noch eine Portion Nudeln nach. Auch der Nachtisch konnte mich noch nicht sättigen, aber ich wollte den sowieso schon etwas verdutzt wirkenden Kellner nicht überstrapazieren. Es war ja so auch schon peinlich genug!
Die Weiterfahrt durch die Toskana gestaltete sich landschaftlich sehr reizvoll, aber auch weiterhin sehr belastend durch die Hitze.

der schiefe Turm von Pisa
der schiefe Turm von Pisa

Fahrradreisen – kein Ding der Unmöglichkeit

Auffallend häufig wurde ich von den Menschen, die ich unterwegs traf und mit denen ich mich etwas unterhielt, gefragt, ob ich denn gar keine Angst hätte, so alleine zu reisen und oftmals schien es für sie nahezu unmöglich sich vorzustellen, wie solch eine Fahrradreise funktionieren kann.
Für mich selber kann ich sagen, dass ich weder vorher noch unterwegs Angst hatte.

Durch meine Reiseerfahrung und eine sorgfältige Vorbereitung erschien es mir möglich, bestimmte Risikofaktoren gezielt zu vermindern, wie z.B. durch das Tragen von gut sichtbarer Kleidung im Straßenverkehr sowie eine vorsichtige und vorausschauende Fahrweise.

Darüber hinaus kann ich in unvorhergesehenen Situationen klar denken, die Ruhe bewahren und den Fokus auf Lösungen beschränken. Durch Reisen und Kung-Fu-Training weiß ich, dass die tatsächlichen, körperlichen Grenzen sehr viel weiter entfernt liegen, als zunächst angenommen. Was die Übernachtungen anbelangt, bin ich ebenfalls geübt darin, auch abseits von Campingplätzen sichere Lagerplätze ausfindig zu machen. Trotz großer Vorsicht weiß ich selbstverständlich, dass ich gewisse Risiken eingehe, ohne die aber eine solche Erlebnisfülle niemals möglich gewesen wäre. Viele bereichernde Begegnungen hätte es auch niemals bei einer Reise zu Zweit oder in der Gruppe geben können.

Die Selbsterfahrung war gerade durch das Alleinsein und Auf-sich-selbst-gestellt-sein besonders intensiv. Viele meiner auf Reisen gesammelten Erfahrungen können mir auch im normalen Leben enorm weiterhelfen. Beispielsweise habe ich unterwegs erfahren, wie wichtig es ist, sich nicht von anderen Menschen sagen zu lassen, was möglich ist und was nicht, sondern sich selbst einschätzen zu lernen, auf seine Stärken zu vertrauen und sich immer wieder neue Herausforderungen zu suchen.

Darüber hinaus hat mir die Reise gezeigt, wie wichtig es ist, sich selbst viel zuzutrauen, hohe Ziele zu stecken und dass mit Kraft, Motivation, Ehrgeiz und harter Arbeit mehr möglich ist, als man selbst erwartet hat und andere für möglich gehalten hätten. Insbesondere während sehr anstrengender, beschwerlicher Etappen habe ich gelernt, mich für meine Ziele über lange Strecken hinweg selbst zu motivieren und nicht an meinem Vorhaben zu zweifeln. Die Entscheidung alleine zu reisen habe ich daher gut überlegt und bewusst getroffen.

Der weitere Verlauf der Route Richtung Heimat führte mich nach Österreich und von dort über den Groß Glockner. Während der Auffahrt erlebte ich 2 Mal innerhalb von 2 Stunden die Situation, dass Menschen, mit denen ich mich nur sehr kurz über unsere Reisen austauschte, mir beim Auseinandergehen ganz unvermittelt 20 Euro bedingungslos schenkten, nur um mich und meine etwas länger als geplant gewordene Reise zu unterstützen. Ich habe entschieden, dieses Geld an das Deutsche Rote Kreuz zu spenden, für das ich ab September einen einjährigen Freiwilligendienst im Kinderkrankenhaus „Alyn – Hospital“ in Jerusalem absolviere, um danach mit dem Medizinstudium zu beginnen.

Begegnung am Groß Glockner
Begegnung am Groß Glockner

Sintflut statt Hitze

Ab Salzburg bin ich eigentlich fast durchgehend im Regen gefahren, was jedoch dazu führte, dass ich statt in meinem durchweichten Zelt und mittlerweile ebenfalls nassen Schlafsack zu übernachten, vielerorts bei lustigen Leuten unterkommen konnte.

Fahrrad auf Bergstraße und Regenbogen
die schönen Momente nach einem sintflutartigen Regen

So übernachtete ich beispielsweise bei einem reichen Friseur, einem Rennradprofi (der mir sogar noch ein Erinnerungstrikot schenkte) und in einer lockeren und etwas chaotischen Studenten-WG. Nach insgesamt etwas über 4000 km erreichte ich am 12. August glücklich und erfüllt, und nach den letzten 800 km Sintflut, komplett aufgeweicht, wieder mein Zuhause. Doch bei all meinen Reisen hat es sich immer wieder bestätigt: Die Nässe trocknet, der Schmerz vergeht, doch die Erinnerung bleibt! Deshalb weiß ich schon jetzt, dass dies nicht meine letzte Reise dieser Art war.