Radreise nach Rom und Retour

Radreisen liegt im Blut

Schon solange ich zurückdenken kann, bin ich mit dem Fahrrad verreist – Paris, Prag, Berlin, Amsterdam, … – und daraus entstand der Wunsch, nach dem Abitur eine längere Fahrradreise alleine zu unternehmen. Mein Papa unternahm vor 30 Jahren seine erste längere Fahrradtour nach Venedig und zurück, sodass es für mich nahelag, ebenfalls Venedig als Ziel zu wählen.

Rom will erobert werden

Am Morgen des 5. Juli 2017 ging es für mich auf in Richtung Süden. Die Durchquerung Deutschlands gestaltete sich etwas beschwerlich, aufgrund der schwülen Temperaturen und permanenten Gewitter- und Unwettergefahr. Schon während der Fahrt durch Deutschland kam ich mit vielen Menschen ins Gespräch, welche meine Tour oftmals belächelten oder für unmöglich erklärten.

Herausforderungen der Alpen

Am 7. Tag der Tour stand mir die Alpenüberquerung bevor. Ich entschied über das Timmelsjoch zu fahren. Nach einem mäßig steilen Anstieg durch das Ötztal, wurde die Sicht auf die angrenzenden Bergketten mit z.T. noch schneebedeckten Gipfeln immer großartiger, obwohl gegen Nachmittag eine dichte Wolkenfront über die Passstraße herzog und ein eisiger Wind aufkam. Nach einem anstrengenden Schlussanstieg, mit Steigungen von über 13%, kam ich überglücklich ich es geschafft zu haben auf der 2509 Meter hohen Passhöhe an.

Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs im Nebel
Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs im Nebel

Nach einer kurzen Pause wollte ich gerade meine Abfahrt in Richtung Südtirol starten, als mich 2 italienische Rennradfahrer anhielten und befragten, weshalb ich mich mit meinem „gesamten Hausstand“ auf dem Timmelsjoch befände. Als ich ihnen von meinen Plänen und Reisezielen erzählte, fanden sie es so tapfer und mutig, dass noch schnell ein gemeinsames Selfie geschossen werden musste, bevor ich meine Abfahrt fortsetzen konnte.

Die Straße führte steil und kurvig talwärts, sodass ein regelmäßiges Überprüfen der Bremsen und Felgen notwendig war, um ein gefährliches Überhitzen noch rechtzeitig vermeiden zu können. Zum Glück erreichte ich am späten Nachmittag sicher die italienische Stadt Meran.

Svea Venus mit Fahrrad auf der Passhöhe des Timmelsjochs
Geschafft und glücklich lasse ich mich von einem Motorradfahrer auf der Passhöhe des Timmelsjochs fotografieren

Durch die Fahrt übers Timmelsjoch auf den Geschmack gekommen, entschied ich, noch einen Abstecher über das Stilfserjoch zu machen, das mit insgesamt 48 Kehren eine der höchsten und anspruchsvollsten Alpenpassstraßen darstellt. Von Meran aus fuhr ich bis zu einem winzigen Campingplatz, der nur kurz unterhalb des herausfordernden Anstieges lag.

Zelten unterhalb der Passhöhe des Stilfserjochs
Campingplatz unterhalb der Passhöhe des Stilfserjochs (mein Zelt ist das kleine grüne;)

Reisen verbindet

Dort traf ich ein sehr nettes Ehepaar aus Ungarn, das in der Gegend seinen Urlaub verbrachte. Bei einer Tasse Tee tauschten wir uns über viele politische und persönliche Themen aus und kamen gemeinsam zu dem Schluss, wie wichtig der interkulturelle Austausch und die Auseinandersetzung mit der Geschichte seines eigenen Landes für ein langfristiges, friedliches Fortbestehen Europas ist.

Gerade wenn man bedenkt, dass unsere Väter und Großväter noch gemeinsam in den Krieg zogen und wir nun friedlich hier zusammensitzen können, wird einem bewusst in was für einem Luxus wir heutzutage leben, den europäischen Nachbarn vertrauen zu können.

Ein Krieg innerhalb der EU ist unvorstellbar, Ost- und Westeuropa sind vereint. Darüber hinaus sorgt die EU nicht nur für billigere Telefonkosten in weitere Mitgliedsstaaten und Reisefreiheit, sondern macht es auch möglich und unkompliziert in jedem ihrer Länder zu leben und zu arbeiten. Aktuelle Entwicklungen und zunehmende Akzeptanz rechtspopulistischer Äußerungen machen es aber unerlässlich, diese Errungenschaften nicht für selbstverständlich hinzunehmen, sondern fordern dazu auf, sich aktiv für die in „Vielfalt geeinte Union“ einzusetzen. Durch die vielen Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft merkte ich, dass sie mir viel schneller vertraut wurden, als dies manchmal zu Hause der Fall war, schließlich waren wir ja beide gerade Fremde. Reisen hat also etwas sehr Verbindendes.

Berauschende Auffahrt zum Stilfserjoch

Da mir bewusst war, wie sehr das Stilfserjoch mit seiner steilen Passstraße, den vielen Kehren und phänomenaler Aussicht auch Motorrad- und Sportwagenfahrer magisch anzog, entschied ich mich noch vor dem Motorverkehr hinauf zu fahren.
Morgens um halb 5 ging es also im ersten Sonnenlicht los. In der frischen, kühlen jedoch merklich dünneren Morgenluft konnte ich also ungestört passaufwärts fahren.

Serpentinen des Stilfserjochs in morgendlicher Frühe, glücklicherweise ohne Verkehr
Serpentinen des Stilfserjochs in morgendlicher Frühe, glücklicherweise ohne Verkehr

Mit jeder weiteren Kehre sah ich, wie ich an Höhe gewann und die Passhöhe langsam näherkam, was mich absolut begeisterte. Um halb 8 Uhr stand ich auf 2757 Metern über dem Meer. Kurze Zeit nach mir trudelten auch schon die ersten Rennradfahrer, Motorrad- und Sportwagenfahrer oben ein. Nachdem ich völlig euphorisiert und bester Laune in kurzer Fahrradhose durch ein Schneefeld tappte, lud mich ein österreichischer Rennradfahrer ganz unerwartet zu einem heißen Kakao ein.

Serpentinen des Stilfserjochs
stolzer Rückblick auf die überwunden Steigungen

Dank der Endorphine war die Auffahrt zum Stilfserjoch schon fast zum Trip geworden.

Autogrammkarte bitte!

Vor Beginn meiner Reise hätte ich nicht im Traum damit gerechnet, welche Fülle an lustigen, warmherzigen und auch skurrilen Begegnungen mit Menschen sich unterwegs ereignen würde und wie viel Anerkennung, Zuspruch, Wertschätzung und Anteilnahme ich von fremden Menschen erhalten würde.

Auf der Passhöhe wurde ich beispielsweise gefragt, ob ich berühmt sei, worauf hin ich nur scherzhaft erwidern konnte, dass ich es momentan leider noch nicht sei, jedoch kontinuierlich daran arbeite. Darauf bat mich der Herr freundlich um eine Autogrammkarte, mit der Aussicht darauf, dass diese eines Tages womöglich von immensem Wert sein könnte.

Zielfoto am Stilfserjoch
Fotoshooting auf der Passhöhe

Diese oftmals kleinen und kurzen Begegnungen verleihen der Reise einen ganz eigenen und individuellen Charme und machen sie zu etwas Unvergesslichem und Einmaligem für mich. All diese ungeplanten Erlebnisse lassen sich natürlich nicht wiederholen. Oftmals waren es aber auch die einfachen, warmherzigen Gesten der Menschen, die mir positiv in Erinnerung blieben.

Einmal als ich im Schatten eines Baumes, nahe eines Wohnhauses eine kurze Rast einlegte, kam ein freundlicher älterer Herr, der offensichtlich gerade seine Gartenarbeit unterbrochen hatte, auf mich zu und drückte mir ungefragt ein paar Bananen in die Hand. Ich habe unterwegs viele solcher Geschenke in Form von Übernachtungsangeboten, Zuspruch oder Essbarem erhalten und diese Erlebnisse zum Anlass genommen, bei sich bietender Gelegenheit auch für Andere ein ähnliches, bedingungsloses Geschenk zu machen.

Elterliche Fürsorge in Tirol

Es überraschte mich, dass ich als allein reisende junge Frau offenbar eine ziemliche Rarität darstellte. So ist es wohl auch zu erklären, dass ich bei vielen Menschen so etwas wie „ein elterliches Fürsorgegefühl“ auslöste und vielmals das Bedürfnis erweckte, sich sorgsamst um mich zu kümmern. So wurde ich bei einem herannahenden Gewitter in Tirol von einer liebevollen Familie, nach einer kurzen Unterhaltung ins Haus gebeten, wo sich aufwändig um mich gekümmert wurde. Trotz der eingeschränkten Verständigung, die mehr über „Hände und Füße“ funktionierte als über Sprache, entstand unglaublich schnell ein Gefühl von Vertrautheit, Anteilnahme, Respekt und Verbundenheit was mich sehr erstaunte.

Noch während ich die Dusche im Haus genoss, wurde mein Bett bereitet und ein üppiges Essen gekocht. Natürlich gab es neben frischem Obst und Gemüse aus dem Garten, Nudeln mit Tomatensoße, wie eigentlich immer in Italien. Bei jeder Form von Begegnungen war ich mir stets bewusst, dass ich nicht nur einen Eindruck von den Menschen mitnahm, sondern ebenfalls auch einen hinterließ, weshalb ich mich stets auch als Repräsentantin meines Landes empfand.

Vom Stilfserjoch aus führte mich meine Route über den Gaviapass, entlang des Gardasees nach Venedig. Nach über 1500 km stand ich endlich in der atemberaubenden, unbeschreiblich schönen Stadt.

I DID THE PASSO GAVIA!
Gaviapass
Stadtbild von Venedig
Stadtbild von Venedig

Ankunft in Venedig

Um zu meinem Hostel zu gelangen, musste ich nun mein bepacktes Fahrrad durch die vielen engen Gassen, über Brücken und Treppen zerren, vorbei an großen Strömen von Touristen. In meinem Hostel mit Meerblick traf ich Jugendliche aus aller Welt, mit denen ich in den folgenden Tagen gemeinsam die beeindruckende Stadt besichtigte.

Besonders fasziniert hat mich der starke Kontrast von großen prunkvollen Gebäuden und Plätzen auf der einen Seite im Gegensatz zu maroden, morschen und teilweise schon verfallenen Häuser, die direkt ans Wasser gebaut wurden. Es gibt dort bunte Obst- und Fischmärkte, belebte Plätze, volle Cafés, prunkvolle Paläste mit prächtigen Sälen und elegante Gondeln. Doch überall in der Stadt herrscht eine ganz besondere Atmosphäre, die ich gerne in Ruhe genossen habe.

Svea Venus mit Fahrrad auf kleiner Brücke in Venedig
Zielfoto in Venedig

Weiterreise nach Rom

In dieser unvergleichlichen Stadt fühlte ich mich so wohl und ich war insgesamt bisher so zufrieden beim Reisen, dass ich den spontanen Entschluss fasste, noch nach Rom weiter zu fahren und die Tour damit um weitere 1200 km zu verlängern.
Die folgenden 3 Etappen, über jeweils 200 km von Venedig bis nach Rom bei Temperaturen von über 45°C gehören mit zu den anstrengendsten Erlebnissen, die ich je hatte.
Davon zeugen auch ein täglicher Wasserbedarf von über 10 Litern, eine schwarz gewordene Silberhalskette, und von Sonne und Schweiß entfärbte Kleidung. Nach meiner Ankunft spät abends in der heißen und staubigen Stadt musste ich erstmals meinen Ankunftsrausch beim Kolosseum ausleben, bevor ich mich in den sehr frühen Morgenstunden in Richtung Hostel begab, welches ich vorab mit vermeintlicher 24-Stunden-Rezeption gebucht hatte. Als ich dort erschöpft ankam war dort jedoch alles düster und wirkte wie ausgestorben. Es bestand somit keine Chance für eine Übernachtungsmöglichkeit. Somit fasste ich etwas genervt den Entschluss, mich die noch verbleibende Nacht in einem durchgehend geöffneten Imbiss etwas zu regenerieren, um mir dann am nächsten Morgen eine vernünftige Unterkunft zu beschaffen.

Hilfe in der Not

Nachdem ich mir eine Pizza Margarita bestellt hatte, kam ich mit einem freundlichen, jungen Mann und seiner Schwester ins Gespräch. Wir konnten uns gut auf Französisch verständigen. Der Mann war Archäologe und arbeitete als Museumsführer in der Vatikanstadt. Er befragte mich zu meiner Tour und ich schilderte ihm meine missliche Lage. Unverzüglich bot er an, dass ich bei ihm in seiner sehr kleinen Wohnung übernachten könne, wo ebenfalls seine Schwester zu Besuch sei. Das ließ ich mir nicht 2 Mal sagen, schlang hastig meine Pizza herunter, da mir die Aussicht auf etwas Schlaf in dieser Nacht sehr wichtig erschien, auch wenn der Pizzabäcker etwas ungläubig dreinblickte, als er sein Werk so schnell wie selten zuvor hatte verschwinden sehen.

Die Wohnung in der Innenstadt von Rom war wirklich winzig, aber das änderte nichts daran, dass ich bald erschöpft auf meiner Isomatte einschlief. Als ich mich nach einem dürftigen Frühstück auf den Weg machte, um die Stadt zu erkunden, bot mir mein Gastgeber sogar noch sein Auto an. Aber in dem hektischen, ungeregelten Verkehr der Stadt hätte ich damit nicht viel anzufangen gewusst.

Die darauffolgenden Nächte verbrachte ich wie in Venedig in einem Hostel, wo ich mir etwas Erholung gönnte und meiner Kleidung eine ebenso wohlverdiente Waschmaschine. Die Erkundung der brüllend heißen Stadt war ausgesprochen spannend, denn der Einfluss der Antike ist bis heute prägend für die Erscheinung der italienischen Metropole und die Stadt als Ganzes erinnert wirklich an ein Museum, angesichts der unzähligen historischen Bauwerke.

Svea Venus mit Fahrrad am Kolosseum in Rom
Abschiedsfoto am Kolosseum in Rom

Beginn einer anstrengenden Rückreise

Zudem musste ich meine insgesamt ca. 2000 km lange Rückwegroute planen, wobei ich entschloss, noch einen kleinen Zwischenhalt in Pisa und Florenz vorzunehmen.
Doch bevor ich Rom wieder verlassen konnte, musste ich meinen, während der Reise durchgehend präsenten Heißhunger irgendwie in den Griff bekommen. Da mir mehrere Verwandte freundlicherweise noch etwas Geld zuschickten, denen ich auch an dieser Stelle nochmals herzlich danken möchte, um die nun etwas verlängerte Reise finanzieren zu können, leistete ich mir in einem preiswerten Restaurant erst eine Pizza und bestellte dann noch eine Portion Nudeln nach. Auch der Nachtisch konnte mich noch nicht sättigen, aber ich wollte den sowieso schon etwas verdutzt wirkenden Kellner nicht überstrapazieren. Es war ja so auch schon peinlich genug!
Die Weiterfahrt durch die Toskana gestaltete sich landschaftlich sehr reizvoll, aber auch weiterhin sehr belastend durch die Hitze.

der schiefe Turm von Pisa
der schiefe Turm von Pisa

Fahrradreisen – kein Ding der Unmöglichkeit

Auffallend häufig wurde ich von den Menschen, die ich unterwegs traf und mit denen ich mich etwas unterhielt, gefragt, ob ich denn gar keine Angst hätte, so alleine zu reisen und oftmals schien es für sie nahezu unmöglich sich vorzustellen, wie solch eine Fahrradreise funktionieren kann.
Für mich selber kann ich sagen, dass ich weder vorher noch unterwegs Angst hatte.

Durch meine Reiseerfahrung und eine sorgfältige Vorbereitung erschien es mir möglich, bestimmte Risikofaktoren gezielt zu vermindern, wie z.B. durch das Tragen von gut sichtbarer Kleidung im Straßenverkehr sowie eine vorsichtige und vorausschauende Fahrweise.

Darüber hinaus kann ich in unvorhergesehenen Situationen klar denken, die Ruhe bewahren und den Fokus auf Lösungen beschränken. Durch Reisen und Kung-Fu-Training weiß ich, dass die tatsächlichen, körperlichen Grenzen sehr viel weiter entfernt liegen, als zunächst angenommen. Was die Übernachtungen anbelangt, bin ich ebenfalls geübt darin, auch abseits von Campingplätzen sichere Lagerplätze ausfindig zu machen. Trotz großer Vorsicht weiß ich selbstverständlich, dass ich gewisse Risiken eingehe, ohne die aber eine solche Erlebnisfülle niemals möglich gewesen wäre. Viele bereichernde Begegnungen hätte es auch niemals bei einer Reise zu Zweit oder in der Gruppe geben können.

Die Selbsterfahrung war gerade durch das Alleinsein und Auf-sich-selbst-gestellt-sein besonders intensiv. Viele meiner auf Reisen gesammelten Erfahrungen können mir auch im normalen Leben enorm weiterhelfen. Beispielsweise habe ich unterwegs erfahren, wie wichtig es ist, sich nicht von anderen Menschen sagen zu lassen, was möglich ist und was nicht, sondern sich selbst einschätzen zu lernen, auf seine Stärken zu vertrauen und sich immer wieder neue Herausforderungen zu suchen.

Darüber hinaus hat mir die Reise gezeigt, wie wichtig es ist, sich selbst viel zuzutrauen, hohe Ziele zu stecken und dass mit Kraft, Motivation, Ehrgeiz und harter Arbeit mehr möglich ist, als man selbst erwartet hat und andere für möglich gehalten hätten. Insbesondere während sehr anstrengender, beschwerlicher Etappen habe ich gelernt, mich für meine Ziele über lange Strecken hinweg selbst zu motivieren und nicht an meinem Vorhaben zu zweifeln. Die Entscheidung alleine zu reisen habe ich daher gut überlegt und bewusst getroffen.

Der weitere Verlauf der Route Richtung Heimat führte mich nach Österreich und von dort über den Groß Glockner. Während der Auffahrt erlebte ich 2 Mal innerhalb von 2 Stunden die Situation, dass Menschen, mit denen ich mich nur sehr kurz über unsere Reisen austauschte, mir beim Auseinandergehen ganz unvermittelt 20 Euro bedingungslos schenkten, nur um mich und meine etwas länger als geplant gewordene Reise zu unterstützen. Ich habe entschieden, dieses Geld an das Deutsche Rote Kreuz zu spenden, für das ich ab September einen einjährigen Freiwilligendienst im Kinderkrankenhaus „Alyn – Hospital“ in Jerusalem absolviere, um danach mit dem Medizinstudium zu beginnen.

Begegnung am Groß Glockner
Begegnung am Groß Glockner

Sintflut statt Hitze

Ab Salzburg bin ich eigentlich fast durchgehend im Regen gefahren, was jedoch dazu führte, dass ich statt in meinem durchweichten Zelt und mittlerweile ebenfalls nassen Schlafsack zu übernachten, vielerorts bei lustigen Leuten unterkommen konnte.

Fahrrad auf Bergstraße und Regenbogen
die schönen Momente nach einem sintflutartigen Regen

So übernachtete ich beispielsweise bei einem reichen Friseur, einem Rennradprofi (der mir sogar noch ein Erinnerungstrikot schenkte) und in einer lockeren und etwas chaotischen Studenten-WG. Nach insgesamt etwas über 4000 km erreichte ich am 12. August glücklich und erfüllt, und nach den letzten 800 km Sintflut, komplett aufgeweicht, wieder mein Zuhause. Doch bei all meinen Reisen hat es sich immer wieder bestätigt: Die Nässe trocknet, der Schmerz vergeht, doch die Erinnerung bleibt! Deshalb weiß ich schon jetzt, dass dies nicht meine letzte Reise dieser Art war.

 

Together we can make a change

Frankreich „Erfahrung“

Hallo, ich heiße Svea Venus, bin 18 Jahre alt und besuche zur Zeit die 11. Klasse des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen. Nach meinem einjährigen Auslandsaufenthalt in Irland und bei meiner französischen Gastschwester in der Normandie habe ich begonnen mich verstärkt für internationale Beziehungen und Geschichte zu interessieren. Insbesondere auf meiner Anreise per Fahrrad in die Normandie, vom ehemaligen Eisernen Vorhang, entlang von Soldatenfriedhöfen zweier Weltkriege bis zum Ausgangspunkt des D-Days, ist mir sehr deutlich geworden, dass diese Freundschaft auch 70 Jahre nach Kriegsende nicht selbstverständlich ist. Dadurch habe ich den Wunsch entwickelt, mich für ein friedlicheres Zusammenleben einzusetzen mit mehr Akzeptanz und Respekt füreinander.

Soldatenfriedhof in Belgien
Zwischenstop in Paris auf dem Weg in die Normandie

Mit dem HG zum letzten Diktator Europas

Ein zweiwöchiger Schüleraustausch nach Weißrussland ließ mich unmittelbar den Wert von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erfahren, was uns in Europa so selbstverständlich erscheint. Aufgrund der deutschen Geschichte war es mir auf all meinen Reisen ein Anliegen, eine gute Botschafterin für mein Land zu sein.

Göttingen, Straßburg, Tokio
Durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Gemeinde Gleichen wurde ich auf die Ausschreibungen des Deutschen Bundesjugendringes (DBJR) aufmerksam. So bewarb ich mich auf einen von vier Plätze für eine zehntägige Fahrt nach Japan, um dort auf Einladung des japanischen Außenministeriums, am G7-Jugendgipfel mitzuwirken und auf einen von 20 Plätzen zum European Youth Event (EYE) nach Straßburg.
Das Bewerbungsverfahren erfolgte beide Male ausschließlich schriftlich und bestand aus mehrseitigen Fragebögen. Zu meiner großen Freude erhielt ich Zusagen für beide Veranstaltungen.

Dekoration statt Delegation

Bald darauf nahm unsere Teamleiterin für den G7-Jugendgipfel, Jasmin Burgermeister, UN-Jugenddeligierte für nachhaltige Entwicklung, als Leiterin unserer Delegation Kontakt zu uns auf um mit uns Details für den Gipfel zu planen. In der folgenden Zeit arbeiteten wir uns intensiv in verschiedene Themen ein und referierten gegenseitig darüber in stundenlangen Telefonkonferenzen. In Japan sollte unsere Aufgabe darin bestehen, gemeinsam mit den anderen Delegationsteilnehmern aus den G7-Staaten (Frankreich, Italien, Großbritannien, USA, Kanada, Japan, Deutschland) Forderungen an die Staatschefs zu erarbeiten, die drei Wochen nach dem Juniorgipfel in Japan tagen. Der G7-Gipfel ist ein Format in dem sich die Regierungschefs wichtiger Industrienationen treffen, um dort u.a. über Themen, wie Umweltschutz, Weltwirtschaft und Menschenrechte zu verhandeln. Das Motto des diesjährigen Juniorgipfels lautete „the planet for the next generation – environment and a sustainable society“.

Als Gastgeberland hat Japan ein perfekt organisiertes Event mit vielen unterschiedlichen Erlebnissen und Aktivitäten geboten, die dazu beigetragen haben, unser Interesse für dieses vielfältige Land zu wecken und zu verstärken. Wir durften u.a. die tollsten Köstlichkeiten der japanischen Küche probieren, konnten alte Tempel und Dörfer besichtigen und uns wurden eindrückliche, aufwändige Aufführungen geboten. Besonders gelungen fanden wir auch die Idee der Gastgeber, uns den Aufenthalt in einer japanischen Gastfamilie zu ermöglichen.

Ausflug in Tokyo mit Gastfamilie

Unsere Arbeit in Expertengruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten, darunter Geschlechtergleichheit, Bildung, Wirtschaft und Klimawandel fiel hingegen vergleichsweise kurz und oberflächlich aus. Zudem wurde das von uns erarbeitete Outcomedokument für die Regierungschefs noch von zwei Betreuern („facilitators“) und Regierungsmitarbeitern überarbeitet, ohne, dass die vorgenommenen Änderungen vor der Veröffentlichung mit uns abgesprochen wurden. Dieses Vorgehen hält die deutsche Delegation für absolut inakzeptabel und werten es als Geringschätzung unserer Arbeit.

Attention Mr. Prime Minister

Das so rundgeschliffene, überarbeitete Dokument stellten wir verschiedenen japanischen Regierungsmitgliedern vor und überreichten es symbolisch Shinzo Abe, dem japanischen Premierminister, nach Abhaltung einer einminütigen Rede pro Delegation. Ein Gespräch darüber fand enttäuschenderweise nicht statt.

Spätestens jetzt wurde jedem klar, dass perfekte Organisation mit wenig individuellen Freiräumen gleichzeitig maximale Kontrolle bedeutete. Die Delegationen wurden zur Dekoration. Aus unseren Augen bleibt es fraglich, wie ernst die Jugendbeteiligung in Japan tatsächlich genommen wird und welche Bedeutung ihr zukommt. Einen fundierten Austausch bzw. Dialog über die bearbeiteten Themen mit dem Premier oder anderen politischen Entscheidungsträgern gab es nicht, anders als bei dem letzten G7-Jugendgipfel in Deutschland, auf dem sich Teilnehmer mit der Bundeskanzlerin austauschen konnten.

Der japanische Premier, Shinzo Abe

Die Erkenntnis, dass das Selbstverständnis von Jugendbeteiligung in der Politik noch kein einheitlich durchgesetztes Gut der G7-Staaten ist, verdeutlichte uns noch einmal, wie wichtig es ist, sich für weitere Partizipationsmöglichkeiten der Jugend stark zu machen, Jugendbeteiligung klar zu definieren und ihre Forderungen ernst zu nehmen, denn schließlich repräsentiert die Jugend ein Viertel der Weltbevölkerung. Es wird daran auch deutlich, wie wichtig der direkte Austausch mit anderen Jugendlichen ist. Auf diese Weise können gute, nachhaltige und zukunftsweisende Ideen und Anregungen weitergegeben werden und für Veränderung und Entwicklung sorgen, denn in dem, was wir mit den anderen Delegationsteilnehmern und auch unseren Gastgeschwistern besprachen waren wir tatsächlich völlig frei! Letztlich halte ich die Begegnung und den wechselseitigen Austausch für einen wichtigen Aspekt einer langfristigen Friedenssicherung. Meine Überzeugung ist: es gibt keine Freundschaften zwischen Staaten, sondern nur zwischen Menschen.

Auch haben wir unsere Kritik schon weiter gegeben, u.a. an die deutsche Botschaft in Japan. Jasmin, unsere Begleiterin wird als UN Jugenddelegierte auch in Zukunft die mangelnde Einflussnahme der Jugenddelegationen bei den Vereinten Nationen offen äußern, schließlich ist eine nachhaltige Entwicklung in vielen Bereichen gerade für die jüngeren Generationen entscheidend.

Vorstellung der Arbeitsergebnisse in der deutschen Botschaft in Tokyo

European Youth Event: reingekommen – rausgeflogen

Zwei Wochen nach meiner Rückkehr aus Japan fuhr ich gemeinsam mit Jon Klockow, welcher auch Teil der deutschen Delegation beim G7-Juniorgipfel war, und 13 weiteren Jugendlichen aus Deutschland zum European Youth Event nach Straßburg. Unter dem Motto „together we can make a change“ wurden 8000 Jugendliche aus Europa eingeladen, um gemeinsam an verschiedenen Workshops im europäischen Parlament teil zu nehmen und über aktuelle Problematiken zu diskutieren.

Jugendliche vor dem Europaparlament in Straßburg

Ich habe mit vielen Jugendlichen aus verschiedenen Ländern Europas diskutiert und einige unserer Forderungen werden sogar an die europäische Regierung weiter gereicht.

Europaparlament in Straßburg

„Lobbys und Konzerne haben TTIP gerne: Demokratieabbau im ganzen Land, Leute leistet Widerstand!

Gerade in aktuellen Krisenzeiten ist es notwendig und lohnend, dass sich junge Menschen politisch engagieren, für gemeinschaftliche Interessen kämpfen und versuchen sich Gehör in der Politik und Gesellschaft zu verschaffen. Zudem ist es fast nirgendwo sonst auf der Welt so ungefährlich seine Meinungen lautstark zu äußern. Aus aktuellem Anlass war es Jon und mir ein wichtiges Anliegen, davon noch einmal Gebrauch zu machen: auf der Abschlussveranstaltung, bei der viele Parlamentarier anwesend waren, darunter auch die Vizepräsidentin des EU-Parlaments ließen wir von einer Empore oberhalb der EU-Flagge im Plenarsaal ein auf die schnelle selbstgebasteltes Banner, mit der Aufschrift „Stop TTIP“ herab. Diese Aktion löste bei einigen der Versammelten Zustimmung und Applaus, bei den herbeieilenden Sicherheitskräften jedoch Nervosität aus. Nach kurzer Diskussion wurden wir aus dem Plenarsaal gebracht und von mehreren Sicherheitsleuten befragt. Nachdem unsere Personalien aufgenommen wurden fragten wir nach dem weiteren Vorgehen, diese Frage blieb aber unbeantwortet. Stattdessen wurden wir ohne weitere Aussage aus dem Gebäude begleitet. Dennoch waren wir mit dieser spontanen Aktion zufrieden Konsequenzen fürchten wir nicht.

“The world should play by the rules made by the USA”

Das Vertragswerk zum Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) wird jetzt aktuell unter großem Zeitdruck verhandelt. Dieses Freihandelsabkommen ist dazu geeignet in sehr viele unserer Lebensbereiche einzugreifen. Vor allem Großkonzerne haben erhebliches Interesse an dem Vertrag. Sie möchten schon im Vorfeld Handelshemmnisse (wie z.B. geplante Gesetzte zum Verbraucherschutz) verhindern und stellen somit eine ernsthafte Bedrohung für unsere Demokratie und unsere Qualitätsstandards dar. Sollten die Amerikaner sich mit ihren Verhandlungspositionen durchsetzen, sind Klagen von Firmen gegen den Staat möglich, in denen durch „Handelshemmnisse“ entgangene Einnahmen eingeklagt werden können. Diese Prozesse sollen vor undurchsichtigen Schiedsgerichten stattfinden, die im Geheimen tagen. Trotz der Brisanz des Themas muss man leider feststellen, dass sich viele Menschen noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Demokratie kann nur mit informierten und interessierten Bürgern funktionieren.

Ich würde mich freuen, wenn ich euch auf die Wichtigkeit von globaler Politik aufmerksam gemacht, und euer Interesse daran geweckt habe.

Links
G7-Jugendgipfel:http://g7juniorgipfeljapan2016.blogspot.de/
Outcomedocument: https://www.unicef.it/Allegati/Kuwana%20Junior%20Communique_final.pdf